Ripples

July 3rd, 2026

Unearthing The Music – Buch
Rock Rendez-Vous – Música Moderna Portuguesa
Atlantic Mavericks – A Decade Of Experimental Music in Portugal (1982-1993)
La Contra Ola – Synth Wave and Post Punk form Spain 1980 – 86

Rui Pedro Dâmasa, seines Zeichens Sprachrohr der Associação Cultural Out.Ra, die genreübergreifend neben regelmäßigen Konzerten und Filmvorführungen in der ehemaligen Industriestadt Barreiro gegenüber der Metropole Lissabon, auch als jährlicher Höhepunkt das Out.Fest mit internationaler Ausrichtung und eklektischem Programm ausrichtet, initiierte, zusammen mit Alexander Pehlemann und Lucía Udvardypva, das Buchprojekt Unearthing The Music – Footnotes To Sonic Resistance In Non-Democratic Europe 1950-2000. Das fragmentarisch aufgebaute Buch setzt seinen Schwerpunkt natürlich auf die Musik hinter dem “Eisernen Vorhang”, wobei neben Musikern aus der DDR, der Tschechoslowakei, Polen oder der UDSSR auch andere Protagonisten, seien es Journalisten wie Chris Bohn oder westliche Musiker wie Chris Cutler, in Interviews oder Essays zu Wort kommen. Die Diktaturen in Griechenland und auf der Iberischen Halbinsel hatten auf das kulturelle Geschehen einen ähnlichen Effekt von staatlich gewünschter Gleichschaltung und, als Resultat, eine klandestine oder sich andere, subtile Wege suchende, Freigeister von Kulturschaffenden. Ganz im Westen Europas angesiedelt, hatte man in Spanien und Portugal geographisch den größtmöglichen Abstand zu den Staaten des Wasrschauer Pakts, fand sich also in einer nicht unähnlichen Situation, was die freie Meinungsäußerung anbelangt. Nach dem Ende der Diktaturen Mitte der 1970er waren, einerseits Punk und New Wave, aber auch die avantgardistische Jazzszene in Lissabon, probate musikalische Ausdrucksformen, um auf die plötzliche, unerwartete Freiheit zu reagieren, aber auch um mit den teilweise chaotischen Verhältnissen der Nachdiktatur umzugehen.

Ganz nebenbei, auch im Jahr 2026 hat mancher Portugiese (und sicher auch Grieche oder Spanier) den Eindruck, immer noch nicht in Westeuropa angekommen zu sein. Jedenfalls ist der Durchschnittslohn weit unter dem westeuropäischen Durchschnitt angesiedelt, während ein erbarmungsloser Turbokapitalismus auch die Grundbedürfnisse wie Wohnen, Lebensmittel und Freizeit teilweise unerschwinglich macht und zu Verdrängung aus den großen Städten führt.
Zurück in die Vergangeheit: Die damalige Aufbruchsstimmung der Movida-Bewegung in Spanien – vor allem in Madrid –  und die Zeit nach der Nelkenrvevoltion in Portugal ist inzwischen tonträgermäßig gut dokumentiert.
Dark Entries – Records stellte eine Kompilation mit Bands zusammen, die zwischen 1980 – 83 im zum Musikklub umgewandelten ehemaligen Kino Universal auftraten. Etwas mythisch verklärt fand im nun Rock Rendez Vous getauften Veranstaltungsraum ein jährlichen Wettbewerb mit naltionalen Musikern statt. Daneben spielte aber auch alles was international Rang und Namen hatte plötzlich auch in Lissabon. Die vertretenen Bands auf dem Album eifern aber eher noch dem Konventiellen nach; vieles klingt noch eher dem klassischen Rockbandkonzept verpflichtet, mit dem einen oder anderen modernen Einschlag.

Es gibt aber auch Ausnahmen: D.W. Art, die später zu Dwart wurden und mit Taipei Disco Ende der 1980er einen Kult-Dancefloor-Hit landeten oder Der Stil mit der Sängerin Ana Luísa und einem spannenden Dark Wave-Sound entwickelten sich zu wichtigen Vertretern der Neuen Portugiesischen Musik und sind sicherlich die Höhepunkte der Zusammenstellung.

Atlantic Mavericks, ein Doppelalbum, das auf dem innovativen spanischen Label Glossy Mistakes erschienen, ist da von ganz anderem Kaliber und deckt sich bei der Auswahl fast mit dem wegweisenden Label von João Peste, Mastermind von Pop D’ell Arte, der auf dem Labelüberblick – dem Doppelalbum Sempre – nach dem Einstellen des Labels praktisch alles, was von Belang war von Mitte bis Ende der 1980er, veröffentlichte. Auf den beiden Alben zieht sich die Spannbreite von Ursgesteinen der improvisierten Musik wie Carlos Zíngaro, Folk-Veteranen, die die Avantgarde entdeckten wie Luís Cília, Elektronik trifft zeitgenössiche Klassik wie Telectu und Vítor Rua, Post-Punk-Experimenten von Linha Geral, SPQR, experimentellem Fado wie Pilar, Nuno Rebelo oder Carlos María Trindade – letztere, ehemals in rockorientierten Bands wie Mler Ife Dada, GNR oder Heroís do Mar und nicht zuletzt Pop Dell’Arte selbst. Mit einem philosophischen Überbau – Neue Frankfurter Schule, Klassiker der Kulturtheorie – veröffentlichte Peste laut eigener Aussage “das, was veröffentlicht werdern musste und niemand anderes den Mut hatte, zu veröffentlichen”. Logischerweiese schlug das kapitalistische System schnell zurück und alles versank nach dem Einstellen von Ama Romanta ersteinmal wieder im Mittelmaß in Lissabon und Porto. Die Szene blühte ab den 1990ern umso vielfältiger wieder auf, unter den vielen unabhängigen Labels und Machern fanden sich ein international wegweisendes Avant-Jazz-Label wie Clean Feed, dessen Sub-Label shhpuma, die Schallplattenläden und Labels Ananana und Flur, das Label und Veranstaltungsteam von Lovers & Lollypops oder idealistische Mikrofirmen wie Favela oder  Sirr . Wie alles anfing, kann man auf Atlantic Mavericks nochmals hören und in den kompetenten Liner-Notes von Rui Miguel Abreu lesen.

 

Die Portugiesen mit offenen Ohren waren trotz aller Abgeschiedenheit während den bleiernden Jahren des Estado Novo immer auch von den britischen Trends beeinflusst; in Spanien dagegen zeigte man sich lange nicht besonders an kulturellen Veränderungen interessiert. Die Movida-Bewegung brachte dann eine junge Garde von Filmregiesseure hervor; die Undergroundszene entdeckte dann als Ausdrucksmittel auch die Musik und Punk. Die “Nueva Ola” entwickelte sich auch genreübergreifend: synthetische Popmusik, Cold Wave, experimenteller Dancefloor, futuristischer Art-Rock wurde meist auf Kassetten wie auch anderswo in Europa in Umlauf gebracht. Esplendor Geométrico oder die Performancegruppe aus Barcelona, die auch mit Musik experimentierte, La Fura dels Baus, errangen einen internationale Bekanntheitsgrad; die anderen Bands, die auf der Kompilation La Contra Ola vertreten sind, kaum. Auch in Spanien waren die meisten Bands der Neuen Welle aber bestrebt, möglichst schnell von einem Major Label einen Vertrag offeriert zu bekommen…und der Rest ist Geschichte.

 

 

Ripples

October 7th, 2020

Pop Dell’Arte – Transgressio Global

 

Zehn Jahre nach dem letzten Statement der Lissaboner Art-Pop-Rock-New Wave Institution in Albumform war für den Mai die Veröffentlichung ihrer – erst – fünften Platte seit dem Debut Free Pop von 1984 – Transgressio Global – und eine Tournee angekündigt. Die Weltenlage machte auch diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung und ein Song wie Panoptical Architects For Empty Streets In A Silent City wird zum ungewollten Soundtrack der Gesundheitskrise. Die nun doch erschienene Platte knüpft überraschend nahtlos an Contra Mudum von 2010 an, selbst die Ausflüge in die Antike und Texte in Altgriechisch, Latein oder Spanisch fügen sich in das von João Peste schon immer geschätzte Mischmasch aus englischsprachigen Slogans und Portugiesisch und traumwandlerisch in das musikalische Amalgam aus Post-Punk, unterkühlten Synthesizerschleifen, Klassik, Folklore, Goth und noch so vieles mehr ein. Peste, schon immer ein vielseits Interessierter und Begabter taucht tief in die griechische und römische Mythologie ein. Dass er bei anderen Songs politisch Stellung zur aktuellen Themen einer aus dem Ruder laufenden Europapoliktik nimmt, ist kein Widerspruch. João Peste und seine Mitstreiter Paulo Monteiro, Zé Pedro Moura und der neu hinzugestossene Schlagzeuger Ricardo Martins sind insofern Solitäre in der Portugiesischen Independent Szene, dass sie den oft praktizierten Spagat zwischen Hitparade und Untergrund mit einigem kommerziellen Erfolg kultivierten und doch immer auch Avantgarde blieben. Die post-revolutionäre Aufbruchstimmung trieb in der Musikszene in Lissabon und Porto viele Blüten, aber selten brachte sie wirklich Eigenständiges hervor. Die Außenseiter aber fanden zuerst bei Pestes Mikrolabel Ama Romanta Unterschlupf, bevor sie ihre eigenen Wege einschlugen und Pionierarbeit für die heute vielverzweigte und wegweisende experimentelle Musikszene Portugals betrieben.
Poesie, Philosophie und vor allem das Hören von vielen, vielen Platten, daraus speist sich das künstlerische Ego von João Peste, der die Einfallslosigkeit und die Austauschbarkeit der Musik der jungen Generation beklagt. ” Ich hatte das Glück in einer Zeit aufzuwachsen, in der die aktuelle Musik immer in die Zukunft wies und jede Band ihren eigenen Stil pflegte. B 52’s klangen völlig anders als Devo, die wiederum anders als Suicide klangen und XTC pflegten wieder einen anderen Stil. Zu jeder Zeit hatte die jeweils junge Generation eine Sprache, eine eigene Musik und eine eigene Einstellung. Heute sind die meisten Dinge und damit auch die Musik unglaublich gleich, charakterlos und damit belanglos. Regression herrscht nicht nur in der Kultur, sondern in der Gesellschaft an sich.”
Zeit und Transgression sind die sich aufdrängenden Themen auf dem neuen Album von Pop Dell’Arte.

Em Creta, von einem Gedicht von Sophia Mello Breyner (Ressurgiremos) inspiriert und in Portugiesisch und Alt Griechisch gesungen, befasst sich mit dem Überschreiten bzw. dem Überwinden der Zeit. Mit dunklem Timbre und von synthetischen Drums und schwerem Bass unterlegt, singen Peste und Cristina Abranches (den Griechischen Part) von der Rückkehr vom Tejo und dem Nil nach Kreta. Ähnlich antik und poetisch geheimnisvoll geht es in Apollo (nach Ovid), Mellitos Oculos Tuos, luuenti, in Lateinisch gesungen oder der Interpretation eines weiteren griechischen Gedichts Egô Désoptron Eien zu. Dabei wissen die Pop Avantgardisten diese Texte und Quellen ebenso meisterhaft zu abstrahieren wie es ein Xenakis in der neuen Musik z.B. bei Kraanerg oder Oresteia gelang. Diese Stücke treffen auf drei kurze Klangkollagen über Pärt, Foucault, Orpheus, die wiederum von skizzenhaften experimentellen “Free Pop ” Songs wie Panoptical Architecture For Empty Streets In A Silent City, In Different Times At The Same Time oder das die poetischen Gedankensprünge auf den Punkt gebrachte Minotaur Meets Picasso in Lisbon in 2084 konterkariert werden. Eindeutige, mit Slogans spielende politische Statements gibt es auch: Sem Nome zelebriert die Geschlechterfreiheit, A New Identity und Anominous, zwischen 2013 und 2015 geschrieben, rufen zum Kampf gegen die von der Troika aufgezwungene und von der damaligen Regierung nur zu gerne unterstützte neoliberale Politik auf. Der bedenkliche Zustand Europas schwingt in den Zeilen dieser Songs mit. El Derecho De Viver En Paz, eine Coverversion von Vitor Jara, transformiert sich zu einem düsteren Abgesang.
Die hypnotischen, die Musik und die anarchistische Freiheit feiernden, immer leicht verpeilten und nicht aufs Erste einsortierbaren Rocker wie Psycho Urban Jungle Rock, Post Romantic Lover und Freaky Dance gehören traditionell auf jedes Pop Dell’Arte – Album und sind ein Markenzeichen der Band.
Die ansonsten zwischen Free Folk und Neuer Musik pendelnde Cellistin Joana Guerra oder der mit der Free Music Lissabons verbundene Saxophonist Rodrigo Amado fügen mit ihren Beiträgen noch zusätzliche Facetten zu.

O Futuro Da Saudade 4

August 9th, 2010

Pop Dell’Arte – No Way Back

Rückblick. Wir befinden uns Mitte der 1980er Jahre in Portugal. Es geht um Popmusik. In Lissabon und Porto gibt es zwar schon einschlägige Schallplattenläden, die die ganze Palette an tönenden Idiosynkrasien aus dem Ausland feilbieten, aber eigene Vetreter zeitgemäßer Außenseitermusik sind nicht auszumachen. Gerade hat man eine jahrzehntelange Diktatur abgeschüttelt und die interventionistischen Liedermacher vom Schlage Luís Cília, José Maria und Übervater José Afonso waren bis zur Pefektion darin geschult Inhalte poetisch so zu verschlüsseln, dass sie die Zensurbehörden überlasen. Man spielt immer noch eine Art internationalisitsche Weltmusik mit lusitanisch-folkoristischen, aber vor allem auch afrikanischen und brasilianischen Einflüssen; diese prägt auch in den 1980ern zuerst einmal die Öffentlichkeit. Fado wiederum, die erklärte portugiesische Musik schlechthin, ist ersteinmal indiskutabel, hatte das Regime doch jahrzehtelang die drei großen F’s – Fado, Fußball und Fátima –  im Ausland unverfroren ausgeschlachtet, und, ganz nebenbei, fühlte sich auch die eine oder andere Fado-Größe  in der Nähe der Macht nicht unwohl.

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