Ripples

January 10th, 2021

Polido – Sabor A Terra / A Casa E Os Cães
Joana Guerra – Chão Vermelho
Drumming GP, Joana Gama, Luís Fernandes – Textures & Lines
Joana Gama – Travels In My Homeland

A Casa E Os Cães ist ein Film von Madalena Fragoso und Magarida Meneses, für die der in der heterogenen Lissaboner Experimentalszene als DJ und Soundkünstler aktive Polido den Soundtrack komponierte. Soundtrack beschreibt auch gut die dramaturgische und erzählend wirkende Musik von Polido, den es nun auch vom Atlantik nach Berlin verschlagen haben soll.

In einer schön gestalteten Box als Doppel-Kassette, zusammen mit einem anderen Album – Sabor A Terra – auf dem Holuzuam-Label erschienen, fließen in den meist ruhigen und eine kühle nächtliche Stimmung ausstrahlenden Stücken unterschiedliche Klangkomponenten und Stile zusammen: Die düsteren Bässe im Geiste der Hyperdub-Gründer geben den idealen Background für die feingesponnenen, geheimnisvoll bis exotischen Klanglandschaften, die Polido mit akustischen, pastellenen Gitarrenminiaturen als Kontrapunkt in Szene setzt. Samples oder Feldaufnahmen, die mit zwei Grundelementen – Wasser und Feuer – spielen, tauchen immer wieder als durchgehendes Thema auf, bei anderen Stücken werden Filmdialoge in jazzaffine Arrangements oder elektroakustische Exkursionen eingebettet.

Auf Joana Gamas vielseitiges musikalische Schaffen wurde in den Mikrowellen schon öfters hingewiesen. Beinahe als Solitär überschreitet die klassisch geschulte Musikerin gerne und scheinbar mit Leichtigkeit die gewöhnlich eng abgesteckten Grenzen der Neuen Musik – und Avantgardegenres.

Ihr klassisches Pianoalbum Travels In My Homeland widmet sich den Werken zweier Komponisten, die sich stark mit der Indentität ihres Heimatlandes Portugal auseinandersetzten: Amílcar Vasques-Dias (1945 geboren) und Fernando Lopes-Graça (1906-1994). Beide Musiker arbeiteten sich in ihren Werken direkt oder in abstrakter Weise an der Vereinnahmung der portugiesischen Kultur durch den Estado Novo ab, dessen bleierndes Regime zu Beginn des musikalischen Schaffens von Lopes-Graça an die Macht kam. Erst zu Beginn der 1970er als Vasques-Dias in den Haag studierte, begann der allumfassende Einfluss zu bröckeln, was schließlich 1974 zur “Nelkenrevolution” führte.
Lopes-Graças Bestreben war es immer, mit seiner Musik einen nationalen kollektiven Geist zu kreieren, der fern von Propaganda und Tourismuskitsch angesiedelt war. So bezieht sich eine nicht unbeachtliche Anzahl seiner Kompositionen auf folkloristische Songs, die, seiner Meinung nach, das Innenleben seiner Landsleute spiegelten. Beeinflusst von Modernisten wie Hindemith, Stravinsky, Schönberg und Bartok stellt seine Musik eine durchaus eigenwillige Verbindung von Avantgarde und Tradition her.
Vasques-Dias wurde zuerst durch Cândido Lima in Porto und dann von Louis Andriessen, Peter Schat und Jan van Vlijmen in den Niederlanden geschult. Seine Vorlieben sind dann auch in der Neuen Musik und bei Xenakis und Stockhausen auszumachen.
Die Gegenüberstellung zweier Komponisten aus unterschiedlichen Generationen mit der gleichen Thematik darf als geglückt bezeichnet werden, gerade auch in der Interpretation von Joana Gama, die vielleicht durch ihr gleichzeitiges Musik- und Balletstudium sowohl Zurückhaltung wie Expressivität in die Pianostücke einbringt.

Auf ein komplett anderes Terrain begibt sie sich mit ihrem schon bei diversen anderen Projekten bewährten musikalischen Partner Luís Fernandes auf dem Album Textures & Lines. Man erinnere sich: Quest (2014) setzte Piano und Electronics in Einklang und Konstrast und lotete mit eigenen Kompositionen den Geist von Cage, Tudor, Satie und Ambient Music aus, nur um diesen in eine neue, zeitgemäße Richtung zu lenken. Auf Harmonies (2016) erweiterte das Duo ihr Konzept dahingehend, dass man zusätzliche Gäste einlud. Mit dem Cellisten Ricardo Jacinto gelang das ebenso auf in den Bann ziehende Weise wie auf dem Album mit dem Orchestra de Guimarães At The Still Point Of The Turning World. Letzteres stellte das “Harmoniekonzept” der vorherigen Alben mit einer ständig in Bewegung und zwischen Disharmonie und Wohlklang pendelnden Musik geistreich in Frage. Bei Textures & Lines nun trafen sich die Perkussion-Formation Drumming GP aus Porto (João Dias, João Miguel Braga Simões und Miquel Bernat) nun mit Gama und Fernandes, um die kleine Serie mit den gedachten Hommagen an die Zen-Meister und Säulenheiligen der Neuen Musik fortzusetzen.

Die vier Kompositonen sind von einem ständigen Herantasten und Experimentieren bestimmt und von ähnlicher, suggestiver Qualität wie die Musik auf den vorherigen Alben. Auf leisen Pfoten daherkommend zaubern Gama, Fernandes und Drumming GP eine Musik, die einerseits nur im Raum zu schweben scheint, sich aber nicht verflüchtig, sondern sich mit hypnotischer Wirkung nachhaltig ins Gedächtnis einpräg. Keine ganz einfache Aufgabe, Schönheit, Experimentiergeist und Dringlichkeit in der Musik wie hier zu vereinen.

 

Joana Guerra ist eine weitere Außenseiterin, die dem Musikkonservatorium entsprungen ist, aber eine unkonventionelle Laufbahn einschlug. Die gelernte Cellistin ist fester Bestandteil der freien Improvisationsszene in Lissabon, spielt aber auch in zahlreichen Bands mit, von Free Folk-Formationen bis zu psychedelischen Rockbands. Als Solokünstlerin legt sie nun mit Chão Vermelho ein neues Album vor, dass wie schon der Vorgänger Cavalos Vapor thematisch tief in die archaischen und zwischenweltlich angehauchten Begebenheiten des Lebens außerhalb der urbanen Zentren eintaucht. Ihren Wohnort verlegte sie von der portugiesischen Hauptstadt in das Hinterland von Torres Vedra, früher geprägt von Porellan- und Ziegelfabriken.

Dies ist eine raue und spröde Landschaft, die sich bei starkem Regen scheinbar durch die Hinterlassenschaften rot einfärbt und eine mit Rinnsalen, Rissen und Kratern durchzogene Wüste entstehen lässt. Eine Metamorphose, ein Spiegelbild für eine Natur im Ausnahmezustand, die Joana Guerra so beeindruckte, dass sie ein Konzeptalbum über diese intensive und suggestive Landschaft komponierte.
Ihre Songs wirken auf Chão Vermelho dementsprechend noch direkter, rauher und existenzialistischer als auf ihren anderen Alben. Zwischen imaginären Folksongs, vage von traditionellen Liedern aus Finland, China und Indonesien inspiriert und experimentellen Exkursionen schafft es Joana Guerra mit Cello und Stimme eine ganz und gar eigene Musik entstehen zu lassen, die nach dem ersten Hören noch lange nachschwingt.

Holuzam Polido
Holuzam Textures & Lines
Travels In My Homeland, Portuguese Piano Music
Chão Vermelho

Ripples

December 4th, 2020

 

The Nightingales – Four Against Fate

 

Ob Stewart Lees und Michael Cummings liebevolles Filmportrait King Rocker (Fire Records) Robert Lloyd und seine Band The Nightingales vom schmeichelhaften wie ärgerlichen Ruf, ein ewiger Geheimtipp und eine Birminghamer Version von The Fall zu sein, befreien kann, darf zwar bezweifelt werden, aber so what? Der noch ganz vom Punk inspirierten Vorläuferband The Prefects attestierten die Musikblätter schon eine gewisse Verschrobenheit. Nachdem die Band 1977 als Support von The Clash unterwegs war und durch das elitäre Gehabe der Stars im Schnelldurchlauf vom Musikbusiness desillusioniert wurde, war den Mitgliedern gleich klar, dass sie einen anderen Weg einschlagen wollen. Mit der Metamorphose von The Prefects zu The Nightingales öffnete sich auch das Visier für andere Einflüsse. Eine durchaus nicht abwegige Verknüpfung von experimentellem Rock, Rockabilly, vertracktem Folk und Country, mit Drive und Energie gespielt, lässt die drei ersten Alben heute als absolute Klassiker des Post-Punks und markantes Zeugnis der Birminghamer Musikhistorie dastehen. Robert Lloyds phonetisch nicht zu überhörendes Organ und seine gleichsam textmächtigen trocken und ironischen Betrachtungen des scheiternden Lebens im Allgemeinen und des des britischen Midländers im Speziellen bescherten The Nightingales, Undergroundstatus hin oder her, eine treue Anhängerschaft. Die Inspirationen für die Lyrics schnappt Lloyd bevorzugt in Pubs als Mithörer von Konversationen auf. Die zahlreichen Anspielungen und Querverweise und die Brechungen haben gerüchteweise schon zu manchen, mitunter nächtelangen Diskussionen und Interpreationsversuchen geführt.

Ende der 1980er löste sich die Band auf, Robert Lloyd versuchte sich solo als Crooner (Robert Lloyd and The Four Seasons), Labelbetreiber und Produzent. Mit der Veröffentlichung von We’ve Got A Fuzzbox And We’re Gonna Use It landete Vindaloo Records sogar einen richtigen Indie-Hit. Gleichzeitig entdeckte Lloyd seine Affinität für andere unkonventionell agierende Musikerinnen. Veröffentlichungen, Gastauftritte auf den Platten und Kollaborationen mit u.a. Poppy & The Jezebels, Hotpants Romance (beide der Birminghamer Szene entsprungen), Gina Birch, den klassisch geschulten Musikerinnen Katherine Young und Clara Kebabian oder den beiden New Yorkerinnen Christy & Emily geben den Platten der Nightingales seit der Wiederbelebung der Band Anfang der 00er Jahre einen schönen subtilen Kontrapunkt zum typischen “Gales Sound.
Die aktuelle Stammband – Robert Lloyd, Andreas Schmid, James Smith und die Schlagzeugerin Fliss Kitson, die sich auf den letzten beiden Alben die Gesangparts mit Lloyd teilt – wirkt versierter denn je: Das aktuelle Album Four Against Fate klingt wie auch schon der Vorgänger Perish The Thought wie aus einem Guss und zeitlos. Die letzten Alben wurden alle im Klangbad-Studio von Ex-Faustler Hans-Joachim Irmler, auf dessen Label man ja auch schon veröffentlichte, aufgenommen. Four Against Fate wurde gar von Stuart Moxham (ehemals Young Marble Giants) gemastert.
Die zwölf Songs stehen ganz in der eigenen Tradition. Rhythmuswechsel am Laufmeter, Breaks und Wendungen, Refrains zwischen catchy und schräg, zahlreiche musikalische Zitate, verpackt in eine raue und direkte Produktion, all das kennt und schätzt man an The Nightingales. Die abwechselnden bzw. bei einigen Stücken sogar gemeinsamen Gesangsparts von Robert Lloyd und Fliss Kitson geben den Songs aber eine gewisse Unberechenbarkeit, die immer wieder aufs Neue überrascht. Unbedingt besorgen sollte man sich auch das als Fanzine angebotene Textheft von Four Against Fate. Da kann man dann bei der nächsten Diskussionsrunde punkten.

http://www.thenightingales.org.uk

 

 

Ripples

November 8th, 2020

Kuupuu – Plz Tell Me
Cassini Division – Eta Carinae
Miaux – Black Space, White Cloud
Vica Pacheco – Symplegmata
Orphan Fairytale – Titania Moon
Orphan Fairytale – Tune In Tree Ears

 

Zweifellos ein Scheißjahr! Am letzten Tag im Februar und am ersten im März ließ sich während der 2020er-Ausgabe des allseits geschätzten Kraak-Festivals in Brüssel das sich ausbreitende Unheil schon erahnen, die weitreichenden Folgen und Konsequenzen waren aber natürlich noch nicht in ihrer ganzen Bandbreite absehbar. Seit dem Frühjahr ächzen insbesondere aber auch Künstler, Labels und Organisatoren unter der Situation. In den Katakomben des musikalischen Off-Stream-Untergrunds wo Geld immer schon Mangelware oder gar nicht erst vorhanden war und ist, reagieren die Musiker und Labels nichtsdestotrotz mit verstärkten Aktivitäten. Pläne müsssen zwar permanent über den Haufen geworfen oder angepasst werden, aber da gerade nichts mehr einen Sinn ergibt, werden weiterhin Platten veröffentlicht und zwischen dem jetzigen und nächsten Lockdown wird an neuen Projekten gefeilt.
Die beiden wichtigen Aushängeschilder und Vernetzungsspezialisten der belgischen Außenseitermusik – Dennis Tyfus’ Ultra Eczema – Label in Antwerpen und die Crew von Kraak in Gent/Brüssel – erweitern allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Sammlung für sonderbare Musik und bescheren dem zugeneigten Hörer – wahlweise im Home Office oder in der systemrelevanten Gefahrenzone – inspirierende Musik, komponiert und aufgenommen von in der Welt verstreuten Lonern. Ob man die Musik dann bei einem Festival auch live und gebündelt bei einem der Festivals der Labels erleben kann…who knows?

 

Eva Van Deuren taucht in ihrer Musik, die sie unter ihrem Künstlernamen Orphan Fairytale mit Tonbandschleifen, Kassetten, Synthesizern, Spielzeug- und selbst gebauten Instrumenten, und neuerdings einer Harfe komponiert, in eine Innenwelt ab, die einerseits einen wundersamen Zaubergarten suggeriert, anderseits psychedelisch – verzerrt auch den einen oder anderen ungemütlichen Schauer heraufbeschwört. Seit ihrem letzten, bemerkenswerten Doppelalbum mit vier langen, Minimal Music-affinen Stücken auf Aguirre Records sind einige Jahre ins Land gezogen. Nun beglückt Eva Van Deuren die “Community” gleich mit zwei neuen Alben.
Die sinister dreinschauenden Puppen, die das Cover von Titania Moon (Ultra Eczema) schmücken und die eines ihrer Markenzeichen sind, werden den Hörer garantiert in dem einen oder anderen Albtraum heimsuchen und verschüttet gegangene Kinderheitserinnungen heraufbeschwören. Zwischen tiefenentspannter Schönheit, veredelt mit einem Hauch “Musik zum Ende der Zeit” und blubbernder Unweltlichkeit, direkt aus der Opiumhöhle, findet man sich nach einer guten halben Stunde intensiven Hörens auch in einem Perfumed Garden wieder.

Auf Tune in Tree Ears (Kraak) führt Eva Van Deuren ihre Musik sachte in eine neue Richtung. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Stücke für Harfe geschrieben wurden und das filigrane, akustische Element hier als Gegenstück zu den labyrinthisch angelegten, elektronischen Kompositionen fungiert bzw. größeres Gewicht hat. Weniger auf das große Drama und unterschiedliche Gefühlsaggregatzustände angelegt als Titania Moon, können auch diese feingesponnenen, melodischen musikalischen Skulpturen die Sinne schärfen. Willkommen in den wunderbaren Zwischenwelten der Eva van Deuren (siehe oben).

Besinnlichkeit ist nicht unbedingt das hervorstechende Merkmal von Jonna Karanka aka Kuupuu bzw. deren Musik. Die in finnischen Postpunkbands wie Avarus und den brillianten Olimpia Splendid aktiv gewesene Künstlerin, setzt auch bei ihrem Solo-Projekt Kuupuu auf kurze Aufmerksamkeitsspannen und krasse Stilbrüche. Plz Tell Me, schon als Tape im Umlauf, wurde für die LP-Version erweitert und teilweise neu abgemischt. Wie ihre finnischen Seelenverwandten Nalle, Lau Lau oder Islaja scheint auch Jonna Karanka ein nomadenhaftes Gen zu besitzen, das sie ruhelos durch die internationalen Untergrundszenen ziehen lässt.

Die belgisch-finnische Verbindung ist in dieser Hinsicht eine besondere und fast schon traditionelle, insbesondere mit der Fonal-Clique besteht ein reger Austausch. Plz Tell Me steht für einen schräg zusammengeklebten und verschwurbelten musikalischen Flickenteppich der Marke “quer durch den Genregarten”: Dub trifft also auf Disco, Schlagerfetzen auf Folk, Noise auf Stimmengewirr und so weiter. Eine Kraak-Produktion, die auch auf der Tanzfläche funktioniert? Das ist auch ein Novum.

Mia Prce aka Miaux widmet sich auf ihrer dritten LP für Ultra Eczema Black Space, White Cloud wieder ganz dem Ausloten und Nuancieren verschiedener Grade der Melancholie. Als Tochter zweier Maler kam sie als diese von Sarajewo nach Belgien zogen früh mit der Antwerpener Kunstszene in Kontakt und genoss später eine sogenannte klassische musikalische Ausbildung. Zudem wurde sie von ihren Eltern mit einer Diät an Krautrock und deutscher elektronischer Musik gespeist. Ihre Musik ist also nicht von ungefähr von barocker Schwere. Ihre Songs komponiert und spielt Mia Prce aber anstatt auf einem Flügel oder teurem Keyboard auf einem billigen Casio-Synthesizer, was einerseits von einer guten Portion Humor zeugt und andererseits die Schwere der Musik in bester Punkmanier bricht.

Wie auch schon mit den beiden vorherigen Alben – Hideaway, Dive – läuft man beim Hören dieser so schönen wie traurigen Musik Gefahr, von der eigenartigen und getragenen Atmosphäre der Songs in einen Sog gezogen zu werden und sich tagträumend im Nichtstun verlieren.

Vica Pacheco, Mexikanerin aus Oaxaca, in Brüssel residierend und dort in den experimentellen Szenen sehr aktiv, legt mit Symplegmata nach einigen Radioarbeiten nun ein Album für Kraak vor, das eine erstaunliche stilistische Spannbreite aufweist. Symplegmata sind Unterwasserorganismen, die sich an Steine heften und Kolonien bilden. Der Bergriff bezieht sich aber natürlich auch auf Hermaphroditos und Satyrin in der griechischen Mythologie; kein akademisch angehauchtes Werk ohne den entsprechenden Überbau!


Unterstellt man nun Vica Pacheco vom Papier her eine rein akademisch-wissenschaftliches Interesse für Musik, wird man beim Hören ihrer abwechslungsreichen Platte schnell eines Besseren belehrt. Unorthodox trifft da Musique Concréte auf impressionistische Klangskizzen, traditionelle mexikanische Vokalarrangements und andere Feldaufnahmen weichen einer popaffinen Verspieltheit für Melodien.

Der Argentinier Miguel Sosa lebte für einige Zeit in den 00er Jahren in Antwerpen in einem Künstlersqat, hielt sich als Straßenmusiker über Wasser und war laut dem Ultra Eczema – Chef Dennis Tyfus ein feste Größe in der dortigen experimentellen, heterogenen Musiklandschaft, wo es durchaus vorkommen konnte, dass sich spontan Musiker aus unterschiedlichen Bereichen für einen Auftitt zusammentaten, neben der Bühne gemalt wurde und vieles anderes passierte. Sosa zog dann plötzlich wieder weiter und war ersteinmal von der Bildfläche verschwunden. Überraschenderweise erhielt Tyfus nun Jahre später aus Buenos Aires von ihm das Masterband für sein Solo-Herzensprojekt Cassini Division.

Das feine, kleine Meisterwerk, Eta Carinae betitelt, hat außer den Titeln der Stücke scheinbar wenig mit dem Weltraum, Doppelsternen oder der Wissenschaft zu tun. Die komplexen Kompositionen, die Sosa zuhause mit einem Teac Tape Recorder und diversen konventionellen und anderen Klangerzeugern aufgenommen hat, wirken streng strukturiert und schöpfen aus den manigfaltigen Affinitäten Sosas. Elektronischen Miniaturen, klassische, dramatische, filmmusikalische Elemente, Renaissance- und Library – Music, atonale Klangflächen, Drones und ambiente Electronica fügen sich hier zu einer gut dreißigminütigen, sehr europäisch klingenden Komposition zusammen. Immer schwingt bei den Stücken eine latente, brodelnde Unruhe mit, die Atmosphäre ist aufgeladen und wahlweise schwer, unwirklich oder melancholisch, womit Sosa durchaus auch als Soulmate von Miaux gesehen werden darf.

http://www.kraak.net

http://www.ultraeczema.com

 

 

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November 6th, 2020

Três Tristes Tigres – Mínima Luz

 

Den Três Tristes Tigres aus Porto gelang es in den 1990ern mit einer eigenwilligen Mischung aus poetischen, geheimnisvollen Texten und eklektischer Musik – die Einflüsse aus Trip-Hop und vertrackter Electronica, aber auch filmmusikartige Soundscapes und Balladen kongenial verband – auf der einen Seite als Kultband in Portugal zu gelten, aber auch den einen oder anderen Insiderhit zu landen ( Zap Canal, Noites Brancas).
Partes Sensíveis, das in der alternativen Musikszene in Portugal für Aufsehen sorgende Debutalbum, entstand noch in der Besetzung Ana Deus, Paula Sousa und Regina Guimarães. Danach aber zog sich Regina Guimarães aus dem Live-Setting der Band zurück und konzentrierte sich auf das Schreiben von Texten für die Grupe. Der ursprünglich bei der Rockband GNR spielende Alexandre Soares ersetzte Paula Sousa. Eine geniale Fügung, brachte Soares doch sein Know How aus seinen Arbeiten mit Film und Theater mit und zeigte sich gleichermaßen begeistert für das auf das Essentielle reduzierte Gitarrenspiel und neue Elektronik.
Die Songs auf Guia Espiritual (1996) und Comum (1998) entkernten den Popsong auf das absolut Wesentliche und schafften Momente, wo der, teils sperrige, teils harmonische, immer wandlungsfähige Gesang von Ana Deus unwiderstehliche Symbiosen mit Soares Klanggebilden eingeht.
Nach einem Art Best of-Album 2001 gingen Ana Deus und Alexandre Soares aber überraschend kreativ getrennte Wege, nur um dann gut ein Jahrzehnt später für das noch reduziertere, rockigere Projekt Osso Vaidoso wieder zusammenzuarbeiten (es entstanden zwei Alben).

Anlässlich einer Konzertserie im alterehrwürdigen Rivoli Theater in ihrer Heimatstadt Porto, wo Ana Deus und Alexandre Soares angefragt wurden, ihr Debut nochmals live zu spielen, (man einigte sich schließlich auf Guia Espiritual, da der Erstling ja noch in anderer Besetzung entstand), und einem für alle Seiten gelungenen Auftritt, reifte die Idee, die Tiger wieder zu beleben.
Die Entstehung von Mínima Luz war also erneut ein Experimentierfeld und die Chance, die Gitarre und modularen Synthesizer von Soares mit den vielen Stimmen von Deus zu kombinieren und eine Popplatte auf der Höhe der Zeit zustande zu bringen. Die Kompilation erschien, so die Band in einem Interview, am 11.9.2001, jetzt veröffentlichen wir Mínima Luz inmitten der größten Gesundheitskrise unseres Lebens, aber es war nie eine Überlegung die Platte zu verschieben wie das viele andere Bands gemacht haben, denn es ergibt keinen Sinn zu versuchen, die Zeit auszusetzen. Die Platte ist ein Zeugnis der Gegenwart 2020.
Obwohl der Entstehungsprozess ihrer Musik nicht grundsätzlich von ihrer bisherigen Linie und Arbeitsweie abweicht, öffnete sich das Duo diesesmal für die intensivere Beteiligung anderer, befreundeter Musiker: Fred Ferreira von Orelha Negra spielt Schlagzeug auf einigen Stücken wie auch Gustavo Costa, den wir als einen der Initianten der experimentellen Szene Portos er letzten fünfzehn Jahre kennen (siehe News from Porto) – die “echten” Drums lassen die Musik organischer und griffiger als früher klingen. Rui Martelo spielt Bass und Angélica Salvis Harfenspiel führt auf Língua Franca, Curativo und Purpurina (Text von Luca Argel) die Musik subtil vom urbanen auf unweltliches Terrain.
Soares lässt die Gitarre und die Elektronik direkt und rau klingen; schleifend und abrasiv reiben sich die Misstöne wunderbar mit der an sich melodischen Ausrichtung der Songs. Ana Deus interpretiert die Texte mit subtiler Wandlunngsfähigkeit, ohne je Gefahr zu laufen Overacting zu betreiben. Letzlich ist den Três Tristes Tigres mit Mínima Luz eine der wenigen zeitgemäßen off-stream- Rockalben der letzten Jahre gelungen. Die Lyrics von Regina Guimarães sind in ihrer Effizenz und Vieldeutigkeit große Kunst und bergen oft eine geheimnisvolle Unentschlüsselbarkeit und Mehrdeutigkeit.

Dazu passen auch ihre beiden ins Portugiesische adaptierten Gedichte von William Blakes The Tyger und Life Is Fine von Langston Hughes, einer jener Songs, so Ana Deus, die das Nachdenken über den Suizid unterhaltsam machen.

À Tona

Fui até à beira rio
na margem me quis sentar
tentei pensar mas não pude
então decidi saltar

À tona vim e gritei
vomitei lodo e chorei
não fosse a água tão fria
é certo que morreria

Entrei no elevador
que ao vigésimo levava
pensei no meu desamor
e julgei que me atirava

Frente ao abismo gritei
frente ao vazio chorei
cair de tão alto é ruim
e é triste de morrer assim
não fora tanta a fundura
saltaria de daquela altura

A vida sabe-me bem
viva me quero manter
morrer de amor é possível
mas eu nasci pr’a viver

 

Life is Fine

I went down to the river,
I set down on the bank.
I tried to think but couldn’t,
So I jumped in and sank.
I came up once and hollered!
I came up twice and cried!
If that water hadn’t a-been so cold
I might’ve sunk and died.
But it was      Cold in that water!      It was cold!
I took the elevator
Sixteen floors above the ground.
I thought about my baby
And thought I would jump down.
I stood there and I hollered!
I stood there and I cried!
If it hadn’t a-been so high
I might’ve jumped and died.
But it was      High up there!      It was high!
So since I’m still here livin’,
I guess I will live on.
I could’ve died for love—
But for livin’ I was born
Though you may hear me holler,
And you may see me cry—
I’ll be dogged, sweet baby,
If you gonna see me die.
Life is fine!      Fine as wine!      Life is fine!

 

http://tresttigres.bandcamp.com

Ripples

October 7th, 2020

Pop Dell’Arte – Transgressio Global

 

Zehn Jahre nach dem letzten Statement der Lissaboner Art-Pop-Rock-New Wave Institution in Albumform war für den Mai die Veröffentlichung ihrer – erst – fünften Platte seit dem Debut Free Pop von 1984 – Transgressio Global – und eine Tournee angekündigt. Die Weltenlage machte auch diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung und ein Song wie Panoptical Architects For Empty Streets In A Silent City wird zum ungewollten Soundtrack der Gesundheitskrise. Die nun doch erschienene Platte knüpft überraschend nahtlos an Contra Mudum von 2010 an, selbst die Ausflüge in die Antike und Texte in Altgriechisch, Latein oder Spanisch fügen sich in das von João Peste schon immer geschätzte Mischmasch aus englischsprachigen Slogans und Portugiesisch und traumwandlerisch in das musikalische Amalgam aus Post-Punk, unterkühlten Synthesizerschleifen, Klassik, Folklore, Goth und noch so vieles mehr ein. Peste, schon immer ein vielseits Interessierter und Begabter taucht tief in die griechische und römische Mythologie ein. Dass er bei anderen Songs politisch Stellung zur aktuellen Themen einer aus dem Ruder laufenden Europapoliktik nimmt, ist kein Widerspruch. João Peste und seine Mitstreiter Paulo Monteiro, Zé Pedro Moura und der neu hinzugestossene Schlagzeuger Ricardo Martins sind insofern Solitäre in der Portugiesischen Independent Szene, dass sie den oft praktizierten Spagat zwischen Hitparade und Untergrund mit einigem kommerziellen Erfolg kultivierten und doch immer auch Avantgarde blieben. Die post-revolutionäre Aufbruchstimmung trieb in der Musikszene in Lissabon und Porto viele Blüten, aber selten brachte sie wirklich Eigenständiges hervor. Die Außenseiter aber fanden zuerst bei Pestes Mikrolabel Ama Romanta Unterschlupf, bevor sie ihre eigenen Wege einschlugen und Pionierarbeit für die heute vielverzweigte und wegweisende experimentelle Musikszene Portugals betrieben.
Poesie, Philosophie und vor allem das Hören von vielen, vielen Platten, daraus speist sich das künstlerische Ego von João Peste, der die Einfallslosigkeit und die Austauschbarkeit der Musik der jungen Generation beklagt. ” Ich hatte das Glück in einer Zeit aufzuwachsen, in der die aktuelle Musik immer in die Zukunft wies und jede Band ihren eigenen Stil pflegte. B 52’s klangen völlig anders als Devo, die wiederum anders als Suicide klangen und XTC pflegten wieder einen anderen Stil. Zu jeder Zeit hatte die jeweils junge Generation eine Sprache, eine eigene Musik und eine eigene Einstellung. Heute sind die meisten Dinge und damit auch die Musik unglaublich gleich, charakterlos und damit belanglos. Regression herrscht nicht nur in der Kultur, sondern in der Gesellschaft an sich.”
Zeit und Transgression sind die sich aufdrängenden Themen auf dem neuen Album von Pop Dell’Arte.

Em Creta, von einem Gedicht von Sophia Mello Breyner (Ressurgiremos) inspiriert und in Portugiesisch und Alt Griechisch gesungen, befasst sich mit dem Überschreiten bzw. dem Überwinden der Zeit. Mit dunklem Timbre und von synthetischen Drums und schwerem Bass unterlegt, singen Peste und Cristina Abranches (den Griechischen Part) von der Rückkehr vom Tejo und dem Nil nach Kreta. Ähnlich antik und poetisch geheimnisvoll geht es in Apollo (nach Ovid), Mellitos Oculos Tuos, luuenti, in Lateinisch gesungen oder der Interpretation eines weiteren griechischen Gedichts Egô Désoptron Eien zu. Dabei wissen die Pop Avantgardisten diese Texte und Quellen ebenso meisterhaft zu abstrahieren wie es ein Xenakis in der neuen Musik z.B. bei Kraanerg oder Oresteia gelang. Diese Stücke treffen auf drei kurze Klangkollagen über Pärt, Foucault, Orpheus, die wiederum von skizzenhaften experimentellen “Free Pop ” Songs wie Panoptical Architecture For Empty Streets In A Silent City, In Different Times At The Same Time oder das die poetischen Gedankensprünge auf den Punkt gebrachte Minotaur Meets Picasso in Lisbon in 2084 konterkariert werden. Eindeutige, mit Slogans spielende politische Statements gibt es auch: Sem Nome zelebriert die Geschlechterfreiheit, A New Identity und Anominous, zwischen 2013 und 2015 geschrieben, rufen zum Kampf gegen die von der Troika aufgezwungene und von der damaligen Regierung nur zu gerne unterstützte neoliberale Politik auf. Der bedenkliche Zustand Europas schwingt in den Zeilen dieser Songs mit. El Derecho De Viver En Paz, eine Coverversion von Vitor Jara, transformiert sich zu einem düsteren Abgesang.
Die hypnotischen, die Musik und die anarchistische Freiheit feiernden, immer leicht verpeilten und nicht aufs Erste einsortierbaren Rocker wie Psycho Urban Jungle Rock, Post Romantic Lover und Freaky Dance gehören traditionell auf jedes Pop Dell’Arte – Album und sind ein Markenzeichen der Band.
Die ansonsten zwischen Free Folk und Neuer Musik pendelnde Cellistin Joana Guerra oder der mit der Free Music Lissabons verbundene Saxophonist Rodrigo Amado fügen mit ihren Beiträgen noch zusätzliche Facetten zu.