The Liverpool Biennial 2016

Die Biennalen sind in der Stadt am Mersey die beste, meist gar einzige Gelegenheit, Zutritt zu den grandiosen Gebäuden aus einer anderen Zeit zu erhalten: Lagerhäuser, Department Stores, Brauereien, Industriedenkmäler – beinahe alle nicht denkmalgeschützten, laufen Gefahr dem Abrissbagger, der Spekulation oder dem gnadenlosen Metamorphoseprozess der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen.
Diese architektonischen Zeugnisse einer großem Vergangenheit – auch einer dunkler Natur – Liverpool war “der” Umschlagplatz des Sklavenhandels – scheinen in einer Stadt des permanenten Umbruchs wie in der Zeit eingefroren.

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Darumherum, dazwischen und mittendrin ist im Stadtbild einerseits der jahrzehntelange Niedergang, der mit Massenarbeitslosigkeit und Verwahrlosung – ganze Stadtteile bestehen immer noch beinahe ausschließlich aus boarded up-houses – einherging, augenscheinlich, wie andererseits der fragile Aufschwung des letzten Jahrzehnts, der sich mit allen Nebeneffekten des Neoliberalismus – der Einkaufskomplex Liverpool One als neue Stadtmitte beispielsweise, sinnlosen Luxusapartments und Büroblocks, die sie niemand leisten kann, zeigt.

Die 9. Biennale, kuratiert von einem mehrköpfigen Team um Sally Tallant, greift das Thema des kontinuierlichen Wandels auf, der eine uneinheitliche, schwer zu erklärende Gefühlsmixtur aus Verlustängsten, Melancholie, Aufbruchsstimmung und Revitalisierung mit sich trägt. Eine gewisse Schicksalsergebenheit scheint in der Luft zu liegen, die mit der kreativen Schaffenskraft und dem robusten Widerstandsgen – Eigenschaften, die die Liverpudlians scheinbar mit der Muttermilch aufsaugen – die Atmosphäre am River Mersey bestimmen.

Es gehört beinahe schon zur Tradition der Biennale einen Bogen von der zeitgenössischen Kunst zu der Geschichte der Stadt zu spannen.
Das aus Austeritätsgründen nicht mehr finanzierte CUC-Lagerhaus, jahrelang das Epizentrum der avantgardistischen Künste der Stadt – noch kann man den Schriftzug an der Außenfassade schon von weitem sehen – darumherum verdichtet sich im sogenannten Baltic Triangle, die allgegenwärtige berüchtigte Mischung aus hochsanierten Lofts, gesichtslosen Hotelketten und sogenannten Kreativhubs – war genauso Ausstellungsstätte wie die Departmentstores in der Renshaw Street, die entlang der Innenstadt führt. Inzwischen reihen sich hier die Convenientshops aneinander. Die jahrelang verwahrloste Gegend der Everton Hights wurde begrünt und ein Urban Gardening – Projekt bei einer vorherigen Biennale führte die Kunstinteressierten auch einmal aus der nun konsumentenfreundlichen Innenstadt hinaus. In früheren Musikclubs und Übungskellern oszillierten die Soundschnipsel von verkratzten Schallplatten, die Philipp Jeck zu einer psychedlisch anmutenden Collage aus übereinanderlagernden Erinnerungen vermengte. Hundertausende Häuser in der Stadt stehen leer, die Türen und Fenster zugeschweißt oder zugemauert, um sie zum Abriss freizugeben.

2016?
Urban Gardening ist inzwischen schon längst vom Kunstkontext in den Alltag übergegangen. In den immer noch desolaten Straßen von Toxteth wird von engagierten Enthusiasten unweit des lokalen TV-Studios das Toxteth Food Central betrieben, teils aus Selbsthilfegründen, teils um einen Nachbarschafttreff ohne Konsumzwang zu bieten. Langjährige Brachflächen verwandeln sich zu blühenden Gärten oder zu Gemüsefeldern.
Wenn die zeitlosen archtektonischen Juwelen als Ausstellungsort genutzt werden sollen, dann, so die Kunstkritikerin des Guardian Rachel Cooke, muss die Kunst wirklich außergewöhnlich sein, um bestehen zu können oder so im Einklang mit der Architektur verbunden sein, dass sie praktisch untrennbar sind. Dass dieses Niveau bei so einer großangelegten Kunstschau nicht durchgehend hochgehalten werden kann, ist nicht verwunderlich.
Der rote Faden der Austellung, der die Werke miteinander verbinden soll, liest sich im Ausstellungskatalog auch etwas bemüht : “The Biennal explores fictions, stories and histories, taking voyages through time and space, drawing on Liverpool’s past, present and future. These journeys take the form of six episodes”.
Die ersten beiden beziehen sich dabei direkt auf die Stadtgeschichte.
Ancient Greece steht für die neoklassizistischen Gebäude der Innenstadt, die von John Foster und Harvey Lansdale Elmes in den frühen 1800 Jahren gebaut wurden. Chinatown: die Liverpooler – Chinese – Communty ist die älteste in Europa.
Children Episode: Die Künstler erhielten von den Kuratoren die Aufgabe, Kunst für Kinder als primäres Publikum zu kreieren. Monuments from the Future: Die Künstler sollten sich in die Rolle von Futurologen hineinversetzen. Wie sieht Liverpool in 20, 30 oder 40 Jahren aus? Flashbacks: Wenn sich Erinnerungen und die Gegenwart übereinanderlagern, kann dies etwas auslösen, was die geläufige Geschichtsschreibung erschüttert. Software: ziehlt auf ein breiteres Verständnis von Software hin, dass über ein rein technisches Verständnis hinausgeht.

Mark Leckeys Saw Mill – Filmcollage überlagert, verzerrt, manipuliert YouTube -Video- und Audiofootage, und zwar konkret eines
Joy Division-Auftritts im damals frisch eröffneten Eric’s und vermischt dieses mit anderem Material von TV-Shows, Werbeclips, tristen Monochrom-Filmmaterial von Brückenübergängen zu einem Sprung in die Vergangenheit und seiner eigenen Jugend in Liverpool bzw. Birkenhead. Die vermeintliche Genauigkeit und Authentizität des eigenen Erinnerungsvermögens wird dabei permanent in Frage stellt, da der Zahn der Zeit auch das Gedächtnis auf Glatteis führt.
Koki Tanaka stieß bei seinem ersten Besuch in Liverpool  auf ein Buch des Fotographen Dave Sinclair, der in den 1980ern den Protest der Arbeiter und Studenten gegen den Thaterismus dokumentiert hat und selbst politisch aktiv war. Das Buch ist zudem auch ein faszinierendes Zeitzeugnis der Stadtarchitektur; Romantik und Desolation liegen immer ganz nahe beieinander. Tanaka lud einige der Demonstranten, die am 25.4.1985 bei einer großen Demonstration teilnahmen, dazu ein, ihre Erinnerungen zu schildern. Die Videos sind in der Open Eye Gallery, die seit einigen Jahren ja unweit des Pier Heads beheimatet ist, gezeigt.
The Oratory, bei der Anglikanischen Kathedrale , wurde von John Foster im neo-klassizistischen Stil gebaut; dort sind auch Skulpturen vorzufinden. Lawrence Abu Hamdans Rubber Coated Steel setzt sich mit der Frage von Ästhetik und Politik anhand eines – fragwürdigen – Audiodokuments aus der Westbank, angeblich wurden zwei Jungs bewusst von der Israelischen Armee erschossen – auseinander. Im Oratory begegnet einem auch die Arbeit von Jason DodgeWhat the Living Do – und zwar in Form von scheinbar achtlos liegengelassenem Abfall – Kippen, Kaugummipapier, Plastikflaschen – auf dem Boden. Nach dem Besuch von anderen Ausstellungsorten wird einem klar, dass Dodge den Alltagsmüll, den die Bevölkerung achtlos auf die Straße wirft, gesammelt hat und nun überall wieder verteilt hat.
In den beeindruckenden Gebäuden der Cains Brewery und dem ehemaligen ABC-Cinema werden Werke von mehreren Künstlern ausgestellt und die Themen der Episoden treffen aufeinander. Letztlich kommt die ausgestellte Kunst hier tatsächlich nur schwer gegen die Schönheit und Widersprüchlichkeit der Architektur an. Andreas Angelidakis wurde durch den Hadron Collider inspiriert, Samson Kambalu erforscht den psychogeographischen Gehalt von Liverpools Monumenten, Lara Favarettos Koffer stammen von Flohmärkten, Schutthalden oder sind an den Stellen für verlorenes Gepäck nie abgeholt worden. Sie kombiniert den Inhalt mit eigenen Gegenständen, verschliesst die Koffer und wirft die Schlüssel weg.

Die Skulpturen-Austellung in der Tate im Albert Dock verträgt dagegen gut das Zusammenspiel mit zeitgenössischen Werken wie auch, die diesesmal an die Biennale angegliederte Austellung des John Moores Painting Prize in der altehrwürdigen Walker Art Gallery, wo die zeitgenössichen Bilder von denen der Sammlung umgeben sind.

In den weitläufigen, teilweise immer noch verwaisten Straßen von Toxteth trifft man auf die spannenste Kunst der diesjährigen Ausstellung, vielleicht auch deshalb, weil sie direkt Stadtgeschichte und Kunst miteinander verbindet und gleichzeitig auch eine Form urbaner Landart ist. Die seit Jahren in Brachflächen stehenden großformatigen Schilder  – Regeneration Zone: We’re building the Future – manifestierte sich bislang konkret nur im Errichten einiger Supermarktsketten.

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Lara Favarettos Momentary Monument – The Stone 2016 – steht mitten in der Rhiwlas Street, dessen Reihenhäuser alle verlassen und “boarded up” sind; ein einsamer Baum gedeiht prächtig und kündigt die Rückeroberung durch die Natur an. The Stone ist ein mächtiger Granitbrocken mit einem Schlitz, in den Vorbeikommende Münzen werfen können. Am Ende der Ausstellung wird der Stein zerstört werden und der Inhalt einer lokalen Hilfsorganisation – Asylum Link Merseyside – zu gute kommen.
Im ehemaligen Toxteth Reservoir, einem dunklen, feuchten Kellergewölbe wird die düstere Atmosphäre von einer langen Laserinstallation von Rita McBride, einem Wurmloch bzw. einer Einstein-Rosen-Brücke, die quer durch den ganzen Raum gespannt ist, in eine unwirkliche, schöne andere Welt verwandelt und in grünes Licht getaucht.

Ripples September 2011

September 9th, 2011

The Wild Swans – The Coldest Winter For A Hundred Years

Liverpool, jahrzehntelang traumatisiertes Epizentrum des weitgreifenden industriellen Niedergangs Großbritanniens, mit einer größeren Völkerabwanderung als jede andere Stadt, übt sich seit einiger Zeit in der gigantisch angelegten Stadterneuerung: Shopping Malls anstelle von zugenagelten Innenstadthäusern, Luxusapartments in den lange dahinsiechenden Docks, Museen und Spektakel als Begleitung zu den 800-Jahre– und Kulturhauptstadt 2008 – Feiern, Phönix rückt den Liverbirds aufs Gefieder. Der “Regeneration” fallen aber auch eine halbe Million, zum Teil noch bestens erhaltener Wohnhäuser, die jahrelang leerstanden und zu Spekulationsobjekten wurden, architektonisch stilprägende Kaufhäuser und kulturelle Einrichtungen zum Opfer. Nach Ladenschluss torkeln die Besoffenen und die Obdachlosen nun durch das neue Glitzerparadies und lassen sich dabei vom freundlichen Summen der sich auto-justierenden CCTV-Kameras begleiten.

Paul Simpson beklagt die zunehmend velorengehende kulturelle Identität, die sich seit den 1960ern über ein kreatives Außenseitertum definierte, die Stadt prägte und einzigartig dastehen ließ. Diesmal die Demütigungen unfähiger Produzenten vermeidend, ist The Coldest Winter For A Hundred Years nun das stark autobiographisch beinflusste Wild Swans-Album geworden, wie es gedacht und lange angekündigt war. Während der andere große Chronist Liverpools seit den 1980ern Michael Head aus einer stark introspektivistischen Sichtweise abstrakter textet, schreibt Paul Simpson neben persönlichen Stücken über Jugend, familiäre Lebensläufe und Freundschaften auch über die allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen (zum Guten? Zum Schlechten?):  die 80er-Jahre Punkzeit, die Riots, architektonische Verwahrlosung; Texte, die teilweise auch für einen Gedichtband bzw. einer Biographie konzipiert waren. Desperation (‘My town used to fill my head with wonder, yeah / now it fills me with disgust/…And a grimmer time I can’t recall / Like ancient Rome we start to fall/ Like Ringo, John and George and Paul / It’s breathed its last / it’s dead / it’s over now ) und anarchischer Widerstand ( ‘ Once, all this was silver birch / Scots pine and English yew / Hawthorn where Aldi stands / Come now, we can plant anew / And crack wide Tesco’s aisles / With acorns from the ground / Quintillions of sacred atoms cluster and collide’ ) halten sich die Waage und die Musik bewegt sich ebenso zwischen diesen emotionalen Polen, zwischen klassischen Mersey-Beat-Hymnen für die Jetztzeit und zeitlosem Folk, zwischem ironischem Pathos und coolen Understatement.

The Wild Swans

Mikrowellen

Occultation Records