Ripples March 2018
March 30th, 2018
Kraak Festival 2018 Bruxelles
Im Bota(nique) bereitet man sich schon auf die Nuits Botanique vor und im AB (Ancienne Belgique) steht das BRDSST – Festival an, das den retro-futuristischen Geist der Birminghamer Formation Broadcast (und sprichwörtlich den der jung verstorbenen Sängerin Trish Keenan) weiterträgt. Zuvor gibt man sich aber das jedes Jahr am ersten Märzwochenende stattfindende Kraak-Festival mit seinem dichten Programm von Off-Stream Künstlern, viele tatsächlich noch so unbekannt, dass man getrost von Underground sprechen kann. Die zwanzigste Ausgabe des seit einigen Jahren zum Dreitäger gewachsenen und seitdem im Beursschouwburg verorteten Festivals startete am Eingang damit, dass man eine Vuvuzela ausgehändigt bekommt, um unter der Regie von Mr. Pinkie Bowtie, der als Dirigent fungierte, die Festivalovertüre zu tröten.
Sandra Boss, dänische Elektronikkomponistin, steht kurz darauf im Saal vor ihrem Tisch, auf dem Kassettenrekorder und allerhand analoges Gerät bereitsteht, um damit ein experimentales Radiohörspiel in Echtzeit zu produzieren. Testsignale, eine Kassettenaufnahme, auf der ein Sprecher Zahlen vorliest, Geräusche, die beim Betätigen der Ein- und Ausschalttaste entstehen; obwohl die Komposition von Sandra Boss mit konkreten Quellen arbeiten, bringen subtile Überlagerungen die Wahrnehmung ins Schwimmen und die Technik metamorphisiert zur Kunst.
Lea Roger (Harfe, Geräusche) und Celia Jankowski (Gesang, Perkussion, Geräusche) sind Osilasi. Ihre halb-komponierte, halb-improvisierte Musik schöpft aus vielen Quellen der musikalischen und performativen Klaviatur. Tribalistische Rhythmen, teilweise mit DIY-Instrumenten gespielt, bilden das Gerüst der langen Stücke, die aber stets Freiraum für das Harfenspiel und andere subtile Elemente lassen. Merkwürdige Esoterik trifft auf Experimentalmusik, ein Hauch 1960er-Avantgarde-Atmosphäre imprägniert den Raum. Osilasi sind musikalisch bisweilen nicht weit von der ähnlich genreübergreifende Musik des Kammerflimmerkollektivs entfernt.
Ka Baird legt dann mit einer hyperenergetischen Performance nach. Gründungsmitglied der Psych-Rock Band Spires That In The Sunset Rise, wechselt sie permanent zwischen nervösem Flötenspiel, Keyboard/Samplings, heißererem, animalischem Gesang und ähnlich veranlagtem ritualisitschen Ausdruckstanz. Abgedreht, schamanenhaft, schräg und bisweilen nicht nur auf die inspirierende Art auf die Nerven gehend; ihr Auftritt lässt das Publikum etwas ratlos zurück.
Transport dann, eine Großformation inklusive auf dem Boden sitzenden Flötistinnen und Sängerinnen, so nicht mehr seit den letzten Tagen des Freak Out-Zenits bei einem Umsonst & Draußen – Festival in den Siebzigern gesehen, haben sich unter anderem genau diesem Genre verschrieben. Krautrock, treibende Afro-Free-Jazz-Beats und tranceartige, hypnotische, ausufernde Stücke lassen die Vermutung im Raum stehen, vor allem in Verbindung mit dem skurillen, lautmalerischen Gesang, dass man, wenn schon nicht in den Himmel, so doch zumindest in etwas höhere Sphären aufsteigen möchte.
Zurück auf den Boden des Gouden Zaals brachte einen dann nach Mitternacht Stefan Jusher aka Jung An Tagen mit einer knochentrockenen Techno meets Darmstädter Schule-Mischung aus dem Hause Mego.
Das SEF III-Kollektiv – Max Eilbacher, Alex Moskos, Duncan More – wirkt mit seiner messerscharfen Verbindung von absurden Texten, Noise und Collagen wie eine runderneuerte Ausgabe von Negativland, den Pionieren auf diesem Gebiet. Ein guter Einstieg am Samstagnachmittag für den Haupttag des Festivals.
Leila Bordreuil, in New York City lebende Französin, lotet dann mithilfe ihres Instruments, dem Cello, den Grenzbereich zwischen vertrackter Konzeptkunst und improvisiertem Noise aus.
Red Brut aka Marun Verbiesen aus Rotterdam wird für die nächste LP-Veröffentlichung von KRAAK verantwortlich zeichnen. Sie spielt in den vom 1970er – Underground und der No Wave-Szene inspierierten Bands Sweat Tongue und JSCA. Red Brut ist ihr eigenes Projekt, das, wie sie im Interview erzählt, eine Herzensangelegenheit und eine Art Tagebuch ist; die Songs jonglieren zwischen Erinnerung und Traum. Ihre, ganz dem DIY-Geist entsprungenen Musikcollagen, haben einen sympathischen Old-School-Charme: Schnipsel von auf dem Flohmarkt erstandenen Kassetten verschwurbelt sie mit allerhand Analogem und einem Korg-Synthesizer. Nett ist das nur beim Vordergründigen Zuhören, dahinter lauert der Abgrund.
Finlay Clark, Jessica Hickie-Kallenbach und David Kennedy sind die gar nicht so ruhigen Still House Plants. Man hat sich an der Art-School in Glasgow getroffen und gefunden. Ihre Musik kombiniert reduzierte, schroffe, jazzige Gitarrenriffs mit ebenfalls minimalistischen Drums und dem Gesang von Hickie-Kallenbach, der überhaupt nichts mit dem Genre Jazz gemein hat, eher in der Tradition von New Wave-Ikonen wie Ari Up oder Lora Logic anzusiedeln ist. Ihr Debut-Tape von 2016 klingt wie eine Frischzellenkur für das ganze Genre, live wirkt das Trio ähnlich inspirierend.: Krach, Ruhe und Auslassung und ein erstaunliches Talent für Melodien; ganz sicherlich einer der Höhepunkte des Festivals.
Von dem Auftritt von Zarabatana kann man ohne Zweifel Ähnliches behaupten. Bernardo Alvares, Carlos Godinho und Yaw Tembe aus Lissabon spielen spirituellen, rhythmusdominierten Freejazz mit feinen, ironischen Anspielungen auf Rituelles, Archaisches und Voodoo.
Angesagt sind derweil einmal wieder Synthie(pop)-Bands: Capelo – Michel Nyarwaya und Eve Decampo – aus Brüssel und Miaux aus Antwerpen bewiesen dies mit ihrer leicht hippen, leicht belanglosen Hommage an die vermeintlichen Vorbilder aus den 1980ern.
Lemones aus Brüssel zelebrieren am späteren Abend eine weitere Auflage der Marke: Absurde Rockmusik. Selbstgebastelte Instrumente, Krach und Persiflage; man denkt an die Butthole Surfers oder die Straßburger Band Zad Kokar, die vergangenes Jahr das Publikum im Café zum Tanzen brachten.
Paradon’t anschließend bewiesen sich dann wiederum als intellektuelle Spaßbremse, die lieber Autechre und Stockhausen zitierten, als nochmals die Sau rauszulassen.
Der Ausklang am Sonntag wurde zuerst mit David Edrens Electronic Gamelan Music eingeleutet: auf einem Teppich sitzend ruft er esoterische Klänge auf dem Keyboard ab und lässt das Publikum schon am frühen Nachmittag in Tiefschlaf versinken.
Der Trompeter und Komponist Peter Zummo ist eine coole New Yorker – Socke: Arbeiten mit Elodie Lauten, David Behrman, zahlreiche Soundtracks, Musik für Choreographien und vor allem die Verbindung zu Arthur Russell und den Lounge Lizards brachten ihm einen verdienten Kultstatus ein. Seine aktuelle Band illustriert heute einen Streifzug durch sein Schaffen, in dessen Mittelpunkt eine Version des Song IV vom wichtigen Album Zummo with an X steht: abgebrüht und mit aller Ruhe der Welt ausgestattet räumt Zummo den Mitmusikern so viel Platz ein, dass sich nach und nach extrem spannende Klangbilder entwickeln, deren Komplexität man erst nach und nach gewahr wird, so leichtfüßig scheinen sie daherzukommen.
Ripples February 2018
February 28th, 2018
Auf der Suche nach dem Inneren des Tons: Ameel Brecht und Joana Gama

Beim Kraak – Festival 2017 in Brüssel mildert Ameel Brecht, seines Zeichens Mitglied der transgressiven Formation Razen das harte Herunterkommen nach zwei Tagen eklektischen musikalischen Überschwangs mit introspektiven, traurigen, komplett aus der Zeit gefallenen Songs, die er mit Gitarre und Mandoline vorträgt – während an diesem verregneten Sonntag noch manche den Brunch im Beurschouburg-Café goutieren.
Bei Razen spielt Ameel Brecht Monochord (über einen Resonanzkasten gespannte Saiten), Schalmei, Santur oder wie auf der letzten Veröffentlichung Kirchenorgel. Die Musik von Razen, meist mit noch anderen historischen und selten verwendeten Instrumenten wie Dudelsack, Hurdy Gurdy, Ondes-Martenot gespielt, ist improvisiert, klingt mit ihrer Mischung aus dem Spektrum von Obertönen und Drones, gepaart mit merkwürdigen Beats, die wiederum von Sequenzern und modularen Sythnesizern stammen, unverwechselbar und übt einen faszinierenden Sog aus. Außenseiterbands wie Popol Vuh oder Excepter werden als Vergleich für die Musik von Razen herangezogen, aber dies ist wie so oft eher der Schwierigkeit geschuldet, Musik beschreiben zu können. Auf Polygraph Heartbeat ist Ameel Brecht auch auf der Suche nach dem Inneren des Tons, die Songs sind aber streng komponiert, die Vorbilder und Seelenverwandte sind, wenn überhaupt, bei Meistern aus der Renaissance und neuzeitlichen europäischen Gitarristen wie James Blackshaw, Carlos Paredes oder Felipe Felizardo zu suchen. Die beinahe klassich anmutende Musik Ameel Brechts verkörpert Ruhe, Stille, Konzentration und eine tiefe Melancholie. Können und Technik, so Brecht, sind wichtig, Virtuosität allein ist aber überhaupt nicht gefragt, wenn etwas Besonderes entstehen soll.
Beim Festival Rescaldo, das im Februar in Lissabon stattfand, traten mit Joana Gama, Joana Guerra und Maria da Rocha drei Musikerinnen auf, die unter anderem miteinander verbindet, dass sie auf eine musikalische Ausbildung im klassischen, akademischen Bereich zurückblicken können und in Orchestern und Streichquartetten spielten, aber den elitären Zirkel zugunsten des finanziell unsicheren Bereich der experimentellen Außenseiter-Szene aufgaben.
Maria da Rocha, die Viola und Geige spielt, veröffentlichte gerade auf dem Label shhpuma Beetroot & other Stories, das Lärm mit Ambientaufnahmen verbindet, unter anderem eine Horrorgeschichte für Kinder bietet und beweist ihre Affinität für das Unangepasste auch damit, dass sie sich nicht scheut, für Ihre Klangwelten ihr Instrument mit Synthesizer zu kombinieren. Ihre Einflüsse – Ligeti, Feldman, Niblock – , Freigeister der Neuen Musik, vertragen sich durchaus gut mit ihren jüngeren musikalischen Neigungen.
Joana Guerra wäre ihr Instrument, das Cello, verleidet, hätte sie nicht ihre akademische Laufbahn aufgegeben und einen anderen Weg gefunden. Ihr wunderbares Album Cavalo Vapor ist weiterhin schwer zu empfehlen.
Die Pianistin Joana Gama schließlich, zieht auch das weiße Blatt dem Notenblatt vor, obwohl sie in den vergangenen beiden Jahren sich intensiv Erik Satie und dessen 150 Geburtstag 2017 gewidmet hat. Gerade führte sie als grenzgängerisches Experiment, selbsterfahrend, auch für das Publikum 14 Stunden ohne Pause Vexations auf, ein zentrales, meditatives Stück Saties, das Joana Gama auch schon 2016 beim Festival Jardins Efémeros in Viseu spielte.
Mit Luís Fernandes, dessen musikalischer Background im Bereich elektronische Ambientmusik und Indiepop verankert ist, nahm sie 2014 das Album Quest auf, ein Highlight des sshpuma Kataloges, das mit seiner sympathischen Uneinsortierbarkeit sämtliche Klassifizierungen aushebelt und subtile Sprödigkeit mit sphärischer Melancholie und mit aufbrausenden Momenten koppelt.
Für das aktuelle Album erweiterte sich das Duo um Ricardo Jacinto, der Cello und Electronics spielt. Für die sechs Kompositionen nahmen die Musiker das Satie-Jubiläum als Inspiration, was direkt bei den Titeln wie Edification en forme de Ogives oder Mémoires en forme de Vexations zum Ausdruck kommt, aber vor allem in der musikalischen Haltung, die, obwohl die Musik des Trios sich in ganz andere Bereiche der experimentellen Musik vorwagt, den musikalischen Geist Saties weiterträgt, der in seinen stilleren Momenten, ruhende, meditative und nicht nur manchmal melancholische Anwandlungen hat.
Ameel Brecht – Polygraph Heartbeat (Kraak)
Joana Gama, Luís Fernandes, Ricardo Jacinto – Harmonies (shhpuma)
Ripples January 2018
January 16th, 2018
Gilroy Mere – The Green Line
The Hardy Tree – Through Passages Of Time
Jon Brooks – Autres Directions
Das London, das man noch in den 1980ern als eine heterogene architektonische Mischung aus viktorianischen Prachtbauten, typischen Reihenhaussiedlungen, brutalistischen Nachkriegs-Towerblocks und urbanen Brachflächen – die Hinterlassenschaft der Bombenangriffe aus dem Zweiten Weltkrieg oder später aufgrund Verwahrlosung entstanden – kannte, ist längst passé.
Fragmentarisch und widersprüchlich wirkte die Stadt damals an vielen Ecken; ein Moloch, der noch Platz ließ für andere Lebensweisen als der kapitalistischen. Squatting ist kein Thema mehr in London, Obdachlosigkeit aber mehr denn je; die Kreativität wird beinahe ausschließlich dafür aufgewendet, einen bezahlbaren Wohnraum zu finden und die Lösung ist oftmals die, dass man sich zu Dritt eine 1-Zimmer-Wohnung teilt und in Schichten schläft. Die Halb-Wildnis des East Ends oder South Londons wurde unter dem Deckmantel von Urban Regeneration Schemes in eine von Luxuswohnungen und Malls verwandelt. Das sind alles keine Neuigkeiten, banale Fakten.
Nicht zufällig aber ist der moderne Moloch London auch der, in dem Guy Debords Idee von dérive – vom Weg abkommen – am lebendisten weitergetragen wird. Zahllose Bücher über das “Lost London” dokumentieren die Veränderungen des Stadtbildes nüchtern; eine Künstlerin wie Laura Oldfield Ford veröffentlichte dagegen im Fanzine-Stil ein periodisch erscheinendes subjektiv-poetisches Tagebuch, das die krassen Veränderungen ihres urbanen Umfeldes festhält und dabei Geschichten über sich und ihren Freundeskreises mit stadtpolitischem Tagesgeschehen vermischt (Savage Messiah). Laura Oldfield Ford zeigt sich dabei als wahre Psychogeographin.
Das Mikro-Label der Illustratorin und Musikerin Frances Castle Clay Pipe Music reagiert auf den unguten Wandel ebenfalls mit einer Art Diary, einem musikalischen. In kleiner Auflage und mit ihrer unverwechselbaren Handschrift der Hüllengestaltung, die an Holzschnitte erinnert, veredelt, sind die LPs begehrt und immer schnell vergriffen.
Der imagninäre Zeitsprung zurück in eine Vergangenheit, die noch nicht von Neoliberalismus, Gleichförmigkeit oder Massentourismus bestimmt war, in der Darren Hayman eine Liebeserklärung an die britische Swiming Pool-Kultur (Lido) komponiert, Sharron Kraus tradtitionelle walisische Erzählungen in transzendente Songs verwandelt oder Vic Mars, fernab von England in Japan, von der Britischen Eisenbahn träumt, ist nicht nur einer, der rein nostalgischer Natur ist. Die so unterschiedlichen wie persönlichen Alben erzählen auch etwas über die Vielfalt des Lebens in der Stadt, die es zu verteidigen oder wiederzuentdecken gilt. Die Nostalgie, eine Wehmut über das Verschwinden und Vergessen weckt gleichzeitig den Widerstandsgeist, der sich in unkommerziellen Gegenbewegungen in den britischen Städten bemerkbar macht und vom Urban Gardening über selbstverwaltete Arts-Center bis eben zu Labels und Buchverlagen, die aus dem eigenen Wohnzimmer betrieben werden, zeigt.

In den vergangenen Monaten sind drei neue Schmuckstücke zur Sammlung Frances Castles hinzugekommen, die wieder die Sehnsucht für ein Leben aus Tagträumen, Fluchten und verlorenen Nachmittagen wecken.
Through Passages of Time von The Hardy Tree (aka Frances Castle) führt die Reise an verlorene, nicht mehr existente Orte, Plätze und Gebäude, zu der sie mit ihrem Debutalbum einlud, fort. Frances Castle schafft mit Vibes, Mellotron und Elektronik eine subil-verfremdete musikalische Welt, in der pastorale, verwunschene Folkmelodien auf – bei den Stücken, zu denen Alision Cotton ihre Viola beisteuerte – brüchige Salon-Hausmusik trifft, die an die wunderbaren Dolly Mixture erinnern. Die Esche auf dem St. Pancras – Friedhof in London, die nach Thomas Hardy, der dort eine zeitlang als Gehilfe arbeitete – benannt wurde, hat sich ihr eigenes Kunstwerkt erschaffen, indem sie umgruppierte Grabsteine mit Wurzelwerk überzog und die Ebenen verschob.
Nach dem Old-School-Folk auf dem Wayside & Woodland-Album The Myth of Violet Meek, elektronischen Ausflügen unter den Namen Dollboy, Rhododendron oder Australian Testing Labs passt Oliver Cherers aka Gilroy Meres Hommage an die eingestellten Vorortbusse, die die Städter ins Umland von London brachten – The Green Line – vielleicht etwas überraschend wunderbar in das Raster von Clay Pipe Music. Die Platte ist als eine Erinnerung an diese Fahrten konzipiert; Erinnerungen aus der Kindheit, die er in Süd-London verbrachte und an der Grenze zwischen Stadt und Land lebte. Cherer verwendet für The Green Line konsequenterweise Instrumente, die er in Ramschläden und Charity Shops erstanden hat. Mit einem ungewöhnlichen Sammelsurium wie eine Farfisa Orgel, eine Spielzeugschlagzeugmaschine, ausrangierten Synthesizern, aber auch klassichen Gitarren komponierte er warme, melodische Musik, teils butterweich, teils sperrig. Oliver Cherer darf sich in der Tradition von britischen Vorgängern wie Normil Hawaiins, The Leven Signs oder gar eines Brian Eno sehen.

Jon Brooks schon drittes Album für Clay Pipe führt über den Kanal nach Frankreich. Autres Directons ist wie die Vorgänger aus sorgfältig arrangierten musikalischen Skizzen und Field Recordings konzipiert, die minimalistischer, fließender als sein anderes Projekt – The Advisory Circle – sind und zwischen Songs und Soundscapes pendeln.
Best of 2017
January 15th, 2018
Music
phew – live @cave12 & light sleep
Michael Head & The Red Elastic Band – live@the invisible wind factory & adiós señhor pussycat
Bérangère Maximin – Frozen refrains
Razen – Endrhymes
King Krule – The OOZ
Children of Alice – Children of Alice
Aine O’Dwyer – Gallarais
Anthony Moore & The missing present band – The present is missing
‘Eme – Domingo à tarde
Νίκος Παπάζογλου – Η εκδίκηση της γυφτιάς
Richard Skelton – Towards a frontier
Sampha – Process
Midori Takada – Through the looking glass
Alice Coltrane – The ecstatic music of
Film/TV

Henk Handloegten, Tom Tykwer, and Achim von Borries – Babylon Berlin

Valeska Grisebach – Western
Jonathan Entwistle and Lucy Tcherniak – The end of the f***cking world

Pedro Pinho – A fábrica de nada
Sarah-Violet Bliss, Charles Rogers, and Michael Showalter – Search Party
Valérie Massadian – Milla
Bruce Miller – The Handmaid’s Tale
Jaffe Cohen, Ryan Murphy, and Michael Zam – Feud
Yannis Economides – To mikro psari (Stratos)
Andrew Sodroski – Manhunt: Unabomber
David E. Kelley – Big Little Lies
Richard Price and Steven Zaillian – The Night of
Joe Penhall – Mindhunter
Sally Potter – The Party
Jordan Peele – Get Out
Mark Frost and David Lynch – Twin Peaks
Books
Alan Moore – Jerusalem
Cosey Fanni Tutti – Art Sex Music
Jeff VanderMeer – Annihilation
Paulo Varela Gomes – Passos Perdidos
Jhumpa Lahiri: In Other Words
David Keenan – This is memorial device
Άλκη Ζέη – Με μολύβι φάμπερ νούμερο δύο
Osato Toshiharu – Gasenta Wasteland
Phew
September 11th, 2017
Phew – Pass No Past
Für die japanische Sängerin und Musikerin Phew sind lange Perioden des künstlerisch öffentlich nicht ‘In – Erscheinung – Tretens ‘ nichts Außergewöhnliches.
Momentan kann man sich aber gerade wieder an regelmäßigeren Lebenszeichen erfreuen. Mit dem Solo-Album A New World und der gerade erschienenen Kompilation von home recordings Light Sleep schlägt Phew zudem auch wieder eine neue musikalische Richtung ein, die – analoge Elektronik und Stimmexperimente verbindend – zu den aufregensten Ergebnissen ihres Schaffens führt: weitgehendst instrumentale Musik; ungemein dichte Kompositionen, die sich vom meisten Vergleichbaren in Qualität und Konsequenz abheben. Auch scheint sich Phew nun als Solokünstlerin, die ihre Musik alleine in langen Jamssessions entstehen lässt, zu definieren. Die erste Platte – Aunt Sally – erschien 1979; es hat also etwas gedauert.

Phew @ Walcheturm Zurich
Man kann Phew darüber hinaus auch dieses Jahr vereinzelt auf europäischen Bühnen sehen.
Von einem Programm wie dem des Cave 12 in Genf kann man in anderen Städten dieser Größe wohl nur träumen. Die kleine Crew, die sich dem musikalisch Abseitigen widmet, musste über die Jahre mehrmals umziehen, aber jetzt, unmittelbar neben einer Tiefgarage in Servette lokalisiert, scheint man den idealen Ort gefunden zu haben. Man muss nun wohl auch nicht mehr befürchten, wegen Ruhestörung belangt zu werden. Es finden vielleicht 100 Zuschauer zwischen der kleinen Bühne, der Bar, einem Plattenstand und Sofa Platz.
Eine kurze Verbeugung, dann stellt Phew die elektronischen Unikate auf dem Tisch vor sich auf “on” und katapultiert die Zuhörer in ein Paralleluniversum, aus dem sie für eine Stunde niemanden entkommen läßt.
Verspielt und nervig grooven und klimpern piepsige, vermeintlich billige achziger Jahre – Computerspiele, die sich mit Martin Rev’schen Minimalismus paaren die Tonleiter hoch und runter. Darüber legt Phew nach und nach einen schweren, dunklen Mantel Klangmaterie. Gegen Widerstände, die wie starke Gegenwinde das Fortkommen erschweren, kämpft man sich durch den klanglichen outer/inner space. Schichten legen sich über Schichten und die hin und wieder durchscheinende Stimme Phews trägt einen, durch diese Verlorenheit und Einsamkeit ausstrahlende Raum – und Zeitlosigkeit. Tief, brodelnd und zerbrechlich, aber andererseits messerscharf ist Phews Musik, der kein Prozent von Hippietum innewohnt. Hier haben wir es mit Sci-Fi-Punk zu tun, andersweitige/weltliche Musik, die von einer Meisterin ihres Fachs gestaltet wird. Keine Schönheit ohne Gefahr, das zumindest suggeriert diese nicht fass- und einsortierbare Musik immer wieder aufs Neue. Man kann sich fallen lassen, aber wehe dem. Zum Finale, wenn die Atari-Riots abebnen und die Schlaufen der Elektronik für einen kurzen Moment einer kurzen, zarten Gesangsmelodie weichen, bevor der Gerätepark, der bei Phew nur als Mittel zum Zweck genutzt wird, dann ganz abgeschaltet wird, werden wir, etwas sprach- und ratlos, in die Realität zurückversetzt.
Phews Stimme – für japanische Ohren zu tief, was noch in den Achzigern so etwas wie ein Skandal auslösen konnte und scheinbar jeglichen Affekt/Effekt vermeidend – ist gleichwohl ihr wiedererkennbares Markenzeichen. Im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen ist es schwer in der japanischen Sprache zu singen, die abgeflacht und wenig akzenturiert klingt. Will man nicht in das Kindliche vieler J-Pop-Stars verfallen, muss man nach anderen Lösungen suchen und sich positionieren.
Eine vielleicht typisch Geschichte, die so nur in Nippon stattfinden kann: Als der Teenager Hiromi Moritani aus Osaka, der sich wenig später den Künstlernamen Phew zulegen wird, die Sex Pistols im heimischen Fernsehen sieht, ist es um ihn geschehen. Dann aber – und das macht die Geschichte zu einer japanischen – kauft sich die 17-Jährige nicht nur die ersten Singles, sondern fliegt kurzerhand alleine nach London, sieht McLarens Konzeptband live, kehrt in ihre Heimatstadt zurück und gründet mit ihrer Bekannten Bikke die erste von jungen Frauen dominierte Punkband in Japan. Die damit einhergehende Haltung und Kompromisslogikeit in Bezug auf ihre künstlerische Freiheit, auch wenn es später um Karrierechancen im Musikbusiness gehen soll, wird sie nie mehr ablegen.
Das Album von Aunt Sally wird 1978 aufgenommen und erscheint 1979. Von Keyboards, Gitarre und natürlich der Stimme Phews geprägt, beschwört die Platte nicht den Old-School-Punk, orientiert sich eher an Bands wie den Slits, Delta 5 und Post-Punk im allgemeinen. Live covert die Band auch einschlägige Songs und macht sie zu etwas Eigenem. Kurz nach diesem Ausrufezeichen für die japanische Gegenkultur löst sie die Band aber schon wieder auf. Punk ist für Phew nach dem Ende der Sex Pistols Schnee von gestern. Sie schlägt eine andere Richtung ein: Zuerst nimmt sie mit dem schon damals Superstarstatus genießenden Ryuichi Sakamoto eine Single auf (Finale), um sich danach auf die Musik zu konzentrieren, die sie schon vor der Punk-Explosion hört: Kraftwerk und Can. Vor allem Future Days von Can ist für Phew eine essentielle Platte.
Ähnlich spontan wie ihr London-Trip fliegt sie nach Deutschland, um im Studio von Conny Plank mit Holger Czukay und Jaki Liebezeit (all R.I.P.) ihr Solo-Debut-Album einzuspielen. Wie sie in einem raren Interview mit dem The Wire-Magazin erzählt, ist sie von der Professionalität und Bescheidenheit der Musiker – ganz im Gegensatz zur japanischen Szene (sic) – beeindruckt. Ohne Stücke konkret vorbereitet zu haben, habe sie in diesem Umfeld das Jammen und Improvisieren gelernt. Das Ergebnis ist beeindruckend. Trotz den großen Namen ist es die starke Präzenz Phews, die die Songs trägt. Mit Doze, Aqua oder Circuit findet man einige Klassiker auf dem Album. (Die Geschichte der europäischen Veröffentlichung dieses Meilensteins findet sich hier)
1991 sollte sie nochmals in Deutschland aufnehmen. Our Likeness – wieder mit Jaki Liebezeit und – diesesmal – A. Hacke von den Neubauten, T. Stern und Chrislo Haas eingespielt, fällt gegenüber dem Debut etwas ab, aber die Art wie Haas Musik live komponiert ohne sein Ego in den Vordergrund zu stellen oder sich zu verlieren, übt einen großen Einfluss auf Phew aus.
Zwischen den beiden deutschen Platten entsteht 1987 mit japanischen Musikern das Album View: Unterkühlte Balladen wechseln sich mit schneidend-punkigen Elektrosongs ab.
Danach scheint sich die Karriere von Phew zu verflüchtigen, obwohl sie in Tokio einen sagenumwobenden Kultstatus besitzt. Zu verzettelt und unkoordiniert ist die japanische Indie-Szene zu dieser Zeit, nicht einfach sich zwischen Hype und Substanz zu entscheiden. Und Phew, noch keine 25 Jahre alt, bleibt ohnehin eine Außenseiterin in Tokio.
Nach einer langen Veröffentlichungspause beginnt sie in den 1990ern einerseits mit unterschiedlich ausgerichteten Musikern zusammenzuarbeiten und veröffentlicht aber auch eine sehr persönliche und von intensiven Songs geprägte EP, die sie kreativ die Ideen der 1980er-Trilogie aufgreifend, in bester Verfassung und reifer präsentiert. Mit dem in New York ebenfalls Kultstatus genießenden Schlagzeuger Anton Fier kommen zwei Platten (Dreamspeed, Blind Light) zustande: Phews Sprechgesang wird mit dem dunklen Knitting Factory – typischen Sound von Fier, Bill Laswell und co unterfüttert.
Phew beteiligt sich in Tokio an Großproduktionen von Otomo Yoshihide (New Jazz Ensemble Dreams – großartiges Album – wo sie sich die Vocals mit Togawa Jun teilt und The Music of Takeo Yamashita).
Mit den beiden Avantgarde-Rockbands um Otomo Yohihide Novo Tono und Himitsu No Knife/Secret Knife nimmt sie zwei – mittlerweile vergriffene und sehr gesuchte – Platten auf und beinfidet sich für einem Moment im Mittelpunkt des tokioter Avantgardeuniversums. Mit dem (Boredoms-) Gitarristen Sei-Ichi Yamamoto wiederum setzt sie mit – Shiawase no-sumika, das wie eine subtile Hommage an den J-Pop klingt einen Kontrapunkt. Mit Yamamoto und der Band Most bezieht sie sich auf mittlerweile drei Alben nochmals musikalisch auf Punk : vorwärtstreibende, direkte kurze Songs, die eine Seite von Phew zeigen, die man so noch nicht kennt.
Big Picture ist ein Album, das 2001 mit Nagashima Hiroyuki und einigen Gästen entsteht und zu den wichtigen Veröffentlichungen in der Diskographie Phews zählt. Samples aus diversen Quellen sind Ausgangsmaterial, um eine eigenwillige Popplatte zu entwicklen, die Gesang, Noise mit Versatzstücken aus J-Pop, Bossa Nova, Folk, Chanson, Beats und Noise mischen.
Danach kommt es wieder zu einer “Ruhephase”.
Five Finger Discount – mit der eingespielten Band um Jim O’Rourke – aufgenommen, lässt 2010 wieder mit einer Songssammlung aufhorchen.
Zusammen mit der Autorin und Mangskünstlerin Erika Kobayashi reagiert Phew auf die Katastrophe von Fukushima auf künstlerische Art. Als Projekt UNDARK illustrieren sie zur Musik von Dieter Moebius (Cluster; nochmals eine Deutschland-Connection) die Geschichte der sogenannten Radium Girls (Radium Girls 2011). Diese waren Fabrikarbeiterinnen in New Jersey, die um 1917 durch eine leuchtende Farbe namens Undark, die in der Zusammensetzung mit Radium versetzt war, vergiftet wurden. Fünf Arbeiterinnen brachten dann ihren Arbeitgeber vor Gericht und erstritten sich ein Grundsatzurteil, das seitdem Arbeitern zugesteht, bei bei der Arbeit erworbenen Krankheiten zu klagen. Wieviel von den ca. 4000 Arbeitern, die mit der Farbe arbeiteten, erkrankten, ist allerdings nicht bekannt.
Phew on bandcamp:










