Eric’s, Urban Decay, Writing On The Wall

Als Roger Eagle im Oktober 1976 mit Ken Testi den Club Eric’s eröffnete (später kam Pete Fulwell dazu), war noch nicht abzusehen, welchen Einfluss – nicht nur auf die Mersey-Side-Szene – das Kellerlokal in der Historie des Punks- und Postpunks haben sollte.
Eigentlich Süd-Engländer, machte sich Eagle in Manchester in den frühen sechzigern Jahren des letzten Jahrhunderts einen Namen als DJ und bekam die Entwicklung des Northern Soul hautnah mit. Er vermittelte dann auch Bands – unter anderem für die Konzerthalle The Stadium in Liverpool – und produzierte eines der ersten Musikfanzines überhaupt, namens The Last Trumpet. Eagle zog dann selbst an den Mersey und beeinflusste die dortige Szene nachhaltig. Als großer Reaggaefan  und – Kenner sah er die Verbindung zur aufkommenden Punk/New Wave-Explosion, die in Liverpool auch noch mit den Einflüssen aus der eigenen Vergangenheit und denen, die in die Hafenstadt von außen hineingetragen wurden, gekoppelt war, voraus. Etwas außerhalb des Stadtzentrum, in den Straßen um den Sefton-Park, lebte die Bohème das Leben des Künstlerdaseins und verfolgte einen ganz anderen Lebensentwurf als diejenigen, die in den harten Innercitystreets sozusagen um das eigene Überleben kämpften.

 

Die Mathew-Street im Herzen Liverpools ist unweigerlich und für alle Zeit mit The Cavern, den Fab Four und dem Mersey-Beat verknüpft. In den siebziger Jahren gab es dort aber auch andere Anlaufpunkte wie z.B. das von einigen Freunden in einer ehemaligen Lagerhalle, die den alternativen Markt Aunt Twackers beherbergte, ins Leben gerufene kreativ-unkommerzielle Zentrum namens The Liverpool School of Language, Music, Dance & Pun: Dabei handelte es sich um eine geniale Mischung aus Art School und Teestube, wo sich die späteren Protagonisten des Liverpool New Waves die Zeit vertreiben und über waghalsige Projekte fabulieren konnten. Dies war ein sehr “freier” Ort, es konnte alles oder nichts geschehen, große Pläne ausgeheckt und verworfen werden. Man bewarb sich für ein Stipendium und studierte Theater, Musik oder Film, und, konnte die Zeit entweder verträumen oder die Welt verändern.

Carl Gustav Jung beschrieb in einem seiner esoterisch-mysthischen Traumprotokolle die Stadt Liverpool. Obwohl er nie dort gewesen war, schienen die Details der Straßenbeschreibungen genau auf die Stadt im allgemeinen und die Mathew Street – Gegend im Speziellen zuzutreffen. Dazu die detailiert geschilderte Atmosphäre einer nassen Nacht: Düster, dreckig, heruntergekommen; die Stimmung einer Stadt mit großem Hafen im Niedergang, die nur zugut das tatsächliche Liverpool in den siebzigern Jahren zu beschreiben schien. Nur die eigene Kreativität hatte man da gegen das Siechtum entgegenzusetzen. Kurzerhand riefen einige der in der Liverpool School of Language, Music, Dance & Pun Abhängenden ein Jung Festival aus. Der Bürgermeister von Zürich wurde eingeladen (und kam!), und ein holprig-improvisiertes Programm mit Livebands in der Straße und schrägen, anarchischen Darbietungen wurde aufgeführt. Auch fuhren zwei Kunststudenten im Vorfeld mit dem Auto von Liverpool nach Basel, um von Jung persönlich einen Stein, der ursprünglich für den Bau eines Turms auf dessen Grundstück dienen sollte, entgegenzunehmen und nach Liverpool zu transportieren, mit dem Text von Jungs Liverpool-Traum bearbeiten zu lassen und beim Festival zu präsentieren. Der Stein wurde dann in eine Wand eingesetzt.
Ebenfalls in der Mathew Street eröffneten Geoff und Annie Davies 1976, nachdem sie schon seit 1971 in einer anderen Gegend der Stadt aktiv gewesen waren, den Probe Records Shop, der, eng verbunden mit der aufblühenden Szene um Eric’s ein gleichermaßen eklektisches Sortiment anbot und  großen Einfluss ausüben sollte. Später kam das Label hinzu – Half Man Half Biscuit wurde zu treuen Hausband. Über die Jahre musste der Laden mehrmals umziehen und trotzdem existiert Probe auch heute noch; nun in unmittelbarer Nachbarshaft zum Blue Coat, einem der ältesten Kulturoasen von ganz Großbritannien.

Zwischen Oktober 1976 und der überraschenden Schließung nach einem ominösen Polizeieinsatz im März 1980 (wobei manche Eingeweihten behaupteten, der eigenliche Grund für die Aufgabe des Clubs wäre finanzieller Natur gewesen, da der enge Kreis der 50 treuen Stammgäste die Ausgaben langfristig nicht decken konnte) war Roger Eagles Eric’s stilprägend und einzigartig. Früher ging man in die Disco, ein Musikclub mit einem ausgesuchten Programm zwischen Punk, New Wave, Reaggae oder aber auch Jazz hatte zuvor keine Vorläufer, geschweige denn Tradition. Auch das Zusammenführen von lokalen  mit bekannteren, wegweisenden Bands war etwas Neues und wirkte in Liverpool als Initialzündung für  Leute wie Jayne Casey, Pete Burns, Mike Badger, Bill Drummond, Julian Cope, Ian McCulloch oder Pete Wylie, die dort abhingen, von Eagle zum Musikmachen animiert wurden und dann später tatsächlich oft selbst auf der Bühne standen.
In der Stadt war in dieser Zeit die Stimmung eine desperate und angespannte: der Niedergang der Docks und anderer Industrien wirkte sich krass aus. Massenarbeitslogikeit, Streiks, extreme Armut, Verwahrlosung waren die Folge, aber auch Widerstand und Solidarität waren in der Stadt zu spüren. Ein Jahr später, 1981 im Juni, sollten die Toxteth – Riots die Stadt nochmals radikal verändern ; die Auswirkungen sollten bis nach Brixton und Birmingham ausstrahlen. Gleichzeitig bewirkten die Missstände auch eine enorm kreative und unkonventionelle Reaktion, die von der Musik- bis zur Modeszene reichte. Thatcher erfand als Gegenmittel, sowohl des Aufbegehrens wie auch der damit einhergehenden Anarchie und Solidarität, den Posten des “Special Minister” und besetzte diesen mit Michael Heseltine, der, “too little too late” auf Tourismus, Wiederaufbau und Freizeitangebote als Gegenmittel zur allgemeinen Verarmung der Bevölkerung setzte und mit allen Mitteln versuchte, den Widerstand zu brechen.
2011 wurde an gleicher Stelle in der Mathew Street Eric’s neueröffnet und kurze Zeit wieder geschlossen. Obwohl die wirtschaftliche Situation – nach einem vermeintlichen Aufschwung, befeuert durch Immobilien und Billigjobs – in Zeiten des Austeritätsprogramms beinahe wieder vergleichbar mit jener in den Siebzigern war (und ist) und die Reaktionen mit dem Sprießen von DIY-Shops und alternativen Versuchen abseits des Hipstertums spürbar ist, hatte die Neuauflage außer dem Namen keine Relevanz. Die Schnittstellen derjenigen, die etwas zur prekären Lage zu sagen haben, sind nun anderswo in der Stadt zu finden.

 

Liverpool 8 und andere Orte

Auch in Toxteth, Liverpool 8 – unter diese Postleitzahl fällt übrigens nicht nur Toxteth, sondern auch der Queens Park und ein Teil des Georgian Quarters – hat sich vieles verändert, aber manche Grundprobleme eben nicht: Immer noch stößt man allerorts auf Brachflächen, Verwahrlosung und Missstände, aber die Einwohner entwerfen wie eh und jeh Gegenmodelle wie z.B. Urban Gardening-Projekte oder unkommerzielle Treffpunkte. Von Gentifizierung kann man noch kaum reden, aber wer weiß was die Zukunft bringen wird. Was die sozialen Brennpunkte anbelangt, gibt es jedenfalls weit prekärere Viertel in der Stadt wie Norris Green oder Croxteth am Stadtrand oder Kensington, nicht weit von der Universität entfernt.

Von den Everton Heights, vor einigen Jahren runderneuert und mit feinen Gartenanlagen versehen, die maroden Tower Blocks aus den Sechzigern zum größtein Teil niedergewalzt, hat man den besten Blick auf den River Mersey und die sich ständig erweiterende und verdichtende Sky-Line der Innenstadt. Neben den Three Grands kann man immer mehr Glastürme und Hochhäuser ausmachen, rechts sieht man wie der Fluß in die Irische See mündet und auf die Windränder der ausgebluteten Docks von Bootle. Everton, Walton und Anfield gehören zu den ärmsten Vierteln der Stadt, trotz allem Fußballreichtum und dem ebenfalls renovierten Stanley – Park in der Mitte. Die Atomosphäre ist wie aus einer anderen Zeit, klassische englische Reihenhaussiedlungen, alle mit dem typischen roten Backstein erstellt und mit unterschiedlich farbigem Anstrich. Wie auch in Kensington oder Edge Hill sind viele boarded- oder bricked-up. Der Wind treibt Zeitungsblätter durch die Straßen, eine Ecke weiter wirkt die Stille irritierend. Ein Erinnerungsmosaik.

Vauxhall, wo sich die irischen Einwanderer zum größten Teil ansiedelten, galt mit seinen engen Tenaments als großer Slum. Heute ist die Hauptachse, die Scotland Road, Tag und Nacht dicht befahren und durchfräst den Stadtteil wie auch die Einfahrten zu den Merseytunnels. Regeneration- Zones sind seit Jahrzehnten ausgeschrieben, und ganz allmählich kann man das eine oder andere Bauprojekt, wenn es auch nur ein Supermarkt sein sollte, ausmachen. Ansonsten wirkt die Gegend weiterhin wie eine Mischung aus Geisterstadt und etwas Bedrohlichem. Die Innenstadt – auch dort gab es in Teilen einen Jahrzehnte andauernden Verfall – sind entweder mit gigantischen Shopping-Projekten wie Liverpool 1 komplett verändert worden oder haben wie die Neo-Griechischen, klassizistischen Bauten ihre etwas deplazierte, aber zeitlose Würde bewahrt. Die St. Georges Hall oder die Walker Art Gallery beispielsweise gehören in gleichem Maße zum unverwüstlichen Stadtbild wie die Liverbirds oder der Pier Head. Das ehemalige Business-Viertel Moorfield mit seiner grandiosen Mischung aus klassischer Architektur, Pubs, Clubs und Kunst scheint gleichfalls unantastbar wie die Hope Street zwischen den beiden Gotteshäusern.  Das Everyman Theatre und Bistro oder die Philharmonic Hall und  das gleichnamige Pub haben ebenfalls die Zeit überdauert.

Writing on the Wall

WOW, 2017 in seinem achzehnten Jahr, ist ein alternatives Literaturfestival (das aber auch vom Britisch Arts Council unterstüzt wird) und neben dem poetischen auch einen politischen Anspruch hat. Auch ist die Verbindung von internationalen und lokalen Autoren nicht alltäglich. Liverpool birgt mit seiner Geschichte und seinen enormen Konstrasten unerschöpfliche Reize und Geheimnisse, die viele dazu animiert, auf ihr Umfeld schriftstellerisch (oder anderweitig) zu reagieren. Von der Generation, die mit oder nach den Riots aufgewachsen ist, machten sich an der Schnittstelle von Underground- und etablierter Kultur vor allem drei Autoren von der Merseyside einen Namen. Kevin Sampson, Helen Walsh und Niall Griffiths. Das Trio übte auch einen enormen Einfluss darauf aus, wie die Stadt abseits der Tourist Board – Broschüren wahrgenommen wird.
Kevin Sampson schrieb in den Achzigern für angesagte Publikationen der Jugendkultur wie NME, The Face ID, aber auch für den Observer. In den Neunzigern kehrte er von London an die Merseyside zurück und managte im Umfeld von Acid House-Hype und dem Club Cream The Farm, bevor er begann, Romane zu schreiben.  Mit Awaydays – einer Geschichte, die im Umfeld von Tranmere Rovers-Hooligans spielt, landete er einen riesigen Erfolg. Die merkwürdige Verbindung von Streetculture, Kleidern und Gewalt wird authentisch – aus eigener Erfahrung – in eine Story um Freundschaft und Liebe eingebettet. Die nachfolgenden Bücher, die die Riots und Post-Punk (Stars are Stars), Gangstertum (Clubland) oder das Universitätsleben (Freshers) als Background behandelten, untermauerten Sampsons Ruf authentisch die Sprache der Stadt und den zahlreichen Subkulturen zu sprechen.

Weit weniger konventionell begann Helen Walsh ihre schrifstellerische Berufung in die Tat umzusetzen. Mit Brass, einem explosiven Debut, das, im Scouse-Slang geschrieben, auch eine gewisse Bereitschaft des Lesers fürs Entkrypitisieren voraussetzt, beschreibt sie die Szene um das Universitätsviertel und die Drogen/Prostitutionsszene um die Kathedrale.

Die neue Boheme trifft dabei auf die immer noch in äußerst prekären Umständen lebende Working Class.
Drastisch und in einer Sprache, die sich selbst wie ein Drogenrausch liest. Die folgenden Bücher von Helen Walsh sind formal konventioneller geschrieben – Once Upon A Time in England ist im weitgehentsten Sinn eine Familiengeschichte und trägt auch autobiographische Züge. Go To Sleep, die Schilderung einer postnatalen Depression, die sich durch monatelange Schlaflosigkeit zu einem seelischen Zusammenbruch auswächst, ebenfalls. Parallel dazu schildert sie eindrücklich die Arbeit der Protagonistin, einer Sozialarbeiterin im harten Liverpooler Norden. Beim WOW—Festival diskutierte sie nach einer Lesung vor leider nur einer handvoll Zuhörern im beliebten Everyman’s Bistro über Go To Sleep und ihren eigenen Werdegang. Walsh lebt mittlerweile in The Wirral, auf der anderen Seite von Liverpool, mit Kevin Sampson zusammen. Ihre Hauptthemen – Genderdebatten, Drogenpolitik, Sexualität, Klassengesellschaft – tauchen auch in Lemon Grove, einer weiteren Familiengeschichte, bei der sich nach und nach die Positionen verschieben (Ehepaar, Stieftochter, Freund) wieder auf.
Inzwischen wechselte sie für ein Projekt auch ins Filmfach. The Violators behandelt die gleichen Themen wie ihre Romane. In einer Sozialhaussiedlung hat sich die Hauptdarstellerin (Lauren McQueen)gegen Einschüchterungen und Missbrauch zu wehren. Sie trifft auf eine mysteriösen Fremde (Brogan Ellis), die sie zu verfolgen scheint, und die, ähnliche Probleme, aus der Oberschicht stammt und mehr in die Geschichte verflochten ist als man zuerst erahnen konnte.

Meist drastisch-poetisch geht es auch bei Niall Griffiths, der in Liverpool aufwuchs, zwischenzeitlich mit seinen Eltern nach Australien auswanderte und nun in Nord-Wales lebt, zu: Grits, Sheepshagger oder Wreckage verleitete die Kritiker Griffiths mit zeitgeistigen britischen Autoren in einen Topf zu werfen, wobei spätestens Kelly & Victor, eine intensive, auf gefährliche Weise romantische Liebesgeschichte inmitten einer rauen Stadt namens Liverpool im Umbruch zwischen Tradition und unsicherer Zukunft, und seine Reiseführer, beweisen sollten, dass man es hier mit einem über seinen eigenen Tellerrand hinausblickenden Autoren zu tun hat.

The Liverpool Biennial 2016

Die Biennalen sind in der Stadt am Mersey die beste, meist gar einzige Gelegenheit, Zutritt zu den grandiosen Gebäuden aus einer anderen Zeit zu erhalten: Lagerhäuser, Department Stores, Brauereien, Industriedenkmäler – beinahe alle nicht denkmalgeschützten, laufen Gefahr dem Abrissbagger, der Spekulation oder dem gnadenlosen Metamorphoseprozess der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen.
Diese architektonischen Zeugnisse einer großem Vergangenheit – auch einer dunkler Natur – Liverpool war “der” Umschlagplatz des Sklavenhandels – scheinen in einer Stadt des permanenten Umbruchs wie in der Zeit eingefroren.

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Darumherum, dazwischen und mittendrin ist im Stadtbild einerseits der jahrzehntelange Niedergang, der mit Massenarbeitslosigkeit und Verwahrlosung – ganze Stadtteile bestehen immer noch beinahe ausschließlich aus boarded up-houses – einherging, augenscheinlich, wie andererseits der fragile Aufschwung des letzten Jahrzehnts, der sich mit allen Nebeneffekten des Neoliberalismus – der Einkaufskomplex Liverpool One als neue Stadtmitte beispielsweise, sinnlosen Luxusapartments und Büroblocks, die sie niemand leisten kann, zeigt.

Die 9. Biennale, kuratiert von einem mehrköpfigen Team um Sally Tallant, greift das Thema des kontinuierlichen Wandels auf, der eine uneinheitliche, schwer zu erklärende Gefühlsmixtur aus Verlustängsten, Melancholie, Aufbruchsstimmung und Revitalisierung mit sich trägt. Eine gewisse Schicksalsergebenheit scheint in der Luft zu liegen, die mit der kreativen Schaffenskraft und dem robusten Widerstandsgen – Eigenschaften, die die Liverpudlians scheinbar mit der Muttermilch aufsaugen – die Atmosphäre am River Mersey bestimmen.

Es gehört beinahe schon zur Tradition der Biennale einen Bogen von der zeitgenössischen Kunst zu der Geschichte der Stadt zu spannen.
Das aus Austeritätsgründen nicht mehr finanzierte CUC-Lagerhaus, jahrelang das Epizentrum der avantgardistischen Künste der Stadt – noch kann man den Schriftzug an der Außenfassade schon von weitem sehen – darumherum verdichtet sich im sogenannten Baltic Triangle, die allgegenwärtige berüchtigte Mischung aus hochsanierten Lofts, gesichtslosen Hotelketten und sogenannten Kreativhubs – war genauso Ausstellungsstätte wie die Departmentstores in der Renshaw Street, die entlang der Innenstadt führt. Inzwischen reihen sich hier die Convenientshops aneinander. Die jahrelang verwahrloste Gegend der Everton Hights wurde begrünt und ein Urban Gardening – Projekt bei einer vorherigen Biennale führte die Kunstinteressierten auch einmal aus der nun konsumentenfreundlichen Innenstadt hinaus. In früheren Musikclubs und Übungskellern oszillierten die Soundschnipsel von verkratzten Schallplatten, die Philipp Jeck zu einer psychedlisch anmutenden Collage aus übereinanderlagernden Erinnerungen vermengte. Hundertausende Häuser in der Stadt stehen leer, die Türen und Fenster zugeschweißt oder zugemauert, um sie zum Abriss freizugeben.

2016?
Urban Gardening ist inzwischen schon längst vom Kunstkontext in den Alltag übergegangen. In den immer noch desolaten Straßen von Toxteth wird von engagierten Enthusiasten unweit des lokalen TV-Studios das Toxteth Food Central betrieben, teils aus Selbsthilfegründen, teils um einen Nachbarschafttreff ohne Konsumzwang zu bieten. Langjährige Brachflächen verwandeln sich zu blühenden Gärten oder zu Gemüsefeldern.
Wenn die zeitlosen archtektonischen Juwelen als Ausstellungsort genutzt werden sollen, dann, so die Kunstkritikerin des Guardian Rachel Cooke, muss die Kunst wirklich außergewöhnlich sein, um bestehen zu können oder so im Einklang mit der Architektur verbunden sein, dass sie praktisch untrennbar sind. Dass dieses Niveau bei so einer großangelegten Kunstschau nicht durchgehend hochgehalten werden kann, ist nicht verwunderlich.
Der rote Faden der Austellung, der die Werke miteinander verbinden soll, liest sich im Ausstellungskatalog auch etwas bemüht : “The Biennal explores fictions, stories and histories, taking voyages through time and space, drawing on Liverpool’s past, present and future. These journeys take the form of six episodes”.
Die ersten beiden beziehen sich dabei direkt auf die Stadtgeschichte.
Ancient Greece steht für die neoklassizistischen Gebäude der Innenstadt, die von John Foster und Harvey Lansdale Elmes in den frühen 1800 Jahren gebaut wurden. Chinatown: die Liverpooler – Chinese – Communty ist die älteste in Europa.
Children Episode: Die Künstler erhielten von den Kuratoren die Aufgabe, Kunst für Kinder als primäres Publikum zu kreieren. Monuments from the Future: Die Künstler sollten sich in die Rolle von Futurologen hineinversetzen. Wie sieht Liverpool in 20, 30 oder 40 Jahren aus? Flashbacks: Wenn sich Erinnerungen und die Gegenwart übereinanderlagern, kann dies etwas auslösen, was die geläufige Geschichtsschreibung erschüttert. Software: ziehlt auf ein breiteres Verständnis von Software hin, dass über ein rein technisches Verständnis hinausgeht.

Mark Leckeys Saw Mill – Filmcollage überlagert, verzerrt, manipuliert YouTube -Video- und Audiofootage, und zwar konkret eines
Joy Division-Auftritts im damals frisch eröffneten Eric’s und vermischt dieses mit anderem Material von TV-Shows, Werbeclips, tristen Monochrom-Filmmaterial von Brückenübergängen zu einem Sprung in die Vergangenheit und seiner eigenen Jugend in Liverpool bzw. Birkenhead. Die vermeintliche Genauigkeit und Authentizität des eigenen Erinnerungsvermögens wird dabei permanent in Frage stellt, da der Zahn der Zeit auch das Gedächtnis auf Glatteis führt.
Koki Tanaka stieß bei seinem ersten Besuch in Liverpool  auf ein Buch des Fotographen Dave Sinclair, der in den 1980ern den Protest der Arbeiter und Studenten gegen den Thaterismus dokumentiert hat und selbst politisch aktiv war. Das Buch ist zudem auch ein faszinierendes Zeitzeugnis der Stadtarchitektur; Romantik und Desolation liegen immer ganz nahe beieinander. Tanaka lud einige der Demonstranten, die am 25.4.1985 bei einer großen Demonstration teilnahmen, dazu ein, ihre Erinnerungen zu schildern. Die Videos sind in der Open Eye Gallery, die seit einigen Jahren ja unweit des Pier Heads beheimatet ist, gezeigt.
The Oratory, bei der Anglikanischen Kathedrale , wurde von John Foster im neo-klassizistischen Stil gebaut; dort sind auch Skulpturen vorzufinden. Lawrence Abu Hamdans Rubber Coated Steel setzt sich mit der Frage von Ästhetik und Politik anhand eines – fragwürdigen – Audiodokuments aus der Westbank, angeblich wurden zwei Jungs bewusst von der Israelischen Armee erschossen – auseinander. Im Oratory begegnet einem auch die Arbeit von Jason DodgeWhat the Living Do – und zwar in Form von scheinbar achtlos liegengelassenem Abfall – Kippen, Kaugummipapier, Plastikflaschen – auf dem Boden. Nach dem Besuch von anderen Ausstellungsorten wird einem klar, dass Dodge den Alltagsmüll, den die Bevölkerung achtlos auf die Straße wirft, gesammelt hat und nun überall wieder verteilt hat.
In den beeindruckenden Gebäuden der Cains Brewery und dem ehemaligen ABC-Cinema werden Werke von mehreren Künstlern ausgestellt und die Themen der Episoden treffen aufeinander. Letztlich kommt die ausgestellte Kunst hier tatsächlich nur schwer gegen die Schönheit und Widersprüchlichkeit der Architektur an. Andreas Angelidakis wurde durch den Hadron Collider inspiriert, Samson Kambalu erforscht den psychogeographischen Gehalt von Liverpools Monumenten, Lara Favarettos Koffer stammen von Flohmärkten, Schutthalden oder sind an den Stellen für verlorenes Gepäck nie abgeholt worden. Sie kombiniert den Inhalt mit eigenen Gegenständen, verschliesst die Koffer und wirft die Schlüssel weg.

Die Skulpturen-Austellung in der Tate im Albert Dock verträgt dagegen gut das Zusammenspiel mit zeitgenössischen Werken wie auch, die diesesmal an die Biennale angegliederte Austellung des John Moores Painting Prize in der altehrwürdigen Walker Art Gallery, wo die zeitgenössichen Bilder von denen der Sammlung umgeben sind.

In den weitläufigen, teilweise immer noch verwaisten Straßen von Toxteth trifft man auf die spannenste Kunst der diesjährigen Ausstellung, vielleicht auch deshalb, weil sie direkt Stadtgeschichte und Kunst miteinander verbindet und gleichzeitig auch eine Form urbaner Landart ist. Die seit Jahren in Brachflächen stehenden großformatigen Schilder  – Regeneration Zone: We’re building the Future – manifestierte sich bislang konkret nur im Errichten einiger Supermarktsketten.

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Lara Favarettos Momentary Monument – The Stone 2016 – steht mitten in der Rhiwlas Street, dessen Reihenhäuser alle verlassen und “boarded up” sind; ein einsamer Baum gedeiht prächtig und kündigt die Rückeroberung durch die Natur an. The Stone ist ein mächtiger Granitbrocken mit einem Schlitz, in den Vorbeikommende Münzen werfen können. Am Ende der Ausstellung wird der Stein zerstört werden und der Inhalt einer lokalen Hilfsorganisation – Asylum Link Merseyside – zu gute kommen.
Im ehemaligen Toxteth Reservoir, einem dunklen, feuchten Kellergewölbe wird die düstere Atmosphäre von einer langen Laserinstallation von Rita McBride, einem Wurmloch bzw. einer Einstein-Rosen-Brücke, die quer durch den ganzen Raum gespannt ist, in eine unwirkliche, schöne andere Welt verwandelt und in grünes Licht getaucht.

Nippon Connection

June 19th, 2016

16. Japanisches Filmfestival
Frankfurt am Main

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Ganz im Gegensatz zu den an visuellen Reizen überbordenden und permanent das Genre wechselnden Filmen, die sein Markenzeichen geworden sind, realisierte Sion Sono mit The Whispering Star eine meditativ-ruhige und ironische Zukunftsgeschichte, die seine Empfindungen auf die Katastrophe von Fukushima darzustellen versucht. In den verlassenen Sperrbezirken filmte er mit – zumeist – Laiendarstellern, aber auch dem (Erotik-) Star Megumi Kagurazaka, eine Parabel, die eifrig zitiert (z.B. bei Kubricks 2001), aber auch die typisch-surrealistische Handschrift, die mitunter zu seinem Markenzeichen geworden ist, nicht verleugnet. Die interstellare Postbotin Yoko, ein Android, reist durch Raum und Zeit und stellt Pakete innerhalb einer Lieferzeit von elf Jahren zu; diese, an Sonderlinge, die in den desolaten Landschaften überlebt haben. Die Pakete beinhalten persönliche, teils abstruse Gegenstände, die wiederum als Hommage an Yôko Ogawas Roman Das Museum der Stille gesehen werden dürfen. Die Wissenschaft mache ständig Fortschritte, trotzdem sei der Mensch bloß eine Art Gartenzwerg, der es im glücklichsten Fall gerade einmal auf 100 Lebensjahre bringe, meint Sion Sono.
Sein zweiter Film – Love & Peace – vermischt dann wieder in gewohnter Weise alle möglichen Filmsparten zu einer überdrehten, wilden Komödie.
Ein anderer Altmeister – Gakuryu Ishii – drückt mit That’s It, nach mehreren ruhigen, beinahe psychedelisch-anmutenden Filmen und der ironischen Theateradaption Isn’t Anyone Alive? wieder wie in der Anfangszeit auf die Tube und bezieht sich in einer speedigen, überdrehten Gangstergeschichte auf seine Punkroots.
Die große Kunst der Festivalbetreiber ist es, jedes Jahr die richtige Mischung aus Spielfilmen, Animations- und Dokumentarfilmen, Genre- und Experimentalkino zusammenzustellen; sinnvollerweise in die Sparten Nippon Cinema, Nippon Animation, Nippon Visions und Nippon Retro unterteilt. (die Rahmenprogramme Nippon Culture und Nippon Kids locken dann auch nicht nur die Filmfreaks in die Räumlichkeiten des Festivals).
Was ursprünglich aus einer gemeinsamen Affinität für das japanische Filmschaffen im kleinen Rahmen an der Frankfurter Universität entstanden war, hat sich über die Jahre zum wichtigsten Festival für japanische Filme außerhalb des Landes entwickelt. Und seit dem Umzug in die Naxoshalle und den Mousonturm als Festivalzentrum, stößt die sechstägige Veranstaltung auch auf ungebrochenes Publikumsinteresse; viele Veranstaltungen waren dieses Jahr wieder ausverkauft. (ungeachtet dessen, dass die Filme im Original mit englischen Untertiteln laufen). Die sich immer noch zumeist aus Film – Enthusiasten und engagierten Freiwilligen zusammensetzende Crew schafft mit ihrem Know – How weiterhin souverän den Spagat zwischen DIY-Kultur und “normalen” Festival hinzubekommen.

Im größten Veranstaltungssaal – dem Mousonturm – werden die auf das größte Publikumsinteresse stoßenden Spielfilme der Nippon Cinema- Reihe aufgeführt. Außer den erwähnten Filmen von Sono und Ishii, die durch ihre Transzendenz eher den Rahmen sprengten, gab es hier wieder skurrile Komödien, Sozialstudien, Horror- und Gangsterfilme zu sehen, die aber durchwegs eher dem Unterhaltungskino zuzuordnen waren
Den diesjährigen Nippon Honor Award erhielt Kiyoshi Kurosawa. Drei Filme wurden zu diesem Anlass von ihm präsentiert: Sein Klassiker Cure von 1997, der Thriller Creepy, der trotz einiger Patzer und Ungereimtheiten in der Geschichtenerzählung, gekonnt bis zum Schluß an der Spannungsschraube dreht und Journey to the Shore, einem emotional-aufgeladenen Drama, das wiederum den Kitschfaktor in gefährliche Höhen trieb und diesbezüglich mit Nagasaki: Memories of My Son (Yoji Yamada) wetteiferte.
Gonin Saga von Takashi Ishii ist der Nachfolger seines überstilisierten Gangsterfilm aus den Neunzigern und kultiviert einen sympathischen Retrocharme. Ähnlich aus der Zeit gefallen schien The Inerasable von Yoshihiro Nakamura, ein Film, der mit seinem Goth-Touch der Sparte J-Horror zuzuorden ist. Takeshi Kitano staubte mit seiner ironisch-gebrochenen Ryuzo and the Seven Henchmen den Nippon Cinema Award 2016 ab, und hängte locker Familienkomödien wie The Mohican Comes Home (Shuichi Okita) oder bemühtes Slackertum wie Lowlife Love (Eiji Uchida), der die Korumpiertheit des (Indie-) Filmbusiness als Thema hatte, ab.
Seifenopern mit J-Popstars – Pink and Gray (Isao Yukisada)- , Filme, die eingebettet in Familengeschichten das rigide Schul/klassensystem Japans – Flying Colors (Nobuhiro Doi) und /oder Kindheitraumata Beeing Good (Mipo O) beleleuchten, Liebesgeschichten – Pieta in the Toilet (Daishi Matsunaga), A Cappella (Hotoshi Yazaki), Three Stories of Love (Shogo Ueno), Their Distance (Rikiya Imaizumi) rundeten das diesjährige Programm dieser Sparte ab.
Mit Hibano gab es zusätzlich die Gelegenheit die zehn Folgen der ersten Netflix Japan-Serie zu sehen.

the ark in the mirage
Neben den “großen” Unterhaltungs-Spielfilmen setzt vor allem das sich aus experimentelleren Filmen und Dokumentationen gestaltene Programm der Nippon Visions – Sparte Maßstäbe und grenzt sich vom Mainstream ab. Es ist beruhigend auch dieses Jahr wieder bestätigt zu bekommen, dass auch der unkonforme Anteil an den japanischen Produktionen ungebrochen ist und immer wieder Außergewöhnliches entsteht.
Dies nichtsdestotrotz, dass sich die Wirtschaftskrise nach und nach auch immer stärker auf das Filmschaffen auswirkt, was bei den Q & A’s mit Regesseuren/innen und Schauspielern im Rahmen der Aufführugen immer wieder zur Sprache kam.
Der Schwerpunkt dieses Jahr war: Fukushima, fünf Jahre danach! Verschiedene Dokumentar- und Spielfilme thematisierten die Nachwirkungen und die Konsequenzen, die aus der Katastrophe entstanden sind, z.B. My Technicolor Girl von Rei Sakamoto, Landscapes After 3/11 oder A Lullaby Under The Nuclear Sky von Tomoko Kana.
Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich das trocken-experimentelle Historiendrama Sanchu Uprising von JuichiroYamasaki, das die Geschichte des Aufstands der Bevölkerung von Sanchu im Jahre 1726 schildert. Die strengen Schwarz-Weiß-Bilder unterlegt Juichiro Yamasaki mit Free-Jazz-Einsprengseln; nebebei erweist er auch der Kunstform des Nô-Theaters seine Ehre.
The Ark in the Mirage von Yasuyuki Sasaki beginnt als düsteres Sozialdrama – junge Männer quatieren Obdachlose in einer Containersiedlung ein und kassieren ihre Sozialhilfe ab – um dann in eine Art metaphysische Wendung zu abzudriften und auf ein offen-experimentelles Ende hin zuzusteueren.
Von Daisuke Hosaka waren der Kurzfilm Thank You, Mom und sein Kult-Sci-Fi Be The World For Her in einem Doppel-Feature zu sehen, beide Filme untermauerten nachhaltlich seinen Ruf ,einer der originellsten Regisseure zu sein und dazuhin einen schräg-bizarren Humor zu pflegen.
Good Stripes von der Regissuerin Yukiko Sode ist eine lakonische, leicht-verschrobene Beziehungskomödie, die durchaus auch in einem New Yorker-Setting vorstellbar wäre;
Deer Deer von Tekeo Kikuchi seziert in unterhaltsamer Weise familiäre Zerrüttungen, anhand eines Treffens, genauer der Tod des Vaters, der die Kinder wieder an ihren Heimatort in der japanischen Provinz zuammenführt. Der älteste Sohn hat sich eine wacklige Existenz im Heimatdorf aufgebaut, der jüngere durchlebt immer wieder schiziphrene Epiosoden, die in Zusammenhang mit dem vom Tourismuamt des Städtchens propagierten Hirschreservat stehen. Die Tochter flüchtete in die Großstadt, bekam dort aber ihre Leben und ihre Ehe auch nicht in den Griff und trifft im Heimatdorf auf einen Ex-Geliebten. Die problematische Entvölkerung und Überalterung der ländlichen Gegend Japans spielen im Hintergrund der Geschichte eine gewichtige Rolle.
Her Father My Lover von Kenji Yamauchi fällt dann wieder in die, sehr japanische, Sparte: bizarr-perverse Komödie. Eine junge Frau verliebt sich in den Vater ihrer besten Freundin und kickt damit das erste Glied einer Eskaltionskette an.
Die Dokumentation Dryads in a Snow Valley von Shigeru Kobayashi lässt Großstadtaussteiger, die sich in die Berge von Niigata niedergelassen haben, zu Wort kommen. Nach dem Erdbeben sind auch dort viele Häuser zu Schaden gekommen oder ganz zerstört worden. Die Zugezogenen erzählen ihre Geschichten und Pläne, von der Restaurierung, vom Kultivieren alter Reisfelder oder vom Selbstversorgen und wie sie von den Bewohnern der verschiedenen Dörfer herzlich aufgenommen worden sind. Im Hintergrund verinnt die Zeit und die Jahreszeiten wechseln, der strenge Winter bringt Massen von Schnee, das Wiedererwachen der Natur im Frühling verändert im Nu die ganze Landschaft. Nebenbei ist dies auch eine Geschichte des Sterbens und der Wiedergeburt. Wie es in der Einführung hieß, starben zwei am Film Beteiligte: an einer tödlichen Krankheit und durch Selbstmord.
Ausgezeichnet wurde Under the Cherry Tree von Kei Tanaka, ein weiterer Dokumentarfilm, der Senioren in einer Sozialbauanlage portraitiert und die zunehmende Überalterung der japanischen Gesellschaft dokumentiert.

Die Animationsreihe hat ihre eigenen Anhänger und zeigte dieses Jahr neben einigen Großproduktionen auch wieder eine Kurzfilmzusammenstellung von unabhängigen Künstlerinnen: A Wild Patience – Indie Animated Shorts.

Das mit kundigen Einführugen akademisch aufgewertete Retroprogramm im Deutschen Filmmuseum widmete sich diesesmal nicht einem singulären Regisseur, stattdessen einem Thema: Ghosts & Demons, Scary Tales from Japan. Neun Klassiker wie The Ugetsu Story (Kenji Mizoguchi), The Ghost Story of Yotsuya (Nobuo Nakagawa) oder The Bride from Hades (Satsuo Yamamoto), allesamt Meilensteine, konnte man in hervorragender Qualität sehen.
onibaba
Onibaba von Kaneto Shindô stach aus diesem exquisiten Programm besonders heraus: dieser hochästethische Schwarz-Weiß-Film von 1964 erzählt eine minimalistische Geschichte, die subtil Horror-, Neorealismus- und Erotikfilmelementen zitiert, aber letztlich uneinsortierbar bleibt.
Die Geschichte spielt Mitte des vierzehnten Jahrhunderts zu Zeiten als in Japan Bürgerkrieg herrschte – könnte aber in ihrer Zeitlosigkeit auch in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt sein. In einer andersweltlichen Pampaslandschaft an einem See, in der die langen Gräser endlos hin- und herwehen und eine ungebrochene Schönheit suggerieren, schlägt die Stimmung innerhalb eines Wimpernschlags in rücksichtlose Gewalt um; Stille, in der nur das Rascheln der Gräser zu hören ist wechselt sich mit donnernden Trommeln ab.
Zwei Frauen, Schwiegermutter und Tochter leben in diesen Kriegszeiten davon, dass sie verirrte Krieger in der Graslandschaft irreführen und in ein tiefers schwarzes Loch fallen lassen, wo sie aufgespießt und getötet werden. Die Rüstungen und die Schwerter verkaufen sie an einen Waffenhändler. Als der Freund des im Krieg getöteten Ehemanns der jungen Frau zurückkehrt, entspinnt sich ein erotische Spannung und Begehren zwischen den Beiden. Die Schwiegermutter versucht mit einer Dämonenmaske, die sie sich aufsetzt und damit im Schilf wartend, die nächtlichen Treffen der jungen Frau zu unterbinden, mit der Konsequenz, dass die Maske an ihr Gesicht anwächst. Dies, eine Anleihe an eine alte Shin-Buddhistische Geschichte, die Shindo von seiner Mutter hörte. Letztlich endet alles im Verderben, nur die Natur bewahrt ihre Schönheit.

Ripples

March 5th, 2016

Pierre von Kleist editions – Ein unabhängiger Verlag für Fotobücher

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Als vor sechs Jahren der Name und das Icon von Pierre Von Kleist auftauchte, gab es unter dem kleinen Zirkel derjenigen, die der Fotokunst nahestehen, einige Spekulationen. Wer könnte sich hinter diesem gezeichneten Konterfei auf einer Münze verbergen? Die altmodische Frisur und der breite Schnurrbart ließen auf eine leicht verschrobene Figur schließen. Und tatsächlich, die Website beschrieb Pierre von Kleist als einen leidenschaftlichen Sammler von Fotobüchern und Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Unglücklicherweise wurde der Großteil seines Bestandes Opfer eines Brandes. Die Suche im Internet führte zu einer Adresse in Lissabon.

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Ex-Futur versus Des Fleurs Pour Un Camélion

 

Das Zusammentreffen der intellektuellen Köpfe von Aksak Maboul –  Marc Hollander und Vincent Kenis – die auf Onze Danses Pour Combattre La Migraine und Un Peu De L’áme Des Bandits der Imagination freien Lauf ließen und Steve Reich und Satie mit Folklore und World Music, Prog Rock und Free Jazz mit Punk und Kinderlieder kombinierten –  mit den notorischen Les Tueurs De La Lune De Miel – deren Musik wiederum aus einem Gebräu aus Rockabilly, Kirmesmarschmusik und Chanson, das irgendwo in den Hinterhöfen Brüssels zusammengerührt wurde, bestand, und deren Auftritte um den charismatisch-grenzwertigen Frontmann Yvon Vromman und seinem Gefolge aus Taxifahrern, einem Koch und professionellen Kartenspielern immer unberechenbar waren – sollte für die Musikhistorie nicht ohne Folgen bleiben.

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Beide Formationen waren auf ihre Weise Außenseiter im musikalischen Milieu der Achziger, als der Großstadtsound vor allem nach Synthiepop und Disco klang.
Da Hollander und Kenis (Aksak Maboul) in den gleichen Cafés und Läden verkehrten wie Vromman, Fenerberg und Jacobs (Les Tueurs De La Lune De Miel), lernte man sich kennen, schätzen und dachte bald über ein gemeinsames Projekt nach. Als auch noch Hollanders Freundin Vérnonique Vincent neben dem Malen das Singen für sich entdeckte, reifte die vage Idee zur konkreten: Der Name von Vrommans Band wurde angliziert – The Honeymoon Killers – und Hollander, Kenis und Vincent stiegen mit ein. The Honeymoon Killers erspielten sich mit einem Repertoire aus vertrackten Wavenummern, eckigem Rock’n Roll und imaginärer Ethnomusik, das, logischerweise, von einer ausgeprägten Affinität zum Surrealen geprägt wurde, unter den Anhängern von Avant-Post Punk einen hervorragenden Ruf, vor allem auch im Ausland.
Das Gegenüberstellen zweier so unterschiedlicher Leadfiguren – der manische, überdrehte Vromman und die ätherisch-kühle Vincent, beide ihre jeweiligen Rollen sehr ‘tongue in cheek’ bekleidend, waren so noch in keiner Band zu hören gewesen. Ihr Album auf Crammed ist ein gutes Dokument aus einer Zeit, in der man dem geneigten Hörer noch etwas zumuten konnte.
Nach dem Erscheinen des Debutalbums und ausgiebigen Touren, war als nächster Schritt geplant, gleichzeitig Alben von The Honeymoon Killers und Aksak Maboul zu veröffentlichen. Das, um einerseits den kreativen Überschwang dieser Zeit zu kanalisieren, nebenbei wollte man aber auch etwas Verwirrung stiften. Hollander und Vincent schrieben schon seit längerem zusammmen Stücke, das Projekt Honeymonn Killers platzte dann aber aufgrund “musikalischer Differenzen”, d.h. einem klassischen Egoclash. Vromman wollte die Rolle der Leadfigur auf der Bühne wieder alleine ausfüllen. So wurden auch die Demos und fertigen Stücke von Aksak Maboul, die die Katalognummer 014 trugen, der Öffentlichkeit vorenthalten.
Mit dem etwas sperrigen Titel Veronique Vincent & Aksak Maboul with The Honeymoon Killers – Ex-Futur Album wurden die Songs, ergänzt um einige Alternativ- und Liverversionen nun aber doch noch publik gemacht.
Wie erwähnt, handelt es sich dabei eigentlich um die Stücke, die von Vincent und Hollander über einen längeren Zeitraum zusammen komponiert und aufgenommen wurden. Vincent Kenis, Blaine Reininger, Catherine Jauniaux, Jeannot Gillis, Michel Berckmans oder Alig Fodder bekommt man bei dem einen oder anderen Stück auf dem Album, das auf erstaunliche Art den Zahn der Zeit unbeschadet überstanden hat, auch zu Gehör. Gerade die Skizzenhafigkeit und eine gewisse Unfertigkeit machen einen nicht geringen Teil des Charmes der Musik aus, die das etwas vergessen gegangene Genre des Avant-Pop nochmal um eine handvoll Klassiker bereichert. Véronique Vincents absurd-surreale Texte (wir befinden uns in Brüssel), überzogene Alltagsbetrachtungen, sind schräg und witzig:

Je veux retourner
avant le ventre des mes parents,
Chez les Aborigès
Vivre d’instincts
essentiels et non pas programmés
Chez les Aborigènes,
minés par mes microbes d’Européenne
Et je deviendrai sans doute
une chanteuse australienne

oder

Le troisième personnage caché
Des estampes japnonaises
Le passif aux yeux accrochés
Fait de la scène cette calme döbauchés

Il la corrmpt l’intesife
De son regard en cliché
Il confine les acteurs qui s’y fient

Hollander experimentiert mit Rhythmen und Zitaten aus asiatischer, amerikanischer und afrikanischer ethnologischer Musik und Elektronik, die man ansonsten nur in der Musik ähnlich der Zukunft zugewandter Köpfe wie This Heat oder im experimentellen Dub von On U Sound /African Head Charce zu dieser Zeit hören konnte.
Bei Chez Les Aborigènes singt Vincent mit glockenheller Stimme gegen eine Drumbox an, während eine Melodica orientalische Melodien spielt. Zickig-cool geht es, dem Titel entsprechend, auf Afflux De Luxe zu; Je Pleure Tout Le Temps ist – ironisch – der Chansontradition verpflichtet, die hysterisch-stoische French Pop-Hommage Veronika Winken lässt einerseits an Frances Galles und Françoise Hardys 60’s-Hymnen denken, bricht aber die romantische Intention mit Vincents teutonisch – rollendem R im Refrain, bevor das Stück dann zu neuen Ufern in eine Art Afro-Futurismus ausbricht. Ähnlich Réveillons-Nous, das auch gut auf die erste Aksak Maboul – Platte gepasst hätte. My Kind of Doll trägt die Handschrift von Alig und tönt auch Officer-affin; Les Troisième Personne stellt Michel Berckmans Univers Zero – Oboe, die hier eine osteuropäisch-folkoristische Melodie spielt einer unterkühlten New Wave-Ästhetik entgegen. Zum Ausklang bei den The Aboriginal Variations wird dann sogar gejodelt.

Aus dem Refrain von She Loves You machte man in Frankreich 1963 Yé Yé. Und während die jungen Frauen im Publikum andererorts reihenweise in Ohnmacht fielen, stellten sie sich hier lieber selbst auf die Bühne. Und – obwohl meist von Männern im Hintergrund produziert und gemanagt, eine manipulative Figur wie Gainsbourg sei da nur als berüchtigste genannt – schwang mit ihrem Auftreten und ihrer Musik eine Aufbruchsstimmung mit, die den Mief der Fünfziger ein für allemal vertreiben sollte. Jean-Emmanuel Deluxe widmete dem femininen French Pop der 60’ eine liebevolle Hommage (Yé-Yè Girls, erschienen bei Feralhouse). France Gall, Françoise Hardy, Sylvie Vartan, Brigitte Bardot oder Jane Birkin brachten es zu internationalem Ansehen, andere – Dani, Zouzou, Annie Philippe beispielsweise – blieben ein französisches Phänomen. Grenzgängerisch veranlagte Frauen wie Brigitte Fontaine, Catherine Ribeiro oder Louise Forestier emanzipierten sich schnell vom Genre und fanden jede für sich eine experimentelle Nische.

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Wiederum nahmen englische, deutsche oder portugiesische Muttersprachlerinnen – Marianne Faithful, Sandy Shaw, Nico, Astrud Gilberto – plötzlich Stücke in Französisch auf.
In den Siebzigern flaute die Welle ab, bevor dann einige Zeitgenossen des Punks und New Waves die Yé Yé- Mode wieder frech zitierten, aber das Rollenmodel des singenden Mädchens im Minirock endgültig in einen anderen, emanzipatorischen bis androgynen Kontext stellten. Mikado, Kas Product, Jacno & Elli Medeiros seien hier aus dem frankophonen Raum genannt; Stereolab in den Neunzigern und heutzutage darf man die, auf verschiedenen Indie-Labels veröffentlichende, US-Amerikanerin April March als die sprichwörtliche Reinkarnation der Ikonen des Genres betrachten ( und sich zugleich fragen, wo die Ironie geblieben ist).

Wanda Maria Ribeiro Furtado Tavares De Vasconcelos wurde 1960 in Portugal als Tochter einer Philosophiestudentin und eines Medizin studierenden Vaters geboren. Der Großvater war auch Arzt und hatte als Kommunist seine Schwierigkeiten im Salazar-Regime. Da sich die Mutter vom Vater trennte, eine andere Beziehung einging und eine Scheidung praktisch nicht möglich war, ganz abgesehen davon, dass ein freiheitsliebender Mensch im Portugal der Sechziger nicht glücklich werden konnte, flüchteten das Paar mit der sechsjährigen Wanda nach Brüssel.
Später dann waren ihre Eltern, als Linksintellektuelle im Kulturleben der belgischen Hauptstadt engagiert, vom Werdegang ihrer pupertierenden älteren Tochter ersteinmal gehörig vor den Kopf gestoßen, als ihr darstellendes und musikalisches Talent von einem Freund der Familie, dem Musiker Jaques Duvall, sozusagen entdeckt wurde und sie den, von Jean-Claude Forest Kult-Comic Barbarella entlehnten, Künstlernamen LIO annahm.
Le Banana Split wurde von sämtlichen Major-Plattenfirmen in Belgien abgelehnt, dann aber von einer kleinen Firma produziert und plötzlich zu einem Welthit. Und die ironisch-freche Verballhornung von Synthiepop, Eis am Stiel und New Wave hatte eine direkte und offensichtliche Verbindung zur Yé Yé – Bewegung.
Und LIO wurde durch den Massenappeal, den sie ausstrahlte, auch logischerweise in einer ironiebesetzten Zeit zum Kult; eine Coverversion des Stinky Toys-Punkklassikers Amoreux Solitaires als Nachfolgesingle bestärkte diesen Ruf noch zusätzlich.
Es folgten Kontakte zu den Cramps, Blondie, Sparks (die eine englischsprachige Platte produzierten) und John Cale (via dem ZE – Label von Michel Esteban), der einige Songs für das Album Pop Model arrangierte.
Die Zeiten in Brüssel waren chaotisch und LIO startete parallel zur Popstar- eine Filmkarriere, die sie u.a. mit Chantal Akerman, Catherine Breillat und Claude Lelouch zusammen- und in eine ganz andere Szenerie führte, was  auch den intellektuellen Anspruch, den ihre Eltern an ihre ältere Tochter stellten, ersteinmal zufriedenstellen konnte.
LIO befreite sich durch das Filmschaffen auch vom Image der Lolita und wagte sich musikalisch in andere Bereiche vor: Can Can, eine Hommage an die Pariser Revuen und den Comic-Künstler Hugo Pratt und eine Zusammenarbeit mit Etienne Daho, für den sie auf dessen großen Hit Weekend in Rome sang, und der wiederum Des Fleurs Pour Un Chaméléon 1991 produzierte, erschienen: Zwei Alben, die zwar noch dem Mainstream verpflichtet und auf die Charts ausgerichtet eingespielt wurden, aber eine eindeutig experimentellere Linie verfolgten. (und sich dementsprechend bescheiden verkauften). Und, neben der Musik und dem Film versuchte sie sich mit einigem Erfolg auch als Designerin.
Wandatta von 1996, eine Zusammenarbeit mit dem Texter Boris Bergman, ist einerseits das persönlichste, konzeptionell und musikalisch das vielleicht auch gewagteste und beste Album von LIO. Eine, abwechselnd opulent-illustrierte, karg-melancholische Platte, ironisch-gebrochen und in seiner phantasievollen musikalischen und collagenhaft zusammengesetzten Songs nicht weit vom verqueren Geist der Honeymoon Killers entfernt. Wandatta ist ein Album, das definitiv auch in den Kanon der frankophonen Pop/Außenseitermusik aufgenommen gehört.
Danach folgte ein Projekt mit Interpretationen von Gedichten von Jaques Prévert (2000), das zeitlose Chanson/Singer-Songwriter-Album Dites Au Prince Charmant (2006), das mit Peter Von Poehl entstand, und ein sehr gutes Album mit der belgischen Indie-Rock’n Roll-Band Phantom (2009): Die späte Antwort auf  Lux Interior und Debby Harry; souverän mit einem gehörigen Sixties-Flair und mit der LIO-eigenen Leichtigkeit/Doppelbödigkeit ausgestattet.
Ausflüge in die Fernsehwelt (Jury bei der belgischen Version von Pop Idol, eine Rolle, die sie ziemlich desillusioniert wieder aufgab), weitere Filmrollen (Mariages von Valérie Guignabodet, Lost Signs von Diedier Albert oder La Robe Du Soir von Myriam Aziza z.B.) folgten und 2013 sang sie im Duett mit ihrer jüngeren Schwester Helena Noguerra (die, nebenbei einen ähnlich kunterbunten Werdegang aufzuweisen hat: Schauspielerin, Sängerin und Autorin u.a.) das punkig-überdrehte ‘We have no choice’

Anywhere and anytime
I got this stuck on my mind
Anyhow, any day
Aha

Like a shadow meets the light
Like the evening meets the night
Like tomorrow found today
I will find you on my way

I think of it with no fear
One of us shall disappear
Any day, anyhow
How long will it take from now?

We have no choice
We have no choice
We have no choice
We have no choice

ein Stück auf deren empfehlenswerten Platte Année Zero.