best of 2025
January 13th, 2026
Music
Zoh Amba – Sun
Stuart Moxham – Winter Sun
Sharp Pins – Radio DDR
keiyaA – hooke’s law
Milan W. – Leave Another Day
Clipse – Let God Sort Em Out
Joanne-Robertson – Blurrr
Blood Orange – Essex Honey
Nídia & Valentina – Estradas
Rosalía – Lux
Nina Garcia – Bye Bye Bird
claire rousay – a little death
No Home – Princess Suite
Cosy Fanny Tutti – 2 t 2
Xexa – Kissom
Arthur Russell – Calling Out Of Context
Chicago Underground Duo – Hyperglyph
Klinck Trio – My Hair Is Everywhere
Clark – Steep Stims
Film/TV
Walter Salles – Ainda Estou Aqui / I’m Still Here
Kleber Mendonça Filho – O Agente Secredo / The secret agent
Vince Gilligan – Pluribus
Pedro Pinho – O Riso e a Faca
Rebecca Miller – Mr. Scorsese
Mário Patrocínio – Maria Vitória
Bong Joon Ho – Memories of Murder
Lucile Hadzihalilovic – The Ice Tower
Kelly Reichardt – The Mastermind
Hafsia Herzi – La Petite Dernière
Gints Zilbalodis – Flow
Athina Rachel Tsangari – Harvest
Pedro Martín Calero – El IIanto / Les Maudites
Mark Brotherhood – Ludwig
Bruno Stagnaro – El Eternauta / The Eternaut
Kat Sadler – Such brave girls
Nikos Nikolaidis – Πρωινή περίπολος / Morning patrol
Eric Gravel – Full time / À plein temps
Brad Ingelsby – Task
Scott Frank, Elisa Amoruso – Dept.Q
Books
Erika Fatland – Seefahrer
Qntm – Ra
Metz/Seeßlen – Blödmaschinen II
Yoko Ogawa – The Memory Police
Dorothy Max Pior – Sex Is No Emergency
Dimiter Dimow – Tabak
Debsey Wykes – Teenage Daydream
Georges Perec – Die Dinge
Marcelo Rubens Paiva – Ainda Estou Aqui
Ann Patchett – These precious days
Will Hermes – Lou Reed, the king of New York
Clarice Lispector – Erzählungen
Barnabas Calder – Raw Concrete
Walter M. Miller Jr. – A canticle for Leibowitz
David Foster Wallace – Consider the Lobster and other essays
Inês D’Orey – Porto Interior
Tatiana Faia – Recurso e Pobreza
Charlotte Beradt – Das Dritte Reich des Traums
Ripples 2025 revisited
January 7th, 2026
Xexa – Kissom

Seit der Eröffnung im Jahre 2001 ist Flur uneingeschränkt der beste Schallplattenladen in Lissabon für alle Musik abseits des Mainstreams. Zuerst unweit des Bahnhofs Santa Apollonia beheimatet, zog das Ladengeschäft vor einigen Jahren in den Rundbau der Markthalle des Arroios-Quatiers. Eigentlich ein klassischer Stadtteil der Mittelklasse, wo nun natürlich wie beinahe überall in der Stadt der Verdrängunsdruck durch die Gentifizierung stark gespürt wird. Die Crew von Flur ist selbstredend intensiv mit den verschiedenen experimentellen Szenen vernetzt, betreibt nicht zuletzt auch noch zwei wegweisende Labels: Holuzuam widmet sich neuen und verschollenen oder nicht mehr erhältllichen Juwelen der Avantgarde; Príncipe der experimenteller Dance Music, deren Protagonisten oft aus der quicklebendigen lusoafrikanischen Szene Lissabons stammen.
Xexa aka Vanessa Oliveira, Portugiesin mit São Tomesischen Wuzeln, veröffentlicht nun nach ihrem Debut Vibrações de Prata (2023) auch den Nachfolger Kissom auf Príncipe.
Beide Alben klingen für das Labelraster ziemlich ungewöhnlich, spielen bei den Kompositionen zwar Rhythmen eine zentrale Rolle, aber meist in abstrakter Form, sodass sie für den Tanzboden-Gebrauch eher ungeeignet scheinen. Xexa wuchs in der Peripherie Lissabons in einer musikalischen Familie auf, begeisterte sich selbst früh für alles Tönende. Die Musik, die zum Teil zuhause bei Festen gespielt wurde und die sie mit neun, zehn Jahren schon nebenbei mitbekam wie DJ Nervoso oder DJ Marfox, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich hörte, begegnete ihr wieder als sie mit Príncipe in Kontakt kam und bemerkte, dass diese auf dem Label erschienen waren. Wichtig für Xexas zukünftigen musikalischen Werdegang waren dann auch Kurse am Konservatorium der Sociedade Euterpe bei Vila Franca de Xira, auch um zu merken, dass das klassische Musikstudium nicht das ihre ist. Online suchte sie dann nach der besten Schule für elektronische Musik, wurde in London fündig und an der Guildhall aufgenommen, wo sie vier Jahre in Sonic Arts ausgebildet wurde.
Die zwölf Songs von Vibrações de Prata lassen sich dann auch wie eine Art Rückblick auf diese Zeit hören. Die ruhige, puzzleartig zusammengesetzt wirkenden Musik aus Stimme, Synthesizern, Klarinette oder Piano ist in ein elektro-akustisches Gewand gebettet und bleibt auf sympathische Weise rätselhaft.
Kissom ist die logische Weiterentwicklung des Erstlings und ein hervorragendes elektronisches Album, auf dem wiederum zahlreiche Einflüsse miteinander verwoben sind und sich persönliche Erlebnisse in abstrakter oder poetisch verschwurbelter Form finden. Synthetisch und organisch zugleich kann man hinter dem Vorhang von geschredderten Synthesizer-Sound-Splittern, dem verblassten Nachhall eines Kizomba-Liedes und dem ätherischen Gesang Xexas der Fantasie freien Lauf lassen und versuchen die musikalischen Rätsel zu lösen : Küsse den Klang (Kissom)! soll das Motto sein.
Sei Miguel (1961 – 2025)

Der kürzlich verstorbene portugiesische Komponist und Trompeter Sei Miguel blieb in der experimentellen Musiklandschaft zwar immer ein Geheimtipp, hatte aber nichtsdestotrotz einen prägenden Einfluss auf mehrere Generationen von Musiker und Genres. Eine progressiv verlaufende Muskelerkrankung verunmöglichte ihm zuletzt das Spielen der Taschentrompete; seinem bevorzugten Instrument. Bei seinen letzten Auftritten – zusammen mit Fala Mariam und Daniel Levi – spielte er Perkussion.
Sei Miguels Vita ist nicht unähnlich anderer portugiesischer Familien, die während den langen bleiernden Jahren der Salazar-Diktatur das Weite suchten. Geboren in Paris verbrachte er die Kindheit in Brasilien, entwickelte seine Begabung für das Zeichnen und Illustrieren, was später, nachdem er zuerst nach Paris zurückkehrte und dann nach Lissabon übersiedelte, auch sein wichtigster Broterwerb wurde. Seine Art Musik zu spielen passt irgendwie dazu. Gestalterisch suchte er in seinen Kompositionen die totale Stille, Melodie und Erzählerisches zu vereinen. Zugänglich und abstrakt zugleich treffen sich Chat Baker und John Cage, zwei seiner Vorbilder, zum visionären Stelldichein. Sei Miguels ungewöhnliche Musik der konsequenten Strenge, sehr viel Raum und Freiheit; nicht Jazz, nicht Neue Musik, schon gar nicht Rock, interessierte naturgemäß nur eine kleine, aber treue, Minderheit. Schon 1988 gewann João Peste, Mastermind der legendären Pop Dell’Arte, Sei Miguel
für eine Veröffentlichung auf seinem leider kurzlebigen Label Ama Romanta; das alles, was damals als Geheimtipp in der musikalischen Subkulturlandschaft Portugals gehandelt wurde, versuchte zu promoten.
Manche brachten es wie Anamar, Telectu oder Nuno Rebelo dann später tatsächlich zu hochkulturellem Ruhm. Sei Miguel veröffentlichte in großen zeitlichen Abständen, aber kontinuierlich seine Musik, begleitet von den wichtigsten Musikern der lebendigen Lissaboner Jazzszene wie Rodrigo Amado, Pedro Lourenço, Margarida Garcia, César Burago, Rafael Toral, Manuel Mota und als treueste Weggefährtin, die Posaunistin Fala Mariam.
Half Asleep – The Minute Hours / Les Heures Secondes

Valérie Leclerqu meldet sich nach langer Veröffentlichungs – nicht Schaffens – Pause mit einem neuen Album ihres Langzeitprojekts Half Asleep , diesesmal für das Lausanner Label three:four, zurück. Die miteinander eng vernetzte musikalische Außenseiterkulturszene von Brüssel und Paris sorgt auch auf dem gewohnt ambitionierten Les Heures Secondes, vor allem mit Chor – und Streicher-Arrangements, für die Spannbreite der, teils obskuren, Einflüsse und Quellen bei. Weltabgewandt und melancholisch waren ihre Songs immer schon, die früheren Anleihen von Slowcore-Bands wie Slint oder Low sind aber schon lange zugunsten purer Poesie und gewagter Stilwechsel gewichen. Emily Dickinson trifft auf auf mittelalterliche Mystik und karge zeitgenössische Avantgarde. Die Dramaturgie von experimenteller Musik, ein ironischer Seitenhieb auf die verknorzt akademische Theaterszene, Sprechgesang mit Free Jazz – Anleihen unterlegt lassen an “Rock In Opposition” – Bands wie Etron Fou oder Aksak Maboul denken; federleichte Folksongs und die Schönheit von klassischen Gitarren – und Pianominiaturen gehen dann wieder in eine ganz andere Richtung und machen Les Heures Secondes in seiner Vielfalt zu einem außerordentlichem abwechslungsreichen Album im Kosmos unterschiedlichsten Melancholieschattierungen.
three:four records
Milan W. – Leave Another Day

Vielleicht kennt man den Antwerpener Milan W. eher als Tausendsassa aus der Welt der elektronischen Instrumentalmusik und als Produzent; Leave Another Day ist dagegen ein fast schon klassisches Songwriteralbum und nicht weniger als ein kleiner Geniestreich. Die zwölf Songs drehen sich – auch ganz klassisches Thema- um die Irrungen und Wirrungen einer schmerzhaften amourösen Beziehung. Milan M. ist ein Meister der Arrangements und Dramaturgie. Die Musik atmet mehr als einen Hauch Post-Punk-Spirit der ätherischen Art. Bands wie Felt oder Blue Orchids kommen einem in den Sinn, sophisticated und sympathisch neben der (Szenen-) Spur. Leave Another Day zelebriert die Atmosphäre eines alleine verbrachten regenverhangenen Tages, indem Melancholie und Aufbruchstimmung Hand in Hand gehen können. Ganz nebenbei setzen sich die zwölf Songs als subtile Ohrwürmer im musikalischen Gedächtnis fest. Normalerweise spielt Milan W. auf seinen Produktionen beinahe alles selbst; hier bekommt er Unterstützung von Martha Maieu (Vocals), Anse Kuyl (Oboe) und Michael Lamiroy (Violin), was der Musik eine zusätzliche Facette gibt.
Stuart Moxham – Winter Sun

Für einen begnadeten Songwriter wie Stuart Moxham muss die Last der Vergangenheit manchmal wohl ziemlich erdrückend sein. Unweigerlich wird bei der Erwähnung seines Namens das 1980 erschienene einzige Album seiner damaligen, kurzlebigen Band Young Marble Giants als Vergleich herangezogen.
Colossal Youth war zweifelsohne ein singulärer Geniestreich; ein Album, das bis heute als Blaupause für nicht wenige andere neugegründete Bands herhält. Doch seitdem ist viel geschehen und mit The Gist (Embrace The Herd) und seinen, zugegeben nur sporadisch veröffentlichten Solo-Alben blieb Stuart Moxham immer eine Referenz. Die ebenfalls auf Tiny Global erschienene Zusammenstellung mit früheren, unveröffentlichten Songs Fabsstract, die zwei mit Louis Philippe eingespielten Alben oder Fine Tuning bezeugen sein ungebrochenes Talent zeitlose sophisticated Songs zu schreiben, die im Gedächtnis bleiben.
Der Albumtitel Winter Sun spiegelt die Stimmung der Musik auf perfekte Weise. Die Songs wurdern im Headquarter von Tiny Global Productions in Spanien mit dem Produzenten und Musiker Dave Trumfio (American Music Club), seinem Bruder Drew und Aaron Bakker aufgenommen. Diverse Unterbrüche aufgrund gesundheitlicher Probleme (ja, die Punk-Generation ist nun in diesem Alter) taten dem Eindruck eines ausgefeilten, einheitlichen Albums keinen Abbruch. Die Produktion klingt demzufolge ein wenig weniger Low-Fi-ig und eine Spur abgerundeter als gewöhnlich, trotzdem läuft Stuart Moxham keine Gefahr, seinen Ruf als großes Talent, das zeitlebens unter dem Radar der Öffentlichkeit geblieben ist, zu verlieren. Mit zum Beispiel Cottonmill Lane, A Different Day, State of Penitentiary oder Before We Prayed finden sich auf Winter Sun wieder diese spartanischen, eleganten Songs, die man nach ein paar Mal hören nicht mehr vergisst. Stuart Moxham war laut einem Statement von der letztlich für seinen Geschmack zu perfekten Version des Albums zuerst etwas irritiert; die Rohversionen der Songs gibt es als Vergleich beim Erwerb des Albums beim Label als Bonus.