Ripples
July 13th, 2026
Seraphim – London Is Tired Of Me
Memorials – All Clouds Bring Not Rain
Colleen – Libres Antes Del Final
The Sleeves – The Sleeves
The Orielles – Only You Left

Um dem Albumtitel – London Is Tired Of Me – entgegenzuwirken, hat das Lost Domain Label sich etwas einfallen lassen, und zwar eine leicht meschugge daherkommende Kompilation zu veröffentlichen, bei der man nur erraten kann, welche Musikschaffenden sich hinter den titellosen, verschiedenste Genres bedienenden, Songs verbergen. Die Hülle passt da selbstredend zum Konzept: Neutrales weißes Cover mit ausgestanzter Mitte wie die Techno 12″- Inches der 1990er – Jahre und ein androgyn wirkendes Gesicht auf dem Innenlabel. Seraphim? Man weiß es nicht.
Die heterogene Ausrichtung beschert ein abwechslungsreiches Hörvergnügen. Die Spannbreite reicht z.B. von schrägem Folk im Stile der Shovel Dance Company, wobei dem aufzeichnenden Tonband irgendwann der Strom auszugehen scheint und den Song herumeiern lässt, bis er in einem halluzunatorischen Brei stecken bleibt. Es gibt auf dem Album auch melancholischen Gitarrenpop mit Anklängen an Felt zu hören, oder auch ambiente electronic listening music, Klangkollagen oder eine Sängerin, die zu einer Gitarrenminiatur die Hochzeit des Goths wieder aufleben lässt. Der Soundtrack des Londons von 2026 hört sich jedenfalls geheimnisvoll und leise an; keine Spur von Grime, dem melting pot, aber letztlich auch nicht der Langeweile.
Verity Susmans und Matthew Simms’ zweites Album – die zu einem Doppelalbum zusammengefassten Soundtracks nicht mitgerechnet – ihres gemeinsamen Projekts Memorials verfeinert die Vorlieben der beiden Musiker, die vormals bei Electrelane und Wire gespielt haben, und strahlt die gleiche sympathische Sperrigkeit und Passion zur Genrevielfalt des Erstlings aus. Die Struktur der Songs ist nicht linear, schert immer wieder auf Nebenwege aus und schöpft aus dem großen Fundus der britischen – nicht nur – Undergroundmusik. Man hört wahlweise Querverweise zur Canterbury-Szene (den melodischen Keyboardparts geschuldet) klassische Indie-Gitarren-Schruppigkeit, EA-Elemente oder hauntologisch wirkende Passagen. Der Gesangsstil Valery Susmans erinnert manchmal auch an die Broadcasts Trish Keenan. Auch die Anleihen an Sixties-Jazz oder psychedelische Soundtracks aus dieser Zeit wie Hair passen gut für ein Album, das lässig Indie-Pop mit Avantgarde, Zugänglichkeit und Exzentrik verbindet. Nichts wengier erwartet man auch von einer britischen Band, die sich ihrer Traditon und Sophistication bewusst ist.

Cécile Schott ist schon seit über zwanzig Jahren auf einem musikalischen Pfad, der persönliche Idiosynkrasien subtil in ästhetisch schöne und fesselnde Kompositionen kleidet und, sei es mit akustischen oder elektronischen Instrumenten. Über jetzt neun Alben erstreckt sich ihr sehr unterschiedliches Oeuvre. Die ersten Veröffentlichungen der Französin, die sich den Künstlernamen Colleen zugelegt hat, passten gut zum esoterisch-versponnenen Elektronik-Folk – Konzept des britischen Leaf – Labels: Für Everyone Alive Wants Answers vergrub sie für eine längere Zeit in den Pariser Mediotheken und sampelte sich ihre eigene Audiothek zusammen; beim Nachfolger The Golden Morning Breaks besann sie sich umso mehr auf ihre instrumentalen Fähigkeiten und komponierte eine ähnlich dichte und seltsame und zarte Musik mit klassischer Gitarre, Cello, Zither und verschiedensten Musikboxen. Die Musik Cécile Schotts wirkt perfekt durcharrangiert, aber trotz Könnerschaft sympathisch handgemacht. Von Album zu Album versuchte sie jeweils etwas Neues zu schaffen. Mit einer Viola da Gamba nahm sie beispielsweise Alben auf, bei denen sie erstmals auch sang und barocke Elemente mit Dub-Techniken, die man von Reaggae her kennt, verband.
Seit einigen Jahren residiert sie in Barcelona und – das Meer sozusagen vor der Nase – inspirierte sie für das aktuelle Album. Auch lernte sie bei der Realisierung ihre erworbene Angst vor fließenden Gewässern zu überwinden und das Schwimmen nochmals neu für sich zu entdecken.
Libres Antes Del Final verbindet zwei Dinge. Das Element Wasser und das Entdecken modularer Synthesizer als musikalisches Gestaltungsmittel. Die melodisch-warme Musik auf dem Album verbirgt aufgrund der analogen Instrumente natürlich nicht den Geist der Krautrock-Pioniere wie Harmonia und Cluster, sowie der Erneuerinnen wie Suzanne Ciani oder Laurie Spiegel, Colleens Musik verfolgt aber wieder unverwechselbar ihre eigene Interpretation zwischen ambientem Innehalten und dramatischer Schwere. Für mich sicherlich eines der besten Alben, das dieses Jahr erscheinen wird.

Die beiden Londoner Jack Cooper und Tara Cunningham singen beide und spielen Gitarre. An einem Abend für improvisierte Musik lernten sie sich kennen und machen nun gemeinsam Musik als The Sleeves. Ihr gleichnamiges Album mit zehn Songs klingt einseits durch das spielerische Improvisieren von minimalen Harmonien und sich wiederholenden und variierenden, sich wie im Kreis drehenden Lyrics federleicht, andererseits strahlen die Songs auch eine Art japanischer, stiller Strenge aus. Sozusagen der Zustand, der entstehen kann, wenn sich bewusster Wahrnehmung mit dem kaum Hörbaren ständig verschiebt: Musik für ein überwaches, konzentriertes Hören in einer fortgeschrittenen Nacht, gespielt von zwei Musikern, die mit der Magie auf guten Fuße stehen.

Die ursprünglich aus Halifax stammenden und nun in Manchester lebenden The Orielles – Sidonie Hand-Halford (Drums), Henry Wade (Guitar), Esmé Hand-Halford (Vocals, Bass) – erweiterten ihren musikalischen Horizont nach dem Debut-Album von 2018 , das noch klassische Songs in Indiepop/Shoegazing-Manier bot, sehr schnell. Der Nachfolger klang mit Einflüssen aus Post-Punk, Psychedelica, Disco oder Tropicalia schmissig und herausfordernd zugleich; das Doppelalbum Tableau danach verschob die Grenzen noch weiter in Richtung Avantgarde: Tape Loops, holistischer Jazz, der außerweltliche Charme der esoterischen Seite der Raincoats, Impovisation und Noise betteten sich in das immer noch klassische Songwriting des Trios ein.
Die Stücke auf dem neuen Album Only You Left klingen wie ein Querschnitt aus dem bisherigen Schaffen und wie aus langen Sessions herausgeschnitten. Die ihnen eigene launenhafte Unberechenbarkeit bleibt natürlich Konzept: atmosphärisch dunkle Stimmungsbilder münden in melodische Popelemente, süffige Post-Rock-Grooves lösen sich auf und münden in wieder eine andere stimmige Idee.
Ripples
July 3rd, 2026
Unearthing The Music – Buch
Rock Rendez-Vous – Música Moderna Portuguesa
Atlantic Mavericks – A Decade Of Experimental Music in Portugal (1982-1993)
La Contra Ola – Synth Wave and Post Punk form Spain 1980 – 86

Rui Pedro Dâmasa, seines Zeichens Sprachrohr der Associação Cultural Out.Ra, die genreübergreifend neben regelmäßigen Konzerten und Filmvorführungen in der ehemaligen Industriestadt Barreiro gegenüber der Metropole Lissabon, auch als jährlicher Höhepunkt das Out.Fest mit internationaler Ausrichtung und eklektischem Programm ausrichtet, initiierte, zusammen mit Alexander Pehlemann und Lucía Udvardypva, das Buchprojekt Unearthing The Music – Footnotes To Sonic Resistance In Non-Democratic Europe 1950-2000. Das fragmentarisch aufgebaute Buch setzt seinen Schwerpunkt natürlich auf die Musik hinter dem “Eisernen Vorhang”, wobei neben Musikern aus der DDR, der Tschechoslowakei, Polen oder der UDSSR auch andere Protagonisten, seien es Journalisten wie Chris Bohn oder westliche Musiker wie Chris Cutler, in Interviews oder Essays zu Wort kommen. Die Diktaturen in Griechenland und auf der Iberischen Halbinsel hatten auf das kulturelle Geschehen einen ähnlichen Effekt von staatlich gewünschter Gleichschaltung und, als Resultat, eine klandestine oder sich andere, subtile Wege suchende, Freigeister von Kulturschaffenden. Ganz im Westen Europas angesiedelt, hatte man in Spanien und Portugal geographisch den größtmöglichen Abstand zu den Staaten des Wasrschauer Pakts, fand sich also in einer nicht unähnlichen Situation, was die freie Meinungsäußerung anbelangt. Nach dem Ende der Diktaturen Mitte der 1970er waren, einerseits Punk und New Wave, aber auch die avantgardistische Jazzszene in Lissabon, probate musikalische Ausdrucksformen, um auf die plötzliche, unerwartete Freiheit zu reagieren, aber auch um mit den teilweise chaotischen Verhältnissen der Nachdiktatur umzugehen.

Ganz nebenbei, auch im Jahr 2026 hat mancher Portugiese (und sicher auch Grieche oder Spanier) den Eindruck, immer noch nicht in Westeuropa angekommen zu sein. Jedenfalls ist der Durchschnittslohn weit unter dem westeuropäischen Durchschnitt angesiedelt, während ein erbarmungsloser Turbokapitalismus auch die Grundbedürfnisse wie Wohnen, Lebensmittel und Freizeit teilweise unerschwinglich macht und zu Verdrängung aus den großen Städten führt.
Zurück in die Vergangeheit: Die damalige Aufbruchsstimmung der Movida-Bewegung in Spanien – vor allem in Madrid – und die Zeit nach der Nelkenrvevoltion in Portugal ist inzwischen tonträgermäßig gut dokumentiert.
Dark Entries – Records stellte eine Kompilation mit Bands zusammen, die zwischen 1980 – 83 im zum Musikklub umgewandelten ehemaligen Kino Universal auftraten. Etwas mythisch verklärt fand im nun Rock Rendez Vous getauften Veranstaltungsraum ein jährlichen Wettbewerb mit naltionalen Musikern statt. Daneben spielte aber auch alles was international Rang und Namen hatte plötzlich auch in Lissabon. Die vertretenen Bands auf dem Album eifern aber eher noch dem Konventiellen nach; vieles klingt noch eher dem klassischen Rockbandkonzept verpflichtet, mit dem einen oder anderen modernen Einschlag.

Es gibt aber auch Ausnahmen: D.W. Art, die später zu Dwart wurden und mit Taipei Disco Ende der 1980er einen Kult-Dancefloor-Hit landeten oder Der Stil mit der Sängerin Ana Luísa und einem spannenden Dark Wave-Sound entwickelten sich zu wichtigen Vertretern der Neuen Portugiesischen Musik und sind sicherlich die Höhepunkte der Zusammenstellung.
Atlantic Mavericks, ein Doppelalbum, das auf dem innovativen spanischen Label Glossy Mistakes erschienen, ist da von ganz anderem Kaliber und deckt sich bei der Auswahl fast mit dem wegweisenden Label von João Peste, Mastermind von Pop D’ell Arte, der auf dem Labelüberblick – dem Doppelalbum Sempre – nach dem Einstellen des Labels praktisch alles, was von Belang war von Mitte bis Ende der 1980er, veröffentlichte. Auf den beiden Alben zieht sich die Spannbreite von Ursgesteinen der improvisierten Musik wie Carlos Zíngaro, Folk-Veteranen, die die Avantgarde entdeckten wie Luís Cília, Elektronik trifft zeitgenössiche Klassik wie Telectu und Vítor Rua, Post-Punk-Experimenten von Linha Geral, SPQR, experimentellem Fado wie Pilar, Nuno Rebelo oder Carlos María Trindade – letztere, ehemals in rockorientierten Bands wie Mler Ife Dada, GNR oder Heroís do Mar und nicht zuletzt Pop Dell’Arte selbst. Mit einem philosophischen Überbau – Neue Frankfurter Schule, Klassiker der Kulturtheorie – veröffentlichte Peste laut eigener Aussage “das, was veröffentlicht werdern musste und niemand anderes den Mut hatte, zu veröffentlichen”. Logischerweiese schlug das kapitalistische System schnell zurück und alles versank nach dem Einstellen von Ama Romanta ersteinmal wieder im Mittelmaß in Lissabon und Porto. Die Szene blühte ab den 1990ern umso vielfältiger wieder auf, unter den vielen unabhängigen Labels und Machern fanden sich ein international wegweisendes Avant-Jazz-Label wie Clean Feed, dessen Sub-Label shhpuma, die Schallplattenläden und Labels Ananana und Flur, das Label und Veranstaltungsteam von Lovers & Lollypops oder idealistische Mikrofirmen wie Favela oder Sirr . Wie alles anfing, kann man auf Atlantic Mavericks nochmals hören und in den kompetenten Liner-Notes von Rui Miguel Abreu lesen.

Die Portugiesen mit offenen Ohren waren trotz aller Abgeschiedenheit während den bleiernden Jahren des Estado Novo immer auch von den britischen Trends beeinflusst; in Spanien dagegen zeigte man sich lange nicht besonders an kulturellen Veränderungen interessiert. Die Movida-Bewegung brachte dann eine junge Garde von Filmregiesseure hervor; die Undergroundszene entdeckte dann als Ausdrucksmittel auch die Musik und Punk. Die “Nueva Ola” entwickelte sich auch genreübergreifend: synthetische Popmusik, Cold Wave, experimenteller Dancefloor, futuristischer Art-Rock wurde meist auf Kassetten wie auch anderswo in Europa in Umlauf gebracht. Esplendor Geométrico oder die Performancegruppe aus Barcelona, die auch mit Musik experimentierte, La Fura dels Baus, errangen einen internationale Bekanntheitsgrad; die anderen Bands, die auf der Kompilation La Contra Ola vertreten sind, kaum. Auch in Spanien waren die meisten Bands der Neuen Welle aber bestrebt, möglichst schnell von einem Major Label einen Vertrag offeriert zu bekommen…und der Rest ist Geschichte.
Ripples
June 28th, 2026
Dagmar Zuniga – in filth your mystery is kingdom/far-smile pleasant in yellow music
Debit – Desaceleradas
Zoh Amba – Eyes Full

New York City bleibt wie seit jeher die Stadt in den USA , in der die Freiheit – und damit auch die Freiheit der Kunst – gegen die faschistischen Tendenzen der zukünftigen Vollstrecker verteidigt wird. NYC ist Wohnort und Lebensmittelpunkt auch für drei außergewöhnliche Musikerinnen, die mit ihren letzten hervoragenden Alben sich sowohl mit Introspektivischem wie Universellem in ihrer Musik beschäftigen.
Dagmar Zuniga wuchs als Tochter einer Nicaraguerin in Miama auf. Die ständige Lärmkulisse in der aufgeweckten Familie und in der Stadt ließ sie, wie sie in einem Interview sagt, zu einer “zwanghaften Archivarin ihres Alltags mittels eines Kassettenrekorders werden.”
Die Kassette, die Dagmar Zuniga als eine Art Travelogue während ihrer Reisen in Norwegen, Griechenland und Georgien (wo sie unter anderem auf einer abgelegenen Schaffarm lebte) akustisch auf einem Tascam Tape Recorder skizzierte und später in Brooklyn, ihrem jetzigen Wohnort, weiter mit Dubs, Feldaufnahmen und Gitarre, Flöte, Casio und Elektronik bearbeitete, bevor sie sie in Eigenregie veröffentlichte, wurde zu einem von Hand zu Hand weitergereichten Geheimtipp. Die propere Veröffentlichung auf dem AD 93 – Label ist also hoch willkommen. So sperrig wie der Titel – in filth your mystery is kingdom/far-smile peasant in yellow music – wirken ihre wohl von Free Folk – Musikerinnen wie Karen Dalton oder Sybylle Baier beeinflussten Songs nicht; durch die subtilen Verfremdungen gewinnen sie aber eine halluzinatorische, psychedelische und völlig zeitlose Qualität. Die Musik scheint fern von allen äußeren akustischen Störungen in einer eigenen, spirituellen Welt innezuhalten; die fein ziselierten elektronischen Komponenten und dronigen Ausuferungen stellen die Songs aber auch in Bezug zur Gegenwart und brechen die nostalgischen Anwandlungen. Wie alle besondere Musik lässt sich die von Dagmar Zuniga nicht einfach entschlüsseln, es schwingt immer eine geheimnisvolle Note mit, sei sie überweltlich, sei sie verstörend oder nur melancholisch, die einen immer wieder zu diesen äußerst merkwürdigen Lullabies zurückkehren lassen.
Delia Beatriz, Produzentin und Musikerin, veröffentlicht ihre Musik unter dem Künstlernamen Debit. Ihr jüngstes Album – Desaceleradas – gräbt das Sub-Genre Cumbia Rebajada, das in ihrer Geburtsstadt in Mexiko – Monterrey – in den frühen 1990ern durch Zufall populär wurde, wieder aus und verschwurbelt es auf ihre ganz eigene Art. Gerüchten zufolge ging dem lokalen DJ Gabriel Dueñez, der eine große Sammlung von Schallplatten mit Tanzmusik von kolumbianischen Einwanderen besaß, bei einer Veranstaltung beim Auflegen beinahe der Strom aus, was die Rhythmen des animierenden Cumbia extrem verlangsamte, beinahe zum Stillstand brachte, aber auch in eine andere Dimension führte, die eine fast transzendente Qualität offenbarte.

Dueñez machte das technische Missgeschick zu seinem Markenzeichen und veröffentlichte zahlreiche Kassetten, bei denen er Schallplatten aus seiner Sammlung in langsamerer Geschwindigkeit abmischte und sie als Mix-Tapes veröffentlichte. Auf den Flohmärkten der Stadt stießen diese auf rege Nachfrage.
Die zwei ersten dienen Delia Beatriz nun auf Desaceleradas als Ausgangsmaterial, um die Musik nochmals zu bearbeiten und sie in eine eigene Richtung zu führen. So bleiben in den dekonstruierten Songs nur noch einzelne Mosaiksteinchen der Originale übrig, die in ihrer Langsamkeit und Verzerrtheit wie ein hautologischer, halluzinatorischer Geistertanz wirken. Nicht unähnlich der Musik britischer Musiker wie The Caretaker oder Philip Jeck, die auch akustisches Material wie abgewetzte Schellacks oder die Töne verblichener VHS-Kassetten verwendeten, um in ihrer Kunst, die Wahrnehmung aufs Glatteis zu führen und in eine sinnliche Qualität der überweltlichen Art zu überführen und doch irgendwie die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, verführt Delia Beatriz den geneigten Hörer in eine Parallelwelt abzudriften.
Zoh Amba, in Tennessee in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, fand früh ihre Berufung in der Musik und Spiritualität. In den Wäldern in der Umgebung übte sie ausgiebigst Saxophon und begab sich auf die Free-Jazz-Pfade von Albert Ayler und Peter Brötzmann – ihre damaligen erklärten Vorbilder -. Die Tzadik-Clique um John Zorn produzierte ihr zweites Album, das ihre charakteristische Unkonventionalität aber vielleicht zu sehr in ein 08/15- Avantgarde- Korsett zwängte.

Das Nachfolgealbum im letzten Jahr für das norwegische Label Smalltown Supersound – Sun – zeigte dann Zoh Amba pur. Als praktizierende Anhängerin der Hindu Advaita Vedanta – Tradition ist es nicht verwunderlich, dass ihre Musik eine Art expressive, verletzliche Innerlichkeit ausstrahlt, immer auch bestrebt scheint, sich dem vermeintlich Göttlichen anzunähern. Das aber mit Mitteln, bei dem auch der Punk-Spirit nicht zu kurz kommt: Auf Sun wechseln sich Stücke für ein klassisches Frezz-Jazz-Quartet mit meditativen Solo-Stücken, bei denen Amba zugleich Piano und Saxophon spielt, ab.
Auf dem vom Konzept abweichenden Champa Flower spielt sie akustische Gitarre im Stil der American Primitives und erinnert an ikonische Figuren wie John Fahey oder dessen Fans wie Ben Chasny und co. und deutet schon die musikalische Richtung an, die sie für das nächste Album verfolgen will. Eyes Full ist nun tatsächlich eine Sammlung von klassichen Songs geworden, die von Menschen am Rand der Gesellschaft erzählen und obwohl die Instrumentierung der Songs – Kevin Hyland, Landon George, Jim White geben die klassische Rockband-Begleitung – weniger progressiv anmutet als die auf ihren Free Jazz-Platten, geben die Einspielung ohne Overdubs, die rohe Interpretation und der Gesangsstil Ambas, deren Stimme immer wieder bricht oder sich überschlägt, das Gefühl einer aufrichtigen Zartheit beim Erzählen der hard luck stories.
Ripples
June 14th, 2026
Glasgow
GLARC
Isa Gordon – 8 Men
Guests – Common Domestic Bird
Gichard – Chins For Lefty
Das Greater Lanarkshire Auricular Research Council – kurz GLARC – ist keine Behörde, sondern ein äußerst innovatives Glasgower Kassetten-Label, das gerade sein zehnjähriges Bestehen feiern kann und wie man dem Namen entnehmen kann, einen sympathischen Hang zum Subversiven hat.
Hier haben inzwischen international angesagte experimentelle Musiker wie das Slow-Core-Jazz-Trio Still House Plants, das griechisch-schottische Duo Able Noise, das surreal-versponnene Projekt der Französin Pauline Marx Le Diable Dégoûtan oder auch Isa Gordon mit Adult ihre ersten Sporen verdient.
Für Letztere, die aus einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in East Ayrshire stammt, ist das quirlige Umfeld von GLARC mit seinen zahlreichen Verknüpfungen in unterschiedliche Szenen und Veranstaltungen eine gute Anlaufstelle in Glasgow gewesen.

Das großartige Album For You Only für das Elektronik-Label Optimo Music passte mit seinen ständigen Genre-Verschiebungen zwischen schrillen Electronics, Außenseiterpop und einem punkigen Geist von nicht-eingeordnet-sein-wollen – Stil gar nicht wirklich in das Raster des Labels, stach aber dadurch umso mehr heraus. For You Only klingt wie eine Kelly Lee Owens auf avantgardistischen, labyrintischen Abwegen.
Das neue Album 8men – eine Kassette – für das Label lostmap aus Edinburgh, bestätigt, dass das freigeistige Denken, das in ihrer Musik tief verankert ist und nicht von einer Form von Orientierungslosigkeit zeugt. Die alten Pop- und New Wave – Tapes ihres Vaters aus den 1980ern, also Bowie, Kraftwerk, XTC etc. haben ebenso ihre Spuren hinterlassen, wie jahrhunderalte schottische Folksongs, mit denen sie in Glasgow im Umfeld der Veranstaltungen von GLARC wieder in Berührung kam und aufsog. Außerdem bleiben aber auch die Produktionstechniken von Grime- und Rapsongs für Isa Gordon eine wichtige Inspiration. Vier Folksongs und vier Coverversionen von Richard Thompson, Lou Reed, Robert Wyatt, Black Sabath, die sie naturgemäß alle stilistisch bricht – Broken Beats, stolpernde Synthieschlaufen, Autotune-bearbeitete Vocals und eine feminine Note geben dem Album einem absolut zeitgemäßen Touch.
Zusammen mit Brighde Chaimbeul und Jayne Dent aka Me Lost Me steht Isa Gordon, jede auf ihre ganz idiosynkratische Weise, für eine experimentelle Musik zwischen Tradition und Zukunftshinwendung.

Guests – Jessica Higgins und Matthew Walkerdine – bereicherte die Glasgower – und die experimentelle DIY – Landschaft im allgemeinen mit dem Debutalbum im vergangenen Jahr, das eine wilde Sammlung von Field Recordings, absurden Textcollagen mit minimalistischer Instrumentierung, die immer wie kurz vor dem Absaufen klangen und natürlich gerade dadurch ihren widerspenstigen Charme entfalteten. Der Nachfolger verfogt ein ähnliches Konzept von schlagfertiger Improvisation und dem Unfertigen. Wie eine Art Anti-Sleaford Mods verkörpern Guests den subtileren, nicht testosterongeschwängerten Geist des Punks. Higgins versucht sich an der einen oder anderen catchy Melodie, nur um dann das Interesse wieder zu verlieren und etwas anderes zu versuchen. Und doch klingt Common Domestic Bird, trotz der beibehaltenen schwachbrüstigen Instrumentierung aus dem Home-Equipment-Sortiment strukturierter als das Debut, was selbstredend noch kein Einknicken Richtung Zugänglichkeit bedeuten soll.

Das Duo Gichard kommt auch aus der schottischen Metropole. Lisa James – Sängerin und Texterin – und Chas Lalli – Gitarre – destillieren auf ihrem Album Chins For Lefty die Garage-Psych-Attitüde von Lallis anderen Bands Dragged Up und VOM und kombinieren diese mit zahlreichen anderen Einflüssen, die die DIY-Außenseiter-Pop-Historie der vergangenen Jahrzehnte gerne als Zitat heranziehen. Suicide, Algebra Suicide, das dritte Album der Velvets oder die frühen Factory-Bands meint man in dem einen oder anderen unterkühlten Riff oder der unwiderstehlichen Synthieschlaufe als Referenz auszumachen. Die Lyrics Lisa James’ konterkarieren die Coolness allerdings dann mit absurdem Humor der schwärzeren Sorte. Zeitlos und gerade durch die Spannbreite und Abwechslung der Songs auch schon ein moderner Klassiker des Genres, gelingt Gichard gleich eine ganze Palette von subversiven Ohrwürmern. Songtitel wie Posthumous Hologram, Cholesterol Test oder Your Private Hell halten dann auch locker was sie im Titel versprechen.
http://www.http://nightschoolrecords.com
http://www.http://worldofechomusic.com
http://www.http://glarc.bandcamp.com
best of 2025
January 13th, 2026
Music
Zoh Amba – Sun
Stuart Moxham – Winter Sun
Sharp Pins – Radio DDR
keiyaA – hooke’s law
Milan W. – Leave Another Day
Clipse – Let God Sort Em Out
Joanne-Robertson – Blurrr
Blood Orange – Essex Honey
Nídia & Valentina – Estradas
Rosalía – Lux
Nina Garcia – Bye Bye Bird
claire rousay – a little death
No Home – Princess Suite
Cosy Fanny Tutti – 2 t 2
Xexa – Kissom
Arthur Russell – Calling Out Of Context
Chicago Underground Duo – Hyperglyph
Klinck Trio – My Hair Is Everywhere
Clark – Steep Stims
Film/TV
Walter Salles – Ainda Estou Aqui / I’m Still Here
Kleber Mendonça Filho – O Agente Secredo / The secret agent
Vince Gilligan – Pluribus
Pedro Pinho – O Riso e a Faca
Rebecca Miller – Mr. Scorsese
Mário Patrocínio – Maria Vitória
Bong Joon Ho – Memories of Murder
Lucile Hadzihalilovic – The Ice Tower
Kelly Reichardt – The Mastermind
Hafsia Herzi – La Petite Dernière
Gints Zilbalodis – Flow
Athina Rachel Tsangari – Harvest
Pedro Martín Calero – El IIanto / Les Maudites
Mark Brotherhood – Ludwig
Bruno Stagnaro – El Eternauta / The Eternaut
Kat Sadler – Such brave girls
Nikos Nikolaidis – Πρωινή περίπολος / Morning patrol
Eric Gravel – Full time / À plein temps
Brad Ingelsby – Task
Scott Frank, Elisa Amoruso – Dept.Q
Books
Erika Fatland – Seefahrer
Qntm – Ra
Metz/Seeßlen – Blödmaschinen II
Yoko Ogawa – The Memory Police
Dorothy Max Pior – Sex Is No Emergency
Dimiter Dimow – Tabak
Debsey Wykes – Teenage Daydream
Georges Perec – Die Dinge
Marcelo Rubens Paiva – Ainda Estou Aqui
Ann Patchett – These precious days
Will Hermes – Lou Reed, the king of New York
Clarice Lispector – Erzählungen
Barnabas Calder – Raw Concrete
Walter M. Miller Jr. – A canticle for Leibowitz
David Foster Wallace – Consider the Lobster and other essays
Inês D’Orey – Porto Interior
Tatiana Faia – Recurso e Pobreza
Charlotte Beradt – Das Dritte Reich des Traums
