Ripples

November 8th, 2020

Kuupuu – Plz Tell Me
Cassini Division – Eta Carinae
Miaux – Black Space, White Cloud
Vica Pacheco – Symplegmata
Orphan Fairytale – Titania Moon
Orphan Fairytale – Tune In Tree Ears

 

Zweifellos ein Scheißjahr! Am letzten Tag im Februar und am ersten im März ließ sich während der 2020er-Ausgabe des allseits geschätzten Kraak-Festivals in Brüssel das sich ausbreitende Unheil schon erahnen, die weitreichenden Folgen und Konsequenzen waren aber natürlich noch nicht in ihrer ganzen Bandbreite absehbar. Seit dem Frühjahr ächzen insbesondere aber auch Künstler, Labels und Organisatoren unter der Situation. In den Katakomben des musikalischen Off-Stream-Untergrunds wo Geld immer schon Mangelware oder gar nicht erst vorhanden war und ist, reagieren die Musiker und Labels nichtsdestotrotz mit verstärkten Aktivitäten. Pläne müsssen zwar permanent über den Haufen geworfen oder angepasst werden, aber da gerade nichts mehr einen Sinn ergibt, werden weiterhin Platten veröffentlicht und zwischen dem jetzigen und nächsten Lockdown wird an neuen Projekten gefeilt.
Die beiden wichtigen Aushängeschilder und Vernetzungsspezialisten der belgischen Außenseitermusik – Dennis Tyfus’ Ultra Eczema – Label in Antwerpen und die Crew von Kraak in Gent/Brüssel – erweitern allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Sammlung für sonderbare Musik und bescheren dem zugeneigten Hörer – wahlweise im Home Office oder in der systemrelevanten Gefahrenzone – inspirierende Musik, komponiert und aufgenommen von in der Welt verstreuten Lonern. Ob man die Musik dann bei einem Festival auch live und gebündelt bei einem der Festivals der Labels erleben kann…who knows?

 

Eva Van Deuren taucht in ihrer Musik, die sie unter ihrem Künstlernamen Orphan Fairytale mit Tonbandschleifen, Kassetten, Synthesizern, Spielzeug- und selbst gebauten Instrumenten, und neuerdings einer Harfe komponiert, in eine Innenwelt ab, die einerseits einen wundersamen Zaubergarten suggeriert, anderseits psychedelisch – verzerrt auch den einen oder anderen ungemütlichen Schauer heraufbeschwört. Seit ihrem letzten, bemerkenswerten Doppelalbum mit vier langen, Minimal Music-affinen Stücken auf Aguirre Records sind einige Jahre ins Land gezogen. Nun beglückt Eva Van Deuren die “Community” gleich mit zwei neuen Alben.
Die sinister dreinschauenden Puppen, die das Cover von Titania Moon (Ultra Eczema) schmücken und die eines ihrer Markenzeichen sind, werden den Hörer garantiert in dem einen oder anderen Albtraum heimsuchen und verschüttet gegangene Kinderheitserinnungen heraufbeschwören. Zwischen tiefenentspannter Schönheit, veredelt mit einem Hauch “Musik zum Ende der Zeit” und blubbernder Unweltlichkeit, direkt aus der Opiumhöhle, findet man sich nach einer guten halben Stunde intensiven Hörens auch in einem Perfumed Garden wieder.

Auf Tune in Tree Ears (Kraak) führt Eva Van Deuren ihre Musik sachte in eine neue Richtung. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Stücke für Harfe geschrieben wurden und das filigrane, akustische Element hier als Gegenstück zu den labyrinthisch angelegten, elektronischen Kompositionen fungiert bzw. größeres Gewicht hat. Weniger auf das große Drama und unterschiedliche Gefühlsaggregatzustände angelegt als Titania Moon, können auch diese feingesponnenen, melodischen musikalischen Skulpturen die Sinne schärfen. Willkommen in den wunderbaren Zwischenwelten der Eva van Deuren (siehe oben).

Besinnlichkeit ist nicht unbedingt das hervorstechende Merkmal von Jonna Karanka aka Kuupuu bzw. deren Musik. Die in finnischen Postpunkbands wie Avarus und den brillianten Olimpia Splendid aktiv gewesene Künstlerin, setzt auch bei ihrem Solo-Projekt Kuupuu auf kurze Aufmerksamkeitsspannen und krasse Stilbrüche. Plz Tell Me, schon als Tape im Umlauf, wurde für die LP-Version erweitert und teilweise neu abgemischt. Wie ihre finnischen Seelenverwandten Nalle, Lau Lau oder Islaja scheint auch Jonna Karanka ein nomadenhaftes Gen zu besitzen, das sie ruhelos durch die internationalen Untergrundszenen ziehen lässt.

Die belgisch-finnische Verbindung ist in dieser Hinsicht eine besondere und fast schon traditionelle, insbesondere mit der Fonal-Clique besteht ein reger Austausch. Plz Tell Me steht für einen schräg zusammengeklebten und verschwurbelten musikalischen Flickenteppich der Marke “quer durch den Genregarten”: Dub trifft also auf Disco, Schlagerfetzen auf Folk, Noise auf Stimmengewirr und so weiter. Eine Kraak-Produktion, die auch auf der Tanzfläche funktioniert? Das ist auch ein Novum.

Mia Prce aka Miaux widmet sich auf ihrer dritten LP für Ultra Eczema Black Space, White Cloud wieder ganz dem Ausloten und Nuancieren verschiedener Grade der Melancholie. Als Tochter zweier Maler kam sie als diese von Sarajewo nach Belgien zogen früh mit der Antwerpener Kunstszene in Kontakt und genoss später eine sogenannte klassische musikalische Ausbildung. Zudem wurde sie von ihren Eltern mit einer Diät an Krautrock und deutscher elektronischer Musik gespeist. Ihre Musik ist also nicht von ungefähr von barocker Schwere. Ihre Songs komponiert und spielt Mia Prce aber anstatt auf einem Flügel oder teurem Keyboard auf einem billigen Casio-Synthesizer, was einerseits von einer guten Portion Humor zeugt und andererseits die Schwere der Musik in bester Punkmanier bricht.

Wie auch schon mit den beiden vorherigen Alben – Hideaway, Dive – läuft man beim Hören dieser so schönen wie traurigen Musik Gefahr, von der eigenartigen und getragenen Atmosphäre der Songs in einen Sog gezogen zu werden und sich tagträumend im Nichtstun verlieren.

Vica Pacheco, Mexikanerin aus Oaxaca, in Brüssel residierend und dort in den experimentellen Szenen sehr aktiv, legt mit Symplegmata nach einigen Radioarbeiten nun ein Album für Kraak vor, das eine erstaunliche stilistische Spannbreite aufweist. Symplegmata sind Unterwasserorganismen, die sich an Steine heften und Kolonien bilden. Der Bergriff bezieht sich aber natürlich auch auf Hermaphroditos und Satyrin in der griechischen Mythologie; kein akademisch angehauchtes Werk ohne den entsprechenden Überbau!


Unterstellt man nun Vica Pacheco vom Papier her eine rein akademisch-wissenschaftliches Interesse für Musik, wird man beim Hören ihrer abwechslungsreichen Platte schnell eines Besseren belehrt. Unorthodox trifft da Musique Concréte auf impressionistische Klangskizzen, traditionelle mexikanische Vokalarrangements und andere Feldaufnahmen weichen einer popaffinen Verspieltheit für Melodien.

Der Argentinier Miguel Sosa lebte für einige Zeit in den 00er Jahren in Antwerpen in einem Künstlersqat, hielt sich als Straßenmusiker über Wasser und war laut dem Ultra Eczema – Chef Dennis Tyfus ein feste Größe in der dortigen experimentellen, heterogenen Musiklandschaft, wo es durchaus vorkommen konnte, dass sich spontan Musiker aus unterschiedlichen Bereichen für einen Auftitt zusammentaten, neben der Bühne gemalt wurde und vieles anderes passierte. Sosa zog dann plötzlich wieder weiter und war ersteinmal von der Bildfläche verschwunden. Überraschenderweise erhielt Tyfus nun Jahre später aus Buenos Aires von ihm das Masterband für sein Solo-Herzensprojekt Cassini Division.

Das feine, kleine Meisterwerk, Eta Carinae betitelt, hat außer den Titeln der Stücke scheinbar wenig mit dem Weltraum, Doppelsternen oder der Wissenschaft zu tun. Die komplexen Kompositionen, die Sosa zuhause mit einem Teac Tape Recorder und diversen konventionellen und anderen Klangerzeugern aufgenommen hat, wirken streng strukturiert und schöpfen aus den manigfaltigen Affinitäten Sosas. Elektronischen Miniaturen, klassische, dramatische, filmmusikalische Elemente, Renaissance- und Library – Music, atonale Klangflächen, Drones und ambiente Electronica fügen sich hier zu einer gut dreißigminütigen, sehr europäisch klingenden Komposition zusammen. Immer schwingt bei den Stücken eine latente, brodelnde Unruhe mit, die Atmosphäre ist aufgeladen und wahlweise schwer, unwirklich oder melancholisch, womit Sosa durchaus auch als Soulmate von Miaux gesehen werden darf.

http://www.kraak.net

http://www.ultraeczema.com

 

 

Ripples

November 6th, 2020

Três Tristes Tigres – Mínima Luz

 

Den Três Tristes Tigres aus Porto gelang es in den 1990ern mit einer eigenwilligen Mischung aus poetischen, geheimnisvollen Texten und eklektischer Musik – die Einflüsse aus Trip-Hop und vertrackter Electronica, aber auch filmmusikartige Soundscapes und Balladen kongenial verband – auf der einen Seite als Kultband in Portugal zu gelten, aber auch den einen oder anderen Insiderhit zu landen ( Zap Canal, Noites Brancas).
Partes Sensíveis, das in der alternativen Musikszene in Portugal für Aufsehen sorgende Debutalbum, entstand noch in der Besetzung Ana Deus, Paula Sousa und Regina Guimarães. Danach aber zog sich Regina Guimarães aus dem Live-Setting der Band zurück und konzentrierte sich auf das Schreiben von Texten für die Grupe. Der ursprünglich bei der Rockband GNR spielende Alexandre Soares ersetzte Paula Sousa. Eine geniale Fügung, brachte Soares doch sein Know How aus seinen Arbeiten mit Film und Theater mit und zeigte sich gleichermaßen begeistert für das auf das Essentielle reduzierte Gitarrenspiel und neue Elektronik.
Die Songs auf Guia Espiritual (1996) und Comum (1998) entkernten den Popsong auf das absolut Wesentliche und schafften Momente, wo der, teils sperrige, teils harmonische, immer wandlungsfähige Gesang von Ana Deus unwiderstehliche Symbiosen mit Soares Klanggebilden eingeht.
Nach einem Art Best of-Album 2001 gingen Ana Deus und Alexandre Soares aber überraschend kreativ getrennte Wege, nur um dann gut ein Jahrzehnt später für das noch reduziertere, rockigere Projekt Osso Vaidoso wieder zusammenzuarbeiten (es entstanden zwei Alben).

Anlässlich einer Konzertserie im alterehrwürdigen Rivoli Theater in ihrer Heimatstadt Porto, wo Ana Deus und Alexandre Soares angefragt wurden, ihr Debut nochmals live zu spielen, (man einigte sich schließlich auf Guia Espiritual, da der Erstling ja noch in anderer Besetzung entstand), und einem für alle Seiten gelungenen Auftritt, reifte die Idee, die Tiger wieder zu beleben.
Die Entstehung von Mínima Luz war also erneut ein Experimentierfeld und die Chance, die Gitarre und modularen Synthesizer von Soares mit den vielen Stimmen von Deus zu kombinieren und eine Popplatte auf der Höhe der Zeit zustande zu bringen. Die Kompilation erschien, so die Band in einem Interview, am 11.9.2001, jetzt veröffentlichen wir Mínima Luz inmitten der größten Gesundheitskrise unseres Lebens, aber es war nie eine Überlegung die Platte zu verschieben wie das viele andere Bands gemacht haben, denn es ergibt keinen Sinn zu versuchen, die Zeit auszusetzen. Die Platte ist ein Zeugnis der Gegenwart 2020.
Obwohl der Entstehungsprozess ihrer Musik nicht grundsätzlich von ihrer bisherigen Linie und Arbeitsweie abweicht, öffnete sich das Duo diesesmal für die intensivere Beteiligung anderer, befreundeter Musiker: Fred Ferreira von Orelha Negra spielt Schlagzeug auf einigen Stücken wie auch Gustavo Costa, den wir als einen der Initianten der experimentellen Szene Portos er letzten fünfzehn Jahre kennen (siehe News from Porto) – die “echten” Drums lassen die Musik organischer und griffiger als früher klingen. Rui Martelo spielt Bass und Angélica Salvis Harfenspiel führt auf Língua Franca, Curativo und Purpurina (Text von Luca Argel) die Musik subtil vom urbanen auf unweltliches Terrain.
Soares lässt die Gitarre und die Elektronik direkt und rau klingen; schleifend und abrasiv reiben sich die Misstöne wunderbar mit der an sich melodischen Ausrichtung der Songs. Ana Deus interpretiert die Texte mit subtiler Wandlunngsfähigkeit, ohne je Gefahr zu laufen Overacting zu betreiben. Letzlich ist den Três Tristes Tigres mit Mínima Luz eine der wenigen zeitgemäßen off-stream- Rockalben der letzten Jahre gelungen. Die Lyrics von Regina Guimarães sind in ihrer Effizenz und Vieldeutigkeit große Kunst und bergen oft eine geheimnisvolle Unentschlüsselbarkeit und Mehrdeutigkeit.

Dazu passen auch ihre beiden ins Portugiesische adaptierten Gedichte von William Blakes The Tyger und Life Is Fine von Langston Hughes, einer jener Songs, so Ana Deus, die das Nachdenken über den Suizid unterhaltsam machen.

À Tona

Fui até à beira rio
na margem me quis sentar
tentei pensar mas não pude
então decidi saltar

À tona vim e gritei
vomitei lodo e chorei
não fosse a água tão fria
é certo que morreria

Entrei no elevador
que ao vigésimo levava
pensei no meu desamor
e julgei que me atirava

Frente ao abismo gritei
frente ao vazio chorei
cair de tão alto é ruim
e é triste de morrer assim
não fora tanta a fundura
saltaria de daquela altura

A vida sabe-me bem
viva me quero manter
morrer de amor é possível
mas eu nasci pr’a viver

 

Life is Fine

I went down to the river,
I set down on the bank.
I tried to think but couldn’t,
So I jumped in and sank.
I came up once and hollered!
I came up twice and cried!
If that water hadn’t a-been so cold
I might’ve sunk and died.
But it was      Cold in that water!      It was cold!
I took the elevator
Sixteen floors above the ground.
I thought about my baby
And thought I would jump down.
I stood there and I hollered!
I stood there and I cried!
If it hadn’t a-been so high
I might’ve jumped and died.
But it was      High up there!      It was high!
So since I’m still here livin’,
I guess I will live on.
I could’ve died for love—
But for livin’ I was born
Though you may hear me holler,
And you may see me cry—
I’ll be dogged, sweet baby,
If you gonna see me die.
Life is fine!      Fine as wine!      Life is fine!

 

http://tresttigres.bandcamp.com

Ripples

October 7th, 2020

Pop Dell’Arte – Transgressio Global

 

Zehn Jahre nach dem letzten Statement der Lissaboner Art-Pop-Rock-New Wave Institution in Albumform war für den Mai die Veröffentlichung ihrer – erst – fünften Platte seit dem Debut Free Pop von 1984 – Transgressio Global – und eine Tournee angekündigt. Die Weltenlage machte auch diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung und ein Song wie Panoptical Architects For Empty Streets In A Silent City wird zum ungewollten Soundtrack der Gesundheitskrise. Die nun doch erschienene Platte knüpft überraschend nahtlos an Contra Mudum von 2010 an, selbst die Ausflüge in die Antike und Texte in Altgriechisch, Latein oder Spanisch fügen sich in das von João Peste schon immer geschätzte Mischmasch aus englischsprachigen Slogans und Portugiesisch und traumwandlerisch in das musikalische Amalgam aus Post-Punk, unterkühlten Synthesizerschleifen, Klassik, Folklore, Goth und noch so vieles mehr ein. Peste, schon immer ein vielseits Interessierter und Begabter taucht tief in die griechische und römische Mythologie ein. Dass er bei anderen Songs politisch Stellung zur aktuellen Themen einer aus dem Ruder laufenden Europapoliktik nimmt, ist kein Widerspruch. João Peste und seine Mitstreiter Paulo Monteiro, Zé Pedro Moura und der neu hinzugestossene Schlagzeuger Ricardo Martins sind insofern Solitäre in der Portugiesischen Independent Szene, dass sie den oft praktizierten Spagat zwischen Hitparade und Untergrund mit einigem kommerziellen Erfolg kultivierten und doch immer auch Avantgarde blieben. Die post-revolutionäre Aufbruchstimmung trieb in der Musikszene in Lissabon und Porto viele Blüten, aber selten brachte sie wirklich Eigenständiges hervor. Die Außenseiter aber fanden zuerst bei Pestes Mikrolabel Ama Romanta Unterschlupf, bevor sie ihre eigenen Wege einschlugen und Pionierarbeit für die heute vielverzweigte und wegweisende experimentelle Musikszene Portugals betrieben.
Poesie, Philosophie und vor allem das Hören von vielen, vielen Platten, daraus speist sich das künstlerische Ego von João Peste, der die Einfallslosigkeit und die Austauschbarkeit der Musik der jungen Generation beklagt. ” Ich hatte das Glück in einer Zeit aufzuwachsen, in der die aktuelle Musik immer in die Zukunft wies und jede Band ihren eigenen Stil pflegte. B 52’s klangen völlig anders als Devo, die wiederum anders als Suicide klangen und XTC pflegten wieder einen anderen Stil. Zu jeder Zeit hatte die jeweils junge Generation eine Sprache, eine eigene Musik und eine eigene Einstellung. Heute sind die meisten Dinge und damit auch die Musik unglaublich gleich, charakterlos und damit belanglos. Regression herrscht nicht nur in der Kultur, sondern in der Gesellschaft an sich.”
Zeit und Transgression sind die sich aufdrängenden Themen auf dem neuen Album von Pop Dell’Arte.

Em Creta, von einem Gedicht von Sophia Mello Breyner (Ressurgiremos) inspiriert und in Portugiesisch und Alt Griechisch gesungen, befasst sich mit dem Überschreiten bzw. dem Überwinden der Zeit. Mit dunklem Timbre und von synthetischen Drums und schwerem Bass unterlegt, singen Peste und Cristina Abranches (den Griechischen Part) von der Rückkehr vom Tejo und dem Nil nach Kreta. Ähnlich antik und poetisch geheimnisvoll geht es in Apollo (nach Ovid), Mellitos Oculos Tuos, luuenti, in Lateinisch gesungen oder der Interpretation eines weiteren griechischen Gedichts Egô Désoptron Eien zu. Dabei wissen die Pop Avantgardisten diese Texte und Quellen ebenso meisterhaft zu abstrahieren wie es ein Xenakis in der neuen Musik z.B. bei Kraanerg oder Oresteia gelang. Diese Stücke treffen auf drei kurze Klangkollagen über Pärt, Foucault, Orpheus, die wiederum von skizzenhaften experimentellen “Free Pop ” Songs wie Panoptical Architecture For Empty Streets In A Silent City, In Different Times At The Same Time oder das die poetischen Gedankensprünge auf den Punkt gebrachte Minotaur Meets Picasso in Lisbon in 2084 konterkariert werden. Eindeutige, mit Slogans spielende politische Statements gibt es auch: Sem Nome zelebriert die Geschlechterfreiheit, A New Identity und Anominous, zwischen 2013 und 2015 geschrieben, rufen zum Kampf gegen die von der Troika aufgezwungene und von der damaligen Regierung nur zu gerne unterstützte neoliberale Politik auf. Der bedenkliche Zustand Europas schwingt in den Zeilen dieser Songs mit. El Derecho De Viver En Paz, eine Coverversion von Vitor Jara, transformiert sich zu einem düsteren Abgesang.
Die hypnotischen, die Musik und die anarchistische Freiheit feiernden, immer leicht verpeilten und nicht aufs Erste einsortierbaren Rocker wie Psycho Urban Jungle Rock, Post Romantic Lover und Freaky Dance gehören traditionell auf jedes Pop Dell’Arte – Album und sind ein Markenzeichen der Band.
Die ansonsten zwischen Free Folk und Neuer Musik pendelnde Cellistin Joana Guerra oder der mit der Free Music Lissabons verbundene Saxophonist Rodrigo Amado fügen mit ihren Beiträgen noch zusätzliche Facetten zu.

Ripples

May 26th, 2020

Aksak Maboul – Figures

Das Konzert hätte in einem der derzeitigen Kreativlabors der belgischen Hauptstadt stattfinden sollen: den Ateliers de Claus, im elegant verwitterten Jugendstil-Stadtteil Saint Gilles gelegen.
Die Präsentation des dritten offiziellen Aksak Maboul Albums zum vierzigjährigen Jubiläum musste aus naheliegenden Gründen um unbestimmte Zeit verschoben werden.
Rückblick, Ende der 1970er Jahre:
Trotz nicht unbedeutender Konkurrenz beeinflusste Marc Hollanders Band, die er mit dem späteren World Music- Produzenten Vincent Kenis gründete und sein Label – Crammed Disc – die traditionell offene und heterogene musikalische Szene Brüssels nachhaltig. Kasai Allstars, Konono N°1, Juliana Molina, Bebel Gilberto oder Yasmine Hamdan sind zweifellos die Namen, die für die internationale Ausrichtung des Labels im vergangenen Jahrzehnt standen und deren Musik den Sprung vom Außenseitertum zum Mainstream meisterte. Die sperrigen Urgesteine Tuxedomoon, die jahrelang Brüssel zu ihrem Refugium machten, die Soundkünstlerin Bérangère Maximin, die exzentrische Hermine, Minimal Compact und Aksak Maboul / Honeymoon Killers sind aber mindestens genauso bedeutend für die Labelhistorie.
Die Blaupause für Crammed Discs Onze Danses Pour Combattre Le Migraine von Aksak Maboul erschien ursprünglich aber auf Kamikaze Records, einem Brüsseler Label, das von dem Radio-DJ Marc Moulin mit einem Faible für das Abseitige ins Leben gerufen wurde und … genau für vier Alben existierte. In einer Zeit in den 1970ern als die Sex Pistols gerade begannen das tröge Musikgeschäft mit inszinierter Bad Boy-Attitüde aufzumischen und Munich Disco und bombastischen Prog Rock nach Jahren des Stillstands endlich in die Schranken wiesen, beriefen sich Marc Hollander und Vincent Kenis hingegen auf satieeske Minimalismen, Jazz, osteuropäische Folklore, Neue Musik und you name it. Eine Musik, die melancholisch, verspielt und auf verblüffende Art neu und subversiv klang. Das zweite Album Un Peu de l’âme des Bandits stand dagegen ganz im Geiste des intellektuellen Art Rocks; kein Wunder, spielten doch Mitglieder von Henry Cow und Univers Zero eine prägende Rolle.

Die anschließende Fusion mit der Band von Yvon Vromman und Véronique Vincent The Honeymoon Killers zu einer Avant-Pop-Supergroup ergab sich dann von selbst, erschien doch deren Album Les Tueurs de la Lune de Miel auf Crammed Discs. Die Formation löste sich aber dann nach ausgiebigen Tourneen durch Europa doch vorschnell auf. Hollander komponierte mit Véronique Vincent fleißig neue Stücke, die aber nie fertiggestellt wurden und erst 2014 erschienen (Ex-Futur Album).
Nun also Figures: ein Doppelalbum, das mit Hollander und Vincent als Kerngruppe, verstärkt um die nervösen, hyperaktiven Mitglieder von Aquaserge, Faustine Hollander, Steven Brown, Michel Berckmans und anderen älteren und jüngeren Weggefährten das ganze eklektische Univerum der Band vereint. Figures ist ein Album, das zwar nicht zu neuen Ufern aufbricht, aber die ursprüngliche Idee auf charmanteste Art weiterträgt.
Wie schon beim Ex-Futur-Album gibt die Künstlerin Véronique Vincent, gespeist mit einer nicht zu knappen Dosis Surrealismus, der Literatur der Morderne und einer Menge anderer, oft belgischer, Querverweise eine intellektuelle Version von Lio und Françoise Hardy. Hollanders, so verschachtelt wie melodische Kompositionen sind von Tasteninstrumenten und Drum Programming geprägt, darüber entfalten sich die von Aksak Maboul gewohnten Abzweigungen und Verirrungen und Verwirrungen in alle denkbaren musikalische Stilrichtungen von Belang.
Ein Pop-Album zwischen der eckigen Tradition des New Waves und den frankophonen, poetischen Höhenflügen von Sophie Jausserand und Guigou Chenevier (A L’Abri Des Micro-Climats).

http://www.crammed.be

Kankyo Ongaku / Vanity Records

Die Olympiade in Tokio 1964 bringt Japan zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg und der Katastrophe des US-amerikanischen Atomschlags in positiver Weise zurück auf die Weltbühne. Diejenigen, die schon über ein Fernsehgerät verfügen, können sich neben den sportlichen Wettbewerben auch sprichwörtlich ein Bild davon machen wie sich der Moloch Tokio vom Trümmerhaufen beim Kriegsende zur modernen Metropole neu am erfinden ist.

Die Brachflächen und Lücken im Stadtbild schließen sich Stück für Stück und die Metropole verdichtet sich zu dieser gleichermassen hässlichen wie endlos faszinierenden Mischung aus gesichtslosen
Zweck- neben Prachtbauten, Autobahnausfahrten neben Gassengewirr, breiten Einkaufsstraßen neben schwer zugänglichen Spezialitätenläden in den Hinterhöfen, Tempelanlagen und traditionellen Häusern. Aber die Stadt und das Land sollen auch mit avantgardistischen und visionären Gebäuden bestückt werden. So jedenfalls, wenn es nach den Plänen einer Architekten- und Designergruppe um Kenzo Tange gehen soll. Zur Aufbruchsstimmung passen auch die ikonischen roten Trainingsanzüge mit weissem Nippon-Schriftzug der japanischen Sportler. In den ästhetisch minimalistischen und reduzierten Filmen der japanischen Neuen Welle von Nagisa Oshima und vor allem Kiju Yoshida sind auch die Architektur und avantgardistische Spielformen der Musik wichtige Stilelemente.

Arata Izozaki, Toshiko Kato, Noboru Kawazal oder Kisho Kurokawa fühlen sich beflügelt unter dem Namen Metabolism ihre Ideen von einer modernen Architektur, die sich nicht an statischen, dafür an ständig sich verändernden organischen Strukturen orientiern sollen, gegen die Bedenken einer konservativen Bevölkerung, zu realisieren. Obwohl dann letzten Endes nur wenige Projekte tatsächlich verwirklicht werden – Kurakawas Nakagin Capsule Tower, der Hiroshima Peace Memorial Park oder das Yoyogi National Gymnasium – und viel mehr über Marxismus, Science Fiction und die Veränderung der Welt philosophiert und diskutiert als gebaut wird, beeinflussen die avantgardistischen Pläne von Metabolism auch Stadtplaner und andere Architekten. Das modernistische Juwel namens Hotel Okura oder Tara Okamotos Tower of the Sun zur Weltausstellung 1970 in Osaka sind da nur die leuchtesten Beispiele.

Die wegweisenden Vertreter der Neuen Musik stoßen in dieser Zeit in Tokio und Osaka ebenfalls auf positive Resonanz mit ihren Vorstellungen von zeitgemäßen Kompositionen. Legendär sind die Aufnahmen von den John Cage Tagen – John Cage Shock! – 1961 und 1962, die außer Werken von Cage selbst, Stockhausen, Michael von Biel, Christain Wolff und den japanischen Pionieren Toshi Ichiyanagi und Toru Takemitsu präsentieren.
Die unakademische, aber nicht minder gebildete Underground-Szene zeigt sich außer von den Neutönern in den 1970ern von Brian Enos Ambientalben und dem schrägen Humor Erik Saties, der neben der Schönheit seiner Musik auch mit der Funktionalität der Kunst spielte, z.B. Music For Furniture, inspiriert.
Kuniharu Akiyama veranstaltet zusammen mit seiner Frau Aki Takahashi, beides aktive Künstler der Fluxus-Bewegung, 1975 in Shibuya eine Konzertserie mit Werken von Erik Satie, die in Insiderkreisen sehr angesagt sind und noch Jahre später junge Musiker beinflussen. So berufen sich die unterschiedlichsten Musiker auf Satie und abstrahieren dessen künstlerischen Ansatz – z.B. die legendäre Frauen – New Wave- Band Saboten: Floor et Satie ist eine brilliante, “tongue in cheek” – Hommage an den französischen Visionär des Skurrilen.

Akiyama selbst komponiert schon für die Olympiade 1964 ein Stück, das als Blueprint für die in den 1980ern in Japan populären werdenden Environmental Music gilt. Cage und Satie passen mit ihren Konzepten von Zen, Funktionalität und Innehalten durchaus gut in die japanische Edo- Tradition und zur kaiserlichen Hofmusik Gagaku.
In einer vom Wirtschaftswunder beflügelten Gesellschaft entdecken in den 1980ern selbst große Auto- und High Tech-Firmen ihre Ader für die (abseitige) Kunst und vergeben Auftragsarbeiten an Avantgardemusiker, Designer und Künstler, um Werbespots zu gestalten. Hintergrundsmusik, die in modernen Museen oder öffentlichen Bauten bis zu Departmentstores verwendet wird, hat Konjunktur und musikalisch futuristische Ideen sind nicht nur im Konzertsaal angesagt.

Das vom amerikanischen Light In The Attic-Label veröffentlichte Album Kankyo Ongaku – Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990 kompiliert nun Stücke aus dieser merkwürdigen Phase der scheinbar grenzenlosen Freiheit des musikalischen Ausdruck. Das Doppel-Album enthält Stücke von unter anderem so unterschiedlichen Musikern wie Satoshi Ashikawa, der an Kunst und Design und der Diskrepanz zwischen modernem Lebenstil und der japanischen traditionellen Verbindung zur Natur, interessiert war, dem der Minimal Music verbundenen und für Anime-Soundtracks bekannten Joe Hisaishi, dem aus der Prog-Rock-Szene entsprungenen Masashi Kitamura, der Pianistin Shiho Yabuki, die Tradition mit modernem Synthesizer-Equipment verbindet, dem Tausendsassa Yasuaki Shimizu, der auch eine legendäre LP für die Made To Measure – Serie von Crammed Discs veröffentlichte und nicht zuletzt vom Yellow Magic Orchestra. Heute befinden sich Musiker wie Midori Takada, Hiroshi Yoshimura oder Yasuaki Shimizu überraschenderweise wieder auf der Höhe der Zeit und tragen den Geist, Schönheit, Abstraktion und Vision im Sinne eines künstlerischen Außenseitertums zu vereinen, wunderbar weiter.

Gar nichts mit funktionaler Musik hatte Agi Yuzuru am Hut. Als Herausgeber der legendären japanischen Musikzeitschrift Rock Magazine und Betreiber des enorm einflussreichen, aber ganz im Geist des (Prä-) Punk, kurzlebigen Vanity Records Label (1978-81) kommt es einer kleinen Sensation gleich, dass die von Liebhabern der japanischen Außenseitermusik oft vergeblich gesuchten LPs, Singles und Kassetten nun als Boxen wieder verfügbar sind. Bitter nur, dass Agi Yuzuru vor der Veröffentlichung des mehrere Jahre erarbeiteten Projekts verstarb. In den 1960ern war Agi Yuzuro selbst ein leidlich erfolgreicher Popsänger in Japan, fand aber das Business widerwärtig und versuchte sich – wesentlich erfolgreicher – als Radiomoderator. Im höchst empfehlenswerten Buch von Kato David Hopkins über die japanische Indie-Musik von 1976 – 1989 Dokkiri (Public Bath Press) erzählt er im Interview, dass er seine Sendung sogar völlig selbständig zusammenstellen konnte – unvorstellbar heutzutage – und diese entsprechend mit abseitiger Musik füllte. Als Anhänger der britischen und deutschen Avantgarde-, Prog – und Elektronikbands war er selbstredent auch stark von Brian Enos Ambient-Alben beeindruckt.

Er war wohl der erste, der diese Musik dem aufgeschlossenen Teil des japanischen Publikums nahebrachte. Inspiriert von den britischen Weeklys startete er dann mit Rock Magazine 1976 auch eine Zeitschrift, die eine andere Form des üblichen PR-Musikjournalismus präsentieren sollte. Da er aufgrund seiner relativen Popularität und seines Musikbusiness – Know Hows auch die großen Firmen für Anzeigen gewinnen konnte, war ein Artikel über Lou Reed neben einem Inserat für die Bay City Rollers nicht unüblich. Japanische Musiker waren im Heft seltsamerweise kaum bis gar nicht präsent, erst das Aufkommen von Punk und New Wave und nach Besuchen in New York und London fand ein Umdenken statt.
Agi Yuzuru war weniger an der Attitüde und dem Stil von Punk und New Wave als an der Aufbruchstimmung und dem DIY-Gedanken interessiert. Die Gründung eines eigenen Labels und Idee von einer eigenständigen Szene in der Kansei Präfektur waren dann nur die logischen nächsten Schritte. Die ersten Veröffentlichungen auf dem Vanity-Label, Dada und SAB sind minimalistische, aber sphärische Ambient – Synth – Electronics – Platten, die ganz dem Geschmack des Labelschefs entsprachen und die damals, gerade weil sie sich nicht der aktuellen Mode unterwarfen, der Zeit voraus waren und heute immer noch frisch klingen. Und das sollte auch das erklärte Ziel für die noch kommenden Veröffentlichungen sein. Aunt Sally, die Band von Phew und Bikke, produzierte mit ihrem Debut im Grunde schon den Schwanengesang der noch kaum spürbaren Punks/New Wave-Bewegung in Japan. Immer schon einen Blick in die Zukunft werfend, war Phew nach der Auflösung der Sex Pistols, für die sie als Schülerin alleine nach London gereist war, klar, dass Punk schon Geschichte war. Die Band schlägt auf ihrem Album schon eine experimentellere, new wavigere Richtung ein – einige einschlägigen Coverversionenund gibt es als Zugabe.

Kurz danach löste Phew die Band auf, um sich der elektronischen Musik zu widmen. Agata Morio sprengt mit seiner Veröffentlichung auf Vanity Records ebenfalls das Label-Raster: Ein alternativer Folk-Sänger aus den Sechzigern, der sich aber nie von der Plattenindustrie hatte vereinnahmen lassen, zeigte sich auch auf diesem Album resistent gegenüber neuen Einflüssen. Phew und Morio waren auch die beiden einzigen Künstler, die neben der Großzahl der unbekannten oder anonymen Musiker der Platten so etwas wie Undergroundstars waren. Die anderen Veröffentlichungen: R.N.A. Organism aka Sato Kaoru und Sympathy Nervous dürfen sich auf die Fahnen schreiben, schon 1980 eine proto-elektronische-Tanzmusik kreiert und zuvor vielleicht schon mal von Cabaret Voltaire gehört zu haben; BGM und Sympathy Nervous experimentieren mit reduzierten Synthieschlaufen und Beats.
Yukio Fujimoto aka Normal Brains‘ Lady Maid ist eines der ungewöhnlichsten Alben des Labels. Beeinflusst von Stockhausen, Cage, Cluster bis zu Bowie entdeckte er wie manch anderer in Japan den Korg MS 20 – Synthesizer. Hier komponierte er für die erste Seite Cutting Edge Wave-Electronic – Songs, die durch eine billige Sprechcomputerstimme an Schrägheit gewinnen, nur um die zweite Seite mit einer zwanzigminütigen meditativen Ambient-Komposition zu bestücken.

Die beiden Alben von Tolerance aka Junko Tang sind zwei weitere herausstechende Alben, die gut in die Ambient – Serie von Brian Eno gepasst hätten, insbesondere Anonym offeriert einen brilliant eklektischen Mix und eine Stilvielfalt zwischen klassischer, elektronischer Musik und Versatzstücken des Populären, die auch für das offene Vanity-Raster eher ungewöhnlich ist und die Spannbreite der Musikerin unterstreichen.
Die Wiederveröffentlichung des Vanity Records – Outputs umfasst eine Box mit den 11 Alben und Singles, eine mit 6 CDs, die die obskureren, nicht minder interessanten und nicht von der Labellinie abweichenden Tapes umfasst und ein Sampler mit 2 CDs, der, obwohl wieder andere Musiker als auf den Alben präsentierend und bewusst Verwirrung stiftend, die experimentelle Ausrichtung nochmals auf den Punkt bringt.

Vanity Records Box Set

Light In The Attic