Ripples
July 3rd, 2023
The Orielles – Tableau
The Orielles – Live At Stoller Hall Manchester
Joanne Robertson – Blue Car
Annelies Monseré – Mares
Delphine Dora – As Above, So Below
Esben & The Witch – Hold Sacred
Viele in diesen Tagen veröffentlichte Produktionen sind in den diversen Lockdowns der Pandemiezeit in Isolation komponiert und aufgenommen worden und klingen wie eine Nachhall dieser beklemmenden Zeit, die aber andererseits auch die Kreativität zu beflügeln schien. Unötig zu sagen, dass die sich mit den dunkleren Themen des Lebens auseinandersetzende Musik auch gut in das Jahr 2023 passt.
Vegleichbar mlt dem Liverpooler Frauen-Trio Stealing Sheep zeigen die ursprünglich aus Halifax, tief in Yorkshire, stammenden The Orielles eine erstaunliche musikalische Entwicklung – und Wandlungsfähigkeit, vom “intergalaktischen Hyper-Pop” auf ihrem Debutalbum zur Leftfield-Band mit offenem Visier in alle Richtungen.
Noch quasi im Teenageralter erspielten sich Sidonie Hand-Halford (Schlagzeug), Esmé Dee Hand-Halford (Bass, Gesang) und Henry Carlyle Wade (Gitarren, Gesang) mit ihrem aus der Zeit gefallenen melodischem Indie-Pop mit Shoegazer-Anleihen eine treue Anhängerschaft aus Nostalgiern und Frischlingen.
Die Verlegung der Homebasis nach Manchester und die inspirierenden Begegnungen mit den florierenden musikalischen Subkulturszenen der Stadt und darüber hinaus – Salford, Blackburn, you name it… – zeigte dann schnell Wirkung: Auf den nachfolgenden Alben Disco Volador und La Vita Olistica (der Soundtrack zum eignen Film. Ja, man zeigt sich vielseitig und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt) lassen sich schon neue und gewagtere, aus dem Indie-Kosmos ausbrechende, Ideen in ihren Songs heraushören: Dancefloor,- Krautrock-, Jazz-Punk-, 70s Disco-, Tropicalia- und psychedelische und elektronische Verschwurbelungen aller Art mischen sich in die weiterhin als catchy, sophisticated Popsongs angelegte Musik. Die diversen Lockdowns während der Pandemie verhinderte zwar La Vita Olistica auch vor Publikum präsentieren zu können, gab der Band allerdings auch die Möglichkeit ausführlich über neue Projekte nachzudenken.
Mit dem aktuellen Doppel-Album Tableau wagen sich The Orielles nochmals einige Schritte in bislang unbekanntes Terrain vor. Anleihen an Kunsttheorien, die von Eno und Peter Schmidt entworfenen Oblique Strategies und den Geist der großen Free Jazzer sind nur einige Einflüssen, die auf Tableau zum tragen kommen. Die Songs klingen dann aber alles andere als akademisch-verkopft; das Trio hat eine traumhaft stilsichere Mischung gefunden, die Improvisationen, Streicherarrangements und ihr Gespür für den perfekten Popsong in Einklang bringen. Unbedingt empfehlenswert ist auch das Tape mit einer Liveaufnahme in der Manchester Stoller Hall, ein Auftritt, der vom Plattenladen Picadilly Records und mit symphonischer Unterstützung des Northern Session Collective nochmals ein anderes musikalisches Licht auf das Repertoire der Band wirft.
Ähnlich wie die auch in einer englischen Hafenstadt aufgewachsene Teresa Winter wurde Joanne Robertson in Blackpool durch Punk bzw. dessen Ausläufer sozialisiert. Was sie neben der Malerei nun vor allem macht, ist, in Lyrics gekleidete Momentaufnahmen, die aus ihrem Tagebuch stammen könnten, in suggestive, tief von der britischen Folktradition inspirierte Songs zu übersetzen (im Gegensatz zur erwähnten Teresa Winter, die Grenzbereiche zwischen Elektroakustik und dekonstruierten Post-Rave auslotet).
Wie schon auf Painting Stupid Girls, das auf dem Label des befreundeten Hype Williams erschien, sind das mit einer halbakustischen Gitarre gespielte, rauhe, meist bewusst unfertig wirkende Stücke, die im privaten Rahmen aufgenommen wurden. Das Rauschen und andere Störgeräusche sind wohl Stilmittel, um neben Intimität eine Aura von Verlorenheit und Einsamkeit zum Ausdruck zu bringen. Auf dem aktuellen mit dem mobilen Telefon aufgenommenen Video zum Titelsong Blue Car läuft Joanne Robertson durch menschenleere Hotelgänge und Einkaufspassagen, inspiziert ihr Zimmer und sich im Spiegel des Bades in einem Anti-Selfie-Style. Anstatt gestellt-bemühte Fröhlichkeit und das Protzen mit einem großen Freundeskreis sieht man nur das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Blue Car ist eine Huldigung der Introspektion. Der durch die Aufnahmetechnik manchmal betont verwaschen wirkende Gesang und die fragil-schrägen Gitarrenmelodien transportieren eine spukhafte Stimmung, die den geneigten Hörer unweigerlich in den Bann ziehen kann.
Annelies Monseré bewegt sich im weitesten Sinne im gleichen Fahrwasser wie Joanne Robertson, wobei die multibegabte Musikerin aus Ghent ihre Wurzeln im Slow Core, also der introvertierten Variante des Grunge hat.
Auf ihren Alben entdeckte sie aber zunehmd die experimentelleren Formen der europäischen Folktraditionen, die als Inspiration und eine dunkelschillernde Musik, die immer auch mal in Drones münden, zutage bringt. Kollaborationen mit unterschiedlichen Musikern aus dem Off-Stream-Spektrum wie Steve Marreyt im Duo Distels oder Luster ließen in den letzten Jahren ebenso aufhorchen wie ihre Solo-Alben und Live-Auftritte. Die komplexen Songs auf ihrem aktuellen Album Mares, das Kindheitserinnerungen von Ausflügen ans Meer, die aufgrund der Zeit von anderen Geschehnissen überlagert oder verblasst sind, als zentrales Thema hat, klingen trotz aller Ausgefeiltheit – die Aufnahmen entstanden über eine lange Zeitspanne von 2017-2022 – und Fragilität roh und düster.
Delphine Dora zeigt sich auch nach der Veröffentlichung ihres bisherigen Meisterwerks L´inattingible (three four records) umtriebig wie eh und je. Neben Konzerten an ausgesuchten Orten sind ihre Alben auf verschiedene Labels verstreut, so daß es nicht gerade einfach ist, einen Überblick zu behalten. Beliebig ist ihre Musik allerdings nie. Die ihr eigene Spontanität und Neugier bringen imnmer wieder unerwartete Facetten hervor. Im Gegensatz zum durchkomponieten Album L`inattingible, auf dem das ganze Spektrum ihres künstlerischen Umfelds mitwirkte und das als eine Art Zwischenbilanz betrachtet werden kann, bekommt man es bei As Above, So Below mit Delphine Dora pur zu tun. Fasste L ´inattingible alle ihre Interessen, sei es Chanson, Stücke für Orgel Solo, Poetry, Field Recordings oder Folk zusammen, überrascht sie auf As Above, So Below mit einem Konzeptalbum, das um ein deutsch und französisch vorgetragenes Gedicht von Novalis Cantique Spirituel kreist.
Rätselhaft abstrakte, spirituell angehauchte Piano-Miniaturen erinnern entfernt an die Saties Rosenkreuzer-Kompositionen. Vernebelte Gesangparts, im Hintergrund hört man Straßengeräusche, entfernt Gespräche; Naturaufnahmen von Vögelgesängen, Wind und Regen. Und alles zusammen bildet die perfekte Atmosphäre, um innerlich zwischen intimer Schönheit und mittelalterlichem Spuk hin- und her zu pulsieren.
Das Trio aus Brighton Esben & The Witch– Rachel Davies, Thomas Fisher, Daniel Copeman – das seit 2008 für eine ganz eigene musikalische Variante aus Goth, Shoegaze, Soundscapes und experimentellem Rock steht, hat sich vor einigen Jahren wie so viele andere in Berlin niedergelassen. Für die Entstehung ihres bislang fünften Albums Hold Sacred quatierten sie sich aber wie üblich an abgeschiedenen Orten ein, wie in den Linernotes zu lesen ist: Außerhalb Roms, an der Atlantikküste bei Porto, auf dem Land in Frankreich und Deutschland, um genau zu sein.
Dort fand man offenbar auch einen spirituellen Zugang zur Natur, die bei einer Band, deren Namen sich ja auf eine dänisches Gruselmärchen bezieht, immer auch eine übersinnliche Komponente vermuten lässt. Die früheren teilweise epischen Songs mit dramatischen Spannungsbögen sind auf Hold Sacred kürzeren, überwiegend einem leiseren Klangspektrum zuzurechnenden gewichen. Der markante Gesang der Bassistin und Texterin Rachel Davies ist der zentrale Kern dieser trotz Dislokation durch und durch britischen Musik, um den Gitarre und Keyboard die verschachtelten Songs ausgestalten.
http://www.joannerobertson.bandcamp.com
http://www.annelies-monsere.net
Ripples
February 11th, 2023
Firmaet Forvoksen- Undone Shal
Bloedneus & De Snuitkever – Milli Milli
Aus der auffällig vielseitigen musikalischen Szene in Stavanger kommt nach der sperrigen Solo-Platte von Gaute Granli für Ultra Eczema ein weiteres Beispiel der Kategorie Unanhörbarkeit mit Ohrwurmcharakter. Diesesmal konnte Granli Thore Warland als ähnlich veranlagten kompromisslosen Weggefährten gewinnen. Unter dem Bandnamen Firmaet Forvoksen spielen sie eine Musik, die manchmal wie eine aktualisierte Version des unbestrittenen Meilensteins von The Residents – Eskimo – klingt, denn die Fake-World Music-Songs widmen sich mit ähnlich musikalischen Mitteln den kargeren Landschaftsteilen Norwegens. Steife Winde jagen über die Tundra, ein undefinierbarer, klagender Singsang beschwört und besänftigt die Naturgeister, exzentrisches Gitarrengezupfe und rituelle Trommeleien vereinen sich zu einem alchemistisch bis zäh-dichten Klangteppich, der, mit Synthesizer-Noise angereichert, und psychedelisch verschwurbelt ständig Gefahr läuft, ins Chaos abzustürzen, dann aber doch immer wieder die Kurve bekommt und beweist, dass der Wahnsinn immer auch Methode haben kann.
Das beiliegende Poster, das Granli und Warland beim Ausritt vor einem norwegischen See zeigt, lässt uns noch mehr rätseln.
Lukas De Clerck hat sich für seine Experimente der musikalisch-transzendenten Art dem alt-griechischen Aulo als Instrument seiner Wahl verschrieben. Als Kontrast zu dem sanften Flöten, mit denen das Aulo laut Wikipedia fälschlicherweise assoziiert wird, geht es hier phasenweise laut und fast Dudelsack-Oberton-mäßig zur Sache.
Bloedneus & De Snuitkever als Künstlername kann auch wahrscheinlich nur einem Belgier einfallen und mit seinen feedback-nachhallenden Kompositionen auf der Milli Milli – LP lotet er das Klangspektrum der Kirchen, in denen die Platte aufgenommen wurde, nochmals neu aus. Das klingt als Gegensatz zum dronigen Part auch zwischenzeitlich irrlichternd-melancholisch und vortastend. Die nicht ganz unbekannten Pfade, die Lukas De Clerck mit der Verbindung von alter und neuer Musik beschreitet, passt perfekt in das Kuriositätenkabinett des Labelkatalogs von Kraak.
Ripples
November 14th, 2022
Tall Dwarfs – Unravelled 1981 – 2002
Nach dem Urschrei des Punks verschwanden die größten musikalischen Übel der 1970er- Jahre – Bombastrock und Disko – ersteinmal aus der Musikpresse, dem Radio und Fernsehen. Die schrägere Fraktion der nachfolgenden New Wave – oder Post-Punk-Bands experimentierte mit allem, was ihnen zur Verfügung stand, vermischte zuvor undenkbare Genres und ließ Neues entstehen. Die Säulenheiligen des Art-Rocks und damit Vorbild für das meiste, was in den wilden Jahren zwischen 1978 und 1982 produziert wurde, war aber trotzdem eine Band aus den 1960ern Jahren : The Velvet Underground. Deren Coolness und Singularität war zwar kaum zu erreichen, aber die vier Alben, die soviel Einfluss haben sollte, verkauften sich zur aktiven Zeit der Band auch nicht gut. Die Düsternis und Verschrobenheit, die die Musik der New Wave-Bands dieser Zeit ausstrahlte und verkörperte, wurde dann aber bald wieder vom Synthiepop, den New Romantics, einer aufdringlichen Ichbezogenheit und die Rückkehr zum banaleren Hedonismus abgelöst.
Und dann bekam man in der Spartensendung des favorisierten öffentlich-rechtlichen Radios plötzlich eine Vielzahl unglaublich guter Bands aus Neuseeland zu hören, die die “reine Lehre” (VU) noch linientreuer zu verinnerlicht zu haben schienen und trotzdem alle irgendwie wie aus der Zeit gefallen und eigen klangen. Jedenfalls ließ sich dadurch die sich androhende Durststrecke noch etwas herauszögern. Die intellektuell-angehauchten Verlaines, die rockigen Clean, die neo-psychedelischen Chills, The Bats, The Gordons oder das obskure, esoterische-andersweltliche Frauentrio Marie And The Atoms waren alle sehr gut. Das Label aus Dunedin Flying Nun trug die Botschaft um die Welt und in die alternativen Plattenläden. Das Bonner Label Normal veröffentlichte den einflussreichen Tuatara-Sampler und die obskuren 12”Inches aus Neuseeland fand man nun auch in Hagen (Pastell) bis London (Rough Trade). Auch die der Tall Dwarfs. Dieses Duo – Chris Knox, Alec Bathgate – klang nochmal anders als die Labelkollegen.
1980 hatten sie für eine kurze Zeit und dem Namen Toy Love einen Plattenvertrag bei Warner und veröffentlichten, inspieriert vom New Wave der damaligen Zeit, eine Platte, die floppte. Aus war der Traum und die Illusion einer Musikkarriere.Von nun an kochten sie ihr eigenes Süppchen und das speiste sich neben dem Punkspirit aus allerhand psychedelischen Substanzen.
Bathgate hatte keinerlei Ambitionen, seinen Beruf als Grafiker nochmals mit dem des professionellen Musikers zu tauschen und Knox arbeitete bei Flying Nun. Freunde und Familie waren wichtiger als Tourneen, aber den Spaß an der Musik ließ man sich umsomehr nicht mehr nehmen. Ähnlich wie Martin Newell in der südenglischen Provinz nahm man mit einfachsten Mitteln zuhause auf und produzierte Perle um Perle an genial-verschrobenen Popsongs. Die Tall Dwarfs klangen im Grunde viel mehr nach den Beatles und deren Revolver-Album als nach coolem New York City Sound; die Musik wurde aber nicht im Studio, sondern zuhause, in diversen Kellern oder live eingespielt und viele der grandiosen melodischen Songs offenbarten sich erst zur Gänze, wenn man sich die Mühe machte, hinter einem Wall Of Noise und den rohen und unperfekten Aufnahmen, die wahre Schönheit zu suchen; pure Alchemie.
Trotz oder gerade wegen der sympathischen Verweigerung für den kommerziellen Aspekt des Business wurde das Duo über die Jahre von weniger talentierten, aber ambitionierteren Zeitgenossen wie Yo La Tengo, Pavement, Bill Callahan usw. hoch gehandelt.
Die Tall Dwarfs existierten bis zu einer ernsten Erkrankung von Chris Knox bis 2002 und veröffentlichten nach den ersten sporadischen EP’s in unregelmäßigen Abständen Alben.
Fünfundfünfzig Songs kann man nun auf der längst überfälligen Kompilation Unravelled
(4 LP’s oder 2 CD’s) sich nocheinmal zu Gemüte führen und wird aufs Neue darüber erstaunt sein, wie gut Knox und Bathgate den Punk-Spirit mit einem genialem Gespür für Pop vermischten.
Ripples
November 12th, 2022
Die Kassettenseite
Baumschule – 39:12
Romain De Ferron – Ravi
Venediktos Tempelboom – Het Vuil Volkske
Sourdure -De Bon Astre
Dass sich aufgrund des Mangels an Fabrikationswerken die Produktion einer Schallplatte bis zu einem Jahr strecken kann und die Beschleunigung der Welt, zumindest in dieser Hinsicht und als kleiner Beitrag für das Ganze, etwas ausgebremst wird, ist durchaus eine nette Begleiterscheinung. Dies ist natürlich dem allgemeinen gesteigerten Interesse des Mainstreampublikums am Vinylformat geschuldet, das für eine große Wiederveröffentlichungswelle altbekannter Titel sorgte und die Kleinlabels hintenanstellte.
So finden schneller herzustellende Tonträger wie die Kassette und die ungeliebte CD im Off-Stream-Universum gleichfalls einen Aufschwung.
Lange Rede, kurzer Sinn: Nachfolgend einige neue Kassettenproduktionen, die teilweise auch im CD-Format erhätlich sind.
Raphael Loher (Piano), Julius Satoris (Drums) und Manuel Troller (Guitar) sind meines Wissens zwar keine fundierten Kenntnisse des Gartenbaus nachzusagen, trotzdem ist der Name ihrer gemeinsamen Band – Baumschule (three:four) -natürlich mit Bedacht gewählt. Den Spuren der großen Meister der Reduktionskunst der 00er- Jahre folgend, lassen sie ihr fast vierzigminütiges Stück sich kontinuierlich entwickeln und auf- und abbauen, sprießen sozusagen, um im botanischen Jargon zu bleiben, ohne dass der Geräuschpegel jemals Gefahr läuft, in den roten Bereich auszuschlagen. Fließend und ohne Dramaturgie wird man beim Hören von 39:12 trotzdem in einen Sog gezogen und folgt der sich das ganze Stück durchziehenden Perkussionsfigur, den Piano- und der Gitarrenmotiven, die zarte Farbtupfer setzen und sich doch permanent verändern.
Wie eine digitalisierte Version von Look de Bouk und deren von Dada und Art Brut beeinflussten kunstaffinen Umfeld klingt der Landsmann Romain de Ferron aus Lyon auf seinem Debutalbum, das lange auf sich warten ließ, jetzt aber als Tape auf Kraak erschienen ist. Ansonsten in verschiedenen Bands wie Omertà oder Ballader engagiert, als Veranstalter und Fanzinemacher aktiv, neigt De Ferron auf Ravi (kraak) auch nicht zur Introspektion und Entspanntheit.
Überschwängliche Melodien, die immer auch etwas Irritierendes und Artifizielles innehaben, eine chronische Unruhe, verspielte Miniaturen und Gesänge und Chöre, die direkt aus dem Alienland daherkommen, prägen dieses kurzweilige Album. De Ferron spielt Synthesizermusik zwischen Pop und Avantgarde, ein Hauch Reich’schen Minimalismus lässt sich auch nicht verbergen und manchmal klingt auch die Melancholie eines Pascal Comelade bzw. seiner Urformation Fall Of Saigon (allerdings auf Acid oder etwas Vergleichbarem) mit.
Wie de Ferron ist auch Ernest Bergez an unterschiedlichsten Projekten beteiligt. Das Post-Techno Noise-Duo mit Clément Vercelletto (dessen eigenes Album unter dem Pseudonym Sarah Terral Le Ménsque Original auch bei Three:Four erhältlich ist) Kaumwald ist dabei genauso zu erwähnen wie das Trio mit Èlg Orgue Agnès. Seine Solo-Arbeiten veröffentlicht Bergez allerdings meist als Sourdure.
Für den Film von Sébastien Betbeder Debout Sur La Montagne komponierte er nun den Soundtrack. Das Album De Bon Astre (three:four) könnte gut in die Reihe des legendären französischen Labels Nato passen, das merkwürdige und uneinsortierbare Film- und Worldmusik neben ihrem eigentlichen Markenzeichen Jazz und Improvisation veröffentlichte. Aber auch das jetzige Label von Bergez Three Four hat mit dem Soundtrack für Les Particules von Èlg ein Album von ähnlicher Qualität veröffentlicht, ein Attribut, das natürlich auch für De Bon Astre zutreffend ist. Die kurzen Stücke weisen eine bewundernswerte Vielfalt und Sophistication auf; mit Eloïse Decazes, Julien Desailly und François Arbon als Gastmusiker hat Bergez auch ähnlich veranlagte Zeitgenossen der französischen Independent-Szene gewinnen können.
Die Stimmung der archaischen und rauen Landschaft der Pyrenäen, der überalterten Bewohner, der beinahe verlassenen Dörfer, des einnzig übriggebliebenen Cafés oder Lebensmittelladens, der verborgenen Geheimnisse und letztlich auch die der Schönheit dieser Landschaft fängt Le Bon Astre ein.
Benoit Monsieurs hat dagegen musikalisch mit der europäischen Verkopftheit und versteckten Doppelbotschaften nicht viel am Hut.
Seine Inspirationen findet er bei den Gitarrenmeistern des Wilden Westens und Ostens der USA- John Fahey, Robbie Basho – oder deren erklärten Anhängern wie James Blackshaw oder Ben Chesny. Venediktos Tempelboom aka Benoit Monsieurs, so sein, Achtung: tongue in cheek, Künstlername lässt mit seiner 12-Saitigen musikalische Landschaften entstehen, die sich buchstäblich vor dem inneren Auge des Zuhörers visualisieren. Und wie bei den Großmeistern dieses Genres wohnt den Stücken Magie und Sehnsucht inne, die die Musik in eine andere Sphräre hieven, die Spiritualität, weite Wüsten und das Versprechen der einen oder anderen Fata Morgana suggerieren. (kraak)
Ripples
September 4th, 2022
Méteo Festival Mulhouse 2022
Festivals, auch solche mit einem nicht kommerziell ausgerichteten Programm, florieren wie die Inflation allgemein. Konnte man in den 1970ern und 1980ern Jahren sich durch klassenkämpferische Attitüden noch entsprechend positionieren oder den Funken der “anderen” Musik sogar auf das Leben überspringen lassen, ist es heute aufgrund Überangebot und Verwässerung zunehmend schwerer, sich zu behaupten (das betrifft natürlich nicht nur die Veranstalter ). Neue Festivals mit experimenteller Musik zeichnen sich häufig durch die immer gleiche Auswahl an Künstlern aus und machen sich durch Konkurrenzdruck gegenseiteig das Leben schwer. Aber es gibt sie noch, die Urgesteine der Außenseiter-Festivals, und es scheint ihnen nicht schlecht zu gehen: das Outfest in Barreiro, Kraak in verschiedenen belgischen Städten oder Méteo in Mulhouse bringen es auf eine stattliche Anzahl an Editionen und wissen sich doch immer wieder neu zu erfinden.
Die letzte Woche im August, dann wenn die Dichte der Sommerveranstaltungen sich schon merklich ausgedünnt hat, schlägt das Herz der Avantgarde für knapp eine Woche in Mulhouse. Das im Gegensatz zum Noumatrouff etwas kleinere und ohne Bühne ausgestattete, dafür intimere, Motoco (More To Come) im ehemaligen Fabrikareal von DMC hat sich in den vergangenen Jahren und vor allem in der Pandemiezeit als ideale Veranstaltungsstätte erwiesen. Daneben gibt es wie gewohnt zahlreiche Nebenspielstätten für das Méteo-Programm in der erstaunlich verzweigten und manigfaltigen ehemaligen Industriestadt. Immer wieder bietet sich so auch die Chance an ansonsten für den Publikumsverkehr unzugängliche Orte zu gelangen. Diese Ausgabe des Festivals war zuersteinmal überschattet vom überraschenden, unerwarteten Tod der Trompeterin Jaimie Branch, die im Duo mit Jason Nazary das Duo Anteloper bildete und auch einer der Headliner gewesen wäre. Während der fünf Tage gab es dann auch von den meisten Musikern eine Reaktion bzw. ein ihr gewidmetes Stück zu hörten.
Die diesjährigen “aventures sonores” stellten eine etwas merkwürdige, aber natürlich immer interessannte Mischung von Konzerten, die der Tradition des Festivals in der Improvisierten Musik zugerechnet werden können und den Exkursionen in unterschiedliche Off-Stream-Subkulturen dar, so wie sie in den vergangenen zwei Pandemiejahren gepflegt wurden.
Das Trio Courtois, Erdmann, Fincker eröffnete die 2022-er Ausgabe des Festivals nach der traditionell-französischen Ouvertüre bei Speis und Trank vor dem Veranstaltungsraum mit Kammermusik-Jazz im Motoco. Mit zwei Saxophonisten und einem Cellisten durchaus ungewöhnlich besetzt spielten Vincent Courtois, Daniel Erdmann und Robin Fincker eine ambient bis wilde Musik, die in unterschiedlichen Genres wühlend, Free Jazz und World Music vereinte und nebenbei nochmals den Bogen von der traditionelleren Ausrichtung der Jazz á Mulhouse- Jahre zu Méteo spannte.
Kim Myhr stellte am späteren Abend sein neues Album Sympathetic Magic vor, das auf dem norwegischen Jazz-Label Hubro erschienen ist. Die Musik, die Myhr für das Oslo Jazz Festival 2021 schrieb und die nun in Großbesetzung aufgeführt wurde, hat allerdings mit Jazz nur am Rande zu tun, vielmehr klingen die fließenden, vom Keyboard dominierten und melodischen Songs eher wie eine mit Sixties-Psychedelica und Post-Rock in Berührung gekommene musikalische Ausformung einer Traumlandschaft.
Mittwoch, bei immer noch erstaunlichen Temperaturen, konnte man in den Atelierräumen des Le Séchoir sich von den intimen Darbiertungen zweier Duos auf die Abendkonzerte einstimmen lassen.
Lise Barkas (Hurdy Gurdy) und Maria Laurent (Klavier) loten das ganze Spektrum der Obertöne aus, vom kaum wahrnehmbaren Beginn über einen improvisierten Mittelteil bis zum aufbrausenden, dissonanten Finale; ein sehr gutes Konzert. Tizia Zimmermann (Akkordeon) und Pablo Lienhard (Modular-Synthesizer) versuchen dann Ähnliches, ohne vergleichbare Spannungsmomente kreieren zu können. Das 3785-ste Drone-Stück der Marke Tinnitus-Gefahr muss nicht unbedingt sein.
The Punk And The Gaffers war als Eröffnung des Abends im Motoco alles andere als das, Punk.
Der unverwüstliche Phillip Wachsmann (Violine) gab sich ein Stelldichein mit einem anderen Veteranen der Improvierten Musik – Paul Lytton (Schlagzeug). Verstärkung bekamen sie vom Norweger Kalle Moberg (Akkordeon). Zusammen spielten sie selbstverständlich ein künstlerisch anspruchsvolles, aber auch vorhersehbares Konzert, das das heute zahlreiche Publikum anschließend nochmals verzückt über das Virtuosentum vergangener Impro-Jahre fachsimplen ließ.
Brachialeres dann beim zweiten Konzert des Abends: Julien Boudart (Synthesizer), Toma Gouband (Percussions) und die auch zweimal mit Mopcut zu hörende Audrey Chen (Vocals) übten sich in rituellen Praktiken und irritierten mit einer perkussionslastigen und lärmigen Darbietung.
Der umtriebige und auf Festivals oft gesehene und gehörte Oren Ambarchi (Gitarre, Elektronik) präsentierte mit Ghosted mit tatkräftiger Unterstützung von Johan Berthling (Bass) und Andreas Werlin (Schlagzeug) die sanfte Fusion von Jazz, Minimal Music und Ambient. Zeit dann zum Schlafengehen.
Lucy Railton (Cello, Elektronik) ist zur Zeit fraglos eine der interessantesten Musikerinnen im Spannungsfeld von Neuer Musik, Elektronischer Komposition und Elektroakustik (zusammen mit Kali Malone, Ellen Arkbro). So fühlt sie sich in musikalischer Gesellschaft mit Stephen O’Malley genauso wohl wie mit Beatrice Dillon, Farida Amadou oder Kit Downes. Beim Festival spielte sie ein Solo-Konzert im Motoco und zusammen mit dem Pianisten Downes in der Saint-Jean-Kirche Kompositionen ihres Subaerial-Projekts, beides fasziniernd-suggestive und suchende Klangreisen.
Mopcut – Audrey Chen (Vocals, Electronics), Julien Desprez (Gitarre, Electronics) und Lukas König (Schlagzeug, Electronics) spielten zweimal während des Festivals mit verschiedenen Gästen. An diesem Freitagabend, zusammen mit der britischen Vorreiterin der neueren elektronischen Avantgarde, Künstlerin und Erfinderin für erlebbare Klänge, Kaffe Matthews – die, der Deutschen Bahn sei Dank, fast ihren Auftritt verpasst hätte – war schnell klar, was Sache ist: Noise in seinen schönsten Schattierungen. Fast schon in der Traditon bester japanischer Schule, vermeiden Mopcut jegliches Innehalten im Mitteltonbereich. Angetrieben von einem hyper-rhythmischen Soundgeflecht zählt nur Lärm und – kurze – Stille. Eine intensive Musik, die ein Spiegelbild für die chaotischen Zustände außerhalb der musikalischen Welt abbilden könnte.
Star Splitter sind Gabriele Mitelli (Kornet, Saxophon, Electronics, Vocals) und Rob Mazurek (Trompete, Electronics, Vocals). Vor dem Hintergrund der imposanten Wand der Kletterhalle, unweit des Motocos im Areal gelegen, spielten sie eine Stunde schöne Musik, die wie die perfekte Synthese ihrer langjährigen musikalischen Exkursionen, klingt. Von New Jersey über Chicago und Brasilien in die Wüste von Texas gezogen, wo er sich neben der Musik auch dem visuellen Schaffen widmet, ist Mazurek seit seinen ersten Veröffentlichungen in den 1990er Jahren zu einer der prägendsten Figuren der internationalen Free Jazz – Szene geworden. Zwischen der kosmischen Verspieltheit von Sun Ra und weit spröderen elektro-akustischen Stücken mögen Welten liegen, aber Mazurek weiß sie in Einklang zu bringen. Der jüngere Gabriele Mitelli ist musikalisch aus dem gleichen Holz geschnitzt und war auch schon in den verschiedensten Formationen zu hören, entsprechend vernetzt ist auch er.
In den Linernotes ihres Clean Feed – Albums heißt es, dass sich der Name Star Splitter auf ein Gedicht von Robert Frost bezieht, in dem dieser die Geschichte von Brad McLaughlin, einem Farmer, erzählt, der es nicht schafft ein Einkommen zu erzielen und darauf sein Haus abfackelt. Mit dem Geld der Versicherung kauft er sich ein Teleskop und beobachtet für den Rest seines Lebens die Sterne. Das Teleskop taufte er Star Splitter. Die Musik von Mazurek und Mitelli klingt wie eine patchworkartige, quicksilbrige Anordnung von melodischen und harschen, elektronischen und akustischen, free-jazzigen und songorientierten Teilen, die den Großteil der Zuhörer zu fesseln vermögen, während vereinzelte aufgrund der aufblitzenden disharmonischen Noiseelementen das Weite suchen.
Auch der nordenglische musikalische Underground hat seinen Platz im diesjährigen Méteo-Programm gefunden. Direkt der einflussreichen und äußerst aktiven Szene um das The Old Police House in Newcastle entsprungen, die uns auch schon solch funkelnde Perlen wie Yeah You (Vater und Tochter, die bei einem unvergessenen Auftritt in Barreiro beim Outfest Throbbing Gristle mit Hip Hop verbanden und deren Tape Krutch beispielsweise beim Autofahren auf einer Tour aufgenommen wurde) und Gwilly Edmundo bescherten, ließ die Liason von Mariam Rezaei (Schallplatten, Plattenspieler) und Kenosist aka Mark Wardlaw für fünfundvierzig Minuten die Fabrikhalle des Motoco in ihrem Fundament erschüttern.
Aus defekten Drum Machines und Synthesizern zusammengebaut, spielt Wardlaw Discomusik für das Ende der Tage, während Mariam Rezaei, die auch Stücke für das Radio komponiert und mit Orchestern der zeitgenössischen Musik zusammenarbeit, ihn in der konsequenten Noise-Ausrichtung mit ihren Turntables noch locker überbietet. Keine taktile Demonstration des Scratchens ist hier angesagt, sondern das Aufgehen im reinen Krach.
Für ein ähnlich subkulturelles Angebot wie das TOPS-Kollektiv sorgt seit einigen Jahren die Szene in Salford und Umgebung, zu der auch Prangers aus Rochdale – Maryanne Royle (Perkussion, Vocals, Electronics), Dan Watson und Joe Tatton (beide Perkussion, Electronics) zu zählen sind.
Wie eine wilde, punkige und den bescheidenern Lebensverhältnissen angemessene Version der “geknackten Alltagselektronik” (Möslang, Guhl) wirkt das Instrumentarium aus Stahltonnen, defekten elektronischen Geräten, das von Hinterhöfen und Schrottplätzen zusammengklaubt zu sein scheint.
Maryanne Royle rezitiert mit nüchterner Stimme aus dem Alltag, während das Trio perkussive Ritualmusik für stillgelegte Industrien zelebriert. Eine Musik wie sich 23 Skidoo mit Nurse With Wound duellieren würden und ein durchaus (denk-) würdiger Ausklang des Abends.