Ripples

July 13th, 2026

Seraphim – London Is Tired Of Me
Memorials – All Clouds Bring Not Rain
Colleen – Libres Antes Del Final
The Sleeves – The Sleeves
The Orielles – Only You Left

 

Um dem Albumtitel – London Is Tired Of Me – entgegenzuwirken, hat das Lost Domain Label sich etwas einfallen lassen, und zwar eine leicht meschugge daherkommende Kompilation zu veröffentlichen, bei der man nur erraten kann, welche Musikschaffenden sich hinter den titellosen, verschiedenste Genres bedienenden, Songs verbergen. Die Hülle passt da selbstredend zum Konzept: Neutrales weißes Cover mit ausgestanzter Mitte wie die Techno 12″- Inches der 1990er – Jahre und ein androgyn wirkendes Gesicht auf dem Innenlabel. Seraphim? Man weiß es nicht.
Die heterogene Ausrichtung beschert ein abwechslungsreiches Hörvergnügen. Die Spannbreite reicht z.B. von schrägem Folk im Stile der Shovel Dance Company, wobei dem aufzeichnenden Tonband irgendwann der Strom auszugehen scheint und den Song herumeiern lässt, bis er in einem halluzunatorischen Brei stecken bleibt. Es gibt auf dem Album auch melancholischen Gitarrenpop mit Anklängen an Felt zu hören, oder auch ambiente electronic listening music, Klangkollagen oder eine Sängerin, die zu einer Gitarrenminiatur die Hochzeit des Goths wieder aufleben lässt. Der Soundtrack des Londons von 2026 hört sich jedenfalls geheimnisvoll und leise an; keine Spur von Grime, dem melting pot, aber letztlich auch nicht der Langeweile.

Verity Susmans und Matthew Simms’ zweites Album – die zu einem Doppelalbum zusammengefassten Soundtracks nicht mitgerechnet – ihres gemeinsamen Projekts Memorials verfeinert die Vorlieben der beiden Musiker, die vormals bei Electrelane und Wire gespielt haben, und strahlt die gleiche sympathische Sperrigkeit und Passion zur Genrevielfalt des Erstlings aus. Die Struktur der Songs ist nicht linear, schert immer wieder auf Nebenwege aus und schöpft aus dem großen Fundus der britischen – nicht nur – Undergroundmusik. Man hört wahlweise Querverweise zur Canterbury-Szene (den melodischen Keyboardparts geschuldet) klassische Indie-Gitarren-Schruppigkeit, EA-Elemente oder hauntologisch wirkende Passagen. Der Gesangsstil Valery Susmans erinnert manchmal auch an die Broadcasts Trish Keenan. Auch die Anleihen an Sixties-Jazz oder psychedelische Soundtracks aus dieser Zeit wie Hair passen gut für ein Album, das lässig Indie-Pop mit Avantgarde, Zugänglichkeit und Exzentrik verbindet. Nichts wengier erwartet man auch von einer britischen Band, die sich ihrer Traditon und Sophistication bewusst ist.

Cécile Schott ist schon seit über zwanzig Jahren auf einem musikalischen Pfad, der persönliche Idiosynkrasien subtil in ästhetisch schöne und fesselnde Kompositionen kleidet und, sei es mit akustischen oder elektronischen Instrumenten. Über jetzt neun Alben erstreckt sich ihr sehr unterschiedliches Oeuvre. Die ersten Veröffentlichungen der Französin, die sich den Künstlernamen Colleen zugelegt hat, passten gut zum esoterisch-versponnenen Elektronik-Folk – Konzept des britischen Leaf – Labels: Für Everyone Alive Wants Answers vergrub sie für eine längere Zeit in den Pariser Mediotheken und sampelte sich ihre eigene Audiothek zusammen; beim Nachfolger The Golden Morning Breaks besann sie sich umso mehr auf ihre instrumentalen Fähigkeiten und komponierte eine ähnlich dichte und seltsame und zarte Musik mit klassischer Gitarre, Cello, Zither und verschiedensten Musikboxen. Die Musik Cécile Schotts wirkt perfekt durcharrangiert, aber trotz Könnerschaft sympathisch handgemacht. Von Album zu Album versuchte sie jeweils etwas Neues zu schaffen. Mit einer Viola da Gamba nahm sie beispielsweise Alben auf, bei denen sie erstmals auch sang und barocke Elemente mit Dub-Techniken, die man von Reaggae her kennt, verband.
Seit einigen Jahren residiert sie in Barcelona und – das Meer sozusagen vor der Nase – inspirierte sie für das aktuelle Album. Auch lernte sie bei der Realisierung ihre erworbene Angst vor fließenden Gewässern zu überwinden und das Schwimmen nochmals neu für sich zu entdecken.
Libres Antes Del Final verbindet zwei Dinge. Das Element Wasser und das Entdecken modularer Synthesizer als musikalisches Gestaltungsmittel. Die melodisch-warme Musik auf dem Album verbirgt aufgrund der analogen Instrumente natürlich nicht den Geist der Krautrock-Pioniere wie Harmonia und Cluster, sowie der Erneuerinnen wie Suzanne Ciani oder Laurie Spiegel, Colleens Musik verfolgt aber wieder unverwechselbar ihre eigene Interpretation zwischen ambientem Innehalten und dramatischer Schwere. Für mich sicherlich eines der besten Alben, das dieses Jahr erscheinen wird.

Die beiden Londoner Jack Cooper und Tara Cunningham singen beide und spielen Gitarre. An einem Abend für improvisierte Musik lernten sie sich kennen und machen nun gemeinsam Musik als The Sleeves. Ihr gleichnamiges Album mit zehn Songs klingt einseits durch das spielerische Improvisieren von minimalen Harmonien und sich wiederholenden und variierenden, sich wie im Kreis drehenden Lyrics federleicht, andererseits strahlen die Songs auch eine Art japanischer, stiller Strenge aus. Sozusagen der Zustand, der entstehen kann, wenn sich bewusster Wahrnehmung mit dem kaum Hörbaren ständig verschiebt: Musik für ein überwaches, konzentriertes Hören in einer fortgeschrittenen Nacht, gespielt von zwei Musikern, die mit der Magie auf guten Fuße stehen.

 

Die ursprünglich aus Halifax stammenden und nun in Manchester lebenden The OriellesSidonie Hand-Halford (Drums), Henry Wade (Guitar), Esmé Hand-Halford (Vocals, Bass) – erweiterten ihren musikalischen Horizont nach dem Debut-Album von 2018 , das noch klassische Songs in Indiepop/Shoegazing-Manier bot, sehr schnell. Der Nachfolger klang mit Einflüssen aus Post-Punk, Psychedelica, Disco oder Tropicalia schmissig und herausfordernd zugleich; das Doppelalbum Tableau danach verschob die Grenzen noch weiter in Richtung Avantgarde: Tape Loops, holistischer Jazz, der außerweltliche Charme der esoterischen Seite der Raincoats, Impovisation und Noise betteten sich in das immer noch klassische Songwriting des Trios ein.
Die Stücke auf dem neuen Album Only You Left klingen wie ein Querschnitt aus dem bisherigen Schaffen und wie aus langen Sessions herausgeschnitten. Die ihnen eigene launenhafte Unberechenbarkeit bleibt natürlich Konzept: atmosphärisch dunkle Stimmungsbilder münden in melodische Popelemente, süffige Post-Rock-Grooves lösen sich auf und münden in wieder eine andere stimmige Idee.

Ripples

July 3rd, 2026

Unearthing The Music – Buch
Rock Rendez-Vous – Música Moderna Portuguesa
Atlantic Mavericks – A Decade Of Experimental Music in Portugal (1982-1993)
La Contra Ola – Synth Wave and Post Punk form Spain 1980 – 86

Rui Pedro Dâmasa, seines Zeichens Sprachrohr der Associação Cultural Out.Ra, die genreübergreifend neben regelmäßigen Konzerten und Filmvorführungen in der ehemaligen Industriestadt Barreiro gegenüber der Metropole Lissabon, auch als jährlicher Höhepunkt das Out.Fest mit internationaler Ausrichtung und eklektischem Programm ausrichtet, initiierte, zusammen mit Alexander Pehlemann und Lucía Udvardypva, das Buchprojekt Unearthing The Music – Footnotes To Sonic Resistance In Non-Democratic Europe 1950-2000. Das fragmentarisch aufgebaute Buch setzt seinen Schwerpunkt natürlich auf die Musik hinter dem “Eisernen Vorhang”, wobei neben Musikern aus der DDR, der Tschechoslowakei, Polen oder der UDSSR auch andere Protagonisten, seien es Journalisten wie Chris Bohn oder westliche Musiker wie Chris Cutler, in Interviews oder Essays zu Wort kommen. Die Diktaturen in Griechenland und auf der Iberischen Halbinsel hatten auf das kulturelle Geschehen einen ähnlichen Effekt von staatlich gewünschter Gleichschaltung und, als Resultat, eine klandestine oder sich andere, subtile Wege suchende, Freigeister von Kulturschaffenden. Ganz im Westen Europas angesiedelt, hatte man in Spanien und Portugal geographisch den größtmöglichen Abstand zu den Staaten des Wasrschauer Pakts, fand sich also in einer nicht unähnlichen Situation, was die freie Meinungsäußerung anbelangt. Nach dem Ende der Diktaturen Mitte der 1970er waren, einerseits Punk und New Wave, aber auch die avantgardistische Jazzszene in Lissabon, probate musikalische Ausdrucksformen, um auf die plötzliche, unerwartete Freiheit zu reagieren, aber auch um mit den teilweise chaotischen Verhältnissen der Nachdiktatur umzugehen.

Ganz nebenbei, auch im Jahr 2026 hat mancher Portugiese (und sicher auch Grieche oder Spanier) den Eindruck, immer noch nicht in Westeuropa angekommen zu sein. Jedenfalls ist der Durchschnittslohn weit unter dem westeuropäischen Durchschnitt angesiedelt, während ein erbarmungsloser Turbokapitalismus auch die Grundbedürfnisse wie Wohnen, Lebensmittel und Freizeit teilweise unerschwinglich macht und zu Verdrängung aus den großen Städten führt.
Zurück in die Vergangeheit: Die damalige Aufbruchsstimmung der Movida-Bewegung in Spanien – vor allem in Madrid –  und die Zeit nach der Nelkenrvevoltion in Portugal ist inzwischen tonträgermäßig gut dokumentiert.
Dark Entries – Records stellte eine Kompilation mit Bands zusammen, die zwischen 1980 – 83 im zum Musikklub umgewandelten ehemaligen Kino Universal auftraten. Etwas mythisch verklärt fand im nun Rock Rendez Vous getauften Veranstaltungsraum ein jährlichen Wettbewerb mit naltionalen Musikern statt. Daneben spielte aber auch alles was international Rang und Namen hatte plötzlich auch in Lissabon. Die vertretenen Bands auf dem Album eifern aber eher noch dem Konventiellen nach; vieles klingt noch eher dem klassischen Rockbandkonzept verpflichtet, mit dem einen oder anderen modernen Einschlag.

Es gibt aber auch Ausnahmen: D.W. Art, die später zu Dwart wurden und mit Taipei Disco Ende der 1980er einen Kult-Dancefloor-Hit landeten oder Der Stil mit der Sängerin Ana Luísa und einem spannenden Dark Wave-Sound entwickelten sich zu wichtigen Vertretern der Neuen Portugiesischen Musik und sind sicherlich die Höhepunkte der Zusammenstellung.

Atlantic Mavericks, ein Doppelalbum, das auf dem innovativen spanischen Label Glossy Mistakes erschienen, ist da von ganz anderem Kaliber und deckt sich bei der Auswahl fast mit dem wegweisenden Label von João Peste, Mastermind von Pop D’ell Arte, der auf dem Labelüberblick – dem Doppelalbum Sempre – nach dem Einstellen des Labels praktisch alles, was von Belang war von Mitte bis Ende der 1980er, veröffentlichte. Auf den beiden Alben zieht sich die Spannbreite von Ursgesteinen der improvisierten Musik wie Carlos Zíngaro, Folk-Veteranen, die die Avantgarde entdeckten wie Luís Cília, Elektronik trifft zeitgenössiche Klassik wie Telectu und Vítor Rua, Post-Punk-Experimenten von Linha Geral, SPQR, experimentellem Fado wie Pilar, Nuno Rebelo oder Carlos María Trindade – letztere, ehemals in rockorientierten Bands wie Mler Ife Dada, GNR oder Heroís do Mar und nicht zuletzt Pop Dell’Arte selbst. Mit einem philosophischen Überbau – Neue Frankfurter Schule, Klassiker der Kulturtheorie – veröffentlichte Peste laut eigener Aussage “das, was veröffentlicht werdern musste und niemand anderes den Mut hatte, zu veröffentlichen”. Logischerweiese schlug das kapitalistische System schnell zurück und alles versank nach dem Einstellen von Ama Romanta ersteinmal wieder im Mittelmaß in Lissabon und Porto. Die Szene blühte ab den 1990ern umso vielfältiger wieder auf, unter den vielen unabhängigen Labels und Machern fanden sich ein international wegweisendes Avant-Jazz-Label wie Clean Feed, dessen Sub-Label shhpuma, die Schallplattenläden und Labels Ananana und Flur, das Label und Veranstaltungsteam von Lovers & Lollypops oder idealistische Mikrofirmen wie Favela oder  Sirr . Wie alles anfing, kann man auf Atlantic Mavericks nochmals hören und in den kompetenten Liner-Notes von Rui Miguel Abreu lesen.

 

Die Portugiesen mit offenen Ohren waren trotz aller Abgeschiedenheit während den bleiernden Jahren des Estado Novo immer auch von den britischen Trends beeinflusst; in Spanien dagegen zeigte man sich lange nicht besonders an kulturellen Veränderungen interessiert. Die Movida-Bewegung brachte dann eine junge Garde von Filmregiesseure hervor; die Undergroundszene entdeckte dann als Ausdrucksmittel auch die Musik und Punk. Die “Nueva Ola” entwickelte sich auch genreübergreifend: synthetische Popmusik, Cold Wave, experimenteller Dancefloor, futuristischer Art-Rock wurde meist auf Kassetten wie auch anderswo in Europa in Umlauf gebracht. Esplendor Geométrico oder die Performancegruppe aus Barcelona, die auch mit Musik experimentierte, La Fura dels Baus, errangen einen internationale Bekanntheitsgrad; die anderen Bands, die auf der Kompilation La Contra Ola vertreten sind, kaum. Auch in Spanien waren die meisten Bands der Neuen Welle aber bestrebt, möglichst schnell von einem Major Label einen Vertrag offeriert zu bekommen…und der Rest ist Geschichte.