Ripples Dezember 2016
December 15th, 2016
Teresa Villaverde – Eine Retrospektive
In der portugiesischen Hauptstadt löst mittlerweile eines das andere hochkarätige Filmfestival ab: Neben kleineren, die sich auf Subgenres spezialisiert haben und dem ganzjährigen, dem Mainstream fernen, exquisiten Programm der Cinemateca Portuguesa, ziehen die seit einiger Zeit jährlich stattfindenden Indie Lisboa, Doc Lisboa und das Lisbon & Estoril Film Festival (LEFFEST) zunehmend auch eine internationale Kritikerriege an den Tejo.
Während die Gentrifikation in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet und auf ekelhafteste Weise die Altstadtviertel zu einer Art lusitanischem Disneyland umgekrempelt, weiß die Kultur noch nicht so recht, wie reagieren. Das LEFFEST 2016, das sein Zentrum weniger in Estroil als in den beiden übriggebliebenen Programmkinos Monumental und Nimas installiert hat – und somit im eigentlichen kulturellen Mittelpunkt der Stadt abseits der Touristentrampelpfade – setzte sich bei der Programmzusammenstellung auch der Kritik aus. Zu konzeptlos und gedrängt meinen manche, sei das Programm: neben den Wettbewerbsfilmen (meist portugiesiche Vorpremieren, von American Honey über Elle und Dogs bis zu Bertrand Bonellos umstrittenem Nocturama und Jarmuschs Gimme Danger) waren Retrospektiven von Godard, Kusturica, Bonitzer und Teresa Villaverde; daneben auch eine Auswahl von Filmen Jerzy Skolimowski und andere Minireihen, zu sehen gewesen. Read the rest of this entry »
Ripples November 2016
November 22nd, 2016
Musica 2016 Groupe de Recherches Musicales / OOOL Sound Fictions
Beim diesjährigen musica – festival in Strasbourg gab es zwischen Steve Reich, Johann Sebastian Bach, Karl-Heinz Stockhausen, Ciné – Konzerten oder dem Grenzüberschreiter Rodolphe Burger mit Play Kat Onoma auch eine Nische für das Acousmoninium du GRM; und zwar im schönen Salle de Bourse, unweit des sich rasant entwickelnden neuen Quatiers um die Place d’Etoile mit seinen Industriedenkmälern und moderen Einkaufszentren gelegen.
Liverpool – The Pool of Life, Part 1
September 27th, 2016
The Liverpool Biennial 2016
Die Biennalen sind in der Stadt am Mersey die beste, meist gar einzige Gelegenheit, Zutritt zu den grandiosen Gebäuden aus einer anderen Zeit zu erhalten: Lagerhäuser, Department Stores, Brauereien, Industriedenkmäler – beinahe alle nicht denkmalgeschützten, laufen Gefahr dem Abrissbagger, der Spekulation oder dem gnadenlosen Metamorphoseprozess der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen.
Diese architektonischen Zeugnisse einer großem Vergangenheit – auch einer dunkler Natur – Liverpool war “der” Umschlagplatz des Sklavenhandels – scheinen in einer Stadt des permanenten Umbruchs wie in der Zeit eingefroren.

Darumherum, dazwischen und mittendrin ist im Stadtbild einerseits der jahrzehntelange Niedergang, der mit Massenarbeitslosigkeit und Verwahrlosung – ganze Stadtteile bestehen immer noch beinahe ausschließlich aus boarded up-houses – einherging, augenscheinlich, wie andererseits der fragile Aufschwung des letzten Jahrzehnts, der sich mit allen Nebeneffekten des Neoliberalismus – der Einkaufskomplex Liverpool One als neue Stadtmitte beispielsweise, sinnlosen Luxusapartments und Büroblocks, die sie niemand leisten kann, zeigt.
Die 9. Biennale, kuratiert von einem mehrköpfigen Team um Sally Tallant, greift das Thema des kontinuierlichen Wandels auf, der eine uneinheitliche, schwer zu erklärende Gefühlsmixtur aus Verlustängsten, Melancholie, Aufbruchsstimmung und Revitalisierung mit sich trägt. Eine gewisse Schicksalsergebenheit scheint in der Luft zu liegen, die mit der kreativen Schaffenskraft und dem robusten Widerstandsgen – Eigenschaften, die die Liverpudlians scheinbar mit der Muttermilch aufsaugen – die Atmosphäre am River Mersey bestimmen.
Es gehört beinahe schon zur Tradition der Biennale einen Bogen von der zeitgenössischen Kunst zu der Geschichte der Stadt zu spannen.
Das aus Austeritätsgründen nicht mehr finanzierte CUC-Lagerhaus, jahrelang das Epizentrum der avantgardistischen Künste der Stadt – noch kann man den Schriftzug an der Außenfassade schon von weitem sehen – darumherum verdichtet sich im sogenannten Baltic Triangle, die allgegenwärtige berüchtigte Mischung aus hochsanierten Lofts, gesichtslosen Hotelketten und sogenannten Kreativhubs – war genauso Ausstellungsstätte wie die Departmentstores in der Renshaw Street, die entlang der Innenstadt führt. Inzwischen reihen sich hier die Convenientshops aneinander. Die jahrelang verwahrloste Gegend der Everton Hights wurde begrünt und ein Urban Gardening – Projekt bei einer vorherigen Biennale führte die Kunstinteressierten auch einmal aus der nun konsumentenfreundlichen Innenstadt hinaus. In früheren Musikclubs und Übungskellern oszillierten die Soundschnipsel von verkratzten Schallplatten, die Philipp Jeck zu einer psychedlisch anmutenden Collage aus übereinanderlagernden Erinnerungen vermengte. Hundertausende Häuser in der Stadt stehen leer, die Türen und Fenster zugeschweißt oder zugemauert, um sie zum Abriss freizugeben.
2016?
Urban Gardening ist inzwischen schon längst vom Kunstkontext in den Alltag übergegangen. In den immer noch desolaten Straßen von Toxteth wird von engagierten Enthusiasten unweit des lokalen TV-Studios das Toxteth Food Central betrieben, teils aus Selbsthilfegründen, teils um einen Nachbarschafttreff ohne Konsumzwang zu bieten. Langjährige Brachflächen verwandeln sich zu blühenden Gärten oder zu Gemüsefeldern.
Wenn die zeitlosen archtektonischen Juwelen als Ausstellungsort genutzt werden sollen, dann, so die Kunstkritikerin des Guardian Rachel Cooke, muss die Kunst wirklich außergewöhnlich sein, um bestehen zu können oder so im Einklang mit der Architektur verbunden sein, dass sie praktisch untrennbar sind. Dass dieses Niveau bei so einer großangelegten Kunstschau nicht durchgehend hochgehalten werden kann, ist nicht verwunderlich.
Der rote Faden der Austellung, der die Werke miteinander verbinden soll, liest sich im Ausstellungskatalog auch etwas bemüht : “The Biennal explores fictions, stories and histories, taking voyages through time and space, drawing on Liverpool’s past, present and future. These journeys take the form of six episodes”.
Die ersten beiden beziehen sich dabei direkt auf die Stadtgeschichte.
Ancient Greece steht für die neoklassizistischen Gebäude der Innenstadt, die von John Foster und Harvey Lansdale Elmes in den frühen 1800 Jahren gebaut wurden. Chinatown: die Liverpooler – Chinese – Communty ist die älteste in Europa.
Children Episode: Die Künstler erhielten von den Kuratoren die Aufgabe, Kunst für Kinder als primäres Publikum zu kreieren. Monuments from the Future: Die Künstler sollten sich in die Rolle von Futurologen hineinversetzen. Wie sieht Liverpool in 20, 30 oder 40 Jahren aus? Flashbacks: Wenn sich Erinnerungen und die Gegenwart übereinanderlagern, kann dies etwas auslösen, was die geläufige Geschichtsschreibung erschüttert. Software: ziehlt auf ein breiteres Verständnis von Software hin, dass über ein rein technisches Verständnis hinausgeht.
Mark Leckeys Saw Mill – Filmcollage überlagert, verzerrt, manipuliert YouTube -Video- und Audiofootage, und zwar konkret eines
Joy Division-Auftritts im damals frisch eröffneten Eric’s und vermischt dieses mit anderem Material von TV-Shows, Werbeclips, tristen Monochrom-Filmmaterial von Brückenübergängen zu einem Sprung in die Vergangenheit und seiner eigenen Jugend in Liverpool bzw. Birkenhead. Die vermeintliche Genauigkeit und Authentizität des eigenen Erinnerungsvermögens wird dabei permanent in Frage stellt, da der Zahn der Zeit auch das Gedächtnis auf Glatteis führt.
Koki Tanaka stieß bei seinem ersten Besuch in Liverpool auf ein Buch des Fotographen Dave Sinclair, der in den 1980ern den Protest der Arbeiter und Studenten gegen den Thaterismus dokumentiert hat und selbst politisch aktiv war. Das Buch ist zudem auch ein faszinierendes Zeitzeugnis der Stadtarchitektur; Romantik und Desolation liegen immer ganz nahe beieinander. Tanaka lud einige der Demonstranten, die am 25.4.1985 bei einer großen Demonstration teilnahmen, dazu ein, ihre Erinnerungen zu schildern. Die Videos sind in der Open Eye Gallery, die seit einigen Jahren ja unweit des Pier Heads beheimatet ist, gezeigt.
The Oratory, bei der Anglikanischen Kathedrale , wurde von John Foster im neo-klassizistischen Stil gebaut; dort sind auch Skulpturen vorzufinden. Lawrence Abu Hamdans Rubber Coated Steel setzt sich mit der Frage von Ästhetik und Politik anhand eines – fragwürdigen – Audiodokuments aus der Westbank, angeblich wurden zwei Jungs bewusst von der Israelischen Armee erschossen – auseinander. Im Oratory begegnet einem auch die Arbeit von Jason Dodge – What the Living Do – und zwar in Form von scheinbar achtlos liegengelassenem Abfall – Kippen, Kaugummipapier, Plastikflaschen – auf dem Boden. Nach dem Besuch von anderen Ausstellungsorten wird einem klar, dass Dodge den Alltagsmüll, den die Bevölkerung achtlos auf die Straße wirft, gesammelt hat und nun überall wieder verteilt hat.
In den beeindruckenden Gebäuden der Cains Brewery und dem ehemaligen ABC-Cinema werden Werke von mehreren Künstlern ausgestellt und die Themen der Episoden treffen aufeinander. Letztlich kommt die ausgestellte Kunst hier tatsächlich nur schwer gegen die Schönheit und Widersprüchlichkeit der Architektur an. Andreas Angelidakis wurde durch den Hadron Collider inspiriert, Samson Kambalu erforscht den psychogeographischen Gehalt von Liverpools Monumenten, Lara Favarettos Koffer stammen von Flohmärkten, Schutthalden oder sind an den Stellen für verlorenes Gepäck nie abgeholt worden. Sie kombiniert den Inhalt mit eigenen Gegenständen, verschliesst die Koffer und wirft die Schlüssel weg.
Die Skulpturen-Austellung in der Tate im Albert Dock verträgt dagegen gut das Zusammenspiel mit zeitgenössischen Werken wie auch, die diesesmal an die Biennale angegliederte Austellung des John Moores Painting Prize in der altehrwürdigen Walker Art Gallery, wo die zeitgenössichen Bilder von denen der Sammlung umgeben sind.
In den weitläufigen, teilweise immer noch verwaisten Straßen von Toxteth trifft man auf die spannenste Kunst der diesjährigen Ausstellung, vielleicht auch deshalb, weil sie direkt Stadtgeschichte und Kunst miteinander verbindet und gleichzeitig auch eine Form urbaner Landart ist. Die seit Jahren in Brachflächen stehenden großformatigen Schilder – Regeneration Zone: We’re building the Future – manifestierte sich bislang konkret nur im Errichten einiger Supermarktsketten.

Lara Favarettos Momentary Monument – The Stone 2016 – steht mitten in der Rhiwlas Street, dessen Reihenhäuser alle verlassen und “boarded up” sind; ein einsamer Baum gedeiht prächtig und kündigt die Rückeroberung durch die Natur an. The Stone ist ein mächtiger Granitbrocken mit einem Schlitz, in den Vorbeikommende Münzen werfen können. Am Ende der Ausstellung wird der Stein zerstört werden und der Inhalt einer lokalen Hilfsorganisation – Asylum Link Merseyside – zu gute kommen.
Im ehemaligen Toxteth Reservoir, einem dunklen, feuchten Kellergewölbe wird die düstere Atmosphäre von einer langen Laserinstallation von Rita McBride, einem Wurmloch bzw. einer Einstein-Rosen-Brücke, die quer durch den ganzen Raum gespannt ist, in eine unwirkliche, schöne andere Welt verwandelt und in grünes Licht getaucht.
Nippon Connection
June 19th, 2016
16. Japanisches Filmfestival
Frankfurt am Main

Ganz im Gegensatz zu den an visuellen Reizen überbordenden und permanent das Genre wechselnden Filmen, die sein Markenzeichen geworden sind, realisierte Sion Sono mit The Whispering Star eine meditativ-ruhige und ironische Zukunftsgeschichte, die seine Empfindungen auf die Katastrophe von Fukushima darzustellen versucht. In den verlassenen Sperrbezirken filmte er mit – zumeist – Laiendarstellern, aber auch dem (Erotik-) Star Megumi Kagurazaka, eine Parabel, die eifrig zitiert (z.B. bei Kubricks 2001), aber auch die typisch-surrealistische Handschrift, die mitunter zu seinem Markenzeichen geworden ist, nicht verleugnet. Die interstellare Postbotin Yoko, ein Android, reist durch Raum und Zeit und stellt Pakete innerhalb einer Lieferzeit von elf Jahren zu; diese, an Sonderlinge, die in den desolaten Landschaften überlebt haben. Die Pakete beinhalten persönliche, teils abstruse Gegenstände, die wiederum als Hommage an Yôko Ogawas Roman Das Museum der Stille gesehen werden dürfen. Die Wissenschaft mache ständig Fortschritte, trotzdem sei der Mensch bloß eine Art Gartenzwerg, der es im glücklichsten Fall gerade einmal auf 100 Lebensjahre bringe, meint Sion Sono.
Sein zweiter Film – Love & Peace – vermischt dann wieder in gewohnter Weise alle möglichen Filmsparten zu einer überdrehten, wilden Komödie.
Ein anderer Altmeister – Gakuryu Ishii – drückt mit That’s It, nach mehreren ruhigen, beinahe psychedelisch-anmutenden Filmen und der ironischen Theateradaption Isn’t Anyone Alive? wieder wie in der Anfangszeit auf die Tube und bezieht sich in einer speedigen, überdrehten Gangstergeschichte auf seine Punkroots.
Die große Kunst der Festivalbetreiber ist es, jedes Jahr die richtige Mischung aus Spielfilmen, Animations- und Dokumentarfilmen, Genre- und Experimentalkino zusammenzustellen; sinnvollerweise in die Sparten Nippon Cinema, Nippon Animation, Nippon Visions und Nippon Retro unterteilt. (die Rahmenprogramme Nippon Culture und Nippon Kids locken dann auch nicht nur die Filmfreaks in die Räumlichkeiten des Festivals).
Was ursprünglich aus einer gemeinsamen Affinität für das japanische Filmschaffen im kleinen Rahmen an der Frankfurter Universität entstanden war, hat sich über die Jahre zum wichtigsten Festival für japanische Filme außerhalb des Landes entwickelt. Und seit dem Umzug in die Naxoshalle und den Mousonturm als Festivalzentrum, stößt die sechstägige Veranstaltung auch auf ungebrochenes Publikumsinteresse; viele Veranstaltungen waren dieses Jahr wieder ausverkauft. (ungeachtet dessen, dass die Filme im Original mit englischen Untertiteln laufen). Die sich immer noch zumeist aus Film – Enthusiasten und engagierten Freiwilligen zusammensetzende Crew schafft mit ihrem Know – How weiterhin souverän den Spagat zwischen DIY-Kultur und “normalen” Festival hinzubekommen.
Im größten Veranstaltungssaal – dem Mousonturm – werden die auf das größte Publikumsinteresse stoßenden Spielfilme der Nippon Cinema- Reihe aufgeführt. Außer den erwähnten Filmen von Sono und Ishii, die durch ihre Transzendenz eher den Rahmen sprengten, gab es hier wieder skurrile Komödien, Sozialstudien, Horror- und Gangsterfilme zu sehen, die aber durchwegs eher dem Unterhaltungskino zuzuordnen waren
Den diesjährigen Nippon Honor Award erhielt Kiyoshi Kurosawa. Drei Filme wurden zu diesem Anlass von ihm präsentiert: Sein Klassiker Cure von 1997, der Thriller Creepy, der trotz einiger Patzer und Ungereimtheiten in der Geschichtenerzählung, gekonnt bis zum Schluß an der Spannungsschraube dreht und Journey to the Shore, einem emotional-aufgeladenen Drama, das wiederum den Kitschfaktor in gefährliche Höhen trieb und diesbezüglich mit Nagasaki: Memories of My Son (Yoji Yamada) wetteiferte.
Gonin Saga von Takashi Ishii ist der Nachfolger seines überstilisierten Gangsterfilm aus den Neunzigern und kultiviert einen sympathischen Retrocharme. Ähnlich aus der Zeit gefallen schien The Inerasable von Yoshihiro Nakamura, ein Film, der mit seinem Goth-Touch der Sparte J-Horror zuzuorden ist. Takeshi Kitano staubte mit seiner ironisch-gebrochenen Ryuzo and the Seven Henchmen den Nippon Cinema Award 2016 ab, und hängte locker Familienkomödien wie The Mohican Comes Home (Shuichi Okita) oder bemühtes Slackertum wie Lowlife Love (Eiji Uchida), der die Korumpiertheit des (Indie-) Filmbusiness als Thema hatte, ab.
Seifenopern mit J-Popstars – Pink and Gray (Isao Yukisada)- , Filme, die eingebettet in Familengeschichten das rigide Schul/klassensystem Japans – Flying Colors (Nobuhiro Doi) und /oder Kindheitraumata Beeing Good (Mipo O) beleleuchten, Liebesgeschichten – Pieta in the Toilet (Daishi Matsunaga), A Cappella (Hotoshi Yazaki), Three Stories of Love (Shogo Ueno), Their Distance (Rikiya Imaizumi) rundeten das diesjährige Programm dieser Sparte ab.
Mit Hibano gab es zusätzlich die Gelegenheit die zehn Folgen der ersten Netflix Japan-Serie zu sehen.

Neben den “großen” Unterhaltungs-Spielfilmen setzt vor allem das sich aus experimentelleren Filmen und Dokumentationen gestaltene Programm der Nippon Visions – Sparte Maßstäbe und grenzt sich vom Mainstream ab. Es ist beruhigend auch dieses Jahr wieder bestätigt zu bekommen, dass auch der unkonforme Anteil an den japanischen Produktionen ungebrochen ist und immer wieder Außergewöhnliches entsteht.
Dies nichtsdestotrotz, dass sich die Wirtschaftskrise nach und nach auch immer stärker auf das Filmschaffen auswirkt, was bei den Q & A’s mit Regesseuren/innen und Schauspielern im Rahmen der Aufführugen immer wieder zur Sprache kam.
Der Schwerpunkt dieses Jahr war: Fukushima, fünf Jahre danach! Verschiedene Dokumentar- und Spielfilme thematisierten die Nachwirkungen und die Konsequenzen, die aus der Katastrophe entstanden sind, z.B. My Technicolor Girl von Rei Sakamoto, Landscapes After 3/11 oder A Lullaby Under The Nuclear Sky von Tomoko Kana.
Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich das trocken-experimentelle Historiendrama Sanchu Uprising von JuichiroYamasaki, das die Geschichte des Aufstands der Bevölkerung von Sanchu im Jahre 1726 schildert. Die strengen Schwarz-Weiß-Bilder unterlegt Juichiro Yamasaki mit Free-Jazz-Einsprengseln; nebebei erweist er auch der Kunstform des Nô-Theaters seine Ehre.
The Ark in the Mirage von Yasuyuki Sasaki beginnt als düsteres Sozialdrama – junge Männer quatieren Obdachlose in einer Containersiedlung ein und kassieren ihre Sozialhilfe ab – um dann in eine Art metaphysische Wendung zu abzudriften und auf ein offen-experimentelles Ende hin zuzusteueren.
Von Daisuke Hosaka waren der Kurzfilm Thank You, Mom und sein Kult-Sci-Fi Be The World For Her in einem Doppel-Feature zu sehen, beide Filme untermauerten nachhaltlich seinen Ruf ,einer der originellsten Regisseure zu sein und dazuhin einen schräg-bizarren Humor zu pflegen.
Good Stripes von der Regissuerin Yukiko Sode ist eine lakonische, leicht-verschrobene Beziehungskomödie, die durchaus auch in einem New Yorker-Setting vorstellbar wäre;
Deer Deer von Tekeo Kikuchi seziert in unterhaltsamer Weise familiäre Zerrüttungen, anhand eines Treffens, genauer der Tod des Vaters, der die Kinder wieder an ihren Heimatort in der japanischen Provinz zuammenführt. Der älteste Sohn hat sich eine wacklige Existenz im Heimatdorf aufgebaut, der jüngere durchlebt immer wieder schiziphrene Epiosoden, die in Zusammenhang mit dem vom Tourismuamt des Städtchens propagierten Hirschreservat stehen. Die Tochter flüchtete in die Großstadt, bekam dort aber ihre Leben und ihre Ehe auch nicht in den Griff und trifft im Heimatdorf auf einen Ex-Geliebten. Die problematische Entvölkerung und Überalterung der ländlichen Gegend Japans spielen im Hintergrund der Geschichte eine gewichtige Rolle.
Her Father My Lover von Kenji Yamauchi fällt dann wieder in die, sehr japanische, Sparte: bizarr-perverse Komödie. Eine junge Frau verliebt sich in den Vater ihrer besten Freundin und kickt damit das erste Glied einer Eskaltionskette an.
Die Dokumentation Dryads in a Snow Valley von Shigeru Kobayashi lässt Großstadtaussteiger, die sich in die Berge von Niigata niedergelassen haben, zu Wort kommen. Nach dem Erdbeben sind auch dort viele Häuser zu Schaden gekommen oder ganz zerstört worden. Die Zugezogenen erzählen ihre Geschichten und Pläne, von der Restaurierung, vom Kultivieren alter Reisfelder oder vom Selbstversorgen und wie sie von den Bewohnern der verschiedenen Dörfer herzlich aufgenommen worden sind. Im Hintergrund verinnt die Zeit und die Jahreszeiten wechseln, der strenge Winter bringt Massen von Schnee, das Wiedererwachen der Natur im Frühling verändert im Nu die ganze Landschaft. Nebenbei ist dies auch eine Geschichte des Sterbens und der Wiedergeburt. Wie es in der Einführung hieß, starben zwei am Film Beteiligte: an einer tödlichen Krankheit und durch Selbstmord.
Ausgezeichnet wurde Under the Cherry Tree von Kei Tanaka, ein weiterer Dokumentarfilm, der Senioren in einer Sozialbauanlage portraitiert und die zunehmende Überalterung der japanischen Gesellschaft dokumentiert.
Die Animationsreihe hat ihre eigenen Anhänger und zeigte dieses Jahr neben einigen Großproduktionen auch wieder eine Kurzfilmzusammenstellung von unabhängigen Künstlerinnen: A Wild Patience – Indie Animated Shorts.
Das mit kundigen Einführugen akademisch aufgewertete Retroprogramm im Deutschen Filmmuseum widmete sich diesesmal nicht einem singulären Regisseur, stattdessen einem Thema: Ghosts & Demons, Scary Tales from Japan. Neun Klassiker wie The Ugetsu Story (Kenji Mizoguchi), The Ghost Story of Yotsuya (Nobuo Nakagawa) oder The Bride from Hades (Satsuo Yamamoto), allesamt Meilensteine, konnte man in hervorragender Qualität sehen.

Onibaba von Kaneto Shindô stach aus diesem exquisiten Programm besonders heraus: dieser hochästethische Schwarz-Weiß-Film von 1964 erzählt eine minimalistische Geschichte, die subtil Horror-, Neorealismus- und Erotikfilmelementen zitiert, aber letztlich uneinsortierbar bleibt.
Die Geschichte spielt Mitte des vierzehnten Jahrhunderts zu Zeiten als in Japan Bürgerkrieg herrschte – könnte aber in ihrer Zeitlosigkeit auch in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt sein. In einer andersweltlichen Pampaslandschaft an einem See, in der die langen Gräser endlos hin- und herwehen und eine ungebrochene Schönheit suggerieren, schlägt die Stimmung innerhalb eines Wimpernschlags in rücksichtlose Gewalt um; Stille, in der nur das Rascheln der Gräser zu hören ist wechselt sich mit donnernden Trommeln ab.
Zwei Frauen, Schwiegermutter und Tochter leben in diesen Kriegszeiten davon, dass sie verirrte Krieger in der Graslandschaft irreführen und in ein tiefers schwarzes Loch fallen lassen, wo sie aufgespießt und getötet werden. Die Rüstungen und die Schwerter verkaufen sie an einen Waffenhändler. Als der Freund des im Krieg getöteten Ehemanns der jungen Frau zurückkehrt, entspinnt sich ein erotische Spannung und Begehren zwischen den Beiden. Die Schwiegermutter versucht mit einer Dämonenmaske, die sie sich aufsetzt und damit im Schilf wartend, die nächtlichen Treffen der jungen Frau zu unterbinden, mit der Konsequenz, dass die Maske an ihr Gesicht anwächst. Dies, eine Anleihe an eine alte Shin-Buddhistische Geschichte, die Shindo von seiner Mutter hörte. Letztlich endet alles im Verderben, nur die Natur bewahrt ihre Schönheit.
Ripples
June 19th, 2016
Razen – Endrhymes
von Calhau! – ú
Sonderbare Musik für sonderbare Leute, d.h. in diesem Fall zwei neue Produktionen auf Kraak.


