three:four records

August 27th, 2018

 

three:four records – Ein Porträt des Lausanner Labels

Als zartes Pflänzchen, inmitten des Dschungels angesiedelt, der sich musikalische Subkultur nennt und doch zum größten Teil einhergeht mit Beliebigkeit, darf sich das feine Lausanner Label three:four records, das kommendes Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, auf die Fahnen schreiben, neben dem schon einige Jahre länger aktiven Leuten von Kraak aus Ghent, am Puls der europäischen Off-Stream-Mikrokultur zu sein. Abseits der renommierten Festival- und Labelszene produziert man herausragende Musik in Kleinstauflagen.
Ob einheimische Künstler, wie die sich beim Gestalten von Soundtracks wohlfühlenden maninkari oder die sich auf alternative World Music spezialisiert habenden La Tène; die portugiesischen Künstler, die in Lissabon mit dem Veranstaltungsort ZDB in Verbindung stehen wie João Lobo, Filipe Felizardo, David Maranha oder der musikalische Tausendsassa Norberto Lobo, die belgischen Erneuerer des (mittelalterlichen?) Drones Razen, die schrägen und innovativen Chanteusen Eloïse Decazes, Annelies Monseré und Delphin Dora oder das Urgestein Thierry Müller, der u.a. eine wunderbare Platte mit der Römerin Mushy aufgenommen hat, um sein mythisches Projekt Ruth neues Leben einzuhauchen; der Katalog von three:four records ist beeindruckend. Gaëtan Seguin, eine Hälfte der Gründungsväter des Labels, nahm sich freundlicherweise die Zeit, auf meine Fragen zu antworten.

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Alésia Cosmos

July 22nd, 2018

So Far Again

“Mitte der 1970er Jahre war Strasbourg ein seltsamer Ort. Eine politisch sehr aktive Szene, insbesondere an der Fakultät für Architektur, und als starker Konstrast dazu, eine Stadt, die sich stark auf ihre elsässische Tradition berief und eine Gesellschaft, zu der man als den Dialekt nicht Beherrschender keinen Zugang fand”, erzählt Bruno de Chénerilles, den ich anlässlich der Wiederveröffentlichung des ersten Albums von Alésia Cosmos in seinem Studio Audiorama unweit des Rheinhafens treffe.

Die Kultur- und Politikinteressierten organisierten sich in den Siebzigern ihre eigenen Treffpunkte. Unter anderem entstand in Strasbourg eine kleine, aber sehr lebendige Free Jazz/Improvisationsszene. Bruno de Chénerilles, Marie-Berthe Servier und Pascal Holtzer – der spätere Kern von Alesia Cosmos – lernten sich in den Bars der elsässischen Metropole kennen und kanalisierten ihre verschieden Projekte – Musik, Theater, Fotographie – in ein gemeinsames: Alésia Cosmos.
Zu einer Zeit, in der sich nach Jahren der musikalischen Stagnation, die ihren dumpfen Ausdruck im Bombastrock und Disco fand, die Grenzen, angestoßen durch Punk, aufhoben und Avantgarde, Free Jazz, Experimenteller Rock usw. viele Musiker beeinflussten, war die Szene in Strasbourg, verglichen mit französischen Städten vergleichbarer Größe wie Nancy, Reims oder Amiens durchaus überschaubar. Letztlich kulminiert die Hinterlassenschaft der experimentellen, genreübergreifenden Musik in Strasbourg in den beiden Alben der Band, die einen ähnlichen Stellenwert im musikalischen Underground Frankreichs haben sollten wie die eines Albert Marcoeurs, eines Thierry Müllers oder die Gesamtkunstwerke DDAAs.

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Phew

September 11th, 2017

Phew – Pass No Past

Für die japanische Sängerin und Musikerin Phew sind lange Perioden des künstlerisch öffentlich nicht  ‘In – Erscheinung – Tretens ‘ nichts Außergewöhnliches.
Momentan kann man sich aber gerade wieder an regelmäßigeren Lebenszeichen erfreuen. Mit dem Solo-Album A New World und der gerade erschienenen Kompilation von home recordings Light Sleep schlägt Phew zudem auch wieder eine neue musikalische Richtung ein, die – analoge Elektronik und Stimmexperimente verbindend – zu den aufregensten Ergebnissen ihres Schaffens führt: weitgehendst instrumentale Musik; ungemein dichte Kompositionen, die sich vom meisten Vergleichbaren in Qualität und Konsequenz abheben. Auch scheint sich Phew nun als Solokünstlerin, die ihre Musik alleine in langen Jamssessions entstehen lässt, zu definieren. Die erste Platte – Aunt Sally – erschien 1979; es hat also etwas gedauert.

Phew @ Walcheturm Zurich

Man kann Phew darüber hinaus auch dieses Jahr vereinzelt auf europäischen Bühnen sehen.
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Eric’s, Urban Decay, Writing On The Wall


Als Roger Eagle im Oktober 1976 mit Ken Testi den Club Eric’s eröffnete (später kam Pete Fulwell dazu), war noch nicht abzusehen, welchen Einfluss – nicht nur auf die Mersey-Side-Szene – das Kellerlokal in der Historie des Punks- und Postpunks haben sollte.
Eigentlich Süd-Engländer, machte sich Eagle in Manchester in den frühen sechzigern Jahren des letzten Jahrhunderts einen Namen als DJ und bekam die Entwicklung des Northern Soul hautnah mit. Er vermittelte dann auch Bands – unter anderem für die Konzerthalle The Stadium in Liverpool – und produzierte eines der ersten Musikfanzines überhaupt, namens The Last Trumpet. Eagle zog dann selbst an den Mersey und beeinflusste die dortige Szene nachhaltig. Als großer Reaggaefan  und – Kenner sah er die Verbindung zur aufkommenden Punk/New Wave-Explosion, die in Liverpool auch noch mit den Einflüssen aus der eigenen Vergangenheit und denen, die in die Hafenstadt von außen hineingetragen wurden, gekoppelt war, voraus. Etwas außerhalb des Stadtzentrum, in den Straßen um den Sefton-Park, lebte die Bohème das Leben des Künstlerdaseins und verfolgte einen ganz anderen Lebensentwurf als diejenigen, die in den harten Innercitystreets sozusagen um das eigene Überleben kämpften. Read the rest of this entry »

The Liverpool Biennial 2016

Die Biennalen sind in der Stadt am Mersey die beste, meist gar einzige Gelegenheit, Zutritt zu den grandiosen Gebäuden aus einer anderen Zeit zu erhalten: Lagerhäuser, Department Stores, Brauereien, Industriedenkmäler – beinahe alle nicht denkmalgeschützten, laufen Gefahr dem Abrissbagger, der Spekulation oder dem gnadenlosen Metamorphoseprozess der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen.
Diese architektonischen Zeugnisse einer großem Vergangenheit – auch einer dunkler Natur – Liverpool war “der” Umschlagplatz des Sklavenhandels – scheinen in einer Stadt des permanenten Umbruchs wie in der Zeit eingefroren.

rita-mcbride-biennial

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