Ripples

November 8th, 2020

Kuupuu – Plz Tell Me
Cassini Division – Eta Carinae
Miaux – Black Space, White Cloud
Vica Pacheco – Symplegmata
Orphan Fairytale – Titania Moon
Orphan Fairytale – Tune In Tree Ears

 

Zweifellos ein Scheißjahr! Am letzten Tag im Februar und am ersten im März ließ sich während der 2020er-Ausgabe des allseits geschätzten Kraak-Festivals in Brüssel das sich ausbreitende Unheil schon erahnen, die weitreichenden Folgen und Konsequenzen waren aber natürlich noch nicht in ihrer ganzen Bandbreite absehbar. Seit dem Frühjahr ächzen insbesondere aber auch Künstler, Labels und Organisatoren unter der Situation. In den Katakomben des musikalischen Off-Stream-Untergrunds wo Geld immer schon Mangelware oder gar nicht erst vorhanden war und ist, reagieren die Musiker und Labels nichtsdestotrotz mit verstärkten Aktivitäten. Pläne müsssen zwar permanent über den Haufen geworfen oder angepasst werden, aber da gerade nichts mehr einen Sinn ergibt, werden weiterhin Platten veröffentlicht und zwischen dem jetzigen und nächsten Lockdown wird an neuen Projekten gefeilt.
Die beiden wichtigen Aushängeschilder und Vernetzungsspezialisten der belgischen Außenseitermusik – Dennis Tyfus’ Ultra Eczema – Label in Antwerpen und die Crew von Kraak in Gent/Brüssel – erweitern allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Sammlung für sonderbare Musik und bescheren dem zugeneigten Hörer – wahlweise im Home Office oder in der systemrelevanten Gefahrenzone – inspirierende Musik, komponiert und aufgenommen von in der Welt verstreuten Lonern. Ob man die Musik dann bei einem Festival auch live und gebündelt bei einem der Festivals der Labels erleben kann…who knows?

 

Eva Van Deuren taucht in ihrer Musik, die sie unter ihrem Künstlernamen Orphan Fairytale mit Tonbandschleifen, Kassetten, Synthesizern, Spielzeug- und selbst gebauten Instrumenten, und neuerdings einer Harfe komponiert, in eine Innenwelt ab, die einerseits einen wundersamen Zaubergarten suggeriert, anderseits psychedelisch – verzerrt auch den einen oder anderen ungemütlichen Schauer heraufbeschwört. Seit ihrem letzten, bemerkenswerten Doppelalbum mit vier langen, Minimal Music-affinen Stücken auf Aguirre Records sind einige Jahre ins Land gezogen. Nun beglückt Eva Van Deuren die “Community” gleich mit zwei neuen Alben.
Die sinister dreinschauenden Puppen, die das Cover von Titania Moon (Ultra Eczema) schmücken und die eines ihrer Markenzeichen sind, werden den Hörer garantiert in dem einen oder anderen Albtraum heimsuchen und verschüttet gegangene Kinderheitserinnungen heraufbeschwören. Zwischen tiefenentspannter Schönheit, veredelt mit einem Hauch “Musik zum Ende der Zeit” und blubbernder Unweltlichkeit, direkt aus der Opiumhöhle, findet man sich nach einer guten halben Stunde intensiven Hörens auch in einem Perfumed Garden wieder.

Auf Tune in Tree Ears (Kraak) führt Eva Van Deuren ihre Musik sachte in eine neue Richtung. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Stücke für Harfe geschrieben wurden und das filigrane, akustische Element hier als Gegenstück zu den labyrinthisch angelegten, elektronischen Kompositionen fungiert bzw. größeres Gewicht hat. Weniger auf das große Drama und unterschiedliche Gefühlsaggregatzustände angelegt als Titania Moon, können auch diese feingesponnenen, melodischen musikalischen Skulpturen die Sinne schärfen. Willkommen in den wunderbaren Zwischenwelten der Eva van Deuren (siehe oben).

Besinnlichkeit ist nicht unbedingt das hervorstechende Merkmal von Jonna Karanka aka Kuupuu bzw. deren Musik. Die in finnischen Postpunkbands wie Avarus und den brillianten Olimpia Splendid aktiv gewesene Künstlerin, setzt auch bei ihrem Solo-Projekt Kuupuu auf kurze Aufmerksamkeitsspannen und krasse Stilbrüche. Plz Tell Me, schon als Tape im Umlauf, wurde für die LP-Version erweitert und teilweise neu abgemischt. Wie ihre finnischen Seelenverwandten Nalle, Lau Lau oder Islaja scheint auch Jonna Karanka ein nomadenhaftes Gen zu besitzen, das sie ruhelos durch die internationalen Untergrundszenen ziehen lässt.

Die belgisch-finnische Verbindung ist in dieser Hinsicht eine besondere und fast schon traditionelle, insbesondere mit der Fonal-Clique besteht ein reger Austausch. Plz Tell Me steht für einen schräg zusammengeklebten und verschwurbelten musikalischen Flickenteppich der Marke “quer durch den Genregarten”: Dub trifft also auf Disco, Schlagerfetzen auf Folk, Noise auf Stimmengewirr und so weiter. Eine Kraak-Produktion, die auch auf der Tanzfläche funktioniert? Das ist auch ein Novum.

Mia Prce aka Miaux widmet sich auf ihrer dritten LP für Ultra Eczema Black Space, White Cloud wieder ganz dem Ausloten und Nuancieren verschiedener Grade der Melancholie. Als Tochter zweier Maler kam sie als diese von Sarajewo nach Belgien zogen früh mit der Antwerpener Kunstszene in Kontakt und genoss später eine sogenannte klassische musikalische Ausbildung. Zudem wurde sie von ihren Eltern mit einer Diät an Krautrock und deutscher elektronischer Musik gespeist. Ihre Musik ist also nicht von ungefähr von barocker Schwere. Ihre Songs komponiert und spielt Mia Prce aber anstatt auf einem Flügel oder teurem Keyboard auf einem billigen Casio-Synthesizer, was einerseits von einer guten Portion Humor zeugt und andererseits die Schwere der Musik in bester Punkmanier bricht.

Wie auch schon mit den beiden vorherigen Alben – Hideaway, Dive – läuft man beim Hören dieser so schönen wie traurigen Musik Gefahr, von der eigenartigen und getragenen Atmosphäre der Songs in einen Sog gezogen zu werden und sich tagträumend im Nichtstun verlieren.

Vica Pacheco, Mexikanerin aus Oaxaca, in Brüssel residierend und dort in den experimentellen Szenen sehr aktiv, legt mit Symplegmata nach einigen Radioarbeiten nun ein Album für Kraak vor, das eine erstaunliche stilistische Spannbreite aufweist. Symplegmata sind Unterwasserorganismen, die sich an Steine heften und Kolonien bilden. Der Bergriff bezieht sich aber natürlich auch auf Hermaphroditos und Satyrin in der griechischen Mythologie; kein akademisch angehauchtes Werk ohne den entsprechenden Überbau!


Unterstellt man nun Vica Pacheco vom Papier her eine rein akademisch-wissenschaftliches Interesse für Musik, wird man beim Hören ihrer abwechslungsreichen Platte schnell eines Besseren belehrt. Unorthodox trifft da Musique Concréte auf impressionistische Klangskizzen, traditionelle mexikanische Vokalarrangements und andere Feldaufnahmen weichen einer popaffinen Verspieltheit für Melodien.

Der Argentinier Miguel Sosa lebte für einige Zeit in den 00er Jahren in Antwerpen in einem Künstlersqat, hielt sich als Straßenmusiker über Wasser und war laut dem Ultra Eczema – Chef Dennis Tyfus ein feste Größe in der dortigen experimentellen, heterogenen Musiklandschaft, wo es durchaus vorkommen konnte, dass sich spontan Musiker aus unterschiedlichen Bereichen für einen Auftitt zusammentaten, neben der Bühne gemalt wurde und vieles anderes passierte. Sosa zog dann plötzlich wieder weiter und war ersteinmal von der Bildfläche verschwunden. Überraschenderweise erhielt Tyfus nun Jahre später aus Buenos Aires von ihm das Masterband für sein Solo-Herzensprojekt Cassini Division.

Das feine, kleine Meisterwerk, Eta Carinae betitelt, hat außer den Titeln der Stücke scheinbar wenig mit dem Weltraum, Doppelsternen oder der Wissenschaft zu tun. Die komplexen Kompositionen, die Sosa zuhause mit einem Teac Tape Recorder und diversen konventionellen und anderen Klangerzeugern aufgenommen hat, wirken streng strukturiert und schöpfen aus den manigfaltigen Affinitäten Sosas. Elektronischen Miniaturen, klassische, dramatische, filmmusikalische Elemente, Renaissance- und Library – Music, atonale Klangflächen, Drones und ambiente Electronica fügen sich hier zu einer gut dreißigminütigen, sehr europäisch klingenden Komposition zusammen. Immer schwingt bei den Stücken eine latente, brodelnde Unruhe mit, die Atmosphäre ist aufgeladen und wahlweise schwer, unwirklich oder melancholisch, womit Sosa durchaus auch als Soulmate von Miaux gesehen werden darf.

http://www.kraak.net

http://www.ultraeczema.com

 

 

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November 6th, 2020

Três Tristes Tigres – Mínima Luz

 

Den Três Tristes Tigres aus Porto gelang es in den 1990ern mit einer eigenwilligen Mischung aus poetischen, geheimnisvollen Texten und eklektischer Musik – die Einflüsse aus Trip-Hop und vertrackter Electronica, aber auch filmmusikartige Soundscapes und Balladen kongenial verband – auf der einen Seite als Kultband in Portugal zu gelten, aber auch den einen oder anderen Insiderhit zu landen ( Zap Canal, Noites Brancas).
Partes Sensíveis, das in der alternativen Musikszene in Portugal für Aufsehen sorgende Debutalbum, entstand noch in der Besetzung Ana Deus, Paula Sousa und Regina Guimarães. Danach aber zog sich Regina Guimarães aus dem Live-Setting der Band zurück und konzentrierte sich auf das Schreiben von Texten für die Grupe. Der ursprünglich bei der Rockband GNR spielende Alexandre Soares ersetzte Paula Sousa. Eine geniale Fügung, brachte Soares doch sein Know How aus seinen Arbeiten mit Film und Theater mit und zeigte sich gleichermaßen begeistert für das auf das Essentielle reduzierte Gitarrenspiel und neue Elektronik.
Die Songs auf Guia Espiritual (1996) und Comum (1998) entkernten den Popsong auf das absolut Wesentliche und schafften Momente, wo der, teils sperrige, teils harmonische, immer wandlungsfähige Gesang von Ana Deus unwiderstehliche Symbiosen mit Soares Klanggebilden eingeht.
Nach einem Art Best of-Album 2001 gingen Ana Deus und Alexandre Soares aber überraschend kreativ getrennte Wege, nur um dann gut ein Jahrzehnt später für das noch reduziertere, rockigere Projekt Osso Vaidoso wieder zusammenzuarbeiten (es entstanden zwei Alben).

Anlässlich einer Konzertserie im alterehrwürdigen Rivoli Theater in ihrer Heimatstadt Porto, wo Ana Deus und Alexandre Soares angefragt wurden, ihr Debut nochmals live zu spielen, (man einigte sich schließlich auf Guia Espiritual, da der Erstling ja noch in anderer Besetzung entstand), und einem für alle Seiten gelungenen Auftritt, reifte die Idee, die Tiger wieder zu beleben.
Die Entstehung von Mínima Luz war also erneut ein Experimentierfeld und die Chance, die Gitarre und modularen Synthesizer von Soares mit den vielen Stimmen von Deus zu kombinieren und eine Popplatte auf der Höhe der Zeit zustande zu bringen. Die Kompilation erschien, so die Band in einem Interview, am 11.9.2001, jetzt veröffentlichen wir Mínima Luz inmitten der größten Gesundheitskrise unseres Lebens, aber es war nie eine Überlegung die Platte zu verschieben wie das viele andere Bands gemacht haben, denn es ergibt keinen Sinn zu versuchen, die Zeit auszusetzen. Die Platte ist ein Zeugnis der Gegenwart 2020.
Obwohl der Entstehungsprozess ihrer Musik nicht grundsätzlich von ihrer bisherigen Linie und Arbeitsweie abweicht, öffnete sich das Duo diesesmal für die intensivere Beteiligung anderer, befreundeter Musiker: Fred Ferreira von Orelha Negra spielt Schlagzeug auf einigen Stücken wie auch Gustavo Costa, den wir als einen der Initianten der experimentellen Szene Portos er letzten fünfzehn Jahre kennen (siehe News from Porto) – die “echten” Drums lassen die Musik organischer und griffiger als früher klingen. Rui Martelo spielt Bass und Angélica Salvis Harfenspiel führt auf Língua Franca, Curativo und Purpurina (Text von Luca Argel) die Musik subtil vom urbanen auf unweltliches Terrain.
Soares lässt die Gitarre und die Elektronik direkt und rau klingen; schleifend und abrasiv reiben sich die Misstöne wunderbar mit der an sich melodischen Ausrichtung der Songs. Ana Deus interpretiert die Texte mit subtiler Wandlunngsfähigkeit, ohne je Gefahr zu laufen Overacting zu betreiben. Letzlich ist den Três Tristes Tigres mit Mínima Luz eine der wenigen zeitgemäßen off-stream- Rockalben der letzten Jahre gelungen. Die Lyrics von Regina Guimarães sind in ihrer Effizenz und Vieldeutigkeit große Kunst und bergen oft eine geheimnisvolle Unentschlüsselbarkeit und Mehrdeutigkeit.

Dazu passen auch ihre beiden ins Portugiesische adaptierten Gedichte von William Blakes The Tyger und Life Is Fine von Langston Hughes, einer jener Songs, so Ana Deus, die das Nachdenken über den Suizid unterhaltsam machen.

À Tona

Fui até à beira rio
na margem me quis sentar
tentei pensar mas não pude
então decidi saltar

À tona vim e gritei
vomitei lodo e chorei
não fosse a água tão fria
é certo que morreria

Entrei no elevador
que ao vigésimo levava
pensei no meu desamor
e julgei que me atirava

Frente ao abismo gritei
frente ao vazio chorei
cair de tão alto é ruim
e é triste de morrer assim
não fora tanta a fundura
saltaria de daquela altura

A vida sabe-me bem
viva me quero manter
morrer de amor é possível
mas eu nasci pr’a viver

 

Life is Fine

I went down to the river,
I set down on the bank.
I tried to think but couldn’t,
So I jumped in and sank.
I came up once and hollered!
I came up twice and cried!
If that water hadn’t a-been so cold
I might’ve sunk and died.
But it was      Cold in that water!      It was cold!
I took the elevator
Sixteen floors above the ground.
I thought about my baby
And thought I would jump down.
I stood there and I hollered!
I stood there and I cried!
If it hadn’t a-been so high
I might’ve jumped and died.
But it was      High up there!      It was high!
So since I’m still here livin’,
I guess I will live on.
I could’ve died for love—
But for livin’ I was born
Though you may hear me holler,
And you may see me cry—
I’ll be dogged, sweet baby,
If you gonna see me die.
Life is fine!      Fine as wine!      Life is fine!

 

http://tresttigres.bandcamp.com

Ripples

October 7th, 2020

Pop Dell’Arte – Transgressio Global

 

Zehn Jahre nach dem letzten Statement der Lissaboner Art-Pop-Rock-New Wave Institution in Albumform war für den Mai die Veröffentlichung ihrer – erst – fünften Platte seit dem Debut Free Pop von 1984 – Transgressio Global – und eine Tournee angekündigt. Die Weltenlage machte auch diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung und ein Song wie Panoptical Architects For Empty Streets In A Silent City wird zum ungewollten Soundtrack der Gesundheitskrise. Die nun doch erschienene Platte knüpft überraschend nahtlos an Contra Mudum von 2010 an, selbst die Ausflüge in die Antike und Texte in Altgriechisch, Latein oder Spanisch fügen sich in das von João Peste schon immer geschätzte Mischmasch aus englischsprachigen Slogans und Portugiesisch und traumwandlerisch in das musikalische Amalgam aus Post-Punk, unterkühlten Synthesizerschleifen, Klassik, Folklore, Goth und noch so vieles mehr ein. Peste, schon immer ein vielseits Interessierter und Begabter taucht tief in die griechische und römische Mythologie ein. Dass er bei anderen Songs politisch Stellung zur aktuellen Themen einer aus dem Ruder laufenden Europapoliktik nimmt, ist kein Widerspruch. João Peste und seine Mitstreiter Paulo Monteiro, Zé Pedro Moura und der neu hinzugestossene Schlagzeuger Ricardo Martins sind insofern Solitäre in der Portugiesischen Independent Szene, dass sie den oft praktizierten Spagat zwischen Hitparade und Untergrund mit einigem kommerziellen Erfolg kultivierten und doch immer auch Avantgarde blieben. Die post-revolutionäre Aufbruchstimmung trieb in der Musikszene in Lissabon und Porto viele Blüten, aber selten brachte sie wirklich Eigenständiges hervor. Die Außenseiter aber fanden zuerst bei Pestes Mikrolabel Ama Romanta Unterschlupf, bevor sie ihre eigenen Wege einschlugen und Pionierarbeit für die heute vielverzweigte und wegweisende experimentelle Musikszene Portugals betrieben.
Poesie, Philosophie und vor allem das Hören von vielen, vielen Platten, daraus speist sich das künstlerische Ego von João Peste, der die Einfallslosigkeit und die Austauschbarkeit der Musik der jungen Generation beklagt. ” Ich hatte das Glück in einer Zeit aufzuwachsen, in der die aktuelle Musik immer in die Zukunft wies und jede Band ihren eigenen Stil pflegte. B 52’s klangen völlig anders als Devo, die wiederum anders als Suicide klangen und XTC pflegten wieder einen anderen Stil. Zu jeder Zeit hatte die jeweils junge Generation eine Sprache, eine eigene Musik und eine eigene Einstellung. Heute sind die meisten Dinge und damit auch die Musik unglaublich gleich, charakterlos und damit belanglos. Regression herrscht nicht nur in der Kultur, sondern in der Gesellschaft an sich.”
Zeit und Transgression sind die sich aufdrängenden Themen auf dem neuen Album von Pop Dell’Arte.

Em Creta, von einem Gedicht von Sophia Mello Breyner (Ressurgiremos) inspiriert und in Portugiesisch und Alt Griechisch gesungen, befasst sich mit dem Überschreiten bzw. dem Überwinden der Zeit. Mit dunklem Timbre und von synthetischen Drums und schwerem Bass unterlegt, singen Peste und Cristina Abranches (den Griechischen Part) von der Rückkehr vom Tejo und dem Nil nach Kreta. Ähnlich antik und poetisch geheimnisvoll geht es in Apollo (nach Ovid), Mellitos Oculos Tuos, luuenti, in Lateinisch gesungen oder der Interpretation eines weiteren griechischen Gedichts Egô Désoptron Eien zu. Dabei wissen die Pop Avantgardisten diese Texte und Quellen ebenso meisterhaft zu abstrahieren wie es ein Xenakis in der neuen Musik z.B. bei Kraanerg oder Oresteia gelang. Diese Stücke treffen auf drei kurze Klangkollagen über Pärt, Foucault, Orpheus, die wiederum von skizzenhaften experimentellen “Free Pop ” Songs wie Panoptical Architecture For Empty Streets In A Silent City, In Different Times At The Same Time oder das die poetischen Gedankensprünge auf den Punkt gebrachte Minotaur Meets Picasso in Lisbon in 2084 konterkariert werden. Eindeutige, mit Slogans spielende politische Statements gibt es auch: Sem Nome zelebriert die Geschlechterfreiheit, A New Identity und Anominous, zwischen 2013 und 2015 geschrieben, rufen zum Kampf gegen die von der Troika aufgezwungene und von der damaligen Regierung nur zu gerne unterstützte neoliberale Politik auf. Der bedenkliche Zustand Europas schwingt in den Zeilen dieser Songs mit. El Derecho De Viver En Paz, eine Coverversion von Vitor Jara, transformiert sich zu einem düsteren Abgesang.
Die hypnotischen, die Musik und die anarchistische Freiheit feiernden, immer leicht verpeilten und nicht aufs Erste einsortierbaren Rocker wie Psycho Urban Jungle Rock, Post Romantic Lover und Freaky Dance gehören traditionell auf jedes Pop Dell’Arte – Album und sind ein Markenzeichen der Band.
Die ansonsten zwischen Free Folk und Neuer Musik pendelnde Cellistin Joana Guerra oder der mit der Free Music Lissabons verbundene Saxophonist Rodrigo Amado fügen mit ihren Beiträgen noch zusätzliche Facetten zu.

Ripples

May 26th, 2020

Aksak Maboul – Figures

Das Konzert hätte in einem der derzeitigen Kreativlabors der belgischen Hauptstadt stattfinden sollen: den Ateliers de Claus, im elegant verwitterten Jugendstil-Stadtteil Saint Gilles gelegen.
Die Präsentation des dritten offiziellen Aksak Maboul Albums zum vierzigjährigen Jubiläum musste aus naheliegenden Gründen um unbestimmte Zeit verschoben werden.
Rückblick, Ende der 1970er Jahre:
Trotz nicht unbedeutender Konkurrenz beeinflusste Marc Hollanders Band, die er mit dem späteren World Music- Produzenten Vincent Kenis gründete und sein Label – Crammed Disc – die traditionell offene und heterogene musikalische Szene Brüssels nachhaltig. Kasai Allstars, Konono N°1, Juliana Molina, Bebel Gilberto oder Yasmine Hamdan sind zweifellos die Namen, die für die internationale Ausrichtung des Labels im vergangenen Jahrzehnt standen und deren Musik den Sprung vom Außenseitertum zum Mainstream meisterte. Die sperrigen Urgesteine Tuxedomoon, die jahrelang Brüssel zu ihrem Refugium machten, die Soundkünstlerin Bérangère Maximin, die exzentrische Hermine, Minimal Compact und Aksak Maboul / Honeymoon Killers sind aber mindestens genauso bedeutend für die Labelhistorie.
Die Blaupause für Crammed Discs Onze Danses Pour Combattre Le Migraine von Aksak Maboul erschien ursprünglich aber auf Kamikaze Records, einem Brüsseler Label, das von dem Radio-DJ Marc Moulin mit einem Faible für das Abseitige ins Leben gerufen wurde und … genau für vier Alben existierte. In einer Zeit in den 1970ern als die Sex Pistols gerade begannen das tröge Musikgeschäft mit inszinierter Bad Boy-Attitüde aufzumischen und Munich Disco und bombastischen Prog Rock nach Jahren des Stillstands endlich in die Schranken wiesen, beriefen sich Marc Hollander und Vincent Kenis hingegen auf satieeske Minimalismen, Jazz, osteuropäische Folklore, Neue Musik und you name it. Eine Musik, die melancholisch, verspielt und auf verblüffende Art neu und subversiv klang. Das zweite Album Un Peu de l’âme des Bandits stand dagegen ganz im Geiste des intellektuellen Art Rocks; kein Wunder, spielten doch Mitglieder von Henry Cow und Univers Zero eine prägende Rolle.

Die anschließende Fusion mit der Band von Yvon Vromman und Véronique Vincent The Honeymoon Killers zu einer Avant-Pop-Supergroup ergab sich dann von selbst, erschien doch deren Album Les Tueurs de la Lune de Miel auf Crammed Discs. Die Formation löste sich aber dann nach ausgiebigen Tourneen durch Europa doch vorschnell auf. Hollander komponierte mit Véronique Vincent fleißig neue Stücke, die aber nie fertiggestellt wurden und erst 2014 erschienen (Ex-Futur Album).
Nun also Figures: ein Doppelalbum, das mit Hollander und Vincent als Kerngruppe, verstärkt um die nervösen, hyperaktiven Mitglieder von Aquaserge, Faustine Hollander, Steven Brown, Michel Berckmans und anderen älteren und jüngeren Weggefährten das ganze eklektische Univerum der Band vereint. Figures ist ein Album, das zwar nicht zu neuen Ufern aufbricht, aber die ursprüngliche Idee auf charmanteste Art weiterträgt.
Wie schon beim Ex-Futur-Album gibt die Künstlerin Véronique Vincent, gespeist mit einer nicht zu knappen Dosis Surrealismus, der Literatur der Morderne und einer Menge anderer, oft belgischer, Querverweise eine intellektuelle Version von Lio und Françoise Hardy. Hollanders, so verschachtelt wie melodische Kompositionen sind von Tasteninstrumenten und Drum Programming geprägt, darüber entfalten sich die von Aksak Maboul gewohnten Abzweigungen und Verirrungen und Verwirrungen in alle denkbaren musikalische Stilrichtungen von Belang.
Ein Pop-Album zwischen der eckigen Tradition des New Waves und den frankophonen, poetischen Höhenflügen von Sophie Jausserand und Guigou Chenevier (A L’Abri Des Micro-Climats).

http://www.crammed.be

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April 24th, 2020

Delphine Dora – L’Inattingible / Brigitte Fontaine – Terre Neuve

“Alles trägt zur Isolation bei: voneinander unabhängige Home-Studios, Telefon und Fax, Sampling und Synthesizer, Computer, willkürliche Klassifizierung der Musikarten, Verschwinden der kleinen, spezialisierten Schallplattenhändler, kleinbürgerliche Streitereien, fehlende Gesprächspartner innerhalb der Institutionen, gleichsam ein Nichtexistieren der Kritik…”
So hieß es in den Linernotes zur Urgent Meeting – Serie, die das intellektuell und künstlerisch in alle Richtungen offene Musikerkollektiv Un Drame Musical Instantané zu Beginn der 1990er Jahre, als neue Technologien zugleich Fluch und Segen für die unabhängigen Musikfirmen und Musiker wurden, veröffentlichte: ein Ausruf zur Zusammenarbeit Angesicht zu Angesicht.

Gerade jetzt tragen auch nicht selbst bestimmbare Begebenheiten zur Isolation bei, aber beim Hören von Delphine Doras neuer Platte L’Inattingible, die in Zusammenarbeit mit befreundeten Musikern bei geplanten oder spontaner Treffen in verschiedenen europäischen Städten oder vielleicht auch per Mail entstand, kommen einen die Pariser Pioniere der multidisziplinären Avantgarde in den Sinn, und vor allem die unkonventionell denkende und spontan handelnde Hélène Sage.

Delphine Dora veröffentlichte in den vergangenen Jahren auf eigenen Mikrolabels oder denen von Freunden und Gleichgesinnten ausgiebig Musik. Ob auf Kassette, CD-R, File oder Schallplatte bei engagierten Labels wie Okraina oder Three:Four Records; ihrer Musik immer eigen ist eine unbefangene Spontanität bei gleichzeitig leidenschaftlicher Ernsthaftigkeit, ganz im Sinne von Eriks Saties Definition des Amateurs. Bislang waren alle ihre Veröffentlichungen Solo- oder Duoaufnahmen, oft entstanden mit seelenverwandten und befreundeten Musikern wie Mocke, Sophie Cooper, Valerie Leclercq, Eloise Decazes und einigen anderen feinen Zeitgenossen. Zuletzt erschien die hervorragende Solo-LP Eudaimon mit Lyrics der außerhalb Großbritanniens kaum auf Aufmerksamkeit gestoßenen Poetin aus Northumberland Kathleen Raine.
Auf ihrem zweiten Album für das Lausanner Label three:four records L’Inattingible singt die auf dem Land lebende Pariserin nun zum ersten Mal auschließlich Songs in ihrer Muttersprache und Lyrics, die sie selbst verfasste. L’Inattingible entstand auch nicht aus dem Stehgreif, sondern über mehrere Jahre mit der Idee von einem Konzeptablum im Kopf. Bemerkenswerterweise zähmte diese Arbeitsweise keinesfalls den ihr innewohnenden wilden Geist. Die durchwegs melancholisch aufgeladene Musik pendelt stilsicher zwischen spirituellen, traumähnlichen, zwischenweltlich-geisterhaften und surrealen Aggregatzuständen. Stimme und Klavier bleiben auch auf dieser Platte, bei der bei jedem Song zahlreiche Gäste mitwirken – von Nau Nau, Aby Vulliamy, Adam Caddell, Gayle Brogan über Valérie Leclercq, Susan Mathews bis zu Paulo Chagas, Sylvia Hallett und Le Fruit Vert – die wichtigsten Gestaltungsmittel für eine gleichzeitig freie wie strenge, immer noch karg auf das Notwendigste reduzierte Musik. Delphine Dora beherrscht meisterhaft, sie prägende oder stimulierende musikalische Stile wie Free Folk, Klavier – und Kammermusik, Drone oder Liedformen oder wegweisende Figuren wie Nico, Brigitte Fontaine, Schubert oder Satie subtil zu zitieren. Die meist kurzen Stücke, bei denen Dora singt, wirken oft etwas windschief an der Harmonie vorbeigehangelt. Bei den anderen rezitiert sie Gedichte, Fragmente und Kurzgeschichten und beschwört eine mysteriöse Atmosphäre herauf, was mich irgendwie an das wunderbare Projekt von Alain Neffe und Nadine Bal Cortex aus den 1980ern denken lässt.

Auf ihre ganz eigene Art wagt sich Delphine Dora auch mit dem zentralen Stück des Albums – dem aus vier Teilen bestehenden und auf der Platte verteilten Lumière Aveugle – in eine abstrakte und wacklig-brüchige Welt der Kammermusik vor.

Brigitte Fontaine wird dieses Jahr 81 Jahre alt! Mit ihrem zu Beginn des Jahres erschienenen neuen Album unterstreicht sie wieder einmal aufs Neue ihren absoluten Sonderstatus, selbst in der an Exzentrik nicht armen experimentellen Künstlerszene von Paris. Ihr anarchistischer Geist muss sowieso nicht extra befeuert werden. Terre Neuve klingt wie eh und je schräg, spleenig, kratzbürstig, weise und künstlerisch absolut auf der Höhe der Zeit. Schon der Titel ihres ersten Albums – Brigitte Fontaine …est folle -, das zusammen mit Jean-Claude Vannier entstand und mit verschiedenen Formen des Chansons experimentierte, gilt sowohl bei den ihr zugeneigten wie sie ablehnenden Musikliebhabern als Blaupause für ihre weitere Karriere, die außer der Musik auch Theater, Literartur und Filmrollen umfasst. Ende der 1960er Jahre lernt sie auch Areski Belkacem kennen, eine künstlerische wie private Verbindung fürs Leben und nimmt mit dem zweiten Album Comme a la Radio, das zusammmen mit dem Art Ensemble Of Chicago eingespielt wird, einen absoluten Meilenstein der experimentellen Musik auf. Neben politischen Aktivitäten veröffentlicht sie mit Areski in den 1970ern und 80ern auf kleinen Labels intime Alben, die mit einer eigenwilligen Mischung aus Chanson, traditioneller nordafrikanischer Musik und Jazz erst zeitversetzt als wichtige Zeugnisse der unabhängigen französischen Untergrund – Chansonszene, deren andere stilprägende Vertreter Catherine Ribeiro (& Alpes) und Albert Marcoeur sind, anerkannt werden.

Nach einem Beitrag für das Projekt Blow-Up von Un Drame Musical Instantané startet sie mit ihrem 1995er – Album Genre Humain und einer Zusammenarbeit mit Etienne Daho musikalisch voll durch: Elektro-Punk und eine aktualisierte Version von Comme A La Radio läßt auch eine jüngere Generation aufhorchen und Madame Fontaine kann ab dann für ihre Alben neben ihrem Weggefährten Areski immer die Creme de la Creme der französischen und internationalen Avantgarde – Rock – Szene gewinnen: Jim O’Rourke, Sonic Youth und Noir Desir für Kékéland (2001), das Gotan Projet und Zebda für Rue Saint Louis en L’ile (2004) oder Katerine und Grace Jones für Prohibition (2009). Im Film von Gustave Kervern Le Grand Soir gibt sie in einer kleinen Nebenrolle sich selbst und die Mutter zweier missratener Söhne (der eine Punk, der andere Spießer), die in der Einkaufscenter-Ödnis einer französichen Kleinstadt die Revolution üben.
Auf Terre Neuve, einem musikalisch spartanischen und ungemein direkten Album, spielt Yan Péchin eine knorztrockene Rock/Punk-Gitarre oder wahlweise den Depro-Blues, ab und an illustriert Areski gekonnt die Stücke zusätzlich mit Streicherarrangements. Brigitte Fontaine haucht, flüstert, schreit, rezitiert und gestaltet mit schwer nikotingeschwängerter Stimme ihre aktuellen Songs. Die Lyrics auf Terre Neuve sind entweder parolenhaft (Je Vous Déteste, Destroy Nihilisme, God Go To Hell…) oder subjektive, ironische oder schlicht poetische Betrachtungen (Vendetta, Les Beaux Animaux, Terre Neuve, Hermaphrodite…) über den Weltenlauf im Allgemeinen und die aktuelle Lage im Besonderen.

three:four records

verycords