Ripples

June 28th, 2026

Dagmar Zuniga – in filth your mystery is kingdom/far-smile pleasant in yellow music
Debit – Desaceleradas
Zoh Amba – Eyes Full

 

 

New York City bleibt wie seit jeher die Stadt in den USA , in der die Freiheit – und damit auch die Freiheit der Kunst – gegen die faschistischen Tendenzen der zukünftigen Vollstrecker verteidigt wird. NYC ist Wohnort und Lebensmittelpunkt auch für drei außergewöhnliche Musikerinnen, die mit ihren letzten hervoragenden Alben sich sowohl mit Introspektivischem wie Universellem in ihrer Musik beschäftigen.

Dagmar Zuniga wuchs als Tochter einer Nicaraguerin in Miama auf. Die ständige Lärmkulisse in der aufgeweckten Familie und in der Stadt ließ sie, wie sie in einem Interview sagt, zu einer “zwanghaften Archivarin ihres Alltags mittels eines Kassettenrekorders werden.”
Die Kassette, die Dagmar Zuniga als eine Art Travelogue während ihrer Reisen in Norwegen, Griechenland und Georgien (wo sie unter anderem auf einer abgelegenen Schaffarm lebte) akustisch auf einem Tascam Tape Recorder skizzierte und später in Brooklyn, ihrem jetzigen Wohnort, weiter mit Dubs, Feldaufnahmen und Gitarre, Flöte, Casio und Elektronik bearbeitete, bevor sie sie in Eigenregie veröffentlichte, wurde zu einem von Hand zu Hand weitergereichten Geheimtipp. Die propere Veröffentlichung auf dem AD 93 – Label ist also hoch willkommen. So sperrig wie der Titel – in filth your mystery is kingdom/far-smile peasant in yellow music – wirken ihre wohl von Free Folk – Musikerinnen wie Karen Dalton oder Sybylle Baier beeinflussten Songs nicht; durch die subtilen Verfremdungen gewinnen sie aber eine halluzinatorische, psychedelische und völlig zeitlose Qualität. Die Musik scheint fern von allen äußeren akustischen Störungen in einer eigenen, spirituellen Welt innezuhalten; die fein ziselierten elektronischen Komponenten und dronigen Ausuferungen stellen die Songs aber auch in Bezug zur Gegenwart und brechen die nostalgischen Anwandlungen. Wie alle besondere Musik lässt sich die von Dagmar Zuniga nicht einfach entschlüsseln, es schwingt immer eine geheimnisvolle Note mit, sei sie überweltlich, sei sie verstörend oder nur melancholisch, die einen immer wieder zu diesen äußerst merkwürdigen Lullabies zurückkehren lassen.

Delia Beatriz, Produzentin und Musikerin, veröffentlicht ihre Musik unter dem Künstlernamen Debit. Ihr jüngstes Album – Desaceleradas – gräbt das Sub-Genre Cumbia Rebajada, das in ihrer Geburtsstadt in Mexiko – Monterrey – in den frühen 1990ern durch Zufall populär wurde, wieder aus und verschwurbelt es auf ihre ganz eigene Art. Gerüchten zufolge ging dem lokalen DJ Gabriel Dueñez, der eine große Sammlung von Schallplatten mit Tanzmusik von kolumbianischen Einwanderen besaß, bei einer Veranstaltung beim Auflegen beinahe der Strom aus, was die Rhythmen des animierenden Cumbia extrem verlangsamte, beinahe zum Stillstand brachte, aber auch in eine andere Dimension führte, die eine fast transzendente Qualität offenbarte.

 

Dueñez machte das technische Missgeschick zu seinem Markenzeichen und veröffentlichte zahlreiche Kassetten, bei denen er Schallplatten aus seiner Sammlung in langsamerer Geschwindigkeit abmischte und sie als Mix-Tapes veröffentlichte. Auf den Flohmärkten der Stadt stießen diese auf rege Nachfrage.
Die zwei ersten dienen Delia Beatriz nun auf Desaceleradas als Ausgangsmaterial, um die Musik nochmals zu bearbeiten und sie in eine eigene Richtung zu führen. So bleiben in den dekonstruierten Songs nur noch einzelne Mosaiksteinchen der Originale übrig, die in ihrer Langsamkeit und Verzerrtheit wie ein hautologischer, halluzinatorischer Geistertanz wirken. Nicht unähnlich der Musik britischer Musiker wie The Caretaker oder Philip Jeck, die auch akustisches Material wie abgewetzte Schellacks oder die Töne verblichener VHS-Kassetten verwendeten, um in ihrer Kunst, die Wahrnehmung aufs Glatteis zu führen und in eine sinnliche Qualität der überweltlichen Art zu überführen und doch irgendwie die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, verführt Delia Beatriz den geneigten Hörer in eine Parallelwelt abzudriften.

Zoh Amba, in Tennessee in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, fand früh ihre Berufung in der Musik und Spiritualität. In den Wäldern in der Umgebung übte sie ausgiebigst Saxophon und begab sich auf die Free-Jazz-Pfade von Albert Ayler und Peter Brötzmann – ihre damaligen erklärten Vorbilder -. Die Tzadik-Clique um John Zorn produzierte ihr zweites Album, das ihre charakteristische Unkonventionalität aber vielleicht zu sehr in ein 08/15- Avantgarde- Korsett zwängte.

Das Nachfolgealbum im letzten Jahr für das norwegische Label Smalltown Supersound – Sun – zeigte dann Zoh Amba pur. Als praktizierende Anhängerin der Hindu Advaita Vedanta – Tradition ist es nicht verwunderlich, dass ihre Musik eine Art expressive, verletzliche Innerlichkeit ausstrahlt, immer auch bestrebt scheint, sich dem vermeintlich Göttlichen anzunähern. Das aber mit Mitteln, bei dem auch der Punk-Spirit nicht zu kurz kommt: Auf Sun wechseln sich Stücke für ein klassisches Frezz-Jazz-Quartet mit meditativen Solo-Stücken, bei denen Amba zugleich Piano und Saxophon spielt, ab.
Auf dem vom Konzept abweichenden Champa Flower spielt sie akustische Gitarre im Stil der American Primitives und erinnert an ikonische Figuren wie John Fahey oder dessen Fans wie Ben Chasny und co. und deutet schon die musikalische Richtung an, die sie für das nächste Album verfolgen will. Eyes Full ist nun tatsächlich eine Sammlung von klassichen Songs geworden, die von Menschen am Rand der Gesellschaft erzählen und obwohl die Instrumentierung der Songs – Kevin Hyland, Landon George, Jim White geben die klassische Rockband-Begleitung – weniger progressiv anmutet als die auf ihren Free Jazz-Platten, geben die Einspielung ohne Overdubs, die rohe Interpretation und der Gesangsstil Ambas, deren Stimme immer wieder bricht oder sich überschlägt, das Gefühl einer aufrichtigen Zartheit beim Erzählen der hard luck stories.

http://www.modern-love.co.uk

http://www.zohamba.bandcamp.com

http://www.dagmarzuniga.bandcamp.com

Ripples

June 14th, 2026

Glasgow
GLARC
Isa Gordon – 8 Men
Guests – Common Domestic Bird
Gichard – Chins For Lefty

 

 

Das Greater Lanarkshire Auricular Research Council – kurz GLARC – ist keine Behörde, sondern ein äußerst innovatives Glasgower Kassetten-Label, das gerade sein zehnjähriges Bestehen feiern kann und wie man dem Namen entnehmen kann, einen sympathischen Hang zum Subversiven hat.
Hier haben inzwischen international angesagte experimentelle Musiker wie das Slow-Core-Jazz-Trio Still House Plants, das griechisch-schottische Duo Able Noise, das surreal-versponnene Projekt der Französin Pauline Marx Le Diable Dégoûtan oder auch Isa Gordon mit Adult ihre ersten Sporen verdient.
Für Letztere, die aus einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in East Ayrshire stammt, ist das quirlige Umfeld von GLARC mit seinen zahlreichen Verknüpfungen in unterschiedliche Szenen und Veranstaltungen eine gute Anlaufstelle in Glasgow gewesen.

Das großartige Album For You Only für das Elektronik-Label Optimo Music passte mit seinen ständigen Genre-Verschiebungen zwischen schrillen Electronics, Außenseiterpop und einem punkigen Geist von nicht-eingeordnet-sein-wollen – Stil gar nicht wirklich in das Raster des Labels, stach aber dadurch umso mehr heraus. For You Only klingt wie eine Kelly Lee Owens auf avantgardistischen, labyrintischen Abwegen.
Das neue Album 8men – eine Kassette – für das Label lostmap aus Edinburgh, bestätigt, dass das freigeistige Denken, das in ihrer Musik tief verankert ist und nicht von einer Form von Orientierungslosigkeit zeugt. Die alten Pop- und New Wave – Tapes ihres Vaters aus den 1980ern, also Bowie, Kraftwerk, XTC etc. haben ebenso ihre Spuren hinterlassen, wie jahrhunderalte schottische Folksongs, mit denen sie in Glasgow im Umfeld der Veranstaltungen von GLARC wieder in Berührung kam und aufsog. Außerdem bleiben aber auch die Produktionstechniken von Grime- und Rapsongs für Isa Gordon eine wichtige Inspiration. Vier Folksongs und vier Coverversionen von Richard Thompson, Lou Reed, Robert Wyatt, Black Sabath, die sie naturgemäß alle stilistisch bricht – Broken Beats, stolpernde Synthieschlaufen, Autotune-bearbeitete Vocals und eine feminine Note geben dem Album einem absolut zeitgemäßen Touch.
Zusammen mit Brighde Chaimbeul und Jayne Dent aka Me Lost Me steht Isa Gordon, jede auf ihre ganz idiosynkratische Weise, für eine experimentelle Musik zwischen Tradition und Zukunftshinwendung.

GuestsJessica Higgins und Matthew Walkerdine – bereicherte die Glasgower – und die experimentelle DIY – Landschaft im allgemeinen mit dem Debutalbum im vergangenen Jahr, das eine wilde Sammlung von Field Recordings, absurden Textcollagen mit minimalistischer Instrumentierung, die immer wie kurz vor dem Absaufen klangen und natürlich gerade dadurch ihren widerspenstigen Charme entfalteten. Der Nachfolger verfogt ein ähnliches Konzept von schlagfertiger Improvisation und dem Unfertigen. Wie eine Art Anti-Sleaford Mods verkörpern Guests den subtileren, nicht testosterongeschwängerten Geist des Punks. Higgins versucht sich an der einen oder anderen catchy Melodie, nur um dann das Interesse wieder zu verlieren und etwas anderes zu versuchen. Und doch klingt Common Domestic Bird, trotz der beibehaltenen schwachbrüstigen Instrumentierung aus dem Home-Equipment-Sortiment strukturierter als das Debut, was selbstredend noch kein Einknicken Richtung Zugänglichkeit bedeuten soll.

Das Duo Gichard kommt auch aus der schottischen Metropole. Lisa James – Sängerin und Texterin – und Chas Lalli – Gitarre – destillieren auf ihrem Album Chins For Lefty die Garage-Psych-Attitüde von Lallis anderen Bands Dragged Up und VOM und kombinieren diese mit zahlreichen anderen Einflüssen, die die DIY-Außenseiter-Pop-Historie der vergangenen Jahrzehnte gerne als Zitat heranziehen. Suicide, Algebra Suicide, das dritte Album der Velvets oder die frühen Factory-Bands meint man in dem einen oder anderen unterkühlten Riff oder der unwiderstehlichen Synthieschlaufe als Referenz auszumachen. Die Lyrics Lisa James’ konterkarieren die Coolness allerdings dann  mit absurdem Humor der schwärzeren Sorte. Zeitlos und gerade durch die Spannbreite und Abwechslung der Songs auch schon ein moderner Klassiker des Genres, gelingt Gichard gleich eine ganze Palette von subversiven Ohrwürmern. Songtitel wie Posthumous Hologram, Cholesterol Test oder Your Private Hell halten dann auch locker was sie im Titel versprechen.

http://www.http://nightschoolrecords.com

http://www.http://worldofechomusic.com

http://www.http://lostmap.com

http://www.http://glarc.bandcamp.com