Out.Fest Barreiro Oktober 2021

October 20th, 2021

Out.Fest: Festival International de Música Exploratória do Barreiro

Das Festival für “Música Exploratória” fand dieses Jahr in zwei Etappen statt. Aufgrund der nach wie vor unsicheren gesundheitlichen Situation und den teilweise damit verbundenen Einreisebeschränkungen wurden sowohl im Juni wie jetzt im Oktober überwiegend einheimische (bzw. europäische) Musiker eingeladen; dem Spirit des Festivals konnte das aber – auch wenn kaum internationales Publikum anreiste – nichts anhaben.

Wie gewohnt stellte das engagierte Team des Kulturvereins Out.Ra auch bei der 17. Edition des Out.Fests ein wagemutiges Programm zusammen, das als einen Schwerpunkt die Musikpionierin für elektronische neue Musik Éliane Radigue in den Mittelpunkt stellte, zudem, wie gewohnt, einen Überblick über das aktuelle musikalische Geschehen der portugiesischen Off-Stream-Szene bot. Auch schon Tradition haben die ungewöhnlichen Auftrittsorte in der ehemaligen Industriestadt Barreiro, die inzwischen auch von vielen Lisboetas, denen die Kapitale zu teuer wird, als Wohnort entdeckt wird. Noch wirkt die Stadt aber wie ein Relikt aus den 1990ern Jahren. Im Kern der Altstadt werden zwar nach und nach Häuser und einige der imposanten Industriebauen restauriert, aber noch ohne Spekulanten Tür und Tor zu öffnen. Als Gegenstück stößt man dann an der Peripherie und im Stadtgebiet rund um die Fähreanlegestelle auf brachliegende Flächen und kaum noch bewohnte Straßenzüge, wo Drogenhandel und Prostitution zu späterer Stunde Einkehr halten und die auch ansonsten wenig einladend sind. Ungeachtet des sich langsam vollziehenden Umbruchs der Stadt, in der, nebenbei bemerkt, sich auch langsam aber spürbar die politische Gewichtung verschiebt und die traditionell starken linken Parteien, getragen durch die Industrie- und Hafenarbeiter, mit dem Niedergang der Zweige an Gewicht verlieren, trifft man in den intakten Wohnquatieren auf eine lebendige kulturelle und politisch engagierte Szene.

Éliane Radigue, inzwischen 89 Jahre alt, hat sich über die Jahrzehnte den Ruf einer Säulenheiligen der elektronischen experimentellen Musik erworben. Dies natürlich in erster Linie aufgrund ihrer bahnbrechenden Stücke, aber auch dadurch, dass sie im Gegensatz zu manch anderen der Avantgarde sich zugehörig fühlenden Musiker immer wieder mit gewohnten Traditionen brach und sich in teils unerwartete Richtungen weiterentwickelte. Nachdem ihr Interesse für “konkrete Töne” Radigue in Paris zu Pierre Schaeffer und Pierre Henry führte, deren Assistentin sie schließlich wurde, komponierte sie dann auch eigene Musique Concrète – Stücke. Als ihre Experimentierfreundigkeit von den Meistern als Abweichung von der “reinen Lehre” kritisiert wurde, wurde sie umso mehr darin bestärkt, ihren eigenen Weg zu gehen. Durch Laurie Spiegel entdeckte sie in New York den Buchla- und ARP-Synthesizer und orientierte sich an der Minimal Music. Die stark vom Buddhismus inspirierten Stücke Adnos I – III, die in einem langen Zeitraum zwischen 1975 – 1983 entstanden, stehen für eine völlig eigenständige musikalische Sprache, die zugleich meditativ wie intensiv wirkt. Die langformatigen Stücke wirken wie in sich ruhende Klangflächen, die subtilen, aber kontinuierlichen Veränderungen geben sich nur allmählich preis. Das andere, große Stück aus dieser Periode – Triologie de la Mort – , eine Meditation über den kontinuierlichen Zyklus von Leben und Tod knüpft direkt an Adnos an.
Seit längerer Zeit konzentriert sich das Schaffen von Éliane Radigue aber auf akustische Stücke, die eng in Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Musikern entstehen und die die Suche nach dem Innern der Töne und ihre unverkennbare musikalische Sprache wieder in eine neue Richtung lenkten.

Beim Out.Fest konnte man nun im Museu Industrial da Baía do Tejo das elektronische Stück Kyema, interpretiert von Caroline Profanter und drei akustische Kompositionen des Occam-Zyklus, darunter eine Erstaufführung, in der Igreja de Santa Maria und gespielt von Julia Eckhardt und Enrico Malatesta (jeweils solo und beim dritten Stück im Duo) hören.
Die Kompostionen Occam IV für Viola und Occam XXVI für Perkussion tasten sich von für das Ohr kaum Wahrnehmbaren langsam und ohne jegliche Dramaturgie vor und bilden durch kleinste musikalische und lautstärkerische Veränderungen fließende, sich überlagernde Klangflächen und Drones. In manchen Momenten kommt einem die klassische japanische Musik, die am Kaiserhof gespielt wurde, Gagaku, die gleichfalls ohne offensichtliche Spannungsmomente ein Gefühl von Starre und Eingefrorenheit heraufbeschwor, in den Sinn.

Vor dem Konzert mit der Musik von Éliane Radigue in der Igreja de Santa Maria konnte man im Amphitheater Paz & Amizade, im fantastischen Stadtpark von Barreiro gelegen, den beiden Perkussionisten João Pais Filipe und Manongo Mujica zuhören und zuschauen, wie sie den musikalischen und kulturellen Bogen zwischen Peru und Portugal, zwischen Folklore und Free Jazz, zwischen abstraktem Rhythmusgeflecht und hypnotischem Innehalten spannten.

Im wundervollen Konzertsaal des “social clubs” Os Franceses, inmitten des verwitterten Hafengeländes von Barreiro versteckt, gab es am Mittwoch die Chance zwei junge, innovative Duos aus dem großen Fundus der experimentellen einheimischen Szene zu hören.

João Almeida und Mariana Dionísio aka LUMP gaben sich äußerst reduktionistisch: Trompete und Gesang bzw. Soundpoetry, das ist es! Was diese Kombination auf dem Papier herzugeben verspricht, löste sie ein. Hörbar vom Jazz und der Improvisation beeinflusst, setzt João Almeida die Töne und Melodietupfer und lässt auch die Leerstellen zur Geltung kommen und Mariana Dionísio experimentiert mit Sprache und Stimme. Das klang manchmal wie die Tonleiter rauf und runter gesungen, dann plötzlich liturgisch und dann wieder, wenn die Trompete sich in das Gebiet der Obertöne vorwagte schlichtweg poetisch und angenehm irritierend.

Filipa Campos und Paulo da Fonseca spielen unter dem etwas kryptischen Namen seit 2015 zusammen. Die Metropole Lissabon haben sie vor einiger Zeit mit einer Bleibe auf dem Land getauscht; vielleicht klingen ihre mit analogen Synthesizern und daran angeschlossener Gitarre kreierten Stücke deshalb so organisch. Weich, dynamisch, melodisch, geheimnisvoll kommt einem als Beschreibung für ihre schönen, spektralen Drones in den Sinn, in die man unweigerlich versinken und doch auch die Sinne schärfen kann.

Im Hörsaal der Bibliotéca Municipal in Barreiros Altstadt bläst uns Vasco Alves am nächsten Abend zuerst mit seinem Dudelsack gemäß seiner letzter Veröffentlichung Gaita Contra Computator Obertoniges um die Ohren, was in der Kombination mit zerschredderten Beats aus dem Computer und dadurch, dass sich Alves ständig im Raum hin- und herbewegt und die Akustik verändert dem Genre eine neue reizvolle Nuance hinzufügt.

Adriana João und Pedro Tavares befassen sich außer mit Musik auch intensiv mit Videokunst, Installationen oder Malerei; im Auditório beschränken sie sich aber heute Abend auf die Musik. Mit Piano, Violine und Computer als Gestaltungsmittel spielen sie eine Art nervöse Kammermusik, die durch ständige Brüche und melodische Farbtupfer im Wechsel eine so eigenwillige wie eigenartige, irgendwie abgehoben-verschwurbelte Stimmung zwischen Erde und Himmel imaginiert.
Das outfest-Publikum wäre ganz sicher auch dazu bereit gewesen länger als dreißig Minuten den verschlungenen musikalischen Pfaden von Adriana João und Pedro Tavares zu folgen; auf der Bandcamp-Seite des Lissaboner Labels CD-R lässt sich allerdings das Vergnügen mit dem Erwerb von 6 Ensaios verlängern.

Das Auditório Municipal Augusto Cabrita ist ein modernes multifunktionales Kulturzentrum, das sich auch eine finanziell gebeutelte Stadt wie Barreiro leistet. Im bestuhlten Saal kann man ansonsten Theater, Mainstream-Rock oder den Weihnachtschor auf der Bühne erleben. Freitag und Samstag sind aber an diesen ersten Oktobertagen für kulturelle Exkursionen ganz anderer Art gebucht.

Die Französin Jessica Ekomane, die nun wie mindestens jeder zweite Künstler auch nach Berlin geflüchtet ist, ortet sich musikalisch zwischen Soundinstallationen, die gerne auch quadrophonisch den Raum beschallen, der multidiziplinären Kunst- und der elektronischen Musikszene ein. Liveauftritte können dann auch einmal in ein nächtliches Schlafkonzerten münden. In Barreiro bekommt das Publikum aber ein konzentriertes Programm in Form abstrakter dynamischer elektronischer Klangflächen mit wenigen Beats geboten; eine Musik, die wie die Synthesizermusik von Kara-Lis Coverdale oder die geometrischen, holprigen Achterbahnfahrten von Autechre abstrakt und organisch zugleich wirkt.

Bruno Silva darf sich fast schon als Veteran in der Geschichte der elektronischen Musik in Portugal der letzten Jahrzehnte bezeichnen. Beim Out.Fest trat er auch schon mit seinem ersten Projekt Osso in Barreiro in Erscheinung. Als Serpente und Ondness veröffentlichte er in den letzen Jahren verschiedene Alben, z.B. auf Discrepant Records, die eine ganz eigene Handschrift tragen und auf eine in den Bann ziehende Weise repetive, ungemütliche, verschlungene Beats, melodische musique concète, Samples und Außenaufnahmen fusionieren. Auch als erklärter Freigeist in der Elektroszene darf die Besetzung für den Out.Fest – Auftritt mit den beiden aus der aktiven Free-Jazz/Impro-Szene stammenden Margarida Garcia (Kontrabass) und Pedro Sousa (Saxophon) als gewagt bezeichnet werden. Und so wirkte das Aufeinandertreffen auf der Bühne nach einem starken Beginn, der etwas an die atmosphärisch-dichten “electronic landscapes” von Benjamin Lew und Stephen Brown erinnerte, tatsächlich etwas bemüht und inkompatibel. Die Jazzelemente und mächtigen elektronischen Soundwände Silvas wechselten sich ab oder bliesen zum jeweiligen großen Finale der Stücke, ohne die erhofften magischen Momente zustande zu bringen.

Am letzten Tag es Festivals traf sich im Os Franceses eine kleinere Schar schon um 15.00 Uhr am Nachmitttag, um, diesesmal in einem kleinen Saal und im Dunklen mit der Möglichkeit, sich auf Matratzen auszustrecken, zwei Stunden João Sarnadas’ The Humm zu lauschen. Dieses gewaltige Stück, das sich in zwei Teilen auf vier CDs erstreckt – The Hum und The Humm – ist ein im wahrsten Sinne des Wortes hypnotisches Abtauchen in warme, dronige und kitschfreie subtile musikalische Labyrinthe. Die Töne stehen über einen längeren Zeitraum beinahe starr im Raum. Die Musik, so Sarnadas, entstand in intensiven Sessions über einen kurzen Zeitraum. Der zweite Teil – The Humm – imagniniert einen Spaziergang durch ein verlassenes Porto an einem sehr warmen Tag. Das Stück komponierte Sarandas mit einem Synthesizer und Oszilatoren. João Sarnadas’ Musik ist im Geiste nicht so weit von der, Éliane Radigues entfernt.
Im Parque Paz & Amizade verlängerte um 18.00 Uhr das schwer angesagte Manchester Duo Space Afrika, das vorgibt, die britischen Genres Trip Hop, Dubstep und Post-Punk nochmals zu erneuern, unfreiwillig das Schlaferlebnis, diesesmal auf die unangenehme Art: Derrmaßen abgeschlafft und uninspiriert hatte ihr Set nicht einmal als Lounge-Berieselung eine Berechtigung. Selbst die Fotographen waren dermaßen gelangweilt, dass sie im Publikum nach interessanteren Motiven suchten.
Sei’s drum!


Zum Glück konnte man zum Abschluss der Oktoberausgabe des Out.Fests 2021 im AMAC mit Gustavo Costa und den Glasgowern Still House Plants nochmals aufregendere Töne erwarten.

Costa hat mit einigen anderen Musikern und Weggefährten aus der produktiven Musikszene in Porto in den letzten Jahren das kreative Zentrum Sonoscópia, das zugleich Veranstaltungsort für verquere Musik, Schule, Residenz, Label und vieles mehr ist, aufgebaut. Seine Wurzeln in der Hardcore- und Undergroundszene verleugnete er selbstverständlich auch nicht auf den Veröffentlichungen mit elekro-akustischen – oder auf der kürzlich erschienen Platte Entropies and Mimetic Patterns mit Perkussionsstücken. Entsprechend kurzweilig und grenzüberschreitend gestaltete Costa das Set auf seinem Hausinstrument (Schlagzeug). Klangforschung und Energie, Minimalismus und Drones, Neue Musik und Underground; alles floss in die Stücke ein, ohne bloß konstruiert zu wirken.

Die Still House Plants haben ihre reduktionistische Version von rhythmisch-abgehackten Jazz-Punk – Songs inzwischen nach mehreren Platten und zahlreichen Auftritten perfektioniert, ohne an diesem Konzept scheinbar etwas zu verändern oder zuzufügen zu wollen. Aber warum auch? Der warme Gesang von Jessica Hickie-Kallenbach wirkt als perfekter Kontrapunkt bei den genussvoll ausgereizten repetiven Disharmonien der Songs. Ein schöner Ausklang.

Météo Music Festival Mulhouse 2021

Von einer Rückkehr zu vorpandemischen Gepflogenheiten kann zwar keine Rede sein, trotzdem wagen einige Veranstalter seit dem Sommer den Online-Modus wieder aufzugeben und Musik auch wieder live mit Zuschauern zu präsentieren.
Météo in Mulhouse war im vergangenen Jahr schon eines der wenigen Festivals, das unter entsprechenden Auflagen stattfinden konnte. So konnte die Crew für die traditionell Ende August programmierten Aventures Sonores schon mit einer gewissen Routine aufwarten. Den Pass Sanitaire vorgzeigt und schon konnte man sich am Ticketstand das ersehnte Armband für den Zugang besorgen und bekam noch zusätzlich eine CD aus dem grossen Fundus des Mulhouser Musikbüros geschenkt.
Das Programm war, wohl auch aufgrund der Unsicherheit was die ständig wechselnden Reisebeschränkungen anbelangt, überwiegend auf französische und schweizerische Musiker ausgerichtet und auch der Zuschauerzuspruch blieb überschaubar und setzte sich fast ausschliesslich aus Leuten aus der Region zusammen. Das Motoco, wo sonst eher DJ-Events stattfinden, im fantastischen Areal der ehemaligen Textilfabrikation beheimatet, diente wie schon vergangenes Jahr als Hauptveranstaltungsort anstatt das traditionelle und großzügerige alternative Zentrum Noumatrouff.


Zur Eröffnung duellierte sich das Toulouser Duo Sarah Brault (Stimme ) und Marion Jo (Violine) unter dem schönen Künstlernamen Tarzan & Tarzan mit dem Le Choeur Sauvage aus Strasbourg, was glücklicherweise zu verhältnismäßig wenigen Ausbrüchen ins vokalakrobatische Minenfeld führte, sondern überwiegende spannende Momente hervorbrachte. Momente, deren Quellen man in osteuropäischer Folklore, Neuer Musik, Drone, Stockhausen auszumachen vermutete. Auch wenn das theatralische Faible des Chors immer mal wieder an eine aus dem Ruder gelaufene Familienaufstellung gemahnte: ein gelungener Festivalauftakt und ganz nebenbei eine Art Erweckungserlebnis für die Zuhörer – Musik, live und unter Gleichgesinnten zu erleben; das gab es lange nicht mehr. Tarzan & Tarzan konnte man zwei Tage später im Auditorium des Musikkonservatoriums auch noch in Reinform erleben, wo sie ihre, dem Konzept geschuldete, Zurückhaltung aufgaben und einen intensiven, noisig-dronigen Auftritt hinlegten.
Mathieu Werchowsky, versierter Violinist, stellte daraufhin sein neues Album vor, das die gesamte Gestaltungsvielfalt, die dieses Instrument und Genre mit sich bringt, beleuchtet. Beeindruckend wie Werchowsky eine dreiviertel Stunde, beinahe unbeschwert wirkend, Virtuosität und Musiklität vor Publikum zur Schau stellt.

Danach kommt es für mich zum ersten Höhepunkt der diesjährigen Météo-Ausgabe: Éloïse Decazes, Pariserin mit einer Affinität für obskure, traditonelle Songs, die sie gerne sanft ins Surreale transferiert und die sie mit Arlt, Eric Cheneaux oder der gleichsam unwiderstehlichen Délphine Dora in Szene setzt, trifft diesesmal mit Julien Desailly als musikalischen Gefährten auf die Formation Begayer (Loup Uberto, Lucas Ravinale, Alexis Vineis).

Ein Sammelsurium an “gefundenen” selbstgebauten oder umfunktionieren Instrumenten und ausrangierten Radios liegt da auf dem Teppich, der die fehlende Bühne ersetzt, und während von den Musikern ein leises, anarchisch-verspieltes Klanggemälde inszeniert wird, bezirzen sich der sich fordernd-forsch gebende Loup Uberto mit seiner Interpretation von norditalienischen Folkadaptionen und die kühl-ironische und sich sophisticate gebene Éloïse Decazes. Auch Éloïse Decazes und Julien Desailly und Loup Uberto und Lucas Ravinale kann man an anderer Stelle wärhrend der Festivaltage nochmals erleben. Von Begayer, Loup Uberto (auf Three Four Records) und Éloïse Decazes sind im vergangenen Jahr ausgezeichnete Platten erschienen, vielleicht inspiriert der Auftritt zu einer gemeinsamen Produktion.

Stéphan Clor, in Colmar aufgewachsen, hat in Wien Musik studiert und fühlt sich nicht nur in der klassischen Avantgarde zuhause. Einflüsse von Minimal Music, Folk, Ambient-Noise oder Elektroakustik lassen sich zahlreiche in seinen verschiedenen Projekten finden. Bei Hyperborée spielt er Cello; Léa Roger, die wir mit Osilasi zwei Abende später erleben, Harfe und Clara Lévy Violine. Ihre Kammermusik bekommt durch den experimentellen Mix und elektronische Elemente eine hypnotische, andersweltliche Atmosphäre. Für den Auftritt des (Bläser-) Ensembles Liken begibt man sich vom Motoco über das Fabrikgelände in ein zur Kletterhalle umgestalteten Gebäude.

Der bizarr-scheinende Hintergrund der hoch aufragenden Kletterwand motiviert die Formation und den unruhigen Dirigenten, dem man einen Hang zum Overacting nachsagen könnte, zu entsprechenden Höhenflügen des Genres der  freien Improvisation.
Grégory Dargent dagegen, der den Abend beschließt, spielt Gitarre und Oud und zusammen mit Anil Eraslan (Cello) und Wassim Halal (Perkussion) finden wir uns unmittelbar in der Sahara wieder, in der die französische Regierung auf algerischem Gebiet in den 1960ern Nukleartests durchführte. Dies erklärt den melancholischen Unterton der neben der Trancemusik der Tuareg auch stark vom Jazz, schrillem nordaffrikanischem Pop und Chansons inspirierten Musik. Als eine Art alternativer Travelogue angelegt vermischt sich die Musik Dargents, die unweigerlich auch Schimmer anderer in der Region hängengebliebener oder sich inspirieren lassenden Künstler wie die Sun City Girls, aufblitzen lässt, mit den visuellen Eindrücken des auch fotografisch Tätigen.
Im Park Salvador verpasste ich den Partymusik-Abend mit Lumpeks, der polnischen Formation, die mit dem Spirit des Free Jazzs traditionelle Folksongs aufmischte und die Bläserformation Kill Your Idols, die unter der Regie von Fred Frith das Sonic Youth-Stück und andere Gassenhauer im Stile einer Brass Band oder der Weill/Eisler – Phase von Heiner Goebbels und Alfred Harth zum Besten gab.
Fred Frith konnte man zum Auftakt des Freitagabends dann im Duo mit der portugiesischen Trompeterin Susana Santos Silva auch auf der Bühne erleben.


Überraschend bediente das Duo nicht die übliche Vorstellung von improvisierter Musik, sondern ließ ein feines Gespür fürs Melodische, Songorientierte zu Tage treten. Jazz, Americana, Noise und ambiente Momente ließen Erinnerungen an die Zeit aufkommen, als Frith mit seinen japanischen Co-Partnern Death Ambient Magisches heraufbeschwor.
Sarah Terral aka Clément Vercellettos Auftritt traf mit dem Veröffentlichungsdatum seines Albums auf dem geschmacksicheren Lausanner Label Three:Four Records zusammen, somit konnte man die exklusive Premiere erleben. Vercellettos Musik, mit modulären Synthesizern komponiert und eingespielt, sticht aus dem Festivalprogramm heraus: Grenzüberschreitender Noise und die Schönheit der Stille gleichermaßen in einer höheren Ordnung in Einklang bringend, spürt man in seiner Musik eine Dringlichkeit, der noch ein Punk-Spirit innewohnt und wie man sie ansonsten auch schon bei seinen anderen Projekten mit Orgue Agnès, der Formation mit ELG oder dem post-Techno Projekt Kaumwald kennenlernen konnte.


Mit dem Duo Osilasi begegnet man auch Léa Roger wieder, die hier, wie auch schon beim Kraak Festival 2019 ihre frei-anarchische Seite zeigen kann und mit Célia Jankowski am Schlagzeug zusammen zelebriert sie diese leicht verschobenen/verschrobenen Free-Folk – Songs, tribaliastisch angelegt und vielleicht imaginären Kulturen nachjagend, die sympathischerweise immer Gefahr laufen, die Balance zwischen Schönklang und Disharmonie zu verlieren.

Das zwischen Kunst, Performance und Klang sich orientierende (und manchmal verlierende) Genfer Zweigespann Julia Semoroz (Electronics, Vocals) und Emma Souharce (Electronics) beschließt den Abend im Motoco mit, im Korsett von post-industriellen dekonstruierten Techno-Landschaften versteckten kleinen Melodietupfern.
Am Abschlusstag ist dann defintiv die Zuschaustellung maskuliner und femininer Muskelkraft angesagt. Anthony Laguerre, vom Rock kommnender Schlagzeuger, mischt elektronisch verstärkt das Les Percussion De Strasbourg-Ensemble ab und Myotis V stellt sich als das angekündigte Trommel-Spektakel heraus.
Bei der Performance Boxing Noise haben sich Julia Semoroz und Emma Souharce mit Cyril Bondi am Schlagzeug und vom weiblichen Boxclub Mulhouse zuammengetan, um Musik und extremen phyischen Sport unter Einbezug des Publikums zu vermischen. Das erinnerte etwas an bemüht orgininelle Theaterkurse in der Schule.

 

three:four records

August 27th, 2018

 

three:four records – Ein Porträt des Lausanner Labels

Als zartes Pflänzchen, inmitten des Dschungels angesiedelt, der sich musikalische Subkultur nennt und doch zum größten Teil einhergeht mit Beliebigkeit, darf sich das feine Lausanner Label three:four records, das kommendes Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, auf die Fahnen schreiben, neben dem schon einige Jahre länger aktiven Leuten von Kraak aus Ghent, am Puls der europäischen Off-Stream-Mikrokultur zu sein. Abseits der renommierten Festival- und Labelszene produziert man herausragende Musik in Kleinstauflagen.
Ob einheimische Künstler, wie die sich beim Gestalten von Soundtracks wohlfühlenden maninkari oder die sich auf alternative World Music spezialisiert habenden La Tène; die portugiesischen Künstler, die in Lissabon mit dem Veranstaltungsort ZDB in Verbindung stehen wie João Lobo, Filipe Felizardo, David Maranha oder der musikalische Tausendsassa Norberto Lobo, die belgischen Erneuerer des (mittelalterlichen?) Drones Razen, die schrägen und innovativen Chanteusen Eloïse Decazes, Annelies Monseré und Delphin Dora oder das Urgestein Thierry Müller, der u.a. eine wunderbare Platte mit der Römerin Mushy aufgenommen hat, um sein mythisches Projekt Ruth neues Leben einzuhauchen; der Katalog von three:four records ist beeindruckend. Gaëtan Seguin, eine Hälfte der Gründungsväter des Labels, nahm sich freundlicherweise die Zeit, auf meine Fragen zu antworten.

Wie kam es zur Gründung des Labels?
“Three:Four wurde 2008 zwischen Lausanne und Paris von Arnaud Guillet und mir gegründet. Zu Beginn legte das Label seinen Schwerpunkt auf serielle Projekte – Split 10″ und Kompilationen. Damals planten wir noch nicht, Alben zu veröffentlichen, sondern nur limitierte und handnummerierte Editionen von Künstlern, die wir schätzten, mit einem besonderen Augenmerk auf das physische Objekt. Im Jahr 2008 gab es viele Bands und Musiker, die noch ihre Musik in irgendeiner Form veröffentlicht hatten und wir dachten, wir können ihnen diese Möglichkeit eröffnen. Einige veröffentlichten ihre erste Platte auf three:four records : Amen Dunes, the fun years, white/lichens, Matt Jencik, Silencio etc.2010 orientierte sich das Label neu auf das Veröffentlichen von Alben und nur der Lausanner Zweig blieb bis 2017 aktiv, bis Maxime Guitton, Musikveranstalter und Gründer der ali_fib Konzertserie in Paris miteinstieg. Da wir beide einen Fulltime-Job und Familie haben, betreiben wir three:four in unserer Freizeit.”

Seid ihr selbst Musiker?                                                                                                               “Ich spielte Schlagzeug in meinen Zwanzigern, Maxime hingegen war gar ein klassisch-geschulter Pianist in seiner Teenagerzeit, aber wir beide haben das Spielen komplett eingestellt und fühlen uns wohler, Musiker zu unterstützen.”

Lausanne hat einen Ruf, ziemlich fortschrittlich im Unterstützen von interdisziplinärer Kunst zu sein. Eine Gruppe wie Velma hat z. B. auch mit Tanztheatern zusammengearbeitet und das Publikum scheint offener als anderswo in der Schweiz zu sein. Was sind deine Erfahrungen?
                                                                                                ” Für eine relativ kleine Stadt ist das kulturelle Angebot sehr gut und es gibt einige Möglichkeiten mit anderen Diziplinen zu kollaborieren. Allgemein gesagt, genießen es die Leute Festivals zu besuchen, sogar die sehr spezialisierten wie LUFF, aber es is auch wahr, dass viele Konzerte nur sehr wenig Publikum anzieht. Alles in Allem würde ich sagen, dass das Lausanner Publikum offen ist ohne allerdings die abseitigen, kleinen Konzerte zu unterstützen.”

Nach welchen Kriterien wählt ihr aus, ob ihr eine Platte mit einem Künstler machen wollt?
” Natürlich ist die musikalische Qualität ein entscheidendes Kriterium, aber das ist nicht ausreichend. Wenn wir genau auf das graphische Design achten, sind wir auch sehr mit der Person hinter dem Küntler verbunden. Grundsätzlich basiert unsere Arbeitsweise auf Vertrauen. Wir bevorzugen es die Hände zu schütteln anstatt einen Vertrag zu unterschreiben, um es so auszudrücken.”

Wie stößt ihr auf die Musik, die ihr produzieren wollt?
” Meistens stoßen wir auf neue Musik ganz einfach durch unsere Netzwerke: Freunde, Freunde von Freunden. Es hat sich unter den Musikern herumgesprochen, dass three:four einen einen gurten Ruf hat und das macht sich für uns positiv bemerkbar.”

Arbeitet ihr bei den Produktionen Hand in Hand mit den Musikern oder ist es eher der Fall, dass ihr das fertige Resultat zum Veröffentlichen bekommt?
” Es ist selten, dass wir schon bei den Aufnahmen und beim Mixen einbezogen werden, da das meistens schon gemacht wurde. Abgesehen von diesem Aspekt, kommt es wirklich auf den Künstler an. Manchmal sind sie komplett autonom und haben eine klare Idee, was sie wollen: sie kommen dann zu uns mit einem speziellen Artwork und die Trackliste ist auch schon komplett; andere haben nur eine Idee im Kopf und der Graphikdesigner arbeitet dann mit dieser Idee. Es kommt auch vor, dass Musiker sich mehr auf uns stützen und uns nach unserer Meinung bei den Mixes, der Titelfolge, dem Sequencing, dem Design oder dem Layout fragen. Für uns sind all diese Möglichkeiten ok, solange die Künstler das letzte Wort über das Artwork und das Mastering haben und glücklich mit dem ganzen Ablauf sind.”

Trotz der Globalisierung, auch im Bereich der Undergroundmusic, scheinen bestimmte Städte immer noch für eine spezielle Art von Musik zu stehen wie z.B. Lissabon oder Brüssel. Was ist deine Meinung?
” Ich würde nicht sagen, dass diese Städte einen speziellen einheitlichen Klang haben, aber es gibt etwas Spezielles. In Lissabon zum Beispielt gibt es viele Möglichkeiten für einheimische Musiker zusammen oder mit anderen Künstlern aus der ganzen Welt zusammen zu spielen, die ein paar Tage, Wochen oder Monate in der Stadt verbringen. Es ist offensichtlich, dass von dieser intenstiven, aktiven Szene alle profitieren. Lausanne könnte auch solch eine Dynamik haben, da es eine gute Auswahl an Konzertsälen hat, vom intimsten Rahmen zu großen, aber bis auf wenige Ausnahmen, gibt es kein Zusammenwirken.”

Abgesehen von dem belgischen Kraak-Netzwerk scheint mir Three:Four Records momentan das offenste Label für zeitgenössische Musik zu sein. Wie könnt ihr mit dieser sehr exklusiven Ausrichtung überleben? Ist es möglich, Zuschüsse, z.B. vom Staat oder Kunststiftungen zu erhalten?
” Danke für Deine netten Worte. Es ist eine Ehre, mit Kraak verglichen zu werden, da das Label einer unserer größten Einflüsse war. Inzwischen ist es nicht besonders schwer Musik aus verschiedenen Ländern zu veröffentlichen: es braucht einfach ein Netzwerk. Aber nicht einer speziellen Szene, insbesondere einer lokalen, angeschlossen zu sein, kann bezüglich der Aufmerksamkeit problematisch sein, ganz davon abgesehen wie wichtig es für uns ist unsere Neugier über die Grenzen auszuweiten und unsere eigene Gemeinschaft, unsere eigene transnationale Szene zu unterhalten. Die Wahrheit ist, wir verkaufen wenige Platten in der Schweiz und in Lausanne im Speziellen. Bis jetzt haben wir uns nie um eine fiananzielle Unterstützung bemüh. Wie schon erwähnt, betreiben wir das Label nebenher und ich habe mich immer unwohl dabei gefühlt, um Geld für unsere Freizeitbeschäftigung zu fragen. Was zählt, ist, dass unsere Verkäufe unsere nächsten Alben finanzieren können. Da unsere derzeitige finanzielle Situation die ist, die sie ist, wissen wir nicht wirklich, was das Jahr 2019 bringen wird.”

Wie könnte ihr euren Katalog vertreiben?
                                                                                    ” Wir arbeiten mit a-musik in Deutschland und The Business in den USA zusammen. Beides sind Schallplattenläden, Postversände und Vertriebe, die von wunderbaren, leidenschaftlichen Leuten betrieben werden. Wir arbeiten auch mit Metamkine in Frankreich, die einige speziellen Titel unseres Back-Catalgoues anbieten und Mbari in Portugal für die Norberto Lobo – Alben zusammen. Kürzlich kam Soundhom in Italien dazu.”

Zurzeit gibt es ein großes Interesse an Musik, die vor dreißig oder vierzig Jahre veröffentlicht wurde und viele Labels spezialisieren sich auf Re-Releases. Was denkst du von dieser Sehnsucht an Vergangenem? Three:Four Records dagegen bewegt sehr in der Gegenwart. Könntet ihr euch vorstellen, irgendwelche vergriffene Underground-Klassiker wiederzuveröffentlichen?
” Das ist eine interessante Frage. Einige Jahre zuvor, als Maxime zum Label dazukam, haben wir uns tatsächlich für einen kurzen Moment vorgestellt, eine Abteilung unseres Kataloges out-of-print Platten, die wichtig für uns waren von Künstlern wie Giovanni Venosta oder Gilius van Bergeijk, um nur einige zu nennen, zu widmen. Aber dann haben wir uns entschieden, uns auf die jetzige Welt, in der wir leben, zu fokusieren und eine wachsende Zahl von Künstlern, die jetzt aktiv sind, zu unterstützen. Der Re-issue – Markt ist tatsächlich ein anderer Planet mit seinen eigenen Qualitäten – die politische Geste, verlorene Juwelen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen – und Fallen – den Sinn für Relevanz und Kuration zu verlieren, den spekulativen Nischenmarkt zu füttern etc.”

Wie sieht das Verhältnis von physischen/digitalen Verkäufen der Platten aus?
” Momentan verkaufen wir mehr physische als digitale Alben, aber wir können klar sehen, dass, speziell seit Anfang Jahr, der digitale Markt schnell wächst.”
Wie ist eure Erfahrung mit Verkaufsplattformen wie Bandcamp, Soundcloud etc.?
” Wir nutzen Bandcamp und Soundcloud. Bandcamp ist großartig und sehr unterstützend, was die Verkäufe, sowohl von digitalen wie physichen Veröffentlichungen anbelangt, aber Soundcloud bietet mehr Flexibilität für das private Streaming an.”

Denkst du, dass die Nachfrage an Vinylplatten weiter steigen wird?
“Nein.”

Wie ist es um die Fanzine-Szene bestellt? Denkst Du, kleine Publikationen haben weiter Einfluss oder kanalisiert sich die ganze Undergroundszene in The Wire?
” Fanzines scheinen weniger einflussreich zu sein, als noch vor ein paar Jahren und The Wire ist definitv eine Hauptreferenz und sehr wichtig. Wenn ich dir auch nicht sagen kann, dass eine gute Kritik irgendeinen Einfluss auf die Verkaufszahlen hat, ist ein einseitiger Artikel in The Wire ist aber immer noch entscheidend dafür, Gigs organisieren zu können. In letzter Zeit scheint es mir, dass es zunehmend schwerer, wenn nicht gar unmöglich wird, eine Besprechung ohne Presseagenten (den wir uns unglücklicherweise nicht leisten können) zu bekommen.”

Arbeitet Three:Four Records in der Schweiz mit gleichgesinnten Veranstaltern oder Läden zusammen?
” Unglücklicherweise haben wir nicht genug Zeit dafür, Konzerte für unsere Künstler zu buchen. Aber wir haben gute Beziehungen zu einem Netzwerk in Europa und wir tun unser Bestes unseren Künstlern zu helfen. Ich versuche immer Konzerte in Lausanne zu buchen, während Maxime ein gutes Netzwerk in Frankreich hat. L’association du Salopard, die Konzerte im Le Bourg (Lausanne) veranstalten, Bad Bonn (Düdingen), Cave12 (Geneve) oder l’Oblo (Lausanne) sind Leute, mit denen wir es lieben in der Schweiz zusammenzuarbeiten. Wir haben auch besondere Kontakte zu Les Ateliers Claus in Brüssel oder zum ZDB in Lissabon.”

Ist es weiterhin schwierig über die Sprachgrenzen hinauszudenken?
” Außer Bad Bonn und zu ein oder zwei Plattenläden im deutschsprachigen Raum der Schweiz haben wir sehr wenig Kontakte. Und es gibt nur sehr wenige Bands, die in anderen Teilen der Schweiz spielen können. Natürlich, jeder Teil ist mehr verbunden mit der Szene, die die gleiche Sprache und Kultur teilt, aber ich habe das Gefühl, dass die junge Generation von Promotern und Musikern mehr und mehr zusammenarbeiten.”

Wahrscheinlich presst ihr eure Veröffentlichungen nur in kleinen Auflagen; Norberto Lobo andereseits scheint so etwas wie ein “Bestseller” zu sein, so findet man dessen Platten z.B. in fast jedem Laden in Portugal?                                                                 “Gewöhnlich pressen wir 300 Exemplare pro Veröffentlichung, außer Norberto Lobo und La Tène, unsere beiden Best Sellers.”

Kannst du etwas über die nächsten Schritte von Three:Four Records sagen?
” three:four records wird 2019 zehn Jahre alt und wir haben verschiedene Ideen, das zu feiern. Wir werden versuchen, unseren Vertrieb und die Präsenz zu verbessern, insbesondere in Europa. Aber, sehr wahrscheinlich, werden wir nur sehr wenige Alben 2019 veröffentlichen.”

Einige Höhepunkte aus dem Labelkatalog:

Anahita – Tourmaline
Helena Espavall und Tara Burke, beide als Solistinnen und in unterschiedlichen introspektiven Free-Folk Formationen aktiv (Espers, Beautify Junkyards, Fursaxa) trafen sich in den Sommermonaten 2010 und 2011, um eine betörend außerweltliche Platte einzuspielen, die die Affinitäten der beiden Musikerinnen – z.B. Mircea Eliade, Hildegard von Bingen, Minimalismus, Renaissance, Kraut, archaische Folkmusik, Drones – in einen ruhigen, geisterhaften Soundtrack für die Vollmondnächte kleidet.

Le Freut Vert – Paon Perdu


Marie-Douce St. Jaques und Andrea-Jane Cornell, ein Duo aus Montreal, begibt sich mit seiner Musik auf die Spuren von solch uneinkategorisierbaren musikalischen Freigeistern wie Un Drame Musical Instantané, Pied De Poule oder Hèléne Sage, also der Creme de la Creme des Pariser GRRR – Labels und deren genialen, intellektuellen Mischung aus Avantgarde, Jazz, Klassik (Lied) und surrealen Chansons. Die große Kunst, Anspruch mit verquerer Zugänglichkeit in Einklang zu bringen, gelingt ihnen auf spielende Weise.

Riccardo Dillon Wanke – Cuts
Die Platte von Riccardo Dillon Wanke für Three:Four Records ist thematisch zweigeteilt. Die erste Seite beruft sich auf literarische Quellen und la puerta condenada explzit auf Das kurze Leben, den bekanntesten Roman von Julio Cortázar. Dillon gestaltet die dramatisch-erzählerischen Songs mit Electronics, Synthesizern und preparierter Gitarren im Stile eines experimentellen Alleskönners wie John Parish. Die kürzeren Songs auf der zweiten Seite stehen eher in der Tradition von improvisierter Musik und zeigen eine andere Seite des zwischen Hamburg und Lissabon pendelnden italienischen Musikers.

Amute – Savage Bliss


Amute aka Jérôme Deuson gibt sich auf Savage Bliss gewohnt düster-opulent. Nach einem elegischen Einstieg nimmt der Melancholieschweregrad an Fahrt auf und die Musik neigt zum Bombastischen. Deusons Musik ist, weiß man die jeweiligen Linernotes entsprechend zu deuten, immer auch eine Art Tagebuch, ein Travelogue über die meist schwierigen und dramatischen Begebenheiten des (seines)Lebens.

Denki Udon – ZDB
Norberto Lobo hat sich durch seine, inzwischen zahlreichen, Veröffentlichungen, Solo- und mit unterschiedlichsten Bands, einen Namen in Portugal erspielt. Auch die drei Solo – Alben auf Three:Four sind im Rahmen der bescheidenen Auflagen eines Avantgarde-Labels vergleichsweise Bestseller. Mit Giovanni Di Domenico (Fender Rhodes) und Tatsuhisa Yamamoto (drums) gibt es von Lobo auch eine stilistisch aus dem Rahmen fallende Aufnahme eines Konzertes, das im ZDB mitgeschnitten wurde. Hier machen sich die drei Musiker zu einer sphärisch verschwurbelten Himmelsfahrt auf, bei der Fusion, Blues und Rockelemente keine Schimpfworte sind, sondern probate musikalische Genres, um dem Wahnsinn in ein Korsett zu stecken, das sozusagen der Grenzenlosigkeit Grenzen setzt, um sich nicht komplett der Schwerelosigkeit hinzugeben.

Filipe Felizardo – The Invading Past and Other Dissolutions


FF gehört zur jungen Garde von talentierten Gitarristen in Portugal, die vortrefflich traditionelle mit zeitgenössischen Einflüssen in ihrer Musik verbinden. Die ruhige, selbstvertändlich melancholisch-inspirierte, und gelassen wirkende Schönheit der instrumentalen Gitarrenmusik eines Carlos Paredes hat einen ernormen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen ausgeübt, so auch bei FF. Filigrane, getragene Melodien wechseln sich mit Ausflügen in den Noise ab, und alles passt wunderbar zusammen.

Razen – The Xvoto Reels


Razens “hardcore melodic minimalism & raw dystopian deep listening” – Kompostionen werden mit The Xvoto Reels um ein weiteres Kapitel erweitert. In einer Kirche aufgenommen, wo es bei den Aufahmen zu einigen Merkwürdigkeiten gekommen sein soll – phantomhafte, zusätzliche Klänge bzw. Aussetzer, irgendwo aus dem Hall und Echo der akustischen Begebenheiten der Kirche enstanden, sind auf dem Tape zu finden – verstärken den andersweltlichen Geist, der der Musik von Razen immer irgendwie innewohnt, noch mehr. Eine der wegweisendsten musikalischen Formationen derzeit, fraglos.

Aus früheren mikrowellen Reviews:

Ruth – Far From Paradise

http://www.mikro-wellen.net/wordpress/ripples-januar-2013/

Eloïse Decazes & Eric Chenaux – La Bride

http://www.mikro-wellen.net/wordpress/ripples-may-2017/

 

Mehr Infos:

three:four records

Alésia Cosmos

July 22nd, 2018

So Far Again

“Mitte der 1970er Jahre war Strasbourg ein seltsamer Ort. Eine politisch sehr aktive Szene, insbesondere an der Fakultät für Architektur, und als starker Konstrast dazu, eine Stadt, die sich stark auf ihre elsässische Tradition berief und eine Gesellschaft, zu der man als den Dialekt nicht Beherrschender keinen Zugang fand”, erzählt Bruno de Chénerilles, den ich anlässlich der Wiederveröffentlichung des ersten Albums von Alésia Cosmos in seinem Studio Audiorama unweit des Rheinhafens treffe.

Die Kultur- und Politikinteressierten organisierten sich in den Siebzigern ihre eigenen Treffpunkte. Unter anderem entstand in Strasbourg eine kleine, aber sehr lebendige Free Jazz/Improvisationsszene. Bruno de Chénerilles, Marie-Berthe Servier und Pascal Holtzer – der spätere Kern von Alesia Cosmos – lernten sich in den Bars der elsässischen Metropole kennen und kanalisierten ihre verschieden Projekte – Musik, Theater, Fotographie – in ein gemeinsames: Alésia Cosmos.
Zu einer Zeit, in der sich nach Jahren der musikalischen Stagnation, die ihren dumpfen Ausdruck im Bombastrock und Disco fand, die Grenzen, angestoßen durch Punk, aufhoben und Avantgarde, Free Jazz, Experimenteller Rock usw. viele Musiker beeinflussten, war die Szene in Strasbourg, verglichen mit französischen Städten vergleichbarer Größe wie Nancy, Reims oder Amiens durchaus überschaubar. Letztlich kulminiert die Hinterlassenschaft der experimentellen, genreübergreifenden Musik in Strasbourg in den beiden Alben der Band, die einen ähnlichen Stellenwert im musikalischen Underground Frankreichs haben sollten wie die eines Albert Marcoeurs, eines Thierry Müllers oder die Gesamtkunstwerke DDAAs.

 

exclusivo!

Auf exclusivo!, dem ersten Album von Alésia Cosmos, das 1983 auf dem eigenen Planétarium-Label (das im Grunde noch viel mehr als ein Label war, nämlich Vertrieb, Konzertorganisation und Teil eines Netzwerkes) erschien, ist unschwer zu überhören, dass Bruno de Chénerilles und Pascal Holtzer aus der freien, improvisierten Musik kommen. Man spürt aber genauso ihre Affinität für Rock, Blues und – ja – Funk! exclusivo! ist geprägt vom Aufbruchsgeist des Postpunk und gleichzeitig hört man die Offenheit für unterschiedlichste Quellen, die auch andere französische Bands vom ansonsten weitgehend angloamerikanischen und britischen Geschmacksdiktat abhoben. Bruno beschäftigte sich zu jener Zeit schon mit Tapecollagen, wobei ihm seine Arbeit am Theater zugute kam. Der mit der Musik abwechselnd kontrastierende und im Einklang variierende Gesang von Marie-Berthe und die der Zeit voraus gewesenen World Musik-Einflüsse von Lofti Ben Ayed – die man ansonsten höchstens bei der für ihre Grenzenlosigkeit bekannten Band Aksak Maboul hörte – vereinten sich zu einer pulsiernden Musik, die auch heute noch kontemporär klingt. Komponierte Grundstrukturen, meist von Bruno und Pascal, treffen auf wilde, freie Improvisationen und heben die Trennung mit Leichtigkeit auf.
Trotz der Blütezeit der DIY-Labels und Vertriebe merkten die Mitglieder von Alésia Cosmos allerdings schnell, dass die Promotion und der Verkauf nicht so einfach nebenbei zu bewerkstelligen waren. So suchte man für das zweite Album gezielt nach einem Label. Tapes wurden an die damals üblichen Verdächtigen gesandt und einer dieser war der Betreiber des hat Art– Labels. Bruno, der in der Zeit zwischen 1975 und 1978 auch einen Plattenladen im Zentrum von Strasbourg betrieb – “Es gab in der Stadt rein gar keine Möglichkeit zeitgenössische, nicht-konventionelle Musik zu kaufen” – war ein großer Fan der Free Jazz – Veröffentlichungen des Labels, die er neben anderen Avantgarde-Labels selbstvertändlich auch im Laden anbot. Hat Art hatte gerade eine Platte mit Jac Berrocals Catalogue (Pénétration) veröffentlicht und das war Motivation genug, sich an das Label zu wenden. Die Zusage kam innerhalb einer Woche.

Aéroproducts

Aéroproducts, das zweite Alésia Cosmos – Album, erschien 1985 in der für das Label charakteristischen Kartonbox, die eine LP und ein zweite, einseitig bespielte, enthielt. Das Album darf als direkte Fortsetzung des Debuts gesehen werden, allerdings klingen die Stücke, da sie, bis auf die “dritte Seite”, ohne Zeitdruck in der Wohnung von Bruno, mitten in der Stadt, aufgenommen und produziert wurden, ausgereifter. Auch kommt Marie-Berthe Servier in ihrer Rolle als Sängerin stärker zum Zuge, da, im Gegensatz zum Debut, wo nur für ein Stück Lyrics geschrieben wurden, die Band verstärkt mit Text arbeitete. Neben dem harten Kern – Bruno de Chénerilles, Pascal Holtzer, Marie-Berthe Servier – spielten im erweiterten Kreis von Alesia Cosmos wie schon auf dem Erstling Pierre Clavreux und Lofti Ben Ayed mit.


Die Erstauflage war aufgrund des professionelleren Vertriebs schnell vergriffen. “Wir spielten einige Konzerte als Trio und es erschien eine Zweitauflage. Ende 1986 löste sich die Band auf. Ich weiß nicht mehr genau warum. Marie-Berthe ging nach Paris, Pascal und ich spielten in anderen Bands usw. 1989 wurde das Album, wie auch das von Catalogue aus dem Programm von hat Art genommen. Das war das, aber wir waren stolz darauf, auf dem gleichen Label wie Cecil Taylor oder John Cage eine Platte veröffentlich zu haben.”
Die Wiederveröffentlichung von exclusivo! erschien Ende 2017 auf dem US-amerikanischen Dark Entries – Label. Nun wird auch Aéroproducts dies Ehre zuteil. Bruno hat das Masterband aufbereitet und es werden auch diverse unveröffentlichte Stücke zu hören sein. Das Album soll Ende des Jahres auf einem Label aus Rennes erscheinen.
Die damalige Fotosession für die Hülle von Aéroproducts wurde im Zoomuseum von Strasbourg geschossen. Pascal Holtzer hatte zur damaligen Zeit einen Freund mit Kontakten und so konnten er, Bruno und Marie-Berthe die exzentrischen Fotos in den Vitrinen des Museum, inmitten der ausgestropften Tierpräparate inzenieren; eine Idee, die sich vorzustellen, heutzutage wohl allen Security Guards das Blut in den Adern gefrieren ließe. Im geöffneten Maul des Krokodils platzierten die Drei übrigens heimlich einen kleinen Stoffvogel, der dort einige Jahre unbemerkt überlebte, so Bruno.

Alesia Cosmos 2018

Das wiedererwachte Interesse an der Musik Alésia Cosmos hat trotz der vielen aktuellen Projekte, die die beiden Leitfiguren der Band – Bruno de Chénerilles und Pascal Holtzer – verfolgen, natürlich auch zur Folge, dass man über ein zeitgenössisches Statement nachdenkt. “Wir haben genug neue Stücke und hätten auch Lust wieder etwas zusammen als Alésia Cosmos zu machen. Unser eklektischer Stil, der sich auch unter anderem durch die Verwendung der zahlreichen und unterschiedlichen Instrumente erklärte, ist mit der heutigen Technik viel besser zu realisieren. Kommendes Frühjahr planen wir einige Konzerte, hier im Studio, aufzuführen. Wir können auch die Garage gegenüber, dort, wo tagsüber Autos repariert werden, die wesentlich geräumiger ist und wo wir auch schon Konzerte veranstalteten, nutzen. Die Studios hier im Zone d’Art – Bereich des Areals laden dann zu einem “Tag der Offenen Türe” ein. Diese kleinen Events haben wir schon seit einiger Zeit kultiviert. Zu den Auftritten kommen zwar immer nur zwischen 20 und 30 Leuten, aber die Stimmung ist entspannt und die Leute genießen den guten Sound. Anschließend bleibt dann immer Zeit, etwas zu trinken und sich zu unterhalten.

Ein Traum von uns wäre es, ein Mini-Festival mit Jac Berrocal und Nurse With Wound zu veranstalten. Es fehlt das Geld dafür, aber wer weiß…Vielleicht wird es im kommenden Jahr auch ein neues Album von Alésia Cosmos geben.”

 

Die Anfänge & die Vorläufer von Alesia Cosmos

Bruno de Chénerilles begann in den 1960er Jahren – zusammen mit seinem Bruder – Gitarre zu spielen. “Mit ihm spielte ich in verschiedenen Bands, die sich meist auf Cover-Versionen bekannter Beat-Bands spezialisierten. Ich war dann aber sehr vom Britischen Blues und Free Jazz beeinflusst, Archie Shepp und Coltrane waren sehr wichtig für mich. Richtig Musik zu spielen begann ich aber Mitte der Siebziger als die Freie Musikszene in Strasbourg auf ihrem Zenit war und gut zu den politischen Zirkeln, die sich aus Kommunisten, Anarchisten und Freaks zusammensetze, passte. Ich studierte zu dieser Zeit, obwohl nicht wirklich ernsthaft, denn es war so viel anderes zu tun. Später begann ich Journalismusstudium, nur um bald festzustellen, dass ich kein Journalist werden sondern Musik machen wollte. Mein Plattenladen war eine Anlaufstelle für gleichgesinnte Musiker. Die Szene bestand aus vielleicht zwölf Leuten und da kein Ort existierte, auch live zu spielen, versuchten wir das zu machen. Ich träumte davon all diese Leute zusammen zu bringen, deren Musik ich in meinem Laden anbot. Ich organisierte ca. zehn Konzerte in dieser Zeit und für das letzte versammelten sich alle zu einer Art Big Band. Trotz, dass ich durch die ganzen Egos etwas in meinem Enthusiasmus gebremst wurde, will ich die Zeit nicht missen. Ungefähr zu dieser Zeit begann ich mit einem anderen Gitarristen – Michel Froehly – als Corbo Combo zu spielen. Michel kam vom Noise und unsere Musik war dementsprechend laut und chaotisch. Ich spielte auch Schlagzeug, Marie-Berthe schloss sich uns an und begann zu singen. Dann kam noch ein junger Saxophonist und manchmal ein Cellist dazu und plötzlich waren wir ein Quartet. “

Freies Theater

“Zu dieser Zeit trat auch ein Schauspieler (Bernard Bloch) mit uns in Kontakt. Er wollte eine radikale Version von Goethes Faust inszenieren und suchte dafür eine experimentelle Band. Ohne Proben traten wir in Mulhouse in einem Keller auf. Der Schauspieler hatte kein Geld, aber immerhin einen Raum. So begannen wir mit ihm zusammen zu arbeiten und das war großartig. Er war der einzige Schauspieler auf der Bühne und wir grupierten uns um ihn und spielten eine Mischung aus Punk, Rock und Freie Musik. Und das Publikum mochte es. Wir traten in Strasbourg für drei Wochen auf, dann an einem anderen Ort in der Stadt nochmals für zwei. Ohne jegliche Promotion waren alle Aufführungen ausverkauft. Mulhouse (das damals viel ambitionierter und offener für experimentelle Strömungen als Strasbourg war), Lyon und Stuttgart waren die anderen Auftrittsorte, wo das Stück einen ähnlichen Erfolg hatte. Danach wollte ich eigentlich in diese Richtung weiterarbeiten, aber die anderen Musiker wollten lieber wieder zurück zur Musik und fanden das Projekt zu sehr im Theatergenre verhaftet. Für mich öffnete diese Erfahrung aber meinen Horizont etwas mit Text zu machen und ich begann mich mit dem Gedanken, für das Radio zu arbeiten, auseinanderzusetzen. “

“Mit Pascal Holtzer spielte ich dann unter dem Namen Hamburger Blues Band, wo wir unsere Roots ausleben konnten und zu uns gesellten sich noch andere Musiker. Mit Michel Froehly realisierte ich ein kurzes, für drei Auftritte dauerndes, Gitarren-noise-projekt: Danger.”

Interdiziplinarität & Radio France Culture

“Obwohl ich in erster Linie Gitarrist war, spielte ich immer viele unterschiedliche Instrumente und es wurde mir klar, dass ich in erster Linie vom Klang der Instrumente fasziniert war und das Beherrschen der Instrumente zweitrangig war. Ich experimentierte mit Tapes. Bei den Auftritten “scratchte” ich unterschiedliches musikalisches Material und arbeitete immer mehr mit Text. Einen Beitrag schickte ich über eine Freund, der bei Radio France arbeitete, an den Sender. Mein erstes Projekt, eine Art Sci-Fi-Hörspiel, wurde gleich akzeptiert und ich bekam dafür Geld!. Danach machte ich eine ganze Menge anderer Projekte für das Radio in Paris, blieb aber in Strasbourg wohnen, um mit meinen Freunden Musik zu spielen. Ich begann auch damit im Studio zu arbeiten. Obwohl ich nie eine reguläre Ausbildung genossen habe, lernte “by doing” und von den großen Toningenieuren im Radiostudio unglaublich viel. Ich schaffte mir einen Revox Tape Recorder an, baute mir mein Studio und begann Tape Musik zu komponieren. Ich war an ganz unterschiedlichem interessiert und immer neugierig auf Neues. So kam ich auch in Kontakt mit Filmemachern und arbeitete mit Film.

 


Man muss die Dinge immer selbst machen, man kann sich nicht auf die anderen verlassen. Ich arbeitete z.B. für knapp zehn Jahre als Tontechniker an den Theatern in Strasbourg und dann kam ich in Kontakt mit Tänzern. Mit Dance Theatres zusammen zu arbeiten ist sehr spannend. Ich war mit dem Ensemble zusammen auf der Bühne und improvisierte. Hier gab es zur damaligen Zeit ca. 4-5 Komponisten, die ähnlich arbeiteten und anstatt, dass wir in Konkurrenz traten, blieben wir immer Freunde.
Nach dem Auflösen von Alésia Cosmos hatte ich im Vergleich zu anderen Musikern meines Alters den Vorteil, dass ich durch mein autodidaktisches Erlernen von allem was mit Sound zu hatte, begehrt war und mich nie über fehlende Aufträge beklagen konnte.”

Die schwierige Beziehung zum Elsass

“Ich arbeitete weiter und vor allem in Paris für verschiedene Radioprojekte und fragte mich irgendwann, warum ich immer noch in Strasbourg wohnte, wo ich doch nach wie vor keinen wirklichen Zugang oder eine Verbindung zur elsässischen Kultur hatte. Als Künstler verband ich diese Frage mit einem Projekt, das ich über mehrere Jahre verfolgte. Ich begann mit Tonportraits im Norden von Strasbourg. Ich machte Feldaufnahmen, interviewte Einwohner und arbeitete mit Schulen zusammen – Workshops, wo die Kinder mit Sounds herumspielen konnten – und lud einen Fotographen ein. Danach war es schwierig an dieser Stelle aufzuhören. In Strasbourg was das Thema der Fluss, also der Rhein. Ich lud Künstler aus Kehl ein und umgekehrt. Merkwürdigerweise war es nicht üblich über die Grenze zu gehen. Die Idee war also, den Fluss als etwas Verbindendes zu sehen. In Sélestat führten wir ein Konzert im Kraftwerk auf, danach widmete ich mich der Geschichte der elsässischen Minenarbeiter. Das Projekt endete mit einem großen “Drei – Länder – Anlass”  Opéra des Trois Pays in Basel, Weil am Rhein und St. Louis/Hunigue. Wir spielten auf einem Rheinschiff, im Theater in St. Louis und auf der Fahradbrücke, die Weil am Rhein und Hunigue verbindet. Die Konzerte waren aus künstlerischer Sicht erfolgreich; das Problem blieb allerdings die Koordination zwischen den Ländern und Gemeinden. So gabe es für die Anlässe z.B. keine Absprache beim Ticketverkauf.


Ich begann auch zu Unterrichten. Und zwar zuerst zukünftige Musiklehrer. Um das seriös machen zu können, dachte ich, dass ich zuerst mit Kindern zusammen arbeiten müsste. Inzwischen bekomme ich Geld von der Gemeinde, z.B. hier im Stadtteil Meinau, wo ich jedes Jahr Workshops mit Ipads und Smartphones mache und mit den Kindern die manigfaltigen Möglichkeiten Sound und Musik zu kreieren, ausprobiere. Als Komponist ist es für mich nicht möglich zu überleben, aber noch wird in Frankreich die Vermittlung von Wissen, auch abseits des Maintreams, gefördert und unterstützt.
Für mich ist mein Werdegang, wenn ich darüber nachdenke, immer noch seltsam. Ich habe nie konventionell Musik gelernt und jetzt unterrichte ich genau das. Es ist nicht wirklich das technische Ding, obwohl das natürlich wichtig ist, das ich vermittle, sondern was man mit seiner Kreativität mit den Tools anstellen kann. Ich war immer in alle Richtungen offen und das kommt mir immer noch zugute. Ich kann mich nach wie vor vor Aufträgen kaum retten.”

Podcasts

Auf der Website von von Audiorama finden sich auch wunderbare Aufnahmen aus der Zeit von Planétarium – Liveauftritte von Joseph Racaille, Trio de Batteurs, Ptôse oder Un Drame Musical Instantané, Interviews und mehr, die nun als Podcasts zur Verfügung stehen. Dort werden, um wieder den Sprung in das Jahr 2018 zu machen, auch die aktuellen Mini-Konzerte und Projekte angekündigt.

Alésia Cosmos

Dark Entries Records

 

Ripples

March 5th, 2016

Pierre von Kleist editions – Ein unabhängiger Verlag für Fotobücher

3_livros
Als vor sechs Jahren der Name und das Icon von Pierre Von Kleist auftauchte, gab es unter dem kleinen Zirkel derjenigen, die der Fotokunst nahestehen, einige Spekulationen. Wer könnte sich hinter diesem gezeichneten Konterfei auf einer Münze verbergen? Die altmodische Frisur und der breite Schnurrbart ließen auf eine leicht verschrobene Figur schließen. Und tatsächlich, die Website beschrieb Pierre von Kleist als einen leidenschaftlichen Sammler von Fotobüchern und Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Unglücklicherweise wurde der Großteil seines Bestandes Opfer eines Brandes. Die Suche im Internet führte zu einer Adresse in Lissabon.

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