Ilitch – La Maieutique De La Quantique
March 27th, 2011
Das Londoner Angular Label, deren Betreiber während der Recherchen für ihren Minimal/Cold – Wave – Sampler tief in den Kassetten – und sonstigen Untergrund der Achziger abtauchten, verdienen sich auch für die Wiederveröffentlichung des subtil ironischen Meisterstücks Polaroid/Roman/Photo der (teils fiktiven) Formation Ruth (aka Thierry Müller) Lob. Thierry Müller / Ilitch beschreitet mit seinem neuen Album La Maieutique De La Quantique nun allerdings wieder einen ganz anderen Weg. Das Cover ziert das chaotische Durcheinander einer entrümpelten Wohnung. Tabula rasa ist zweifelsfrei auch das Motto der Musik. Bei den Live-Improvisationen – in der Besetzung Thierry Müller (Guitars, Keyboards), Patrick Müller (Elektrosonik, Synthesizer), Franq De Quengo (Drums, Electronics) und Fred Nipi (Analog Modular System, Noises) eingespielt – hat man es weder mit den new wavigen, noch den sphärisch elektronischen Stücken, die Müllers Ouevre auch ausmachen zu tun. La Maieutique De La Quantique ist in erster Linie eine karthartische, raue Gitarrenplatte. So staubtrocken produziert, dass selbst ein Steve Albini den Hut ziehen müsste, würde er sich für experimentelle Musik interessieren, dominieren Thierry Müllers erdige, fräsende Gitarrenattacken/Feedbacks. Störgeräusche, elektronische Verfremdungen und ein stoisches Schlagzeug fügen sich ein und beschwören eine punkig-apokalyptische Stimmung, die in ihrer unnachgiebigen, unheilschwangeren Düsterheit und Konsequenz an die Zeiten von Shub Niggurath, Univers Zero und Metal Urbain gemahnt. Auf dem 15 – minütigen pulsierenden, zentralen La Quantique De La Maieutique driftet Ilitch dann doch noch vom Planet Erde langsam in eine ferne, dunkle Galaxie.
ilitch

Alan Jenkins And The Thurston Lava Tube – Free Surf Music
March 27th, 2011
Mit der “Allstar – Recommended Records – Formation” Vril (Bob Drake, Lukas Simonis, Chris Cutler ), die von sich behauptet, eine intellektuelle oder auch eine C21- Version einer Surfmusikband zu sein, tourt er derzeit als Gastgitarrist. Mit seinem eigenen Projekt The Thurston Lava Tube hat Alan Jenkins in der letzten Dekade das Genre mit ähnlich Vertracktem und der ihm eigenen Kombination aus Understatement und Sophistication allerdings gleich auf wahnsinnigen acht Platten durcheinandergebracht, zahlreiche schräge Hommage – Kompilationen mal ganz außer acht gelassen. Cordelia Records, was waren das für Zeiten in den 80ern, als in erster Linie im deutschsprachigen Raum und den Benelux-Ländern The Deep Freeze Mice und etwas später The Crysanthemums (die Fusion mit Hamster – Boss Terry Burrows) den DIY-Untergrund vom Post-Industrial ins subversive Pop-Nirvana manövrierten? Kommerziell sprang dabei naturgemäß wenig bis nichts raus. Durch das unbezahlbare Engagement von Joachim Reinbold aka JAR, der zahlreiche Platten zuerst per Postversand, dann in Lizenz und dann in Eigenregie vertrieb, veröffentlichte und später Tourneen organisierte, erwarben sich die Cordelia – Bands allerdings einen ausgezeichneten Insider-Ruf für exzentrische Popmusik. Seit Reinbolds Rückzug aus dem Geschäft ist das Nervenzentrum wieder ausschließlich in den britischen Midlands beheimatet, wo – wie auch noch weiter nördlich – eine scheinbar unstillbare Sehnsucht nach dem leichten Leben am Strand als Kompensation für ein (postindustrielles) Leben weiterhin wundersam-obskure Blüten treibt (Surfin Dave hat man noch in Erinnerung, die Girlbands Hotpants in Romance und Poppy & The Jezebels sind zwei aktuelle Beispiele). Die ersten drei Lava Tube – Alben, von denen die ersten beiden plus die EP Pour Quoi Pas Moo nun auf 80 Minuten zusammengepackt als CD erhältlich sind, sind vielleicht – trotz oder gerade dem verqueren, aber dann doch irgendwann vorhersehbaren Popvarianten der Vorläufer The Creams und Ruth’s Refrigerator das Innovativste seit der legendären Doppel – LP der Deep Freeze Mice. Auch beinahe ohne Gesang und Text ist Jenkins oft beschworene Subversität omnipräsent. Titel wie A Murderer, A Mass Murderer and a Man in a Bri-Nylon Shirt, I Was A Teenage Camel, Christmas in the Measles Ward at The Battersea Dog’s Hospital oder Plague of Cows bedürfen selbstverständlich keiner weiteren Erklärung. Leicht wacklige Surf-Gassenhauer wechseln sich mit improvisatorischen Klangcollagen ab, die trotz Finesse immer noch näher am autodidaktischen Post-Punk Gestus als am Impro-Kanon beheimatet sind.
cordelia

Moon Wiring Club – A Spare Tabby At The Cat’s Wedding
March 27th, 2011
Ian Hopkins hat mit seinem Blank Workshop, der imagninären Stadt Clinkskell, semi-realen Heritages, tourist boards und dem Moon Wiring Club, in dessen Örtlichkeiten und Räumlichkeiten allerhand Séancen zum nachspielen stattfinden, einen eigenen Kosmos des phantasievollen Bizzarren kreiert. Hopkins ist ohne aufzuschneiden Illustrator, Comickünstler, Psychogeograph, Hypnagog, Musiker in einem. All das und noch viel mehr ist auf der Website herauszufinden.
Verwirrung ist auch das Motto der aktuellen Platte des Moon Wiring Club – A Spare Tabby At The Cat’s Wedding an, ist doch das Album inhaltlich in einer völlig voneinander verschiedenen Vinyl und CD – Version erhältlich. Ian Hopkins freundliche Aufforderung zum dérive und détournement ist also ernst zu nehmen. Er mischt TV-Schnippsel, altertümliche Synthesizerklänge und eine Verehrung für die aufklärerischen, akademischen BBC Informationssendungen aus den 60ern und 70ern zu phantasievollen, warmen Collagen, die in ihrer Buntheit den Illustrationen nicht nachstehen. Aufgrund des freien Zitierens und Collagierens mit Samples ist der Moon Wiring Club natürlich genreverwandt (und nebenbei auch befreundet) mit dem Ghost Box und Mordant Music – Musikern; Ian Hopkins verfolgt in seinen Stücken wiederum weniger deren Kultivierung des subversiv Unheimlichen, sondern geht seiner persönlichen Vorliebe für Hip Hop Beats und überdrehten Melodien nach.
blankworkshop

Warpaint – The Fool
Die minimalistische, kühle Eleganz ihrer Musik ähnelt sich, aber Warpaint verhalten sich zu XX wie die ganze Farbenlehre zum Monochromen. Die vier Musikerinnen stammen schließlich auch aus Süd-Kalifornien und nicht aus dem zugigen Süd-London. Warpaint wildern in den weiten Jagdgründen der New Wave -Subgenres. Die melodischen, glockenhellen Gitarrenparts könnte ein Steve Severin oder ein Robert Smith nicht besser spielen, der Bass klingt wie von Martin Hannett abgemischt und die versponnenen, manchmal ätherischen Gesangparts klingen nach dem kalifornischen Paisley-Underground à la The Dream Syndicate / Kendra Smith. Psychedelisch verquirlt und meist mehrstimmig gesungen sind Warpaints ‘Goth Light Stücke’ (no offence!) eingängig und clever zugleich. Auch erlauben sie sich hin und wieder eine Abweichung von der Stringenz ins labyrinthische Freak Out – Land. (Warpaint)

Ripples November 2010
October 30th, 2010
James Nice – Shadowplayers
Nach all den Büchern über das – mit Rough Trade – einflussreichste Post-Punk-Label, Factory Records, erscheint nun mit Shadowplayers auch ein gutes. James Nice, für Factory Benelux jahrelang in Brüssel tätig, seines Zeichens auch Labelinhaber von LTM (aka Les Temps Modernes), schreibt mit reichlich Insiderwissen ausgestattet detailliert und kompetent, wie man das von den Linernotes seiner Veröffentlichungen gewohnt ist. Die Geschichte, die in Manchester als anarchistischer Insiderwitz begann, wird heute selbst nach dem Tod Tony Wilsons durch zahllose Inspirierte ideell weitergeführt. Shadowplayers ist, glücklicherweise, kein Buch über Joy Division und The Happy Mondays geworden, sondern räumt den kommerziell in der zweiten Reihe gebliebenen, aber gleichermaßen stilprägenden Künstlern wie z.B. Durutti Column, Linder oder Clock DVA den gleichen, ihnen gebührenden, Raum ein. (Shadowplayers – The Rise And Fall Of Factory Records, Aurum Press)

Harry Kümel – Daughters Of Darkness
In Antwerp, einem Roman des nordenglischen Schriftstellers Nicholas Royle, treibt ein psychopathischer Mörder sein Unwesen, der von den Bildern des belgischen Surrealisten Paul Delvaux und des Kultregisseurs Harry Kümel gleichermaßen “inspiriert” zu sein scheint. Alle verbindet ein Hang zum Bizarren. Längere Zeit nicht mehr erhältlich, ist der neben Malpertuis (mit Orson Welles in der Hauptrolle), 1973, berühmt-berüchtigste Film Kümels, Daughters Of Darkness (mit Delphine Seyrig und Andrea Rau), 1971, nun auf DVD erschienen. Im winterlich-morbiden Seebad Ostende wird eine düstere Vampirgeschichte in Szene gesetzt: die Bilder und die Stimmung wirken einerseits wie eine Mischung aus Letztes Jahr in Marienbad und Don’t Look Now, andererseits springt Kümel unorthodox von Genre zu Genre, vom klassischen Horror- über Psychothriller bis zum (Sexploitation-)Trashfilm. (Harry Kümel Interview)

Vias De Facto
Wenig ist vom früheren Bildungsauftrag bezüglich Kultur der staatlichen Radiosender übrig geblieben, von Nischen abseits der akademischen Linie ganz zu schweigen. Mitternächtlichen Wellensurfern auf der Suche nach dem Besonderen sei daher Paulo Somsens sonntägliche Sendung Vias De Facto auf der portugiesischen Antenna 2 empfohlen ( die, Internet sei Dank, auch zu einem anderen Zeitpunkt nachgehört werden kann). Somsen war Gründer und Inhaber des nicht nur für die lusitanische Avantgarde immens einflussreiche AnAnAnA – Labels und Ladens; ähnlich eklektisch gestaltet er seine Sendungen.
Vias De Facto

Tigrala – Dito
Eigentlich scheint sich das Lissaboner Label Mbari Introspektion groß auf die Fahnen geschrieben zu haben; Lula Penas’ zweite Platte, die musikalische Landschaften malenden Gitarristen Ricardo Rocha, Tó Tripo und Norberto Lobo, der Pianist Ruben Alves oder der die Tradition des früh verstorbenen und kontroversen Kultbarden António Variações weiterführenden B. Fachada; alle eint der nach innen gerichtete Blick in ihrer Musik. Die sieben Stücke von Tigrala, einem Trioprojekt von Ian Carlo Mendoza, Guilherme Canhão und Norberto Lobo, überschlagen sich dagegen beinahe an überschwänglicher Spielfreude: Akustikgitarren, diverse Perkussions- und Blasinstrumente, zu gleichen Teilen aus leicht verschrobenen Jazz,- Folk- und Minimal Music Einflüssen schöpfend; das ist eine klassische Armchair-Traveller Platte, auf – unüberhörbar – portugiesischem Boden entstanden. Viva o tigre! (Mbari Música)

Sei Miguel – Esfíngio
Ob das Prädikat “best gehütetetes Geheimnis” sich letztlich karrierefördernd auswirkt, lässt sich nicht so ohne weiteres beurteilen. Allerdings ist dem seit zweieinhalb Jahrzehnten zwischen allen Stühlen des etablierten und alternativen Establishment sich bewegenden Freigeist Sei Miguel die Ehre zuteil geworden, sein neues Album auf dem Jazzlabel Clean Feed veröffentlichen zu können. Geboren in Paris, aufgewachsen in Brasilien, dann wieder in der franzsösischen Hauptstadt in den 70ern musikalisch sozialisiert, bevor er in den 80er nach Portugal zog; das sind die geographischen und kulturellen Einflüsse und Prägungen, die sich zweifelsohne in seiner Musik wiederspiegeln. In Lissabon spielte er zuerst in der expressionistischen Experimental-Band O Moeda Noise, bevor sich unter eigener Regie sein charakteristischer Stil weiter verfeinerte, der nicht zuletzt durch die Taschentrompete als “sein” Instrument bestimmt wird. Die vier Stücke des aktuellen Albums entstanden mit dem vertrauten Stamm an Mitmusikern – Fala Mariam (Trombone), Rafael Toral (Modulated Resonance Feedback Circuit), Pedro Lourenço (Bass), César Burago (Percussion). Eingebettet in diese aktuellen Kompositionen sind Fragmente des Jazz, aber in gleichem Maße von elektronischer, Konkreter oder Neuer Musik. Stilmittel der Stille und Auslassung sind in Miguels’ Musik ebenso wichtig wie die gezielte Akzentuierung. Esfíngio ist ein rares Zeugnis einer sinnlichen Kopfmusik. (Clean Feed)
