Ripples

June 19th, 2019

Nippon Connection 2019
Snapshots

 

Rudelkaraoke, Kockkurse, Live-Konzerte, der Kimono – Workshop, eine Nudelbar oder aber auch eine Einführung in die Untertitelung von japanischen Filmen, egal, alle Tickets waren bei der 19. Ausgabe der Nippon Connection mehr oder weniger in kürzester Zeit vergriffen. Und nicht viel anders sah es – beruhigenderweise – beim eigentlichen Business des sich über sechs Tage erstreckenden Festivals aus: um die hundert neue Produktionen wurden im Mousonturm, der Naxoshalle, dem Mal Sehn’ Kino und ein Retroprogramm mit Filmen mit der Schauspielerin Ayako Wakao im Deutschen Filmmuseum gezeigt. Japanische Filme sind in den westeuropäischen Großstädten inzwischen hip, finden demnach auch vermehrt den Weg in die Programmkinos und das ist ohne Zweifel das Verdienst der immer noch weitgehend ehrenamtlich tätigen Crew von Nippon Connection.

Als übergeordnetes Thema hat man sich dieses Jahr auf Außenseiter geeinigt. Und das kommt nicht von ungefähr, ist es doch um den kollektivistischen Gedanken des japanischen Volkes auch schon besser gestanden. Zunehmend werden Einflüsse und Probleme aus dem Ausland absorbiert – Überalterung, Vereinsamung, die Sehnsucht aus dem Hamsterrad auszubrechen, die Zunahme der psychischen Krankheiten – sind Themen, die auch in den Filmen zum tragen kommen.
Die ungemein erfolgreichen Großproduktionen der Marke Herz-Schmerz-Geschichten sind weiter unter der Rubrik Nippon Cinema zusammengefasst, die experimentelleren Varianten kann man in der Naxoshalle unter dem Banner Nippon Visions sehen. Tradition beim Festival haben natürlich auch die Anime-Filme und als neue Rubrik hat man dieses Jahr Nippon Docs – Dokumentarfilme – eingeführt.

Den Nippon Cinema Award gewann Hideki Takeuchis Fly Me To The Saltama, eine mit einer ordentlichen Portion Kitsch garnierte, überdrehte Komödie, gekonnt inszeniert und genau nach dem Erfolgsrezept konstruiert, um einen großen Publikumshit zu landen und die Zuschauer so zu rühren, dass die Taschentücher bemüht werden. Andere, ähnlich gestrickte, Mainstreamproduktionen wie Asako I & II von Ryusuke Hamaguchi, Marriage Hunting Beauty von Akiko Oku oder Room Laundering von Kenji Katagiri wären auch würdige Preisträger in dieser Hinsicht gewesen. Den Nippon Visions Audience Award sicherte sich Seiji Tanaka mit seiner zwischen Gangster- und Slackermovie angelegten Geschichte um die bizarre Verbindung von zwei Arbeitskollegen in einem Badehaus: der eine Auftragskiller, der andere gerade von der Uni abgegangen und aufgrund keines besseren Jobangebots hier gelandet.
Die Jury entschied sich für Sea von Kensei Takahashi als Preisträger und für einen wesentlichen ernsteren Film über einen jungendlichen Außenseiter, der eine Vergewaltigung einer Klassenkameradin in der Schule beobachtet und Jahre danach erneut mit der Situation konfrontiert wird.
Den Doc Award gewann Ian Thomas Ash für Sending Off, einem Film über ein Hospiz auf Rädern.
Hirobumi Watanabes Life Finds A Way knüpft an sein Debüt And The Mud Ship Sails Away an. Lakonisch, schwarz-humorig wird der vermeintlich unaufgeregte Alltag des Protagonisten beschrieben, der scheinbar keine größeren Ambitionen hat, außer Weggefährten den einen oder anderen Seitenhieb auszuteilen und unter einem saftigen Kreativstau leidet. Diesesmal ist der Außenseiterheld Watanabe selbst: Die Tage vertrödelnd, seine Umwelt mit Monologen nervend und anstatt an seinem neuen Film zu arbeiten, vor dem Fernseher und der Fußball- WM versackend, bleibt er mit diesem selbst-ironischen Film seiner Linie treu. Zweifellos in der Tradition von US-amerikanischen Regisseueren wie Jarmush oder Korine stehend, ist er hier um einiges bissiger – und vor allem komischer – als seine in die Jahre gekommenen Vorbilder.
Vom Skip City – Festival, das in Saitama seit 2004 stattfindet und sein Programm jungen Talenten widmet konnte man zwei starke (Kurzfilm-) Beiträge sehen, die Frauenfiguren in den Mittelpunkt stellten. Who Knows About My Life von Teppei Isobe und She Is Alone von Akiko Ashizawa, das ein beunruhigendes Bild vom Schulwesen in Japan heraufbeschwörte, wo Suizidversuche, Selbstverletzungen, Erpressung und Manipulation an der Tagesordnung sind.

And Your Bird Can Sing von Sho Miyake, eine im sommerlichen Hokaido angesiedelte Dreiecksgeschichte, überzeugte durch die starken Schauspielerleistungen: die federleichte, trotzdem mit einer Prise Melancholie unterlegte Geschichte nach einem Roman von Yasushi Sato handelt von drei Mittzwanzigern, die versuchen, den Leistungsdruck und die Erwartungshaltung der Gesellschaft noch etwas aufzuschieben. Anstatt Karriere zu machen, ziehen sie lieber durch die Clubs, verlieben sich und halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.
Blue Hour von Ryuto Kondo ist ein weiterer sympathischer Film über zwei Freundinnen, die im Japan von 2019 versuchen mit langweiligen Jobs, Beziehungskrisen und das – glücklose – Verdrängen der Vergangenheit und Herkunft zurande zu kommen. In einer spontanen Reise aus dem Moloch in die Provinz zu ihrer Familie wird Sunada von ihrer Freundin begleitet und in ihr Leben, von dem sie vielleicht einst geflüchtet war, zurückkatapultiert. Eine hübsche Momentaufnahme und eine Geschichte, die auch sonstwo in der Welt hätte angesiedelt sein können.

Kazuya Shiraishi widmet Koji Wakamatsu, einem, neben Masao Adachi und Haruhiko Arai, der wichtigsten Außsenseiter und Undergroundfilmer, die sich zwischen Trash und politischer Agitation bewegten, der Sechziger in Tokio, seinen neuen Film Dare To Stop Us. Erzählt wird das alles alerdings aus der Sicht vom Megumi, eine der wenigen Frauen im Business, die sich die Anerkennung im Männerbund hart erarbeiten musste (und sich aufgrund einer Schwangerschaft suizidierte).

Kosai Sekine, geboren 1976, ist ein vielseitiger Regisseur. Neben Werbefilmen und Musikvideos widmet er sich dem Dokumentarfilm und neuerdings dem Spielfilm. Tower of The Sun, das anlässlich der Weltausstellung von 1970 in Osaka erstellte Kunstwerk von Taro Okamoto dient dem ehemaligen Philosophiestudenten Sekine als Ausgangspunkt zu einem filmischen Essay über die Geschichte und Kultur Japans. Durch Interviews mit Künstlern und Geisteswissenschaftler nähert er sich dem Schaffen Okamotos an.
In seinem beklemmenden Langfilmdebut Love At Least thematisiert er die in der öffentlichen Wahrnehmung verdrängte und drastisch zunehmende Anzahl von Menschen, die psychisch erkranken. Am ehesten werden Depressionen, Psychosen und eine Unkompatibilität mit der ständig zunehmenden Leistungsdruck mit Metaphern des Übersinnlichen und Spukhaften erklärt. Der instabilen, hypersenssiblen Yasuku – und auch, wie sich herausstellt, ihrem scheinbar funktionierenden Freund/Weggefährte Tsunaki – gelingt es nicht die an sie gerichteten und ihren eigenen Erwartungen gerecht zu werden. Die Versuche können nur in einer Eskalaltion und dem Abbruch der Beziehung zur Außenwelt enden.

Ripples

February 27th, 2019

Black To Comm – Seven Horses For Seven Kings
Alexander Tucker – Don’t Look Away

Schweres Geschütz fährt Marc Richter auf seiner neusten Black To Comm – Veröffentlichung, der ersten für das Chicagoer Label Thrill Jockey, auf. Als hätten die Dronemaster von Sunn O >>> ihre Hände mit im Spiel gehabt und einen dunklen Nachhall hinterlassen, geht es hier richtig zur Sache.

Fanfarenstöße, martialische Lärmwände und industrial-ähnliche Drums und Beats ballen sich zu beunruhigenden Drones zusammen und steigern sich zu Crescendos, nur um dann wieder zu implodieren. Trotz allem Materialaufwand wirkt Marc Richters Musik in seiner Struktur aber immer noch songartig und erzählend. Man könnte Seven Horses For Seven Kings als Statement zur misslichen Weltenlage sehen, andererseits, blau, sehr blau war schon immer die bevorzugte Grundstimmung der Black To Comm – Welt. Die Songs sind auf dem neuesten Opus so komplex verschachtelt, dass man Gefahr läuft, die feineren, stilleren Nuancen ersteinmal zu überhören. Richters andere Seite, die man z.B. von Alphabet 1968 kennt und die in subtileren Bereichen des Ocean of Sounds fischt, ist nämlich nicht abhanden, nur etwas verschüttet gegangen. Alphabet 1968 von 2009 z.B. war ein erklärtes persönliches Album und hatte unter anderem das Aufwachsen im Schwarzwald in den 1970ern zum Thema. Mit dem warmen Grundton und dem Talent Gesprächsfetzen, Außenaufnahmen, melancholische Klavierakkorde, Schallplattensamples, akustische und elektronische Instrumente usw. in einer fesselnden Weise miteinander zu verbinden, stieß er mit seiner Musik durchwegs auf ein positives Echo und fand seine spezifische Handschrift.
Bei Seven Horses For Seven Kings, das über einen längeren Zeitraum in Hamburg und auch im InaGRM – Studio in Paris produziert wurde, kämpft man sich durch schwere, zähe Soundwelten, visuell analog zu der Geisterfratze auf dem Cover von Andreas Diefenbach. Plötzlich steht der Rhythmus und nicht mehr das Dahinfließen in verschieden Schichten der Musik im Vordergrund. Von droneartigen, brutzelndenden Soundgebilden nahe am Weltenabgrund über dramatische, bombastische Filmmusiken, von desolaten, einsamen Pianoeinlagen über psychedelisch verdrehte Albträume, von einer geisterhaften Spiel mir das Lied vom Tod – Referenz a là Forest Swords über einen atonalen Zusammenprall von technoiden Perkussion- Samples und einer Chor/Stimmeinlage aus der Neuen Musik ist hier alles möglich. Die Platte endet mit einem melancholischen, meditativen Travelogue durchs Bewußtsein in einer post-apokalyptischen Ruhe. Wie gesagt, schwerer Stoff.

Der unwiederbringlich von der englischen Folkmusik und seinen psychedelischen Exkursionen beeinflusste Alexander Tucker, verbindet seine Vorlieben für aus dem Ruder laufende und in dronige Verzweigungen abweichende Stücke auf seiner neusten Platte zu einem fast klassisch anmutenden Songzyklus.

Eigentlich aus dem HC-Punk kommend und auch stark mit der Comicszene in London verbunden – selbstverständlich zeichnet Tucker sich auch für die Covergestaltung verantwortlich – entdeckte er ziemlich bald die experimentelleren Varianten des britischen Folk-Acid-Undergrounds. Die frühen Solo-Alben wie Furrowed Brow oder Old Fog mischten auf unnachahmliche Weise das nostalgische Flair der traditionellen britischen, sprich englischen, Musik mit einem unwirklichen, unheimlichen Unterton und einem Gespür für eingängige Songs. Mit seelenverwandten Grenzgängern wie Richard Youngs oder Sharron Kraus steht Tucker seit der Jahrtausendwende für diese gleichzeitige Rückbesinnung und Gegenwärtigkeit.
Zusammen mit Daniel O’Sullivan bekleidet er außerdem ein, mit Versatzstücken des subversiv-esoterischen (Electro-) Pop-Underground herumspielendes Projekt, Grumbling Fur. Mit einer idiosynkratischen Mischung aus eigenen Ideen und (unterstellten) Hommagen an die Musikgeschichte – Boards of Canada, Current 93, Fad Gadget – begeben sie sich auf den Pfad des immer leicht versponnenen, immer angenehm schrägen englischen Undergrounds, White Magic sozusagen. Auch Kooperationen mit u.a. Stephen O’Malley stehen in seiner künstlerischen Vita.
Don’t Look Away, seiner ersten Solopltatte seit 2012, merkt man durchaus an, dass Tucker nun auch für diverse Auftragsarbeiten, z.B. für das Zürcher Schauspielhaus arbeitet, so kohärent und auf den Punkt gebracht hat man seine Einflüsse aus Folk, Kraut, Drone und Pop noch nicht gehört. Warmer Gesang, Gitarren, Orchesterarrangements, und selbst eine Gastsängerin wie Nik Void, die eher für die Avantgarde steht, gliedert sich in diesen, beinahe zeitlosen, Reigen schöner Musik ein.

Thrill Jockey

 

 

Ripples

January 28th, 2019

CD Estrela da Amadora vs. Linda a Velha


An diesem kalten, aber strahlend schönen Sonntagnachmittag tut sich wieder Außergewöhnliches um das jahrelang verwaist gewesene José Gomes Stadion. Weit außerhalb von Benfica und den Stadtgrenzen der den Touristen nicht mehr Herr werdenden Hauptstadt, findet man sich zwischen Lissabon und Sintra in einer verdichteten, chaotisch, scheinbar ohne größeren Plan angeordneten urbanen Landschaft wieder. Moderne Hochhaussiedlungen, Fabriken, in denen noch gearbeitet wird und ihre schon stillgelegten Pendants, sogenannte Problemviertel wie Cova da Moura, Tankstellen und Autobahnauffahrten: Eine abenteuerliche Verkehrsführung bahnt sich Weg und dazwischen kann man manchmal noch einen Hauch eines ländlichen, längst verblassten Portugals erahnen, vor allem, wenn sich die unwahrscheinlich üppige Natur die Brachflächen und verfallene Anwesen zurückerobert. J. G. Ballard hätte sich und alle sich zu psychogeographischen Exkursionen berufenen Zeitgenossen würden sich bestens aufgehoben fühlen.
Amadora war traditionell, ähnlich wie Almada auf der Südseite des Tejos, immer schon ein Anlaufpunkt für Migranten aus den ehemaligen Kolonien, Zugewanderte und Arbeiter machen einen Großteil der Bevölkerung aus. An diesem Sonntag begegnet man immer wieder schwarzen Familien in Sonntagskluft, oft schon im Rentenalter, auf dem Weg zum Gottesdienst oder zu Verwandtenbesuchen. Amadora ist aber angesichts der steigenden Mietpreise in Lissabon und einer nun verbesserten Verkehrsanbindung eine Option für Mittelklassfamilien aus der Metropole.
Zurück zum Fußball: Estrela da Amadora, ein ehemaliger Erstligaverein, der neben einigen bekannten Spielern auch den Trainer Jorge Jesus hervorbrachte, spielte zu seiner Blütezeit, die u.a. einen Pokalsieg einbrachte, im Stadtteil Reboleira. 2008 ging man in den Konkurs. Nach der Neugründung als CF Estrela findet man sich diese Saison in der Distriktliga von Lissabon – sechstklassig – wieder und erfährt unverhofft eine Art Renaissance, nicht zuletzt auch aufgrund der Sehnsucht vieler Fans nach der ursprünglichen Authenzität des Sports. Auch das Stadion ist nun wieder in Betrieb genommen worden. Zum letzten Heimspiel gegen CF Belenenses fanden sich ungefähr 5000 Fans ein, deutlich mehr Zuschauer als die meisten Erstligaclubs normalerweise verzeichnen können. CF Belenenses ist , ein anderer gestrauchelter Traditionsclub, der zahlreiche Titel, vor allem in anderen Sportarten erringen konnte.  Nach Streitigkeiten mit der professionellen Fußballabteilung über die Stadionmiete des grandios gelegenen Restelo-Stadion, splittete man sich auf. Die Profis spielen nun im Nationalstadion außerhalb der Stadt vor wenigen Zuschauern. Die Amateure hingegen mit einer großen, der ursprünglichen, Fangemeinde und Mitglieder, nun in der gleichen Liga wie Estrela.

Schon Stunden vor Spielbeginn hatte man um das Stadion das Gefühl, sich auf einem Volksfest zu befinden. Obwohl in Portugal die Fans der kleineren Clubs immer auch mit einem der drei großen – Sporting, Benfica, Porto – sympathisieren, ist die Rückkehr zu einer Fußballkultur, die die unerfreuliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte wie gnadenlose Verkommerzialisierung, unerschwingliche Ticketpreise und rivalisierende, gewaltbereite Fangruppen vergessen macht, gerade auch in Krisenzeiten, höchst willkommen. Eine Tendenz, die man ja in Großbritanien schon seit einiger Zeit verfolgen kann, wo einige Clubs gar von Fans übernommen und verwaltet werden. Bei Eintrittspreisen im José Gomes Stadion zum heutigen Spiel gegen Linda a Velha von 2 Euro gibt es wenig Argumente, den Nachmittag nicht an der Sonne und in angenehmer Atmosphäre im José Gomes zu verbringen.

Die Tribüne ist wieder ganz ordentlich besetzt und das Bier kostet einen Euro; da sieht man auch gerne über die verlotterten Sitzschalen und das noch entwicklungsfähige Spielniveau des eigenen Teams hinweg. Bei freier Platzwahl und dem einen oder anderen Tratsch mit Bekannten ist das Spiel auch nur ein Teil des Vergnügens. 1:1 trennen sich die Mannschaften in einem Spiel, das durch das holprige Terrain immer einen gewissen unwägbaren Überraschungsmoment auf Lager hatte. Estrela jedenfalls macht gerade wieder Spaß!
Andere traditionelle Clubs, die lange Zeit der ersten portugiesischen Liga angehörten und dann durch die Professionalisierung und Spekulation in Nöte kamen, gibt es einige. Sport Comércio Salgueiros in Porto beispielsweise spielte im gleichnamigen Stadtteil und war ähnlich wie Belenenses auch in anderen Sportarten erfolgreich. 2004 musste man aufgrund Geldnöten den Betrieb einstellen und wagte erst 2008 wieder einen Neuanfang, ebenfalls in der untersten Amateurklasse und außerhalb der Stadt in Paranhos. Das eigene Stadion wich in der Zwischenzeit einer U-Bahn-Station und auf den übriggebliebenen Mauern werden die Grafittis, die diese Respektlosigkeit vor der Geschichte anprangern, von nostalgischen Fans immer wieder erneuert. Auch die Lissaboner Stadteilclubs Atlético und Oriental haben schon weit bessere Zeiten gesehen; trotzdem versucht man unbeirrt den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten.

Ob die Fußballblase irgenwann platzt, ist schwer zu beurteilen, aber wie in anderen kulturellen Bereichen – Musik beispielsweise – scheint in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein gewisser DIY-Geist die natürliche (kapitalistische) Ordnung der Dinge, wenigstens ein bißchen, aufzumischen,.

Best of 2018

January 7th, 2019

Music

Red Brut – Red Brut


 

Virginia Wing – Ecstatic Arrow


 

Klara Lewis/Simon Fisher Turner – Care


 

Chris Carter – Chemistry Lessons Volume One


 

  Α. Κωστής (Κώστας Μπέζος) – Στην Υπόγα


 

Puce Mary – The Drought


 

Go Kart Mozart – Mozart’s Mini Mart


 

Ameel Brecht – Polygraph Heartbeat


 

Gazelle Twin – Pastoral


 

Tim Hecker & Konoyo Ensemble @ Culturgest Lisboa


 

Eartheater – Irisiri


 

Half Man Half Biscuit – No-One Cares About Your Creative Hub, So get Your Fuckin’ Hedge Cut


 

Goat Girl – Goat Girl


 

Film/TV


 L’amica geniale – Saverio Costanzo, novels by Elena Ferrante


 


Schockwellen / Ondes de choc – Jean-Stéphane Bron, Ursula Meier, Frédéric Mermoud, Lionel Baier


 

Wild Wild Country – Chapman Way, Maclain Way


 


Noise
– Yusaku Matsumoto


 

Leto – Kirill Serebrennikov


 

Killing Eve – Phoebe Waller-Bridge


 

The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story – Scott Alexander, Larry Karaszewski, Tom Rob Smith


 

Sharp Objects – Marti Noxon, Gillian Flynn


 

River’s Edge – Isao Yukisada


 

Sophia Antipolis – Virgil Vernier


 

Atlanta S.2 –  Donald Glover


 

Search Party S.2 –  Sarah-Violet Bliss, Charles Rogers, Michael Showalter


 

Bad Banks – Oliver Kienle


 

High Life – Claire Denis


 

Better Call Saul S.4 – Vince Gilligan, Peter Gould


 

  Ο Δράκος  – Νίκος Κούνδουρος


 

The Terror – David Kajganich, Max Borenstein, Alexander Woo


 

Έτερος Εγώ – Σωτήρης Τσαφούλιας


 

Books

My Year Of Rest & Relaxation – Ottessa Moshfegh


 

Trans Europe Express – Owen Hatherley


 

  O Homem Do Leme – Manuel Halpern


 

Um Quarto Em Atenas – Tatiana Faia


 

Sendbo-O-Te – Yoko Tawada


 

  O Paraíso Segundo Lars D. – João Tordo


 

Επικίνδυνο Καλοκαίρι – Γιάννης Μαρής


 

Fábrica De Melancolias Suportáveis – Raquel Gaspar Silva


 

Coal Black Mornings – Brett Anderson


 

Em Minúsculas – Herberto Helder


 

Patient X – David Peace


 

All Gates Open – Rob Young


 

 

 

Ripples

January 6th, 2019

Yesterday’s not here: Pete Shelley R.I.P.

Kurz nach dem Jahrtausendwechsel warfen Pete Shelley (geborener McNeish) und Howard Devoto (Trafford) für das Album Buzzkunst, nachdem sie über zwanzig Jahre ihre eigenen Wege gingen, nochmals ihre Kreativität gemeinsam in die Waagschale. Es sah es so aus, als ließe sich dieser überschwengliche Aufbruchsgeist von 1976, als sie gemeinsam die Buzzcocks gründeten, und, durch Punk angestachelt, aber die gängigen Machoattitüden gänzlich außer acht lassend, Großes vorhatten, wiederbeleben könnten.

Buzzkunst wieß den Weg direkt in die Zukunft, und zwar in kühler Cutting Edge – Manier: Shelley und Devoto modellierten mit dem Handwerkszeug von fräsenden Gitarren, schwirrender Elektronik und Sequenzern melodische, treibende Songminiaturen, die, gepaart mit dem sperrigen Gesangsstil von Howard Devoto, perfekt funktionierten.
Devoto trieb hier seine Vorlieben, idiosynkratische Geschichten und Portraits über missliche Lebensläufe, die von einem Handbuch zur Symptombeschreibung von neurotischen Störungen inspiriert zu sein schienen, poetisch verschwurbelt in Songtexte zu verpacken, auf die Spitze.
Buzzkunst blieb aber das einzige gemeinsame Post-Buzzcocks- Zeugnis der beiden Ausnahmeküntler; history repeats itself: Schon nach der 1976 heiß erwarteten Veröffentlichung der Buzzcocks Debut-EP Spiral Scratch, erklärte Howard Devoto Punk kurzerhand als Schnee von Gestern und suchte das Weite. Er produzierte mit Magazine zwei wegweisende Alben im Post-Roxy Music Stil und zwei weitere, musikalisch um kommerziellen Erfolg bemühte und heute leider in der Zeit verhaftete und redundant klingende ein. Seinem Soloalbum – Jerky Versions of the Dream – und dem Nachfolgeprojekt Luxuria sollte das gleiche Schicksal beschieden sein. Trotz der hohen Qualität der Texte und zeitgeistiger musikalischer Verpackung ist die Figur Howard Devoto wohl zu artifiziell, um über einen Kultstatus hinaus Erfolg haben zu können.

Pete Shelley hingegen übernahm bei den Buzzcocks das Zepter der Leadfigur und schrieb für die Band (Steve Diggle komponierte auch den einen oder anderen wichtigen Song) mit bewundertswertem Leichtigkeit und Geschwindigkeit Power-Pop-Songs, und zwar für nichts weniger als die Ewigkeit. Das Herausfeuern von Singles im Zwei-Monate – Rhythmus und fast immer auf den vorderen Plätze der Charts zu landen, hatte man so seit Marc Bolan oder den Beatles nicht mehr erlebt. Anstatt über die alltägliche soziale Misere in Großbritannien zu referieren oder politische Slogans zusammenzuzimmern, ging es bei Shelley fast immer um libidinöse Nöte und amouröse Begegnungen und Träume. Und er hatte das Talent dazu, schwierige Gefühlszustände auf authentische und direkte Art auf den Punkt zu bringen: Griffige, elegante Gitarrenmusik mit intelligenten Lyrics und ohne aufgesetzte Rüpelattitüde; so hätte Punk auch sein können, wenn die Blaupause richtig verstanden worden wäre.

Und nebenbei, obwohl die Buzzcocks naturgemäß immer zuerst mit Punk in Zusammenhang gebracht werden, sollte man ihre Einflüsse, sei es Glam Rock, Roxy Music, Can oder Velvet Underground, nicht außer acht lassen. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass Jahrzehnte nach Erscheinen, ihre besten Stücke immer noch ungemein frisch und, ja, nahezu zeitlos klingen. Ganz im Gegensatz zu den meisten klassischen Punk-Hits, die im Vergleich doch schon arg verstaubt wirken und eher zur Gestaltung von Nostalgieabenden Verwendung finden.

Nach drei Alben löste Shelley die Band allerdings auf, um seine Musik in ein elektronisches Gewand zu kleiden und damit auf seine ursprünglichen Affinitäten zurückzukommen. Schon parallel zur Stammband spielte Shelley u.a. mit Eric Random als Tiller Boys experimentellere Musik. Zur epochalen Can – Kompilation Cannibalism schrieb er die Linernotes und auch hier lässt sich sein Talent, neben Fachwissen auch seine Begeisterung, zu Papier zu bringen, schwerlich übersehen. Pete Shelley hätte wohl auch einen kompetenten Musikjournalisten abgegeben, der Fantum- und distanzierte Professionalität vereinen hätte können (im Gegensatz zu z.B. einem mit dem NME kokettierenden und sich als zukünftiger Journalist sehenden narzisitischen Zeitgenossen aus der gleichen Stadt).
“In 1972 I would spend a few evenings a week at a friend’s house. He was interested in Hi-Fi and had a much better system than mine. We would talk and play records but only a few of the revords he played would do anything for me. One day he bought an album by a group called Can. The title – Tago Mago – . Since then I’ve been a fan. Some things I’ve loved to distraction. I used to play Hallelwah in the bath and You Doo Right in the dark at neighbour-hating levels. Listen to Father Cannot Yell on headphones and middle section twines itself around the brain. Other things at first hearing I’ve hated, but later had to admit that first-hearings are always misleading.”, so die Annäherung an die damals für britische Ohren noch befremdlichen Töne von Can.
Die erst 2016 erschienenen, aber schon 1976 in klassischer Bed-Room-Produktion aufgenommenen experimentellen Stücke Cinema Music und Wallpaper Sounds zeugen von Pete Shelleys Experimentiergeist. Mit einer Rhythmusmaschine und billigen Keyboards produziert, passen die montierten instrumentalen Stücke einerseits gut in eine Zeit, wo, etwas versteckt vom lauten Punk-Hype, musikalisch alles gleichzeitig möglich und erlaubt zu sein schien und das Spielen und Vermischen von allen Einflüssen und Vorlieben wie in einem Setzbaukasten selbstverständlich war.

Bei den Stücken, die Shelley nur per Tape an interessierte Bekannte weiterreichte, kann man die düstere postindustrielle Atmosphäre eines desolaten Nord – Englands heraushören – Pyrolators Inland wäre das bundesdeutsche Pendant – aber auch die Einflüsse von den weitgehend noch unbekannten, aber wegweisenden deutschen Formationen und andererseits schon die zukünftige Synthie- und Dronemusik.
Nach der Auflösung der Buzzcocks startete Pete Shelley also eine Solo-Karriere und versuchte die Stärken von beiden Welten – fortschrittliche elektronische Musik mit eingängigen, direkten Songs – zu verbinden.
Auf Homosapien und XL1 (mit einer zusätzlichen Computer-Animation) funktioniert diese Symbiose von Stilen ziemlich gut. Die Singles Homosapien und Telephone Operator (erstere wurde aufgrund vermeintlicher Anstößigkeit wie schon Orgasm Addict von einigen Radiostationen boykottiert ) stehen den Buzzcocks-Songs in nichts nach, wurden aber eher zu Insider- als zu Chartserfolgen. Zu Beginn der Achziger war Shelley mit seiner Version von Elektronik-Pop immer noch seiner Zeit voraus und sein Projekt verlief sich schließlich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten im Sande.
Die spätere, mehrmalige Reformationen der Buzzcocks, die 1989 ihren Anfang nahm, und die von Zeit zu Zeit veröffentlichten Platten der Band, dürfen wohl eher den Hintergrund des Lebensunterhaltserwerbs als der Weiterentwicklung der musikalischen Ideen geschuldet sein und lassen auch die gewohnte Fokussierung vermissen.
Nachem Mark E. Smith am Anfang dieses Jahr starb, verliert Manchester mit dem überraschenden Tod von Pete Shelley am 6. Dezember einen weiteren, nicht zu ersetzenden Zeitgenossen. Keine gute Zeiten für die Rainy City.