Ripples
July 3rd, 2026
Unearthing The Music – Buch
Rock Rendez-Vous – Música Moderna Portuguesa
Atlantic Mavericks – A Decade Of Experimental Music in Portugal (1982-1993)
La Contra Ola – Synth Wave and Post Punk form Spain 1980 – 86

Rui Pedro Dâmasa, seines Zeichens Sprachrohr der Associação Cultural Out.Ra, die genreübergreifend neben regelmäßigen Konzerten und Filmvorführungen in der ehemaligen Industriestadt Barreiro gegenüber der Metropole Lissabon, auch als jährlicher Höhepunkt das Out.Fest mit internationaler Ausrichtung und eklektischem Programm ausrichtet, initiierte, zusammen mit Alexander Pehlemann und Lucía Udvardypva, das Buchprojekt Unearthing The Music – Footnotes To Sonic Resistance In Non-Democratic Europe 1950-2000. Das fragmentarisch aufgebaute Buch setzt seinen Schwerpunkt natürlich auf die Musik hinter dem “Eisernen Vorhang”, wobei neben Musikern aus der DDR, der Tschechoslowakei, Polen oder der UDSSR auch andere Protagonisten, seien es Journalisten wie Chris Bohn oder westliche Musiker wie Chris Cutler, in Interviews oder Essays zu Wort kommen. Die Diktaturen in Griechenland und auf der Iberischen Halbinsel hatten auf das kulturelle Geschehen einen ähnlichen Effekt von staatlich gewünschter Gleichschaltung und, als Resultat, eine klandestine oder sich andere, subtile Wege suchende, Freigeister von Kulturschaffenden. Ganz im Westen Europas angesiedelt, hatte man in Spanien und Portugal geographisch den größtmöglichen Abstand zu den Staaten des Wasrschauer Pakts, fand sich also in einer nicht unähnlichen Situation, was die freie Meinungsäußerung anbelangt. Nach dem Ende der Diktaturen Mitte der 1970er waren, einerseits Punk und New Wave, aber auch die avantgardistische Jazzszene in Lissabon, probate musikalische Ausdrucksformen, um auf die plötzliche, unerwartete Freiheit zu reagieren, aber auch um mit den teilweise chaotischen Verhältnissen der Nachdiktatur umzugehen.

Ganz nebenbei, auch im Jahr 2026 hat mancher Portugiese (und sicher auch Grieche oder Spanier) den Eindruck, immer noch nicht in Westeuropa angekommen zu sein. Jedenfalls ist der Durchschnittslohn weit unter dem westeuropäischen Durchschnitt angesiedelt, während ein erbarmungsloser Turbokapitalismus auch die Grundbedürfnisse wie Wohnen, Lebensmittel und Freizeit teilweise unerschwinglich macht und zu Verdrängung aus den großen Städten führt.
Zurück in die Vergangeheit: Die damalige Aufbruchsstimmung der Movida-Bewegung in Spanien – vor allem in Madrid – und die Zeit nach der Nelkenrvevoltion in Portugal ist inzwischen tonträgermäßig gut dokumentiert.
Dark Entries – Records stellte eine Kompilation mit Bands zusammen, die zwischen 1980 – 83 im zum Musikklub umgewandelten ehemaligen Kino Universal auftraten. Etwas mythisch verklärt fand im nun Rock Rendez Vous getauften Veranstaltungsraum ein jährlichen Wettbewerb mit naltionalen Musikern statt. Daneben spielte aber auch alles was international Rang und Namen hatte plötzlich auch in Lissabon. Die vertretenen Bands auf dem Album eifern aber eher noch dem Konventiellen nach; vieles klingt noch eher dem klassischen Rockbandkonzept verpflichtet, mit dem einen oder anderen modernen Einschlag.

Es gibt aber auch Ausnahmen: D.W. Art, die später zu Dwart wurden und mit Taipei Disco Ende der 1980er einen Kult-Dancefloor-Hit landeten oder Der Stil mit der Sängerin Ana Luísa und einem spannenden Dark Wave-Sound entwickelten sich zu wichtigen Vertretern der Neuen Portugiesischen Musik und sind sicherlich die Höhepunkte der Zusammenstellung.
Atlantic Mavericks, ein Doppelalbum, das auf dem innovativen spanischen Label Glossy Mistakes erschienen, ist da von ganz anderem Kaliber und deckt sich bei der Auswahl fast mit dem wegweisenden Label von João Peste, Mastermind von Pop D’ell Arte, der auf dem Labelüberblick – dem Doppelalbum Sempre – nach dem Einstellen des Labels praktisch alles, was von Belang war von Mitte bis Ende der 1980er, veröffentlichte. Auf den beiden Alben zieht sich die Spannbreite von Ursgesteinen der improvisierten Musik wie Carlos Zíngaro, Folk-Veteranen, die die Avantgarde entdeckten wie Luís Cília, Elektronik trifft zeitgenössiche Klassik wie Telectu und Vítor Rua, Post-Punk-Experimenten von Linha Geral, SPQR, experimentellem Fado wie Pilar, Nuno Rebelo oder Carlos María Trindade – letztere, ehemals in rockorientierten Bands wie Mler Ife Dada, GNR oder Heroís do Mar und nicht zuletzt Pop Dell’Arte selbst. Mit einem philosophischen Überbau – Neue Frankfurter Schule, Klassiker der Kulturtheorie – veröffentlichte Peste laut eigener Aussage “das, was veröffentlicht werdern musste und niemand anderes den Mut hatte, zu veröffentlichen”. Logischerweiese schlug das kapitalistische System schnell zurück und alles versank nach dem Einstellen von Ama Romanta ersteinmal wieder im Mittelmaß in Lissabon und Porto. Die Szene blühte ab den 1990ern umso vielfältiger wieder auf, unter den vielen unabhängigen Labels und Machern fanden sich ein international wegweisendes Avant-Jazz-Label wie Clean Feed, dessen Sub-Label shhpuma, die Schallplattenläden und Labels Ananana und Flur, das Label und Veranstaltungsteam von Lovers & Lollypops oder idealistische Mikrofirmen wie Favela oder Sirr . Wie alles anfing, kann man auf Atlantic Mavericks nochmals hören und in den kompetenten Liner-Notes von Rui Miguel Abreu lesen.

Die Portugiesen mit offenen Ohren waren trotz aller Abgeschiedenheit während den bleiernden Jahren des Estado Novo immer auch von den britischen Trends beeinflusst; in Spanien dagegen zeigte man sich lange nicht besonders an kulturellen Veränderungen interessiert. Die Movida-Bewegung brachte dann eine junge Garde von Filmregiesseure hervor; die Undergroundszene entdeckte dann als Ausdrucksmittel auch die Musik und Punk. Die “Nueva Ola” entwickelte sich auch genreübergreifend: synthetische Popmusik, Cold Wave, experimenteller Dancefloor, futuristischer Art-Rock wurde meist auf Kassetten wie auch anderswo in Europa in Umlauf gebracht. Esplendor Geométrico oder die Performancegruppe aus Barcelona, die auch mit Musik experimentierte, La Fura dels Baus, errangen einen internationale Bekanntheitsgrad; die anderen Bands, die auf der Kompilation La Contra Ola vertreten sind, kaum. Auch in Spanien waren die meisten Bands der Neuen Welle aber bestrebt, möglichst schnell von einem Major Label einen Vertrag offeriert zu bekommen…und der Rest ist Geschichte.
Ripples
June 28th, 2026
Dagmar Zuniga – in filth your mystery is kingdom/far-smile pleasant in yellow music
Debit – Desaceleradas
Zoh Amba – Eyes Full

New York City bleibt wie seit jeher die Stadt in den USA , in der die Freiheit – und damit auch die Freiheit der Kunst – gegen die faschistischen Tendenzen der zukünftigen Vollstrecker verteidigt wird. NYC ist Wohnort und Lebensmittelpunkt auch für drei außergewöhnliche Musikerinnen, die mit ihren letzten hervoragenden Alben sich sowohl mit Introspektivischem wie Universellem in ihrer Musik beschäftigen.
Dagmar Zuniga wuchs als Tochter einer Nicaraguerin in Miama auf. Die ständige Lärmkulisse in der aufgeweckten Familie und in der Stadt ließ sie, wie sie in einem Interview sagt, zu einer “zwanghaften Archivarin ihres Alltags mittels eines Kassettenrekorders werden.”
Die Kassette, die Dagmar Zuniga als eine Art Travelogue während ihrer Reisen in Norwegen, Griechenland und Georgien (wo sie unter anderem auf einer abgelegenen Schaffarm lebte) akustisch auf einem Tascam Tape Recorder skizzierte und später in Brooklyn, ihrem jetzigen Wohnort, weiter mit Dubs, Feldaufnahmen und Gitarre, Flöte, Casio und Elektronik bearbeitete, bevor sie sie in Eigenregie veröffentlichte, wurde zu einem von Hand zu Hand weitergereichten Geheimtipp. Die propere Veröffentlichung auf dem AD 93 – Label ist also hoch willkommen. So sperrig wie der Titel – in filth your mystery is kingdom/far-smile peasant in yellow music – wirken ihre wohl von Free Folk – Musikerinnen wie Karen Dalton oder Sybylle Baier beeinflussten Songs nicht; durch die subtilen Verfremdungen gewinnen sie aber eine halluzinatorische, psychedelische und völlig zeitlose Qualität. Die Musik scheint fern von allen äußeren akustischen Störungen in einer eigenen, spirituellen Welt innezuhalten; die fein ziselierten elektronischen Komponenten und dronigen Ausuferungen stellen die Songs aber auch in Bezug zur Gegenwart und brechen die nostalgischen Anwandlungen. Wie alle besondere Musik lässt sich die von Dagmar Zuniga nicht einfach entschlüsseln, es schwingt immer eine geheimnisvolle Note mit, sei sie überweltlich, sei sie verstörend oder nur melancholisch, die einen immer wieder zu diesen äußerst merkwürdigen Lullabies zurückkehren lassen.
Delia Beatriz, Produzentin und Musikerin, veröffentlicht ihre Musik unter dem Künstlernamen Debit. Ihr jüngstes Album – Desaceleradas – gräbt das Sub-Genre Cumbia Rebajada, das in ihrer Geburtsstadt in Mexiko – Monterrey – in den frühen 1990ern durch Zufall populär wurde, wieder aus und verschwurbelt es auf ihre ganz eigene Art. Gerüchten zufolge ging dem lokalen DJ Gabriel Dueñez, der eine große Sammlung von Schallplatten mit Tanzmusik von kolumbianischen Einwanderen besaß, bei einer Veranstaltung beim Auflegen beinahe der Strom aus, was die Rhythmen des animierenden Cumbia extrem verlangsamte, beinahe zum Stillstand brachte, aber auch in eine andere Dimension führte, die eine fast transzendente Qualität offenbarte.

Dueñez machte das technische Missgeschick zu seinem Markenzeichen und veröffentlichte zahlreiche Kassetten, bei denen er Schallplatten aus seiner Sammlung in langsamerer Geschwindigkeit abmischte und sie als Mix-Tapes veröffentlichte. Auf den Flohmärkten der Stadt stießen diese auf rege Nachfrage.
Die zwei ersten dienen Delia Beatriz nun auf Desaceleradas als Ausgangsmaterial, um die Musik nochmals zu bearbeiten und sie in eine eigene Richtung zu führen. So bleiben in den dekonstruierten Songs nur noch einzelne Mosaiksteinchen der Originale übrig, die in ihrer Langsamkeit und Verzerrtheit wie ein hautologischer, halluzinatorischer Geistertanz wirken. Nicht unähnlich der Musik britischer Musiker wie The Caretaker oder Philip Jeck, die auch akustisches Material wie abgewetzte Schellacks oder die Töne verblichener VHS-Kassetten verwendeten, um in ihrer Kunst, die Wahrnehmung aufs Glatteis zu führen und in eine sinnliche Qualität der überweltlichen Art zu überführen und doch irgendwie die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, verführt Delia Beatriz den geneigten Hörer in eine Parallelwelt abzudriften.
Zoh Amba, in Tennessee in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, fand früh ihre Berufung in der Musik und Spiritualität. In den Wäldern in der Umgebung übte sie ausgiebigst Saxophon und begab sich auf die Free-Jazz-Pfade von Albert Ayler und Peter Brötzmann – ihre damaligen erklärten Vorbilder -. Die Tzadik-Clique um John Zorn produzierte ihr zweites Album, das ihre charakteristische Unkonventionalität aber vielleicht zu sehr in ein 08/15- Avantgarde- Korsett zwängte.

Das Nachfolgealbum im letzten Jahr für das norwegische Label Smalltown Supersound – Sun – zeigte dann Zoh Amba pur. Als praktizierende Anhängerin der Hindu Advaita Vedanta – Tradition ist es nicht verwunderlich, dass ihre Musik eine Art expressive, verletzliche Innerlichkeit ausstrahlt, immer auch bestrebt scheint, sich dem vermeintlich Göttlichen anzunähern. Das aber mit Mitteln, bei dem auch der Punk-Spirit nicht zu kurz kommt: Auf Sun wechseln sich Stücke für ein klassisches Frezz-Jazz-Quartet mit meditativen Solo-Stücken, bei denen Amba zugleich Piano und Saxophon spielt, ab.
Auf dem vom Konzept abweichenden Champa Flower spielt sie akustische Gitarre im Stil der American Primitives und erinnert an ikonische Figuren wie John Fahey oder dessen Fans wie Ben Chasny und co. und deutet schon die musikalische Richtung an, die sie für das nächste Album verfolgen will. Eyes Full ist nun tatsächlich eine Sammlung von klassichen Songs geworden, die von Menschen am Rand der Gesellschaft erzählen und obwohl die Instrumentierung der Songs – Kevin Hyland, Landon George, Jim White geben die klassische Rockband-Begleitung – weniger progressiv anmutet als die auf ihren Free Jazz-Platten, geben die Einspielung ohne Overdubs, die rohe Interpretation und der Gesangsstil Ambas, deren Stimme immer wieder bricht oder sich überschlägt, das Gefühl einer aufrichtigen Zartheit beim Erzählen der hard luck stories.
Ripples
June 14th, 2026
Glasgow
GLARC
Isa Gordon – 8 Men
Guests – Common Domestic Bird
Gichard – Chins For Lefty
Das Greater Lanarkshire Auricular Research Council – kurz GLARC – ist keine Behörde, sondern ein äußerst innovatives Glasgower Kassetten-Label, das gerade sein zehnjähriges Bestehen feiern kann und wie man dem Namen entnehmen kann, einen sympathischen Hang zum Subversiven hat.
Hier haben inzwischen international angesagte experimentelle Musiker wie das Slow-Core-Jazz-Trio Still House Plants, das griechisch-schottische Duo Able Noise, das surreal-versponnene Projekt der Französin Pauline Marx Le Diable Dégoûtan oder auch Isa Gordon mit Adult ihre ersten Sporen verdient.
Für Letztere, die aus einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in East Ayrshire stammt, ist das quirlige Umfeld von GLARC mit seinen zahlreichen Verknüpfungen in unterschiedliche Szenen und Veranstaltungen eine gute Anlaufstelle in Glasgow gewesen.

Das großartige Album For You Only für das Elektronik-Label Optimo Music passte mit seinen ständigen Genre-Verschiebungen zwischen schrillen Electronics, Außenseiterpop und einem punkigen Geist von nicht-eingeordnet-sein-wollen – Stil gar nicht wirklich in das Raster des Labels, stach aber dadurch umso mehr heraus. For You Only klingt wie eine Kelly Lee Owens auf avantgardistischen, labyrintischen Abwegen.
Das neue Album 8men – eine Kassette – für das Label lostmap aus Edinburgh, bestätigt, dass das freigeistige Denken, das in ihrer Musik tief verankert ist und nicht von einer Form von Orientierungslosigkeit zeugt. Die alten Pop- und New Wave – Tapes ihres Vaters aus den 1980ern, also Bowie, Kraftwerk, XTC etc. haben ebenso ihre Spuren hinterlassen, wie jahrhunderalte schottische Folksongs, mit denen sie in Glasgow im Umfeld der Veranstaltungen von GLARC wieder in Berührung kam und aufsog. Außerdem bleiben aber auch die Produktionstechniken von Grime- und Rapsongs für Isa Gordon eine wichtige Inspiration. Vier Folksongs und vier Coverversionen von Richard Thompson, Lou Reed, Robert Wyatt, Black Sabath, die sie naturgemäß alle stilistisch bricht – Broken Beats, stolpernde Synthieschlaufen, Autotune-bearbeitete Vocals und eine feminine Note geben dem Album einem absolut zeitgemäßen Touch.
Zusammen mit Brighde Chaimbeul und Jayne Dent aka Me Lost Me steht Isa Gordon, jede auf ihre ganz idiosynkratische Weise, für eine experimentelle Musik zwischen Tradition und Zukunftshinwendung.

Guests – Jessica Higgins und Matthew Walkerdine – bereicherte die Glasgower – und die experimentelle DIY – Landschaft im allgemeinen mit dem Debutalbum im vergangenen Jahr, das eine wilde Sammlung von Field Recordings, absurden Textcollagen mit minimalistischer Instrumentierung, die immer wie kurz vor dem Absaufen klangen und natürlich gerade dadurch ihren widerspenstigen Charme entfalteten. Der Nachfolger verfogt ein ähnliches Konzept von schlagfertiger Improvisation und dem Unfertigen. Wie eine Art Anti-Sleaford Mods verkörpern Guests den subtileren, nicht testosterongeschwängerten Geist des Punks. Higgins versucht sich an der einen oder anderen catchy Melodie, nur um dann das Interesse wieder zu verlieren und etwas anderes zu versuchen. Und doch klingt Common Domestic Bird, trotz der beibehaltenen schwachbrüstigen Instrumentierung aus dem Home-Equipment-Sortiment strukturierter als das Debut, was selbstredend noch kein Einknicken Richtung Zugänglichkeit bedeuten soll.

Das Duo Gichard kommt auch aus der schottischen Metropole. Lisa James – Sängerin und Texterin – und Chas Lalli – Gitarre – destillieren auf ihrem Album Chins For Lefty die Garage-Psych-Attitüde von Lallis anderen Bands Dragged Up und VOM und kombinieren diese mit zahlreichen anderen Einflüssen, die die DIY-Außenseiter-Pop-Historie der vergangenen Jahrzehnte gerne als Zitat heranziehen. Suicide, Algebra Suicide, das dritte Album der Velvets oder die frühen Factory-Bands meint man in dem einen oder anderen unterkühlten Riff oder der unwiderstehlichen Synthieschlaufe als Referenz auszumachen. Die Lyrics Lisa James’ konterkarieren die Coolness allerdings dann mit absurdem Humor der schwärzeren Sorte. Zeitlos und gerade durch die Spannbreite und Abwechslung der Songs auch schon ein moderner Klassiker des Genres, gelingt Gichard gleich eine ganze Palette von subversiven Ohrwürmern. Songtitel wie Posthumous Hologram, Cholesterol Test oder Your Private Hell halten dann auch locker was sie im Titel versprechen.
http://www.http://nightschoolrecords.com
http://www.http://worldofechomusic.com
http://www.http://glarc.bandcamp.com
Ripples 2025 revisited
January 7th, 2026
Xexa – Kissom

Seit der Eröffnung im Jahre 2001 ist Flur uneingeschränkt der beste Schallplattenladen in Lissabon für alle Musik abseits des Mainstreams. Zuerst unweit des Bahnhofs Santa Apollonia beheimatet, zog das Ladengeschäft vor einigen Jahren in den Rundbau der Markthalle des Arroios-Quatiers. Eigentlich ein klassischer Stadtteil der Mittelklasse, wo nun natürlich wie beinahe überall in der Stadt der Verdrängunsdruck durch die Gentifizierung stark gespürt wird. Die Crew von Flur ist selbstredend intensiv mit den verschiedenen experimentellen Szenen vernetzt, betreibt nicht zuletzt auch noch zwei wegweisende Labels: Holuzuam widmet sich neuen und verschollenen oder nicht mehr erhältllichen Juwelen der Avantgarde; Príncipe der experimenteller Dance Music, deren Protagonisten oft aus der quicklebendigen lusoafrikanischen Szene Lissabons stammen.
Xexa aka Vanessa Oliveira, Portugiesin mit São Tomesischen Wuzeln, veröffentlicht nun nach ihrem Debut Vibrações de Prata (2023) auch den Nachfolger Kissom auf Príncipe.
Beide Alben klingen für das Labelraster ziemlich ungewöhnlich, spielen bei den Kompositionen zwar Rhythmen eine zentrale Rolle, aber meist in abstrakter Form, sodass sie für den Tanzboden-Gebrauch eher ungeeignet scheinen. Xexa wuchs in der Peripherie Lissabons in einer musikalischen Familie auf, begeisterte sich selbst früh für alles Tönende. Die Musik, die zum Teil zuhause bei Festen gespielt wurde und die sie mit neun, zehn Jahren schon nebenbei mitbekam wie DJ Nervoso oder DJ Marfox, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich hörte, begegnete ihr wieder als sie mit Príncipe in Kontakt kam und bemerkte, dass diese auf dem Label erschienen waren. Wichtig für Xexas zukünftigen musikalischen Werdegang waren dann auch Kurse am Konservatorium der Sociedade Euterpe bei Vila Franca de Xira, auch um zu merken, dass das klassische Musikstudium nicht das ihre ist. Online suchte sie dann nach der besten Schule für elektronische Musik, wurde in London fündig und an der Guildhall aufgenommen, wo sie vier Jahre in Sonic Arts ausgebildet wurde.
Die zwölf Songs von Vibrações de Prata lassen sich dann auch wie eine Art Rückblick auf diese Zeit hören. Die ruhige, puzzleartig zusammengesetzt wirkenden Musik aus Stimme, Synthesizern, Klarinette oder Piano ist in ein elektro-akustisches Gewand gebettet und bleibt auf sympathische Weise rätselhaft.
Kissom ist die logische Weiterentwicklung des Erstlings und ein hervorragendes elektronisches Album, auf dem wiederum zahlreiche Einflüsse miteinander verwoben sind und sich persönliche Erlebnisse in abstrakter oder poetisch verschwurbelter Form finden. Synthetisch und organisch zugleich kann man hinter dem Vorhang von geschredderten Synthesizer-Sound-Splittern, dem verblassten Nachhall eines Kizomba-Liedes und dem ätherischen Gesang Xexas der Fantasie freien Lauf lassen und versuchen die musikalischen Rätsel zu lösen : Küsse den Klang (Kissom)! soll das Motto sein.
Sei Miguel (1961 – 2025)

Der kürzlich verstorbene portugiesische Komponist und Trompeter Sei Miguel blieb in der experimentellen Musiklandschaft zwar immer ein Geheimtipp, hatte aber nichtsdestotrotz einen prägenden Einfluss auf mehrere Generationen von Musiker und Genres. Eine progressiv verlaufende Muskelerkrankung verunmöglichte ihm zuletzt das Spielen der Taschentrompete; seinem bevorzugten Instrument. Bei seinen letzten Auftritten – zusammen mit Fala Mariam und Daniel Levi – spielte er Perkussion.
Sei Miguels Vita ist nicht unähnlich anderer portugiesischer Familien, die während den langen bleiernden Jahren der Salazar-Diktatur das Weite suchten. Geboren in Paris verbrachte er die Kindheit in Brasilien, entwickelte seine Begabung für das Zeichnen und Illustrieren, was später, nachdem er zuerst nach Paris zurückkehrte und dann nach Lissabon übersiedelte, auch sein wichtigster Broterwerb wurde. Seine Art Musik zu spielen passt irgendwie dazu. Gestalterisch suchte er in seinen Kompositionen die totale Stille, Melodie und Erzählerisches zu vereinen. Zugänglich und abstrakt zugleich treffen sich Chat Baker und John Cage, zwei seiner Vorbilder, zum visionären Stelldichein. Sei Miguels ungewöhnliche Musik der konsequenten Strenge, sehr viel Raum und Freiheit; nicht Jazz, nicht Neue Musik, schon gar nicht Rock, interessierte naturgemäß nur eine kleine, aber treue, Minderheit. Schon 1988 gewann João Peste, Mastermind der legendären Pop Dell’Arte, Sei Miguel
für eine Veröffentlichung auf seinem leider kurzlebigen Label Ama Romanta; das alles, was damals als Geheimtipp in der musikalischen Subkulturlandschaft Portugals gehandelt wurde, versuchte zu promoten.
Manche brachten es wie Anamar, Telectu oder Nuno Rebelo dann später tatsächlich zu hochkulturellem Ruhm. Sei Miguel veröffentlichte in großen zeitlichen Abständen, aber kontinuierlich seine Musik, begleitet von den wichtigsten Musikern der lebendigen Lissaboner Jazzszene wie Rodrigo Amado, Pedro Lourenço, Margarida Garcia, César Burago, Rafael Toral, Manuel Mota und als treueste Weggefährtin, die Posaunistin Fala Mariam.
Half Asleep – The Minute Hours / Les Heures Secondes

Valérie Leclerqu meldet sich nach langer Veröffentlichungs – nicht Schaffens – Pause mit einem neuen Album ihres Langzeitprojekts Half Asleep , diesesmal für das Lausanner Label three:four, zurück. Die miteinander eng vernetzte musikalische Außenseiterkulturszene von Brüssel und Paris sorgt auch auf dem gewohnt ambitionierten Les Heures Secondes, vor allem mit Chor – und Streicher-Arrangements, für die Spannbreite der, teils obskuren, Einflüsse und Quellen bei. Weltabgewandt und melancholisch waren ihre Songs immer schon, die früheren Anleihen von Slowcore-Bands wie Slint oder Low sind aber schon lange zugunsten purer Poesie und gewagter Stilwechsel gewichen. Emily Dickinson trifft auf auf mittelalterliche Mystik und karge zeitgenössische Avantgarde. Die Dramaturgie von experimenteller Musik, ein ironischer Seitenhieb auf die verknorzt akademische Theaterszene, Sprechgesang mit Free Jazz – Anleihen unterlegt lassen an “Rock In Opposition” – Bands wie Etron Fou oder Aksak Maboul denken; federleichte Folksongs und die Schönheit von klassischen Gitarren – und Pianominiaturen gehen dann wieder in eine ganz andere Richtung und machen Les Heures Secondes in seiner Vielfalt zu einem außerordentlichem abwechslungsreichen Album im Kosmos unterschiedlichsten Melancholieschattierungen.
three:four records
Milan W. – Leave Another Day

Vielleicht kennt man den Antwerpener Milan W. eher als Tausendsassa aus der Welt der elektronischen Instrumentalmusik und als Produzent; Leave Another Day ist dagegen ein fast schon klassisches Songwriteralbum und nicht weniger als ein kleiner Geniestreich. Die zwölf Songs drehen sich – auch ganz klassisches Thema- um die Irrungen und Wirrungen einer schmerzhaften amourösen Beziehung. Milan M. ist ein Meister der Arrangements und Dramaturgie. Die Musik atmet mehr als einen Hauch Post-Punk-Spirit der ätherischen Art. Bands wie Felt oder Blue Orchids kommen einem in den Sinn, sophisticated und sympathisch neben der (Szenen-) Spur. Leave Another Day zelebriert die Atmosphäre eines alleine verbrachten regenverhangenen Tages, indem Melancholie und Aufbruchstimmung Hand in Hand gehen können. Ganz nebenbei setzen sich die zwölf Songs als subtile Ohrwürmer im musikalischen Gedächtnis fest. Normalerweise spielt Milan W. auf seinen Produktionen beinahe alles selbst; hier bekommt er Unterstützung von Martha Maieu (Vocals), Anse Kuyl (Oboe) und Michael Lamiroy (Violin), was der Musik eine zusätzliche Facette gibt.
Stuart Moxham – Winter Sun

Für einen begnadeten Songwriter wie Stuart Moxham muss die Last der Vergangenheit manchmal wohl ziemlich erdrückend sein. Unweigerlich wird bei der Erwähnung seines Namens das 1980 erschienene einzige Album seiner damaligen, kurzlebigen Band Young Marble Giants als Vergleich herangezogen.
Colossal Youth war zweifelsohne ein singulärer Geniestreich; ein Album, das bis heute als Blaupause für nicht wenige andere neugegründete Bands herhält. Doch seitdem ist viel geschehen und mit The Gist (Embrace The Herd) und seinen, zugegeben nur sporadisch veröffentlichten Solo-Alben blieb Stuart Moxham immer eine Referenz. Die ebenfalls auf Tiny Global erschienene Zusammenstellung mit früheren, unveröffentlichten Songs Fabsstract, die zwei mit Louis Philippe eingespielten Alben oder Fine Tuning bezeugen sein ungebrochenes Talent zeitlose sophisticated Songs zu schreiben, die im Gedächtnis bleiben.
Der Albumtitel Winter Sun spiegelt die Stimmung der Musik auf perfekte Weise. Die Songs wurdern im Headquarter von Tiny Global Productions in Spanien mit dem Produzenten und Musiker Dave Trumfio (American Music Club), seinem Bruder Drew und Aaron Bakker aufgenommen. Diverse Unterbrüche aufgrund gesundheitlicher Probleme (ja, die Punk-Generation ist nun in diesem Alter) taten dem Eindruck eines ausgefeilten, einheitlichen Albums keinen Abbruch. Die Produktion klingt demzufolge ein wenig weniger Low-Fi-ig und eine Spur abgerundeter als gewöhnlich, trotzdem läuft Stuart Moxham keine Gefahr, seinen Ruf als großes Talent, das zeitlebens unter dem Radar der Öffentlichkeit geblieben ist, zu verlieren. Mit zum Beispiel Cottonmill Lane, A Different Day, State of Penitentiary oder Before We Prayed finden sich auf Winter Sun wieder diese spartanischen, eleganten Songs, die man nach ein paar Mal hören nicht mehr vergisst. Stuart Moxham war laut einem Statement von der letztlich für seinen Geschmack zu perfekten Version des Albums zuerst etwas irritiert; die Rohversionen der Songs gibt es als Vergleich beim Erwerb des Albums beim Label als Bonus.
Ripples
March 31st, 2025
Nina Garcia @ Méteo Festival 2024
Maria Bertel / Nina Garcia – Knaekket Smil
Venediktos Tempelboom – Syne Vuyle Hoeck
Maibaum – Sumer is Icumen In
Frituuur – Aconcagua
Eve Aboulkheir – Hypnagogic Walks
Aya Suzuki- Winged Seeds
Delphine Dora – The Great Passage
Clara Levy – outre – nuit

Nina Garcia, Pariserin, ist beim Méteo-Festival in Mulhouse eine gern gesehene und geschätzte Musikerin. Für die Aufführung des Stücks De haut en bas, de bas en haut et latéralment, das gemeinsame Projekt mit dem Perkussionisten Romain Simon, der Choreographin und Tänzerin Anna Gaïotti und bildenden Künstlerin Jennifer Caubet, bot sich der Mulhouser Kulturtempel La Filature als idealer Ort an.
Im verdunkelten kleinen Konzertsaal der Filature kann man nur die angestrahlten Skulpturen von Caubet und die Konturen der Künstler erahnen. Das Stück vereint Konzert und Choreographie, spielt musikalisch die klassische Dramaturgie von kaum Hörbaren bis berstenden Noise und zurück zur Stille; bereichert und interpretiert von der sich von bizarrer starrer Pantomime in Ekstase performenden Anna Gaïotti.

Noch kompromissloser geht es auf dem Album von Nina Garcia mit der dänischen Posaunistin Maria Bertel zur Sache. Von Musik auf leisen Sohlen keine Spur; auf dem Album Knaekket Smil (Kraak) pusten die Beiden dem geneigten Hörer mit intensiven, bis auf das absolut Wesentlichste reduziertem Instrumentarium und schillerndem Lärm der Kategorie Oberton die Ohren frei. Da werden vor dem Haus gar die bemitleidenswerter Stadtangestellten mit ihren leidigen Laubbläsern abwechselnd blass vor Neid und rot vor Zorn. Lässt man sich auf das Album von Nina Garcia und Maria Bertel ein, entdeckt und begeistert man sich nach und nach für diese geniale Mischung aus New Wave, Free Jazz, Punk und reinem Noise.

In ähnlich melancholischen Fahrwassern wie Razens’ Ameel Brecht auf seinem Solo-Album Polygraph Heartbeat oder die frühen Ignatz-Veröffentlichungen bewegt sich Benoit Monsieurs aka Benediktos Tempelboom auf seinem zweiten Album (nach dem Tape Het Vuil Volkske) für Kraak.
In den Weiten Flanderns ist man den “primitive American” – Pionieren scheinbar näher als irgendwo sonst in der Welt. Mit seiner 12-Saitigen erschafft Monsieurs atmosphärisch – dichte Klanglandschaften, die auf verfüherische Weise Einsamkeit, Weite und Düsternis atmen und einen tief in eine transzendente Meditation von Drones, acid-getränkten Folk verschwinden lassen. Pure Magie!
Der Franzose Quoté Thirionet dockte vor einigen Jahren an die gut vernetzte Off-Stream-Szene von Brüssel und Ghent an, spielte dort in unterschiedlichsten Bands (Dhavali Giri, Pairi Daeza) und hielt sich mit Jobs in Fabriken finanziell über Wasser. Das Interesse für Botanik führte Thirionet nun aber zurück ins franszösische Hinterland, wo er nun Heilpflanzen für die Medizin anbaut und in Sachen Musik auch zu so etwas wie ein Gärtner wurde. Sein eigenes Label Echotape lebt von spontanen Veröffentlichungen und unerwarteten Resultaten mittels Improvisation; Sumer is Icumen In ist in irgendwie das genaue Gegenteil: das Album ist über einen längeren Zeitraum aufgenommen und gemixt worden und erscheint auf drei Labels gleichzeitig.

Eigentlich spielte Thirionet in einem früheren Leben Klarinette, Piano, Banjo, Gitarre, Flöte und baute selbst Instrumente und all diese Komponenten fließen immer noch in seine Musik ein, die aber nun gänzlich mit einem Kassettenrekorder, einem Sequenzer und Samples gespielt ist.
Seine Affinität für Paganismus und traditionelle Folkmusik, insbesondere die britische, bricht sich Bahn in den verschwurbelten Montagen seiner Songs, fein-eingeflochteten Melodien, immer mit einem Akzent Mystizismus und nicht zuletzt im Namen Maibaum (da ist er dann auch nicht weit weg von den deutschen Protagonisten dieser Neo-Mythen-Szene wie Baldruin, Brannten Schnüre und Läuten der Seele).
Die zwischenzeitlich oder noch im Brüsseler Exil lebenden Südamerikaner Nicolás Caracavilla, Pablo Picco und David Jarrin Zabala entschlossen sich während der Covid-Zeit in guter alter Tauschmanier, das heißt, mittels hin-und her schicken von musikalischen Ideen und gegenseitigem Ergänzen, ein Album zu produzieren. Die Kassette Frituur Aconccagua (die Mélange des höchsten Punktes des amerikanischen Kontinents mit dem belgischen Nationalgericht) passt perfekt in das Universum von Kraak; eine kongeniale Verbindung von unterschiedlichesten Einflüssen abseits allem Gängigen. Wie ein experimentelles Radiohörspiel aus einer anderen Zeit, in dem Kurzgeschichten akustisch dargeboten werden, taucht man schnell in einer Klangreise durch unentdeckte Gebiete ab.
Titel wie Liana Del Anima, El Chacal de Xrambaso oder Confesiones de un Challualagarto versprechen nicht zuviel und das Instrumentarium der Musiker weist neben dem Standard-Outfit wie Synthesizer, Sampler oder Gitarren auch unter vielem anderen Flöten, Gamelan, Trompete, Mandoline, Feldaufnahmen, Schallplatten auf.

Ritualistisch-anmutende Zeremonien, von Gitarren und Feldaufnahmen getragener Free Folk lassen einen in rätselhafte Straßenszenen irgendwo in der Welt versinken, Urwälder durchstreifen oder verloren im Weltraum schweben. Musikalisch verwandeln sich psychedelisch aufgeladene und geschredderte Melodiefetzen in versteckte Ohrwürmer einer anderen Dimension.
Der Albumtitel Hypnagogic Walks beschreibt die unkonventionelle Musik der jungen Quereinsteigerin Eve Aboulkheir, die in Nizza an der Schule für Feine Künste studiert hat, ziemlich gut. Ähnlich wie ihre ebenfalls französische Zeitgenössin Bérangère Maximin ist in ihren Kompositionen vieles möglich, was die gewohnten Rahmen elektroakustischer Musik wie man sie kennt, sprengt. Die akusmatischen Tonlandschaften, die Aboulkheir mit elektroakustischen Manipulationen und modularen Synthesizern kreiert, klingen wie spukhaft aufgeladene Odyseen durch trübe Gewässer oder einsame Expeditionen im All, manchmal geht es aber in ihren abstrakten Travellogues auch irdischer zu, sind ihre Kompositionen doch teilweise auch von ihren Reisen inspiriert.

Aya Suzuki hat es, nachdem sie sich schon im jungen Alter mit Musik befasste und später an der Toho Gakuen School of Music studierte, nach Belgien verschlagen, wo sie einige bemerkenswerte Stücke solo oder mit Ensembles einspielte. Das Album Winged Seeds für Kraak bietet so etwas wie einen profunden Überblick über ihre Variabilität in Sachen Perkussion. Beim Hören der sechs melodisch bis spröde anmutenden Kompositonen für Vibraphone, Auphone, aber auch für vier Topfpflanzen und Sprechen, lassen die chaotisch-beschleunigte Welt für 45 Minuten innehalten und schärfen die Sinne für die verloren geglaubte Schönheit des Daseins und der Welt.
Einzigartig und von unvergleichbarer Exzentrik sind die Veröffentlichungen von Delphine Dora schon seit den Anfängen mit Kassettenveröffentlichungen. Als wichtiges Bindeglied fungiert sie auch zwischen den überaktiven Off-Stream-Szenen aus Nordfrankfreich und Brüssel. Le Grand Passage bezieht sich auf Simone Weil und, konkret, ihre mystischen Erlebnisse, die idealerweise eine Brücke zwischen dem Menschsein und der Göttlichkeit mittels Meditation bauen sollen. Mit Piano und Stimme und teils erfundender Sprache ist Delphine Dora auf den acht Songs, die wie fragil-sinnliche Mantras anmuten, auch auf der Spurensuche nach einer eigenen Transendenz und verknüpft die Stimmung eines dunklen Mittelalters mit dem noch dunkleren Jetzt.

Vergleichbar mit Laura Cannells The Rituals Of Hildegard von Bingen bekommt man eine jeden Kitsch missachtende fesselnde Musik unterbreitet, die das Nebenbeihören verbietet. Das konsequent am richtigen Ton Vorbeisingen Delphine Doras ist dabei nur ein Markenzeichen, das ihren Status in den Kreisen der Außenseiterkünstler unterstreicht.
Das Album der in Brüssel wohnenden Französin Clara Levy für das Subrosa-Label bietet eine idiosynkratische Zusammenstellung ihrer musikalischen Vorlieben und soll in einer Welt der kompletten, sinnlosen Überreizung ein Angebot für ein intensives Abtauchen mit der Suche nach dem Inneren des Tons sein.

Als Violinistin mit mehreren Ensembles für Neue Musik zusammenarbeitend – Onceim, Ictus oder Hanatsu Miroir – und auch in Improvisations-Projekten beteiligt, hören wir hier Hörmeditationen der besonderen Art mittels Interpretationen von zentralen Stücken der Neuen Musik: Giacinto Scelsi, Kaija Saariaho, Erika Vega, Eva-Maria Houben und auch zwei eigenen Kompositionen.
