Ripples
June 14th, 2026
Glasgow
GLARC
Isa Gordon – 8 Men
Guests – Common Domestic Bird
Gichard – Chins For Lefty
Das Greater Lanarkshire Auricular Research Council – kurz GLARC – ist keine Behörde, sondern ein äußerst innovatives Glasgower Kassetten-Label, das gerade sein zehnjähriges Bestehen feiern kann und wie man dem Namen entnehmen kann, einen sympathischen Hang zum Subversiven hat.
Hier haben inzwischen international angesagte experimentelle Musiker wie das Slow-Core-Jazz-Trio Still House Plants, das griechisch-schottische Duo Able Noise, das surreal-versponnene Projekt der Französin Pauline Marx Le Diable Dégoûtan oder auch Isa Gordon mit Adult ihre ersten Sporen verdient.
Für Letztere, die aus einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in East Ayrshire stammt, ist das quirlige Umfeld von GLARC mit seinen zahlreichen Verknüpfungen in unterschiedliche Szenen und Veranstaltungen eine gute Anlaufstelle in Glasgow gewesen.

Das großartige Album For You Only für das Elektronik-Label Optimo Music passte mit seinen ständigen Genre-Verschiebungen zwischen schrillen Electronics, Außenseiterpop und einem punkigen Geist von nicht-eingeordnet-sein-wollen – Stil gar nicht wirklich in das Raster des Labels, stach aber dadurch umso mehr heraus. For You Only klingt wie eine Kelly Lee Owens auf avantgardistischen, labyrintischen Abwegen.
Das neue Album 8men – eine Kassette – für das Label lostmap aus Edinburgh, bestätigt, dass das freigeistige Denken, das in ihrer Musik tief verankert ist und nicht von einer Form von Orientierungslosigkeit zeugt. Die alten Pop- und New Wave – Tapes ihres Vaters aus den 1980ern, also Bowie, Kraftwerk, XTC etc. haben ebenso ihre Spuren hinterlassen, wie jahrhunderalte schottische Folksongs, mit denen sie in Glasgow im Umfeld der Veranstaltungen von GLARC wieder in Berührung kam und aufsog. Außerdem bleiben aber auch die Produktionstechniken von Grime- und Rapsongs für Isa Gordon eine wichtige Inspiration. Vier Folksongs und vier Coverversionen von Richard Thompson, Lou Reed, Robert Wyatt, Black Sabath, die sie naturgemäß alle stilistisch bricht – Broken Beats, stolpernde Synthieschlaufen, Autotune-bearbeitete Vocals und eine feminine Note geben dem Album einem absolut zeitgemäßen Touch.
Zusammen mit Brighde Chaimbeul und Jayne Dent aka Me Lost Me steht Isa Gordon, jede auf ihre ganz idiosynkratische Weise, für eine experimentelle Musik zwischen Tradition und Zukunftshinwendung.

Guests – Jessica Higgins und Matthew Walkerdine – bereicherte die Glasgower – und die experimentelle DIY – Landschaft im allgemeinen mit dem Debutalbum im vergangenen Jahr, das eine wilde Sammlung von Field Recordings, absurden Textcollagen mit minimalistischer Instrumentierung, die immer wie kurz vor dem Absaufen klangen und natürlich gerade dadurch ihren widerspenstigen Charme entfalteten. Der Nachfolger verfogt ein ähnliches Konzept von schlagfertiger Improvisation und dem Unfertigen. Wie eine Art Anti-Sleaford Mods verkörpern Guests den subtileren, nicht testosterongeschwängerten Geist des Punks. Higgins versucht sich an der einen oder anderen catchy Melodie, nur um dann das Interesse wieder zu verlieren und etwas anderes zu versuchen. Und doch klingt Common Domestic Bird, trotz der beibehaltenen schwachbrüstigen Instrumentierung aus dem Home-Equipment-Sortiment strukturierter als das Debut, was selbstredend noch kein Einknicken Richtung Zugänglichkeit bedeuten soll.

Das Duo Gichard kommt auch aus der schottischen Metropole. Lisa James – Sängerin und Texterin – und Chas Lalli – Gitarre – destillieren auf ihrem Album Chins For Lefty die Garage-Psych-Attitüde von Lallis anderen Bands Dragged Up und VOM und kombinieren diese mit zahlreichen anderen Einflüssen, die die DIY-Außenseiter-Pop-Historie der vergangenen Jahrzehnte gerne als Zitat heranziehen. Suicide, Algebra Suicide, das dritte Album der Velvets oder die frühen Factory-Bands meint man in dem einen oder anderen unterkühlten Riff oder der unwiderstehlichen Synthieschlaufe als Referenz auszumachen. Die Lyrics Lisa James’ konterkarieren die Coolness allerdings dann mit absurdem Humor der schwärzeren Sorte. Zeitlos und gerade durch die Spannbreite und Abwechslung der Songs auch schon ein moderner Klassiker des Genres, gelingt Gichard gleich eine ganze Palette von subversiven Ohrwürmern. Songtitel wie Posthumous Hologram, Cholesterol Test oder Your Private Hell halten dann auch locker was sie im Titel versprechen.
http://www.http://nightschoolrecords.com
http://www.http://worldofechomusic.com
http://www.http://glarc.bandcamp.com
