best of 2025

January 13th, 2026

Music

Zoh Amba – Sun


 

Stuart Moxham – Winter Sun


 

Sharp Pins – Radio DDR


 

keiyaA – hooke’s law


 

Milan W. – Leave Another Day


 

Clipse – Let God Sort Em Out


 

Joanne-Robertson – Blurrr


 

Blood Orange – Essex Honey


 

Nídia & Valentina – Estradas


 

Rosalía – Lux


 

Nina Garcia – Bye Bye Bird


 

claire rousay – a little death


 

No Home – Princess Suite


 

Cosy Fanny Tutti – 2 t 2


 

Xexa – Kissom


 

Arthur Russell – Calling Out Of Context


 

Chicago Underground Duo – Hyperglyph


 

Klinck Trio – My Hair Is Everywhere


 

Clark – Steep Stims


 

Film/TV

Walter Salles – Ainda Estou Aqui / I’m Still Here


 

Kleber Mendonça Filho – O Agente Secredo / The secret agent


 

Vince Gilligan – Pluribus


 

Pedro Pinho – O Riso e a Faca


 

Rebecca Miller – Mr. Scorsese


 

Mário Patrocínio – Maria Vitória


 

Bong Joon Ho – Memories of Murder


 

Lucile Hadzihalilovic – The Ice Tower


 

Kelly Reichardt – The Mastermind


 

Hafsia Herzi – La Petite Dernière


 

Gints Zilbalodis – Flow


 

Athina Rachel Tsangari – Harvest


 

Pedro Martín Calero – El IIanto / Les Maudites


 

Mark Brotherhood – Ludwig


 

Bruno Stagnaro – El Eternauta / The Eternaut


 

Kat Sadler – Such brave girls


 

Nikos Nikolaidis – Πρωινή περίπολος / Morning patrol


 

Eric Gravel – Full time / À plein temps


 

Brad Ingelsby – Task


Scott Frank, Elisa Amoruso – Dept.Q


 

Books

Erika Fatland – Seefahrer


 

Qntm – Ra


 

Metz/Seeßlen – Blödmaschinen II


 

Yoko Ogawa – The Memory Police


 

Dorothy Max Pior – Sex Is No Emergency


 

Dimiter Dimow – Tabak


 

Debsey Wykes – Teenage Daydream


 

Georges Perec – Die Dinge


 

Marcelo Rubens Paiva – Ainda Estou Aqui


 

Ann Patchett – These precious days


 

Will Hermes – Lou Reed, the king of New York


 

Clarice Lispector – Erzählungen


 

Barnabas Calder – Raw Concrete


 

Walter M. Miller Jr. – A canticle for Leibowitz


 

David Foster Wallace – Consider the Lobster and other essays


 

Inês D’Orey – Porto Interior


 

Tatiana Faia – Recurso e Pobreza


 

Charlotte Beradt – Das Dritte Reich des Traums


 

 

Ripples 2025 revisited

January 7th, 2026

Xexa – Kissom

Seit der Eröffnung im Jahre 2001 ist Flur uneingeschränkt der beste Schallplattenladen in Lissabon für alle Musik abseits des Mainstreams. Zuerst unweit des Bahnhofs Santa Apollonia beheimatet, zog das Ladengeschäft vor einigen Jahren in den Rundbau der Markthalle des Arroios-Quatiers. Eigentlich ein klassischer Stadtteil der Mittelklasse, wo nun natürlich wie beinahe überall in der Stadt der Verdrängunsdruck durch die Gentifizierung stark gespürt wird. Die Crew von Flur ist selbstredend intensiv mit den verschiedenen experimentellen Szenen vernetzt, betreibt nicht zuletzt auch noch zwei wegweisende Labels: Holuzuam widmet sich neuen und verschollenen oder nicht mehr erhältllichen Juwelen der Avantgarde; Príncipe der experimenteller Dance Music, deren Protagonisten oft aus der quicklebendigen lusoafrikanischen Szene Lissabons stammen.
Xexa aka Vanessa Oliveira, Portugiesin mit São Tomesischen Wuzeln, veröffentlicht nun nach ihrem Debut Vibrações de Prata (2023) auch den Nachfolger Kissom auf Príncipe.
Beide Alben klingen für das Labelraster ziemlich ungewöhnlich, spielen bei den Kompositionen zwar Rhythmen eine zentrale Rolle, aber meist in abstrakter Form, sodass sie für den Tanzboden-Gebrauch eher ungeeignet scheinen. Xexa wuchs in der Peripherie Lissabons in einer musikalischen Familie auf, begeisterte sich selbst früh für alles Tönende. Die Musik, die zum Teil zuhause bei Festen gespielt wurde und die sie mit neun, zehn Jahren schon nebenbei mitbekam wie DJ Nervoso oder DJ Marfox, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich hörte, begegnete ihr wieder als sie mit Príncipe in Kontakt kam und bemerkte, dass diese auf dem Label erschienen waren. Wichtig für Xexas zukünftigen musikalischen Werdegang waren dann auch Kurse am Konservatorium der Sociedade Euterpe bei Vila Franca de Xira, auch um zu merken, dass das klassische Musikstudium nicht das ihre ist. Online suchte sie dann nach der besten Schule für elektronische Musik, wurde in London fündig und an der Guildhall aufgenommen, wo sie vier Jahre in Sonic Arts ausgebildet wurde.
Die zwölf Songs von Vibrações de Prata lassen sich dann auch wie eine Art Rückblick auf diese Zeit hören. Die ruhige, puzzleartig zusammengesetzt wirkenden Musik aus Stimme, Synthesizern, Klarinette oder Piano ist in ein elektro-akustisches Gewand gebettet und bleibt auf sympathische Weise rätselhaft.
Kissom ist die logische Weiterentwicklung des Erstlings und ein hervorragendes elektronisches Album, auf dem wiederum zahlreiche Einflüsse miteinander verwoben sind und sich persönliche Erlebnisse in abstrakter oder poetisch verschwurbelter Form finden. Synthetisch und organisch zugleich kann man hinter dem Vorhang von geschredderten Synthesizer-Sound-Splittern, dem verblassten Nachhall eines Kizomba-Liedes und dem ätherischen Gesang Xexas der Fantasie freien Lauf lassen und versuchen die musikalischen Rätsel zu lösen : Küsse den Klang (Kissom)! soll das Motto sein.

Príncipe

 

Sei Miguel (1961 – 2025)

Der kürzlich verstorbene portugiesische Komponist und Trompeter Sei Miguel blieb in der experimentellen Musiklandschaft zwar immer ein Geheimtipp, hatte aber nichtsdestotrotz einen prägenden Einfluss auf mehrere Generationen von Musiker und Genres. Eine progressiv verlaufende Muskelerkrankung verunmöglichte ihm zuletzt das Spielen der Taschentrompete; seinem bevorzugten Instrument. Bei seinen letzten Auftritten – zusammen mit Fala Mariam und Daniel Levi – spielte er Perkussion.
Sei Miguels Vita ist nicht unähnlich anderer portugiesischer Familien, die während den langen bleiernden Jahren der Salazar-Diktatur das Weite suchten. Geboren in Paris verbrachte er die Kindheit in Brasilien, entwickelte seine Begabung für das Zeichnen und Illustrieren, was später, nachdem er zuerst nach Paris zurückkehrte und dann nach Lissabon übersiedelte, auch sein wichtigster Broterwerb wurde. Seine Art Musik zu spielen passt irgendwie dazu. Gestalterisch suchte er in seinen Kompositionen die totale Stille, Melodie und Erzählerisches zu vereinen. Zugänglich und abstrakt zugleich treffen sich Chat Baker und John Cage, zwei seiner Vorbilder, zum visionären Stelldichein. Sei Miguels ungewöhnliche Musik der konsequenten Strenge, sehr viel Raum und Freiheit; nicht Jazz, nicht Neue Musik, schon gar nicht Rock, interessierte naturgemäß nur eine kleine, aber treue, Minderheit. Schon 1988 gewann João Peste, Mastermind der legendären Pop Dell’Arte, Sei Miguel
für eine Veröffentlichung auf seinem leider kurzlebigen Label Ama Romanta; das alles, was damals als Geheimtipp in der musikalischen Subkulturlandschaft Portugals gehandelt wurde, versuchte zu promoten.
Manche brachten es wie Anamar, Telectu oder Nuno Rebelo dann später tatsächlich zu hochkulturellem Ruhm. Sei Miguel veröffentlichte in großen zeitlichen Abständen, aber kontinuierlich seine Musik, begleitet von den wichtigsten Musikern der lebendigen Lissaboner Jazzszene wie Rodrigo Amado, Pedro Lourenço, Margarida Garcia, César Burago, Rafael Toral, Manuel Mota und als treueste Weggefährtin, die Posaunistin Fala Mariam.

 

Half Asleep – The Minute Hours / Les Heures Secondes

Valérie Leclerqu meldet sich nach langer Veröffentlichungs – nicht Schaffens – Pause mit einem neuen Album ihres Langzeitprojekts Half Asleep , diesesmal für das Lausanner Label three:four, zurück. Die miteinander eng vernetzte musikalische Außenseiterkulturszene von Brüssel und Paris sorgt auch auf dem gewohnt ambitionierten Les Heures Secondes, vor allem mit Chor – und Streicher-Arrangements, für die Spannbreite der, teils obskuren, Einflüsse und Quellen bei. Weltabgewandt und melancholisch waren ihre Songs immer schon, die früheren Anleihen von Slowcore-Bands wie Slint oder Low sind aber schon lange zugunsten purer Poesie und gewagter Stilwechsel gewichen. Emily Dickinson trifft auf auf mittelalterliche Mystik und karge zeitgenössische Avantgarde. Die Dramaturgie von experimenteller Musik, ein ironischer Seitenhieb auf die verknorzt akademische Theaterszene, Sprechgesang mit Free Jazz – Anleihen unterlegt lassen an “Rock In Opposition” – Bands wie Etron Fou oder Aksak Maboul denken; federleichte Folksongs und die Schönheit von klassischen Gitarren – und Pianominiaturen gehen dann wieder in eine ganz andere Richtung und machen Les Heures Secondes in seiner Vielfalt zu einem außerordentlichem abwechslungsreichen Album im Kosmos unterschiedlichsten Melancholieschattierungen.
three:four records

 

Milan W. – Leave Another Day

Vielleicht kennt man den Antwerpener Milan W. eher als Tausendsassa aus der Welt der elektronischen Instrumentalmusik und als Produzent; Leave Another Day ist dagegen ein fast schon klassisches Songwriteralbum und nicht weniger als ein kleiner Geniestreich. Die zwölf Songs drehen sich – auch ganz klassisches Thema- um die Irrungen und Wirrungen einer schmerzhaften amourösen Beziehung. Milan M. ist ein Meister der Arrangements und Dramaturgie. Die Musik atmet mehr als einen Hauch Post-Punk-Spirit der ätherischen Art. Bands wie Felt oder Blue Orchids kommen einem in den Sinn, sophisticated und sympathisch neben der (Szenen-) Spur. Leave Another Day zelebriert die Atmosphäre eines alleine verbrachten regenverhangenen Tages, indem Melancholie und Aufbruchstimmung Hand in Hand gehen können. Ganz nebenbei setzen sich die zwölf Songs als subtile Ohrwürmer im musikalischen Gedächtnis fest. Normalerweise spielt Milan W. auf seinen Produktionen beinahe alles selbst; hier bekommt er Unterstützung von Martha Maieu (Vocals), Anse Kuyl (Oboe) und Michael Lamiroy (Violin), was der Musik eine zusätzliche Facette gibt.

stroom records

 

Stuart Moxham – Winter Sun

Für einen begnadeten Songwriter wie Stuart Moxham muss die Last der Vergangenheit manchmal wohl ziemlich erdrückend sein. Unweigerlich wird bei der Erwähnung seines Namens das 1980 erschienene einzige Album seiner damaligen, kurzlebigen Band Young Marble Giants als Vergleich herangezogen.
Colossal Youth war zweifelsohne ein singulärer Geniestreich; ein Album, das bis heute als Blaupause für nicht wenige andere neugegründete Bands herhält. Doch seitdem ist viel geschehen und mit The Gist (Embrace The Herd) und seinen, zugegeben nur sporadisch veröffentlichten Solo-Alben blieb Stuart Moxham immer eine Referenz. Die ebenfalls auf Tiny Global erschienene Zusammenstellung mit früheren, unveröffentlichten Songs Fabsstract, die zwei mit Louis Philippe eingespielten Alben oder Fine Tuning bezeugen sein ungebrochenes Talent zeitlose sophisticated Songs zu schreiben, die im Gedächtnis bleiben.
Der Albumtitel Winter Sun spiegelt die Stimmung der Musik  auf perfekte Weise. Die Songs wurdern im Headquarter von Tiny Global Productions in Spanien mit dem Produzenten und Musiker Dave Trumfio (American Music Club), seinem Bruder Drew und Aaron Bakker aufgenommen. Diverse Unterbrüche aufgrund gesundheitlicher Probleme (ja, die Punk-Generation ist nun in diesem Alter) taten dem Eindruck eines ausgefeilten, einheitlichen Albums keinen Abbruch. Die Produktion klingt demzufolge ein wenig weniger Low-Fi-ig und eine Spur abgerundeter als gewöhnlich, trotzdem läuft Stuart Moxham keine Gefahr, seinen Ruf als großes Talent, das zeitlebens unter dem Radar der Öffentlichkeit geblieben ist, zu verlieren. Mit zum Beispiel Cottonmill Lane, A Different Day, State of Penitentiary oder Before We Prayed finden sich auf Winter Sun wieder diese spartanischen, eleganten Songs, die man nach ein paar Mal hören nicht mehr vergisst. Stuart Moxham war laut einem Statement von der letztlich für seinen Geschmack zu perfekten Version des Albums zuerst etwas irritiert; die Rohversionen der Songs gibt es als Vergleich beim Erwerb des Albums beim Label als Bonus.

tiny global productions

 

Ripples

March 31st, 2025

Nina Garcia @ Méteo Festival 2024
Maria Bertel / Nina Garcia – Knaekket Smil
Venediktos Tempelboom – Syne Vuyle Hoeck
Maibaum – Sumer is Icumen In
Frituuur – Aconcagua
Eve Aboulkheir – Hypnagogic Walks
Aya Suzuki- Winged Seeds
Delphine Dora – The Great Passage
Clara Levy – outre – nuit

 

Nina Garcia, Pariserin, ist beim Méteo-Festival in Mulhouse eine gern gesehene und geschätzte Musikerin. Für die Aufführung des Stücks De haut en bas, de bas en haut et latéralment, das gemeinsame Projekt mit dem Perkussionisten Romain Simon, der Choreographin und Tänzerin Anna Gaïotti und bildenden Künstlerin Jennifer Caubet, bot sich der Mulhouser Kulturtempel La Filature als idealer Ort an.
Im verdunkelten kleinen Konzertsaal der Filature kann man nur die angestrahlten Skulpturen von Caubet und die Konturen der Künstler erahnen. Das Stück vereint Konzert und Choreographie, spielt musikalisch die klassische Dramaturgie von kaum Hörbaren bis berstenden Noise und zurück zur Stille; bereichert und interpretiert von der sich von bizarrer starrer Pantomime in Ekstase performenden Anna Gaïotti.

Noch kompromissloser geht es auf dem Album von Nina Garcia mit der dänischen Posaunistin Maria Bertel zur Sache. Von Musik auf leisen Sohlen keine Spur; auf dem Album Knaekket Smil (Kraak) pusten die Beiden dem geneigten Hörer mit intensiven, bis auf das absolut Wesentlichste reduziertem Instrumentarium und schillerndem Lärm der Kategorie Oberton die Ohren frei. Da werden vor dem Haus gar die bemitleidenswerter Stadtangestellten mit ihren leidigen Laubbläsern abwechselnd blass vor Neid und rot vor Zorn. Lässt man sich auf das Album von Nina Garcia und Maria Bertel ein, entdeckt und begeistert man sich nach und nach für diese geniale Mischung aus New Wave, Free Jazz, Punk und reinem Noise.

In ähnlich melancholischen Fahrwassern wie Razens’ Ameel Brecht auf seinem Solo-Album Polygraph Heartbeat oder die frühen Ignatz-Veröffentlichungen bewegt sich Benoit Monsieurs aka Benediktos Tempelboom auf seinem zweiten Album (nach dem Tape Het Vuil Volkske) für Kraak.
In den Weiten Flanderns ist man den “primitive American” – Pionieren scheinbar näher als irgendwo sonst in der Welt. Mit seiner 12-Saitigen erschafft Monsieurs atmosphärisch – dichte Klanglandschaften, die auf verfüherische Weise Einsamkeit, Weite und Düsternis atmen und einen tief in eine transzendente Meditation von Drones, acid-getränkten Folk verschwinden lassen. Pure Magie!

Der Franzose Quoté Thirionet dockte vor einigen Jahren an die gut vernetzte Off-Stream-Szene von Brüssel und Ghent an, spielte dort in unterschiedlichsten Bands (Dhavali Giri, Pairi Daeza) und hielt sich mit Jobs in Fabriken finanziell über Wasser. Das Interesse für Botanik führte Thirionet nun aber zurück ins franszösische Hinterland, wo er nun Heilpflanzen für die Medizin anbaut und in Sachen Musik auch zu so etwas wie ein Gärtner wurde. Sein eigenes Label Echotape lebt von spontanen Veröffentlichungen und unerwarteten Resultaten mittels Improvisation; Sumer is Icumen In ist in irgendwie das genaue Gegenteil: das Album ist über einen längeren Zeitraum aufgenommen und gemixt worden und erscheint auf drei Labels gleichzeitig.

Eigentlich spielte Thirionet in einem früheren Leben Klarinette, Piano, Banjo, Gitarre, Flöte und baute selbst Instrumente und all diese Komponenten fließen immer noch in seine Musik ein, die aber nun gänzlich mit einem Kassettenrekorder, einem Sequenzer und Samples gespielt ist.
Seine Affinität für Paganismus und traditionelle Folkmusik, insbesondere die britische, bricht sich Bahn in den verschwurbelten Montagen seiner Songs, fein-eingeflochteten Melodien, immer mit einem Akzent Mystizismus und nicht zuletzt im Namen Maibaum (da ist er dann auch nicht weit weg von den deutschen Protagonisten dieser Neo-Mythen-Szene wie Baldruin, Brannten Schnüre und Läuten der Seele).

Die zwischenzeitlich oder noch im Brüsseler Exil lebenden Südamerikaner Nicolás Caracavilla, Pablo Picco und David Jarrin Zabala entschlossen sich während der Covid-Zeit in guter alter Tauschmanier, das heißt, mittels hin-und her schicken von musikalischen Ideen und gegenseitigem Ergänzen, ein Album zu produzieren. Die Kassette Frituur Aconccagua (die Mélange des höchsten Punktes des amerikanischen Kontinents mit dem belgischen Nationalgericht) passt perfekt in das Universum von Kraak; eine kongeniale Verbindung von unterschiedlichesten Einflüssen abseits allem Gängigen. Wie ein experimentelles Radiohörspiel aus einer anderen Zeit, in dem Kurzgeschichten akustisch dargeboten werden, taucht man schnell in einer Klangreise durch unentdeckte Gebiete ab.
Titel wie Liana Del Anima, El Chacal de Xrambaso oder Confesiones de un Challualagarto versprechen nicht zuviel und das Instrumentarium der Musiker weist neben dem Standard-Outfit wie Synthesizer, Sampler oder Gitarren auch unter vielem anderen Flöten, Gamelan, Trompete, Mandoline, Feldaufnahmen, Schallplatten auf.

Ritualistisch-anmutende Zeremonien, von Gitarren und Feldaufnahmen getragener Free Folk lassen einen in rätselhafte Straßenszenen irgendwo in der Welt versinken, Urwälder durchstreifen oder verloren im Weltraum schweben. Musikalisch verwandeln sich psychedelisch aufgeladene und geschredderte Melodiefetzen in versteckte Ohrwürmer einer anderen Dimension.

Der Albumtitel Hypnagogic Walks beschreibt die unkonventionelle Musik der jungen Quereinsteigerin Eve Aboulkheir, die in Nizza an der Schule für Feine Künste studiert hat, ziemlich gut. Ähnlich wie ihre ebenfalls französische Zeitgenössin Bérangère Maximin ist in ihren Kompositionen vieles möglich, was die gewohnten Rahmen elektroakustischer Musik wie man sie kennt, sprengt. Die akusmatischen Tonlandschaften, die Aboulkheir mit elektroakustischen Manipulationen und modularen Synthesizern kreiert, klingen wie spukhaft aufgeladene Odyseen durch trübe Gewässer oder einsame Expeditionen im All, manchmal geht es aber in ihren abstrakten Travellogues auch irdischer zu, sind ihre Kompositionen doch teilweise auch von ihren Reisen inspiriert.

Aya Suzuki hat es, nachdem sie sich schon im jungen Alter mit Musik befasste und später an der Toho Gakuen School of Music studierte, nach Belgien verschlagen, wo sie einige bemerkenswerte Stücke solo oder mit Ensembles einspielte. Das Album Winged Seeds für Kraak bietet so etwas wie einen profunden Überblick über ihre Variabilität in Sachen Perkussion. Beim Hören der sechs melodisch bis spröde anmutenden Kompositonen für Vibraphone, Auphone, aber auch für vier Topfpflanzen und Sprechen, lassen die chaotisch-beschleunigte Welt für 45 Minuten innehalten und schärfen die Sinne für die verloren geglaubte Schönheit des Daseins und der Welt.

Einzigartig und von unvergleichbarer Exzentrik sind die Veröffentlichungen von Delphine Dora schon seit den Anfängen mit Kassettenveröffentlichungen. Als wichtiges Bindeglied fungiert sie auch zwischen den überaktiven Off-Stream-Szenen aus Nordfrankfreich und Brüssel. Le Grand Passage bezieht sich auf Simone Weil und, konkret, ihre mystischen Erlebnisse, die idealerweise eine Brücke zwischen dem Menschsein und der Göttlichkeit mittels Meditation bauen sollen. Mit Piano und Stimme und teils erfundender Sprache ist Delphine Dora auf den acht Songs, die wie fragil-sinnliche Mantras anmuten, auch auf der Spurensuche nach einer eigenen Transendenz und verknüpft die Stimmung eines dunklen Mittelalters mit dem noch dunkleren Jetzt.

Vergleichbar mit Laura Cannells The Rituals Of Hildegard von Bingen bekommt man eine jeden Kitsch missachtende fesselnde Musik unterbreitet, die das Nebenbeihören verbietet. Das konsequent am richtigen Ton Vorbeisingen Delphine Doras ist dabei nur ein Markenzeichen, das ihren Status in den Kreisen der Außenseiterkünstler unterstreicht.

Das Album der in Brüssel wohnenden Französin Clara Levy für das Subrosa-Label bietet eine idiosynkratische Zusammenstellung ihrer musikalischen Vorlieben und soll in einer Welt der kompletten, sinnlosen Überreizung ein Angebot für ein intensives Abtauchen mit der Suche nach dem Inneren des Tons sein.

Als Violinistin mit mehreren Ensembles für Neue Musik zusammenarbeitend – Onceim, Ictus oder Hanatsu Miroir – und auch in Improvisations-Projekten beteiligt, hören wir hier Hörmeditationen der besonderen Art mittels Interpretationen von zentralen Stücken der Neuen Musik: Giacinto Scelsi, Kaija Saariaho, Erika Vega, Eva-Maria Houben und auch zwei eigenen Kompositionen.

http://www.kraak.net

http://www.subrosa.net

Ripples

January 7th, 2025

eat-girls – Area Silenzio
Able Noise – High Tide
Guests – I Wish I Was Special

Amélie Guillon, Elisa Artero und Maxence Mesnier aus Lyon machten während der Pandemie mit den verordneten Lockdowns das Beste aus der misslichen Situation und gründeten eine Band: eat-girls. Zeit zum Ideen sammeln und Inspiration in den digitalen Musikarchiven zu finden hatten sie. Das Trio fand letztere wohl vor allem im Sound der sich unterkühlt gebenden, retro-futuristischen New Wave – Bands der Früh-1980er Jahre. Die subtil dahinschlurfenden Synthie-Linien, der kristallene Sound der Gitarre, der dubbige Bass und der zurückhaltende Gesang, wahlweise in Französisch, Englisch oder Spanisch – kleiden die meisten Songs in ein verführerisch-melancholisches Gewand, denen der Geist von Bands wie Fall Of Saigon, Delta 5 oder Thierry Müllers Pop-Projekt Ruth innewohnt; der Chorgesang lässt manchmal sogar die unheilvolleren Momente von This Heat wiederaufleben. Die schnelleren Songs, mit dem eckig-minimalistischen Beat der Drummachine unterlegt, locken den einen oder anderen vielleicht sogar auf den Dancefloor. So verführerisch das klingen mag, ist es doch auch verwunderlich, dass man sich als junge Band ganz und gar einer Zeit und einem Nischengenre verschreibt, das über vierzig Jahre alt ist.
eat-girls wirken als Gesamtpaket wie direkt aus einer Londoner Art-School 1980 entsprungen und mit einer französischen très cool-Attitüde versehen. Dagegen ist prinzipiell natürlich nichts einzuwenden.

Die Niederländerin George Knegtal und der in Glasgow verortete Grieche Alex Andropoulos lernten sich an der Kunsthochschule in Den Haag kennen, wo Knegtal Fotographie und Andropoulos Skulptru studierte. Ihre eigentliche Leidenschaft, die Musik, mündete dann im Duo Able Noise. Nach verschiedenen Kassetten und zahlreichen Liveauftritten ist High Tide nun ihr Debut-Album, bei dem die geographischen und musikalischen Einflüsse der offenen und befreundeten Off-Stream- Communities in Den Haag, London, Glasgow und Athen ihre Spuren hinterlassen haben.

 


George Knegtal (Guitar, Drums, Gesang) und Alex Andropoulos (Drums, Gesang) pflegen auf dem hervorragenden Album eine ausgeprägte Vorliebe für das immer wieder spannende Wechselspiel von Disharmonie und Wohlklang, aber auch die britischen post-rockigen Sound-Ästheten von Pram, Bark Psychosis oder – die Zeitgenossen vom Tara Clerkin Trio haben wohl tiefere Spuren hinterlassen. Die befreundeten Musiker – Ion Alexandropoulos, Sotiris Ziliaskopoulos, Alex McKenzie, Magdalena McLean, Oliver Hamilton – beteiligen sich subtil mit Violine, Klarinette, Saxophon und Gitarren an der Feingestaltung des Albums.
Tape-Manipulation lassen manche Stücke wie der Opener To Appease immer wieder wie in der Zeit verharren, bevor das Stück sich dann in eine andere Richtung weiterbewegt und die Irritation dann vollständig ihren Lauf nimmt. Mit erstaunlicher Gelassenheit konstruieren Able Noise experimentell-anmutende, aber auch im Kern beinahe klassische Songstrukturen, die beim Wiederhören immer wieder Neues entdecken lassen. Distortion und Harmonie, Gitarrenparts, die manchmal an die großen Meister dieses Genres (Fahey, Basho) anknüpfen, bevor man sich wieder wie auf einem schwankenden Schiff fühlt, wenn die Geschwindigkeit des Songs ins Wanken gerät, sich beschleunigt oder verlangsamt, man leicht somnambulant in den faszinierenden Klanglandschaften umherirrt.

Jessica Higgins und Matthew Walkerdine sind auch irgendwie aus der Zeit gefallen, und das aus Prinzip! In der Glasgower DIY-Szene sowohl in der Kunst, als Publizisten von Independent Magazinen und nicht zuletzt in Bands wie Mordwaffe und Vital Idles aktiv, überraschen sie nun als das Duo Guests.

 

Als sympathische Trendverweigerer und von einem anarchisch-frechen Geist beseelt kann ein Album wie I Wish I Was Special nur aus Großbritannien kommen.
Mit Hilfe von Billigelektronik, Samples von Filmszene, verwaschen klingende Field Recordings – aufgenommen in Brüssel und Glasgow, Amsterdam – Spoken Words, Gesang und jede Menge Instinkt montieren sie klassische Song/Sound-Collagen, die abwechselnd persönlich, surreal, ironisch, alltäglich oder alles zusammen sein können. Was zuerst wie die sanfte Kakaphonie eines ungenau eingestellten früheren analogen Kurzwellensenders klingen mag, setzt sich unbemerkt in den Gehirnwindungen fest und entfaltet neben den dronigen Loops nach und nach auch seine Pop-Hooks.

http://www.bureau-b.com

http://www.worldofechomusic.com

best of 2024

January 3rd, 2025

Music

Guests – I Wish I Was Special


 

Able Noise – High Tide


 

Chlothilde – Cross Sections


 

Polido – Hearing Smoke


 

Kim Gordon – The Collective


 

Rosso Polare – Campo Amaro


 

Die Nerven – Wir Waren Hier


 

J Dilla – Donuts


 

Brigitte Fontaine – Pick Up


 

Maria Reis – Suspiro


 

Blur – The Ballad of Darren


 

Ana Lua Caiano – Vou Ficar Neste Quadrado


 

Brighde Chaimbeul – Carry Them With Us


 

Sega Bodega – Dennis


 

Laura Cannell – The Rituals Of Hildegard Reimagined


 

Jahari Massamba Unit – YHWH Is Love


 

Carme López – Quintela


 

Jungle – Volcano


 

Charli XCX – Brat


 

Film/TV

Bertrand Bonello – La Bête


 

Payal Kapadia – All We Imagine As Light


 

Andrew Haigh – All of Us Strangers


 

Richard Gadd – Baby Reindeer


 

Miguel Gomes – Grand Tour


 

Alain Guiradie – Miséricorde


 

Nic Pizzolatto – True Detective: Night Country


 

Chantal Akerman – Retrospektive


 

Rachel Kondo, Justin Marks – Shōgun


 

Todd Haynes – May December


 

Rodrigo Moreno – Los Delincuentes


 

Patricia Highsmith, Steven Zailian – Ripley


 

Thierry De Peretti– À Son Image


 

Victor Erice – Close Your Eyes


 

Donald Glover, Francesca Sloaney – Mr. & Mrs. Smith


 

Books

Paul Simpson – Revolutionary Spirit


 

Toni Tulathimutte – Rejection


 

Arthur Nersesian – The Fuck-Up


 

 Joseph Roth – Das Spinnennetz


 

Dagmar Herzog – Cold War Freud


 

Roderick Beaton – Ελλάδα, Βιογραφία ενός σύγχρονου έθνους


 

Mariana Enriquez – Um lugar luminoso para gente sombria


 

Orhan Pamuk – Das Museum der Unschuld


 

Eleanor Catton – Birnam Wood


 

Roberto Bolaño – 2666


 

Matrix – Making Space: Women and the Man Made Environment


 

Nicole Flattery – Nothing Special


 

Sally Rooney – Intermezzo


 

Valdemar Cruz – Paisagens Construidas


 

Phil Mailer – Portugal, Die unmögliche Revolution


 

Patti Smith – Just Kids


 

Philipp Lenhard – Café Marx, Das Institut Für Sozialforschung


 

Lion Feuchtwanger – Die Geschwister Oppermann


 

Cathi Unsworth – Bad Penny Blues