Ripples February 2018

February 28th, 2018

Auf der Suche nach dem Inneren des Tons: Ameel Brecht und Joana Gama


Beim Kraak – Festival 2017 in Brüssel mildert Ameel Brecht, seines Zeichens Mitglied der transgressiven Formation Razen das harte Herunterkommen nach zwei Tagen eklektischen musikalischen Überschwangs mit introspektiven, traurigen, komplett aus der Zeit gefallenen Songs, die er mit Gitarre und Mandoline vorträgt – während an diesem verregneten Sonntag noch manche den Brunch im Beurschouburg-Café goutieren.

Bei Razen spielt Ameel Brecht Monochord (über einen Resonanzkasten gespannte Saiten), Schalmei, Santur oder wie auf der letzten Veröffentlichung Kirchenorgel. Die Musik von Razen, meist mit noch anderen historischen und selten verwendeten Instrumenten wie Dudelsack, Hurdy Gurdy, Ondes-Martenot gespielt, ist improvisiert, klingt mit ihrer Mischung aus dem Spektrum von Obertönen und Drones, gepaart mit merkwürdigen Beats, die wiederum von Sequenzern und modularen Sythnesizern stammen, unverwechselbar und übt einen faszinierenden Sog aus. Außenseiterbands wie Popol Vuh oder Excepter werden als Vergleich für die Musik von Razen herangezogen, aber dies ist wie so oft eher der Schwierigkeit geschuldet, Musik beschreiben zu können. Auf Polygraph Heartbeat ist Ameel Brecht auch auf der Suche nach dem Inneren des Tons, die Songs sind aber streng komponiert, die Vorbilder und Seelenverwandte sind, wenn überhaupt, bei Meistern aus der Renaissance und neuzeitlichen europäischen Gitarristen wie James Blackshaw, Carlos Paredes oder Felipe Felizardo zu suchen. Die beinahe klassich anmutende Musik Ameel Brechts verkörpert Ruhe, Stille, Konzentration und eine tiefe Melancholie. Können und Technik, so Brecht, sind wichtig, Virtuosität allein ist aber überhaupt nicht gefragt, wenn etwas Besonderes entstehen soll.

Beim Festival Rescaldo, das im Februar in Lissabon stattfand, traten mit Joana Gama, Joana Guerra und Maria da Rocha drei Musikerinnen auf, die unter anderem miteinander verbindet, dass sie auf eine musikalische Ausbildung im klassischen, akademischen Bereich zurückblicken können und in Orchestern und Streichquartetten spielten, aber den elitären Zirkel zugunsten des finanziell unsicheren Bereich der experimentellen Außenseiter-Szene aufgaben.
Maria da Rocha, die Viola und Geige spielt, veröffentlichte gerade auf dem Label shhpuma Beetroot & other Stories, das Lärm mit Ambientaufnahmen verbindet, unter anderem eine Horrorgeschichte für Kinder bietet und beweist ihre Affinität für das Unangepasste auch damit, dass sie sich nicht scheut, für Ihre Klangwelten ihr Instrument mit Synthesizer zu kombinieren. Ihre Einflüsse – Ligeti, Feldman, Niblock – , Freigeister der Neuen Musik, vertragen sich durchaus gut mit ihren jüngeren musikalischen Neigungen.
Joana Guerra wäre ihr Instrument, das Cello, verleidet, hätte sie nicht ihre akademische Laufbahn aufgegeben und einen anderen Weg gefunden. Ihr wunderbares Album Cavalo Vapor ist weiterhin schwer zu empfehlen.
Die Pianistin Joana Gama schließlich, zieht auch das weiße Blatt dem Notenblatt vor, obwohl sie in den vergangenen beiden Jahren sich intensiv Erik Satie und dessen 150 Geburtstag 2017 gewidmet hat. Gerade führte sie als grenzgängerisches Experiment, selbsterfahrend, auch für das Publikum 14 Stunden ohne Pause Vexations auf, ein zentrales, meditatives Stück Saties, das Joana Gama auch schon 2016 beim Festival Jardins Efémeros in Viseu spielte.
Mit Luís Fernandes, dessen musikalischer Background im Bereich elektronische Ambientmusik und Indiepop verankert ist, nahm sie 2014 das Album Quest auf, ein Highlight des sshpuma Kataloges, das mit seiner sympathischen Uneinsortierbarkeit sämtliche Klassifizierungen aushebelt und subtile Sprödigkeit mit sphärischer Melancholie und mit aufbrausenden Momenten koppelt.
Für das aktuelle Album erweiterte sich das Duo um Ricardo Jacinto, der Cello und Electronics spielt. Für die sechs Kompositionen nahmen die Musiker das Satie-Jubiläum als Inspiration, was direkt bei den Titeln wie Edification en forme de Ogives oder Mémoires en forme de Vexations zum Ausdruck kommt, aber vor allem in der musikalischen Haltung, die, obwohl die Musik des Trios sich in ganz andere Bereiche der experimentellen Musik vorwagt, den musikalischen Geist Saties weiterträgt, der in seinen stilleren Momenten, ruhende, meditative und nicht nur manchmal melancholische Anwandlungen hat.

Ameel Brecht – Polygraph Heartbeat (Kraak)
Joana Gama, Luís Fernandes, Ricardo Jacinto – Harmonies (shhpuma)

Ripples May 2017

May 1st, 2017

Eloïse Decazes & Eric Chenaux – La Bride


Die Pariserin Eloïse Decazes und der Kanadier Eric Chenaux – beides kreativ äußerst umtriebige Zeitgenossen – hattten mit ihrem brillianten Debut als Duo die Ehre den Startschuss für Philippe Delvosalles Okraïna – Label zu geben. Nun erscheint der Nachfolger auf dem gleichsam empfehlenswerten Lausanner Label Three : Four Records. Decazes und Chenaux; das ist ein eingenwilliges Duo: Die Lieder/Chansons, die ihnen als Rohmaterial für Experimente und Entfremdungen dienen, haben ihren Ursprung teilweise im Mittelalter – einige zeitgenössische Quellen wie Areski sind die Ausnahme – und werden entkernt und zu etwas Zeitlosem metamorphisiert: Eine halluzinierende Musik, die letztendlich zu gebrochen und abstrakt ist, um noch in das Genre Folk oder Songwritertum zu passen. Chenaux, eng mit dem zwischen Konvention und Experiment schwankenden Constellation-Label verbunden, geht hier andere Wege und entfernt sich weitgehend von der Rolle des “klassischen” Gitarristen. Decazes gibt sich vergleichsweise zahm mit ihrem Projekt Arlt (mit Sing Sing), aber zeigt außer mit Chenaux vor allem auch in Verbindung mit Delphine Dora aus welchem Holz sie geschnitzt ist, Die Interpretationen von Berios Folksyklus suchen bezüglich Abenteuerlust und Subtiliät ihresgleichen.
La Bride greift die Tradition von experimentellen französischen Chansoniers / Chanteusen, die in den Siebzigern mit Brigitte Fontaine/Areski oder Laurence Vanay begann und in den Achzigern von, u.a. Jac Berrocal (Hotel Hotel), Sophie Jausserand/Guigou Chenevier (A L’Abri des Micro-Climats)oder Hélène Sage weitergeführt wurde, auf und begeht doch wieder andere Wege. Die Gitarre eiert psychedelisch-brüchig, irgendwelche Überbleibsel von Blues- oder Folksongs werden zu Partikeln zerlegt und dann wieder zu Drones zusammengeleimt. Eloïse Decazes interpretiert und rezitiert ihre Geschichten von heute und aus einer anderen Zeit in einer Weise, die an eine etwas unheimliche, moderne Moritatensängerin denken lässt. Sanfheit wird zu Abstraktheit, Sophistication wechselt zum Nicht-Fassbaren und teilweise bedarf er überhaupt keiner musikalischen Unterstützung mehr, weder Leierkasten noch Saiteninstrument.
Three:Four Records

Okraïna Review

Best of 2016

January 5th, 2017

Film/TV


  Ezra Edelman – O.J.: Made in America


 


Sion Sono – The Whispering Star


 

Phoebe Waller-Bridge – Fleabag


 


Rachel Lang
– Baden Baden


 

Charlie Brooker – Black Mirror S.3


 

Andrea Arnold – American Honey


 

Josh Kriegman, Elyse Steinberg – Weiner


 

Armando Iannucci. – Veep S.5


 

Maren Ade – Toni Erdmann


 

JAthina Rachel Tsangari – Chevalier


 

Chan-Wook Park – The Handmaiden


 

Olivier Assayas – Personal Shopper


 

Kleber Mendonça Filho – Aquarius


 

Donald Glover – Atlanta


 

Taika Waititi – Hunt for the Wilderpeople


 

Sam Esmail – Mr. Robot S.2


 

Arthur Cary – Louis Theroux: Savile


 

Pedro Aguilera – 3%


 

Susanne Bier – The Night Manager


 

Music

Still House Plants – Still House Plants


 

Anohni – Hopelessness


 

Carla Dal Forno – You Know What It’s


 

John Cunningham – Fell


 

RIP Leonard Cohen – You want it darker


 

Deux Filles – Space & Time


 

Calhau – ú


 

Anna Meredith – Varmints


 

RIP Παντελής Παντελίδης – Θυμάμαι


 

Bing Selfish & The Multiverts – In The Morning We Glow…


 

Pye Corner Audio – Stasis


 

Rihanna – Anti


 

St. Vincent – St. Vincent


 

RIP Prince Buster – Ska, 2tone, rocksteady legend


 

Iggy Pop – Post Pop Depression


 

Glass Animals – Zaba


 

Books

Simon Reynolds – Shock & Awe


 

Kate Tempest – The Bricks That Built The Houses


 

Alan Glynn – Paradime


 

Alfred Bester – The Stars My Destination


 

Al. De Giulli, C. M. Naddeo: Ποιος είναι ο Α.Μ.;


 

Clarice Lispector – Der Große Augenblick


 

Tacitus – Germanicus


 

Hiroshi Yamamoto – The Stories of Ibis


 

 

 

Best of 2015

January 10th, 2016

Film/TV


Alex Garland – Ex Machina

 

Lenny Abrahamson – Room


 

Sam Esmail – Mr. Robot


 

Damon Lindelof et al. – The Leftovers S.2


 

Steven Soderbergh – The Knick S.2


 

Miguel Gomes – As Mil E Uma Noites


 

Brigitte Sy – L’Astragale


 

Vince Gilligan et al. – Better Call Saul S.2


 

Ana Lily Amirpour – A Girl Walks Home Alone at Night


 

Jesse Armstrong et al. – Peep Show S.9


 

Ilana Glazer & Abbi Jacobson – Broad City


 

Fabrice Gobert et al. – Les Revenants S.2


 

Christian Petzold – Phoenix


 

Alex Ross Perry – Queen of Earth


 

Sarah-Violet Bliss & Charles Rogers – Fort Tilden


 

Carlo Bernard et al. – Narcos


 

Kornél Mundruczó – White God


 

George Miller – Mad Max Fury Road


 

João Salaviza – Montanha


 

Music

Filipe  Felizardo – The Invading Past And Other


 

Aine O’Dwyer – Music For Church Cleaners Vol. 1 an 2


 

Colleen – Captain Of None


 

Jim O’Rourke – Simple Songs


 

Nadine Byrne – A Different Gesture


 

FKA twigs – M3LL155X


 

Brian Reitzell – Hannibal OTS


 

A$AP Rocky – At. Long. Last. A$AP


 

Jamie xx – In Colour


 

Kendrick Lamar – To Pimp a Butterfly


 

Kurt Vile – b’lieve I’m goin down…


 

Joanna Newsom – Divers


 

Books

Tatiana Salem Levy – Dois Rios


 

Adorno/Scholem – Briefwechsel


 

Filipe Homem Fonseca – Há Sempre Tempo Para Mais Nada


 

Victor Palla & Costa Martins – Lisboa, Cidade Triste E Alegre


 

Bing Selfish – A.N.D./O-R


 

Joan Didion – Play It As It Lays


 

Beate und Serge Klarsfeld – Erinnerungen


 

Marion Giebel – Das Orakel von Delphi


 

Daryl Gregory – Afterparty


 

Mark Fisher – Capitalist Realism


preciado

Beatriz Preciado – Testo Junkie


 

 

 

 

 

Ed Sanders – Yiddish Speaking Socialists Of The Lower East Side
Eloïse Decazes & Delphine Dora – Folk Songs Cycle

Die eigenwilligen und schön gestalteten Produktionen von Okraïna – allesamt 10” Inches, die die Handschrift der Illustratorin und BD-Künstlerin Gwénola Carrére tragen – weisen zwei neue Kleinode im Labelkatalog auf.
Philippe Delvosalle ist es gelungen, Ed Sanders, den Grandfather des US-amerikanischen Außenseitertums, für ein Projekt zu gewinnen. Die Fugs und deren freiwilligen und unfreiwilligen Zeitgenossen und Nachfolger stehen in der Summe für vieles, worauf sich auch Okraïna – das Label und die Veranstalter für außergewöhnliche Konzerte in und um Brüssel – berufen.

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