Ripples

September 12th, 2021

Teresa Winter – Motto Of The Wheel

Bridlington. East-Yorkshire. Hafenstadt. Wie die gesamte Region hat der Ort schon bessere Zeiten gesehen. Der Hummer, der hier gefischt wird landet gewöhlich auf reich gedeckteren Tischen im Süden oder in Übersee.
Teresa Winter, nun zwar in Leeds wohnend, ist in Bridlington als Tochter eines Künstlerpaares aufgewachsen und die leicht verlotterte und derangierte Stimmung, die mit der rauen Atmosphäre des Hafens und des Meeres im Einklang zu stehen scheint, spiegelt sich auch in ihrer Musik auf Motto Of The Wheel, einem Album, das sich bewusst mit Erinnerungen auseinerandersetzt und autobiographische Züge trägt, wider.

Wenn man in solch einem Umfeld groß wird, lässt sich ein gewisser nostalgischer und romantischer Blick auf die Geschehnisse kaum vermeiden. In der Musik von Motto Of The Wheel vermischen sich obskure psychedelisch-angehauchte Drones, Dreampop, glockenhelle Gesangparts, depressive Nach-Rave-Dance-Tunes, Samples, Noise und Ambient Music oder geheimnisvoll aufgeladene Momente der beinahen Stille zu einem spannenden psychogeographischen Ausflug höchst persönlicher Natur. Eine Musik, die die Nachwehen und die Stimmung einer durchwachten oder durchgefeierten Nacht wiederzugeben scheint und ein Gegenentwurf zur Kirmesmusik auf den Piers sein könnte.
Über einen Kurs an der Universität in Leeds und durch die experimentellere elektronische klassische Musik entdeckte Teresa Winter die Möglichkeiten des Experimentierens in einem Studio, wie sie in einem Interview mit The Wire erzählte. Allerdings entlarvte sie den dort herrschenden sterilen Überperfektionismus auch als typisches Macho-Ding. Inzwischen entsteht ihre Musik meist in klassischer Do It Yourself- Manier in ihrem Schlafzimmer mit einem Sammelsurium an teilweise ausrangierten Instrumenten.

Das Rad steht für Teresa Winter symbolisch für die Fortbewegung, die nur mit Wiederholung und nicht binärisch gegensätzlich von Vergangenheit und Zukunft zu haben ist. Nostalgie fühlt sich meist ungut an, auch weil sie sich auf eine Sehnsucht nach der Vergangenheit bezieht.
Immer wieder brechen harsche Rhythmen, die zwischenzeitlich auch mal wieder abzustürzen scheinen, in den spektralen Momenten ihrer Musik durch, die die Geschichten der Songs wieder an einen anderen Platz transportieren. So irritiert zum Beispiel nach einem Post-ravigen Auftakt ein Sample eines Sprechers, der sich über das “tombstoning” – das von Felsen blind ins Wasser springen ohne die Tiefe oder den Boden erahnen zu können junger Leute, das immer wieder zu gravierenden Unfällen führt – auslässt. Das Spielen mit dem Okkulten, Unschönen oder auch der Sexualität, insbesondere auf früheren Platten, führte zu Vergleichen mit Cosey Fanny Tutti bzw. Throbbing Gristle, die in den auslaufenden 1970er Jahren sich ganz in der Nähe in Hull zusammenfanden. Von den geographischen Verbindungen abgesehen, ist es aber wohl vor allem die Weiterführung dieser Tradition an außergewöhnlichen Musikerinnen wie Delia Derbyshire und Daphne Oram, die eine eigenständige Linie verfolgen, ohne in das Fahrwasser des Mainstreams zu geraten, die die beiden Frauen aus verschiedenen Generationen in Zusammenhan

Météo Music Festival Mulhouse 2021

Von einer Rückkehr zu vorpandemischen Gepflogenheiten kann zwar keine Rede sein, trotzdem wagen einige Veranstalter seit dem Sommer den Online-Modus wieder aufzugeben und Musik auch wieder live mit Zuschauern zu präsentieren.
Météo in Mulhouse war im vergangenen Jahr schon eines der wenigen Festivals, das unter entsprechenden Auflagen stattfinden konnte. So konnte die Crew für die traditionell Ende August programmierten Aventures Sonores schon mit einer gewissen Routine aufwarten. Den Pass Sanitaire vorgzeigt und schon konnte man sich am Ticketstand das ersehnte Armband für den Zugang besorgen und bekam noch zusätzlich eine CD aus dem grossen Fundus des Mulhouser Musikbüros geschenkt.
Das Programm war, wohl auch aufgrund der Unsicherheit was die ständig wechselnden Reisebeschränkungen anbelangt, überwiegend auf französische und schweizerische Musiker ausgerichtet und auch der Zuschauerzuspruch blieb überschaubar und setzte sich fast ausschliesslich aus Leuten aus der Region zusammen. Das Motoco, wo sonst eher DJ-Events stattfinden, im fantastischen Areal der ehemaligen Textilfabrikation beheimatet, diente wie schon vergangenes Jahr als Hauptveranstaltungsort anstatt das traditionelle und großzügerige alternative Zentrum Noumatrouff.


Zur Eröffnung duellierte sich das Toulouser Duo Sarah Brault (Stimme ) und Marion Jo (Violine) unter dem schönen Künstlernamen Tarzan & Tarzan mit dem Le Choeur Sauvage aus Strasbourg, was glücklicherweise zu verhältnismäßig wenigen Ausbrüchen ins vokalakrobatische Minenfeld führte, sondern überwiegende spannende Momente hervorbrachte. Momente, deren Quellen man in osteuropäischer Folklore, Neuer Musik, Drone, Stockhausen auszumachen vermutete. Auch wenn das theatralische Faible des Chors immer mal wieder an eine aus dem Ruder gelaufene Familienaufstellung gemahnte: ein gelungener Festivalauftakt und ganz nebenbei eine Art Erweckungserlebnis für die Zuhörer – Musik, live und unter Gleichgesinnten zu erleben; das gab es lange nicht mehr. Tarzan & Tarzan konnte man zwei Tage später im Auditorium des Musikkonservatoriums auch noch in Reinform erleben, wo sie ihre, dem Konzept geschuldete, Zurückhaltung aufgaben und einen intensiven, noisig-dronigen Auftritt hinlegten.
Mathieu Werchowsky, versierter Violinist, stellte daraufhin sein neues Album vor, das die gesamte Gestaltungsvielfalt, die dieses Instrument und Genre mit sich bringt, beleuchtet. Beeindruckend wie Werchowsky eine dreiviertel Stunde, beinahe unbeschwert wirkend, Virtuosität und Musiklität vor Publikum zur Schau stellt.

Danach kommt es für mich zum ersten Höhepunkt der diesjährigen Météo-Ausgabe: Éloïse Decazes, Pariserin mit einer Affinität für obskure, traditonelle Songs, die sie gerne sanft ins Surreale transferiert und die sie mit Arlt, Eric Cheneaux oder der gleichsam unwiderstehlichen Délphine Dora in Szene setzt, trifft diesesmal mit Julien Desailly als musikalischen Gefährten auf die Formation Begayer (Loup Uberto, Lucas Ravinale, Alexis Vineis).

Ein Sammelsurium an “gefundenen” selbstgebauten oder umfunktionieren Instrumenten und ausrangierten Radios liegt da auf dem Teppich, der die fehlende Bühne ersetzt, und während von den Musikern ein leises, anarchisch-verspieltes Klanggemälde inszeniert wird, bezirzen sich der sich fordernd-forsch gebende Loup Uberto mit seiner Interpretation von norditalienischen Folkadaptionen und die kühl-ironische und sich sophisticate gebene Éloïse Decazes. Auch Éloïse Decazes und Julien Desailly und Loup Uberto und Lucas Ravinale kann man an anderer Stelle wärhrend der Festivaltage nochmals erleben. Von Begayer, Loup Uberto (auf Three Four Records) und Éloïse Decazes sind im vergangenen Jahr ausgezeichnete Platten erschienen, vielleicht inspiriert der Auftritt zu einer gemeinsamen Produktion.

Stéphan Clor, in Colmar aufgewachsen, hat in Wien Musik studiert und fühlt sich nicht nur in der klassischen Avantgarde zuhause. Einflüsse von Minimal Music, Folk, Ambient-Noise oder Elektroakustik lassen sich zahlreiche in seinen verschiedenen Projekten finden. Bei Hyperborée spielt er Cello; Léa Roger, die wir mit Osilasi zwei Abende später erleben, Harfe und Clara Lévy Violine. Ihre Kammermusik bekommt durch den experimentellen Mix und elektronische Elemente eine hypnotische, andersweltliche Atmosphäre. Für den Auftritt des (Bläser-) Ensembles Liken begibt man sich vom Motoco über das Fabrikgelände in ein zur Kletterhalle umgestalteten Gebäude.

Der bizarr-scheinende Hintergrund der hoch aufragenden Kletterwand motiviert die Formation und den unruhigen Dirigenten, dem man einen Hang zum Overacting nachsagen könnte, zu entsprechenden Höhenflügen des Genres der  freien Improvisation.
Grégory Dargent dagegen, der den Abend beschließt, spielt Gitarre und Oud und zusammen mit Anil Eraslan (Cello) und Wassim Halal (Perkussion) finden wir uns unmittelbar in der Sahara wieder, in der die französische Regierung auf algerischem Gebiet in den 1960ern Nukleartests durchführte. Dies erklärt den melancholischen Unterton der neben der Trancemusik der Tuareg auch stark vom Jazz, schrillem nordaffrikanischem Pop und Chansons inspirierten Musik. Als eine Art alternativer Travelogue angelegt vermischt sich die Musik Dargents, die unweigerlich auch Schimmer anderer in der Region hängengebliebener oder sich inspirieren lassenden Künstler wie die Sun City Girls, aufblitzen lässt, mit den visuellen Eindrücken des auch fotografisch Tätigen.
Im Park Salvador verpasste ich den Partymusik-Abend mit Lumpeks, der polnischen Formation, die mit dem Spirit des Free Jazzs traditionelle Folksongs aufmischte und die Bläserformation Kill Your Idols, die unter der Regie von Fred Frith das Sonic Youth-Stück und andere Gassenhauer im Stile einer Brass Band oder der Weill/Eisler – Phase von Heiner Goebbels und Alfred Harth zum Besten gab.
Fred Frith konnte man zum Auftakt des Freitagabends dann im Duo mit der portugiesischen Trompeterin Susana Santos Silva auch auf der Bühne erleben.


Überraschend bediente das Duo nicht die übliche Vorstellung von improvisierter Musik, sondern ließ ein feines Gespür fürs Melodische, Songorientierte zu Tage treten. Jazz, Americana, Noise und ambiente Momente ließen Erinnerungen an die Zeit aufkommen, als Frith mit seinen japanischen Co-Partnern Death Ambient Magisches heraufbeschwor.
Sarah Terral aka Clément Vercellettos Auftritt traf mit dem Veröffentlichungsdatum seines Albums auf dem geschmacksicheren Lausanner Label Three:Four Records zusammen, somit konnte man die exklusive Premiere erleben. Vercellettos Musik, mit modulären Synthesizern komponiert und eingespielt, sticht aus dem Festivalprogramm heraus: Grenzüberschreitender Noise und die Schönheit der Stille gleichermaßen in einer höheren Ordnung in Einklang bringend, spürt man in seiner Musik eine Dringlichkeit, der noch ein Punk-Spirit innewohnt und wie man sie ansonsten auch schon bei seinen anderen Projekten mit Orgue Agnès, der Formation mit ELG oder dem post-Techno Projekt Kaumwald kennenlernen konnte.


Mit dem Duo Osilasi begegnet man auch Léa Roger wieder, die hier, wie auch schon beim Kraak Festival 2019 ihre frei-anarchische Seite zeigen kann und mit Célia Jankowski am Schlagzeug zusammen zelebriert sie diese leicht verschobenen/verschrobenen Free-Folk – Songs, tribaliastisch angelegt und vielleicht imaginären Kulturen nachjagend, die sympathischerweise immer Gefahr laufen, die Balance zwischen Schönklang und Disharmonie zu verlieren.

Das zwischen Kunst, Performance und Klang sich orientierende (und manchmal verlierende) Genfer Zweigespann Julia Semoroz (Electronics, Vocals) und Emma Souharce (Electronics) beschließt den Abend im Motoco mit, im Korsett von post-industriellen dekonstruierten Techno-Landschaften versteckten kleinen Melodietupfern.
Am Abschlusstag ist dann defintiv die Zuschaustellung maskuliner und femininer Muskelkraft angesagt. Anthony Laguerre, vom Rock kommnender Schlagzeuger, mischt elektronisch verstärkt das Les Percussion De Strasbourg-Ensemble ab und Myotis V stellt sich als das angekündigte Trommel-Spektakel heraus.
Bei der Performance Boxing Noise haben sich Julia Semoroz und Emma Souharce mit Cyril Bondi am Schlagzeug und vom weiblichen Boxclub Mulhouse zuammengetan, um Musik und extremen phyischen Sport unter Einbezug des Publikums zu vermischen. Das erinnerte etwas an bemüht orgininelle Theaterkurse in der Schule.

 

Ripples

July 25th, 2021

Dialect – under between
Hannah Peel – Fir Wave

Die in Nordirland geborene und in Barnsley, Yorkshire aufgewachsene Hannah Peel interessierte sich zwar schon früh für Musik und deren elektronische Ausdrucksmöglichkeiten, veröffentlichte nach ihrem Studium am Liverpooler Institute For Performing Arts – wo sie mit Sir Paul McCartney höchstpersönlich in Kontakt kam – aber ersteinmal mit The Broken Wave ein Album mit Interpretationen irischer Folksongs, inspiriert von ihrer Mutter. Mit Erland Cooper und Simon Tong begab sie sich dann auf musikalische leicht nostalgische Spurensuche in Skelmersdale in die Nähe von Liverpool. Als eine der sogenannten New Towns zu Beginn der 1960er mit brutalistischen und hypermodernen Zweckbauten errichtet, um in diesem Fall die überbevölkerten Slums, die um die Scotland Road im Noden der Mersey-Metropole meist irische Einwanderer beherbergten, zu entlasten bzw. abzureissen und die Bewohner umzusiedeln (The Magnetic North – Prospect of Skelmersdale).
Als mittlerweile festes Bandmitglied in John Foxxs Band The Math spielt sie Violine und Electronics und hilft die dystopischen Lyrics des Ex-Ultravox-Sängers stilgerecht in Szene zu setzen und gleichzeitig tief in die 1980er abzutauchen.

Und, nicht zuletzt, als Radiomoderatorin verwirrt Ms. Peel in ihrem Programm Night Tracks für den Staatssender BBC Radio 3 mit einer eklektischen Musikauswahl sanft die nächtlichen Radiolauscher. Ganz so, wie auf ihrem aktuellen Album Fir Wave: einerseits zitiert sie hier die Musik des Library Music Label KPM mit dessen genialen Komponisten Delia Derbyshire, Brian Hodgson und Dan Harper, aber, ausgehend von der Auffassung, dass Werksstreue nur eine Möglichkeit von vielen ist, bettet sie Samples der Genannten in einen verspielten Klangmix, der von Ambient- über Technoausflüge bis zu popaffinen Soundscapes reicht. Die Librarykomponisten schrieben ihre teils sehr komplexen Stücke überwiegend, um Fernsehsendungen zu untermalen, das sieht Hannah Peel als nicht mehr zeitgemässes Understatement an.

In Liverpool schwingt in Gesprächen über den Alltag oder jegliches andere Thema, dem vielgeruhmten Humor zum Trotz, immer auch ein Gefühl der Melancholie mit.
Die verblasste Größe und Schönheit Liverpools spiegelt sich auch in all den Referenzen zu den Sixties wider. Dabei ist die Stadt schon seit einiger Zeit nicht nur die Partyhochburg der Insel, sondern kann auch mit einer aktiven, politisch sensibilisierten und jungen kulturellen Szene aufwarten, die seinesgleichen sucht.
Die andere den Liverpudlians nachgesagte Eigenschaft ist die Solidarität und das, wenn man so will, damit in Zusammenhang stehende Interesse an gemeinsamen Projekten, herrührend von den großen Arbeitskämpfen der 1980er Jahren. Und dass das im Jahre 2021 nicht nur Klischees und Floskeln aus einer vergangenen Zeit sind, zeigt sich beispielsweise an den mit einer Mischung aus Geldmangel und Kreativität entstandenden szenenübergreifenden kulturellen Produktionen oder durch Community-basierenden Aktionismus wie die Rettung des Sozial- und Kulturzentrums The Florry im immer noch verarmten Stadtteil Toxteth.
Andrew PM Hunt kennt sich bestens aus in den Undergroundszenen der Stadt. Ob harte Beats für den Dancefloor entwerfend oder mit Land Trance in psychedelische Gefilde eintauchend, immer steht in der elektronischen Musik Hunts auch der Kommunikationsgedanke im Vordergrund. Für sein neustes Album under_between, das dritte unter dem Namen Dialect, arbeitete er mit dem Immix Ensemble, einer Kammermusikformation und verschiedenen Künstlern und Musikern aus dem näheren Umfeld zusammen. Als weiterer Grundgedanke für das Album beschäftigte sich Hunt mit Interaktionen mit der Natur. So klingt das Album mit seinen verschieden Quellen und der Verbindung von Kammermusik, Naturaufnahmen, elektroakustischen und improvisierten Elementen wie eine mit ruhigem Pinselstrich gestaltete Collage, die beim Titelstück, sogleich Höhepunkt des Albums, mit den von Hannah Bitowski geflüsterten Schlagworten- Landscapes, Family, Sex, People, Fire, Ice… – an die verhuscht-geheimsvolle Magie des Dome – Post-Punk-Klassikers Cruel When Complete von Graham Lewis, Bruce Gilbert und A.C. Marias. Immer wieder tauchen auf der Platte überraschende Melodien auf, die dann in bester Brian Eno- Tradition wieder in ambiente Landschaften entschwinden. Die Kunst ist es wohl, die zahlreichen Beteiligten partizipieren zu lassen und doch ein äußerst stringentes Album zu veröffentlichen.

http://www.hannahpeel.com

http://www.igetrvng.com

 

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April 29th, 2021

Gaute Granli – Blusens Fasong
Kraus – A Golden Brain
Blake Hargreaves – Improvisations On The Pipe Organs Of Europe

Aus dem Antwerpener Speziallabor für seltsame Musik von und für Loner erreichen uns zwischen dem zweiten und dritten – oder vielleicht ist es schon der vierte – Lockdown drei neue Alben, die schwer unter dem Verdacht stehen, in den best of 2021-Charts zu landen.

Dass der Norweger Gaute Granli seine bis ins Unkenntliche dekonstruierte, aber lose in das Korsett von Songs gepresste Musik als One-Man-Band auch live präsentieren kann, hat man Ende Februar 2020 in Brüssel beim Kraak-Festival bestaunen können. In Zeitlupe, gedehnt und zerfleddert, tönt das Amalgam aus obskuren Folk-, Psychdelic- und Noiseelementen wie in einer Waschmaschine beim Kaltwaschprogramm durcheinandergewirbelt.
Schwer verdaulich, will man meinen, und doch wohnt den acht Songs ein melodischer Kern inne, der in seiner Gesamtheit in Verbindung mit dem Abstrakten eine unerklärliche Faszination ausstrahlt. Wie einst The Residents und N. Senada in der Antarktis auf der Suche nach dem ultimativen Sound der Eskimos waren, scheint Gaute Granli in Skandinavien sich irgendwo in die Prärie der USA zu imaginieren und heraus kommt etwas Seltsames, aber Großartiges.

Murmelnd, malmend, verwaschen kämpft immer wieder eine Stimme/ein Gesang in einer unbekannten (?) Sprache gegen einen trocken Rhythmus aus der Ferne, der wie Stammesgetrommel klingt, an. Eine exotische Gitarrenmelodie knüpft melancholisch zarte Bande mit einer schiebenden, ungemütlich rührenden Noisekaskade. Tja, so etwas hören wir zur Entspannung am Feierabend.

Kraus, a.k.a. Pat Kraus, spielt Synthesizer, Gitarre, Tape Loops, Sampler und Perkusion und komponiert und produziert in Neuseeland auch nicht minder bizarre Songs, die sich aus seinem eklektisch zusammengesetzten Vorliebenkatalog speisen.

Leicht verschroben klingende und oszillierende elektronische Instrumentals erinnern an die psychedlischen, folkigen Bands des finnischen Fonal-Labels und dessen Mastermind ES (Sami Sänpäkkilä). Gamelinartige Perkusion unterstreicht einen Hang zurm Orientalischen, dann wildert Kraus aber in den weitern Feldern des Psychdelic-Rock, New Wave oder Synthie-Pop und lebt seine Affinität für wilde Collagen aus. Das warme Flair der Musik, die kleinen versteckten Ohrwurmperlen, eiernde Tonbänder und abrupte Unterbrechungen; das alles lässt den Geist und die “Wonderful and Frightening World” der 1980er-Kassettentäter-Szene und Bands wie Leven Signs, Rimbarimba oder The Same aufleben.

 

Der bildende Künstler und Musiker Blake Hargreaves spielt in seiner Heimat Kanada in unterschiedlichen Bands – Dreamcatcher, Cousins of Reggae, Clinton Machine – alles, von Noise, Free Rock bis Grunge. Als klassisch geschulter Pianist arbeitete er aber auch schon für Ballet und Theater. Für das dann doch deutlich obskurere Projekt für Ultra Eczema suchte er in Europa verschiedene Kirchen auf und spielte auf der jeweiligen Orgel klassische Stücke und Improvisationen ein.
Obwohl das Instrument zwar grundsätzlich für eine sakrale und meditative Symbolik steht und dagegen nichts einzuwenden ist, klingt das Ergebnis Hargreaves ungleich der gerade äußerst aktiven jungen Garde an experimentellen Musikerinnen wie Kali Malone, Kara-Lis Coverdale oder Sarah Davachi, die sozusagen hauntologisch, die traditionelle Kirchenmusik mit Elektronik oder Samples brechen und intensive Ergebnisse erzielen, spröder, beinahe konservativ, ohne dass das natürlich der schönen Musik Abbruch tun muss.

http://www.ultraeczema.com

 

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April 23rd, 2021

Mocke – Parle Grand Canard
Pierre Barouh – Le Pollen

Von den Zusammenarbeiten mit Eloise Decazes, Claire Vailler oder Delphine Dora kennt man den unter dem Künstlernamen Mocke aktiven Pariser, aber in Brüssel wohnenden, Dominique Départ als kongenialen Arrangeur, Gitarristen und Komponisten, der die exzentrisch-zarten Vertreterinnen des alternativen frankophonen Chansons und Rocks perfekt in Szene setzt.

Die jazzig, leicht verdreht-psychedlisch und folk-rockigen Songs spiegeln aber nur eine Seite des Musikers Mocke wider. Auf seinen drei rein instrumentalen Solo-Alben kommen zahlreiche andere stilistische Affinitäten zum Vorschein. Parle Grand Canard wird von der 16-minütigen Suite Quel est ton parcours?, die die ganze erste Seite der LP einnimmt, dominiert. Melodisch, leicht, und subtil scheinen seine Vorlieben für klassische Komponisten (Britten, Schostakovitch) durch. Streicher, Piano und Chöre verdichten die harmonische, introspektive Komposition und veredeln sie mit einem Hauch Andersweltlichkeit. Stilistisch noch offener sind die sechs kürzeren Songs auf der zweiten Seite. Ausflüge in osteuropäische Folklore, ein kurzer Klezmer-Intervall, melancholische Chöre, ein Waldhorn setzt Akzente und fragile bis kurz ins Rockige ausbrechende Gitarrenminiaturen lassen über eine kurze Aufmerksamkeitsfähigkeit des Komponisten spekulieren, wäre da nicht die erste Seite des Albums.
Als schwer einsortierbaren Tausendsassa der Brüsseler Undergroundzirkel, der sich sympathischerweise nie ganz zwischen Avantgarde und Pop/Chanson entscheiden kann und daher bevorzugt jeden Song auf zahlreiche Abwege führt, ohne eine gewisse beswingte Coolness und Leichtigkeite außer acht zu lassen, toppt Parle Grand Canard das schon ausgezeichnete Vorgängeralbum St-Homard sogar noch.

Nur die turbulente und chaotische Zeit des letzten Jahrhunderts, die in der Stunde Null mündete und danach in den 1950er- und 1960er Jahren ein beinahe irrationales Aufbruchdenken bewirkte, das auch den Künstlern Platz zum Experimentieren und Visionen umsetzen einräumte (Donaueschingen, Weltausstellung Brüssel, John Cage Shock Tokyo etc.), konnte einen Werdegang wie den von Pierre Barouh in die Wege leiten.
In der Zeit der Naziokupation wurden er und seine Geschwister von seinen Eltern von der Periferie von Paris in die Provinz geschickt, wo ein Untertauchen eher möglich war.
Nach dem Krieg arbeitete Bourouh als Sportjournalist und war selbst aktiver Volleyballer, bevor er dann ins Schauspielfach überwechselte und gleichzeitig die Musik entdeckte. In Portugal kam er in Kontakt mit brasilianischen Exilanten und begann sich für Bossa Nova zu begeistern. In einer erworbenen Mühle in Vendée richtete er ein Tonstudio ein und gründete das legendär werdende Saravah – Label, das neben den ersten Platten von Brigitte Fontaine oder Jaques Higelin, vor allem auch experimentellen Jazz wie Platten von Steve Lacy und Bossa Nova-Künstlern wie Nana Vasconcelos veröffentlichte.
Selbst komponierte Pierre Barouh auch. Nach seinem Erfolg mit dem Titellied für Claude Lelouchs gleichnamigen Film Un Homme Et Une Femme – ein Duett mit Nicole Croisille – sind neben Filmmusiken und der Beteiligung an Theaterstücken, vor allem die nach der Heirat mit der japanischen Malerin Atsuko Ushioda in Tokio entstandene Musik interessant.

Das nun vom Genfer Label WRWTFWW Records, das auch schon die grandiose Vanity Records Box zugänglich machte, wiederveröffentlichte Kultalbum von 1982 Le Pollen ist ein Meilenstein dieser Zeit und symbolisiert vielleicht unbewusst das Ende einer Ära des optimistischen Fortschrittsdenkens. Die Zeiten wurden wieder angespannter. Die Beteiligung der Arbeiterschaft am Wirtschaftswunder und Wohlstand wurde radikal gekappt und die neoliberalistischen Ideen begannen sich zu konkretisieren; der Kalte Krieg wurde zunehmend heißer und bedrohlicher.
zelebriert allerdings nochmals auf zugängliche Art den Eklektismus und die Neugierde für andere Kulturen. In Tokio mit einer exquisiten Schar von Vertretern der Jazz- und Elektronikszene (Toshinori Kondo, Keeichi Suzuki, Ryuichi Sakamoto uvm.) und Gästen (David Sylvian, Harumi Ohzora, Nanako Satoh) eingespielt, wirken die Songs unnachahmbar cool und intelligent. Typisch japanisch ohne Scheuklappen, ungeniert Genres wie Chanson, Ambient, Minimalism, Jazz oder gar Reaggae wechselnd, liegt über der loungig wirkenden Atomosphäre der Musik ein Versprechen von europäischer Melancholie.

http://www.objetdisque.org

http://www.wereleasewhateverthefuckwewantrecords.bandcamp.com