Ripples

December 31st, 2024

Clothilde – Cross Sections
Molero – Destellos del Éxtasis
Polido – Hearing Smoke
Midget – Qui Parle Ombre

 

Sofia Mestre, die Künstlerin hinter Clothilde, musste erst 40 Jahre alt werden, bevor sie das Komponieren von Musik für sich entdeckte. Nun, sechs Jahre später, erfährt Clothilde durch Holuzam nach verschiedenen schon hervorragenden Tapes und digitalen Veröffentlichungen mit ungewöhnlicher Drone-Musik “für und von” Maschinen, aber auch Produktionen für das Theater die nächsthöhere Anerkennung mittels einer LP- Produktion auf dem wohl innovativsten Label im Land. Zuvor studierte und lebte sie einige Jahre in Spanien und arbeitete als Coloristin für das Kino und für diverse Werbeagenturen. 2009, als in der sich anbahnenden Krise viele junge Menschen Portugal verließen, kehrte sie in ihre Heimatstadt Lissabon zurück und widmete sich in ihrer freien Zeit dem Zeichnen und der Fotographie. Zusammen mit ihrem Partner experimentierte Sofia Mestre auch mit dem Bauen und Entwickeln von Modularen, die schließlich zu einer elektronischen Maschine gedeihten, mit der man Sonores ähnlich wie beim Zeichnen gestalten konnte.
Die ersten Veröffentlichungen gingen Hand in Hand mit einer sanften Aufbruchswelle von gleichgesinnten portugiesischen Musikerinnen – Raw Forest, Jejuno oder Caroline Lethô – die den Spuren der Pionierinnen der elektronischen Musik folgten und durch die Verfügbarkeit von modernerem Equipment eigenständige, neue Musik komponieren konnte, ohne auf den guten Willen von Produzenten angewiesen zu sein.
Wie Sofia Mestre mit einem Augenzwinkern bemerkt, läuft auch die selbstgebaute Maschinerie auf Cross Sections immer mal wieder Gefahr aus dem Ruder zu laufen und die Kontrolle zu übernehmen. Die Songs sind aber ganz im Gegenteil präzise durchstrukturiert und bilden aber auf dem Album ein breites Spektrum von introspektiven bis roh- brutalistischen und emotionalen Stimmungsbildern ab, die man so tatsächlich noch nicht gehört hat.

Alexander Moleros Debut-Album Ficciones Del Trópico war in der auflagenarmen Welt der experimentellen elektronischen Musik, in der 500 gepresste Exemplare schon meist schon zuviel sind, ein überraschender Erfolg und sogleich, wie auch die Zweitauflage, vergriffen. Der nach Barcelona übersiedelte Venezulaner Molero vermochte mit einem Yamaha CS-60 Synthesizer, Flöten und Naturaufnahmen von Vögeln und anderen Bewohnern des Tropenwaldes und einem ironischen Blick von außen auf seine Heimat ein üppiges Soundgemälde zu kreieren.

Die Vorstellung wie Naturforscher, Abenteuerer und Künstler aus Europa und den USA die Wildnis über Jahrhunderte romantisierten bewegte Molero und mit “time on his hands” erschaffte er ein alternatives Traveller-Manual. Ein wenig an die Tzadik-Formationen Death Ambient (Kato Hideki, Ikue Mori, Fred Frith) und Phantom Orchard (Ikue Mori, Zeena Parkins) oder das Kult-Album von David Toop und Max Eastley Buried Dreams und nicht zuletzt Mike Coopers Explorationen angelehnt, lässt es sich bestens in eine stimulierende und simultierte Welt abtauchen.
Die Songs auf dem Nachfolgealbum Destellos del Éxtasis sind nun, obwohl auch hier mit dickem Pinsel aufgetragen wird, introspektiver und verästelter, aber auch beliebiger. Anstatt mit neugierigem Blick sich Schritt für Schritt in den Urwald vorzuwagen, hat der Protagonist diesesmal wohl beim erstbesten Schamanen- Camp haltgemacht und Frösche abgeleckt. Die daraus resultierende Ekstase ist aber eher schal als schillernd ausgefallen und der Grad der Bewusstseinserweiterung ist überschaubar, obwohl die musikalischen Zitate aus hippieeskem Krautrock und Eso-Ambient natürlich ihren Reiz haben. Molero sucht diesen auf Destellos Del Éxtasis in einer neuen Innerlichkeit.
Übrigens bedient sich Fenna Schilling, die für die Covergestaltung verantwortlich zeichnet, auf das Offensichtlichste bei Johannes Scheblers Baldruin Ablum Relikte Aus Der Zukunft und dessen Sci-Fi-Psychedelic-Ästhetik.

João Polido zelebriert auch auf seinem neuen Album Hearing Smoke, wie schon auf der Doppel-Kassette mit der Filmmusik für Madalena Fragosos und Margarida Meneses Film Sabor A Terra und A Casa E Os Cães, die kurze Aufmerksamkeitsspanne. Schon nach zehn Minuten sind die ersten vier Stücke des Albums durch und doch laufen die Songs nicht Gefahr, sich in Überambition zu verlieren.

Sehr eigen und doch ganz in der Tradition der experimentellen Musik in Portugal, die erstaunlicherweise trotz aller Gentifizierung auch der Kultur ein ganz eigenen Weg verfolgt, springen die scharf-geschnittenen Montagen von abstrakten Beats zu Jazzelementen, von Noise zu Zitaten zeitgenössischer portugiesischer Komponisten prä- und postrevolutionär. Vieles passiert simultan und man hört der Musik mit seinen manigfaltigen Stimmungsbildern zwischen Introspektion, urbaner Hektik, düsterer Vorahnung vor allem auch den Filmkomponisten, der er unter anderem ist, an.

Claire Vailler und Mocke Depret veröffentlichen nach sieben Jahren ihr viertes gemeinsames Album als Midget! auf dem Pariser Künstler-Label Objet Disque. Mehr Kammer- als Popmusik – unter anderem vertonen sie ein Gedicht von Apollinaire – sind die Songs wie schon auf dem Vorgänger Ferme Tes Jolis Cieux äußerst ambitioniert.

Im Gegensatz zu den zahlreichen anderen individuellen Projekten von Vailler und Depret haben sie hier die Leichtigkeit und Zugängichkeit zu Gunsten einer existenzialistischen, traumhaften Schwere außen vor gelassen, noch verstärkt durch Streicher und Harmonium. Die Songs klingen wie in der Zeit eingefroren; nichtsdestotrotz lässt sich in den Arrangements der Stücke weiterhin subtil die Vorgeschichten der Beiden heraushören, was eine faszinierende Mischung aus Sophistication und Zugänglichkeit ergibt, wie sich das Mittelalter mit der Gegenwart vereint. Mit Qui Parle Ombre setzen sich Vailler und Depret gerne zwischen alle Stühle – nicht impressionistisch, nicht romantisch, nicht neutönerisch, nicht chansonesk, nicht avantgardistisch und doch alles auch zusammen.

 

http://www.holuzam.bandcamp.com

http://www.objetdisque.org

 

 

Ripples

November 25th, 2024

Free Folk New Ruralism

Carme López – Quintela
Laura Cannell – The Rituals Of Hildegard
Ana Lua Caiana – Vou Ficar Neste Quadrado
Memorials – Waterslides
Rosso Polare – Campo Amaro
Layla Martínez, Olga Merino Sara Mesa, Irene Solà – Literatur über ein entvölkertes spanisches Hinterland

 

Mit der Gaita – einer galizischen Variante des Dudelsacks /Bagpipe – versetzt die Musikologin und Lehrerin Carme López an diesem heißen Nachmittag im Atelier des Sechoirs, einem der vielen Veranstaltungsorte dieser Ausgabe des Méteo Festivals in Mulhouse, das Publikum in die ländliche Stimmung ihres Elternhaus im nordspanischen Hinterland. Fein ziselierte elektronische Miniaturen und Feldaufnahmen fügen sich in die langen dronigen Kompositionen ein. Tradition, folkloristische Sagen und Geister, aber auch das unvermeidliche Gefühl der Vergänglichkeit weiß Carme López mit ihrer Musik in Töne zu fassen. Wie auch auf ihrem Album Quintela (Kassette) stehen ihre Kompositionen trotz dem traditionellen Bezug vor allem ihren Vorbildern Éliane Radigue, Pauline Oliveros oder auch den aus ihrer Generation stammenden Kali Maloni und Brighde Chaimbeul nahe. Die nach wie vor etwas seltsame und manchmal irritierdende Verbindung von Harmonie und Drones, die die Musiker dem Instrument entlocken können, bringt in den letzten Jahren spannendste Resultate hervor. Galizien als Rückzugs- und Kreativort ist nebenbei auch für nicht einheimische Musiker offenbar ein Geheimtipp zur Inspirationsfindung geworden. Esben and The Witch haben dort ihr letztes Album komponiert wie unter vielen anderen auch die progressive Folkmusikerin und Lyrikerin Josephine Foster.

Interessanterweise gibt es auch in der spanischen Literaturszene eine kleine Welle mit Romanen von Schriftstellerinnen, die sich ganz in der Tradition des legendären Buchs von Julio Llamazares – Das Gelbe Haus – Der beeindruckende Monolog des letzten Einwohners eines Dorfes in den Pyrenäen, der nach und nach von den Geistern der ehemaligen Nachbarn und der Familie heimgesucht wird und seine eigen Kräfte zum Überleben schwinden sieht – einem Neo-Ruralismus verschrieben haben.
Die ganz oder fast verlassenen Dörfer, vor allem im Süden Spaniens sind eine Realität. Teilweise findet aber seit einigen Jahren eine noch kaum spürbare Gegenbewegung statt: die Pandemie, die Gentifizierung in den Städten oder schlicht der Wunsch, ein selbstbestimmtes, einfacheres Leben zu führen, lassen manche den Rückzug aufs Land antreten. Die Verklärung wird dann meist von der harten Realität eingholt. Olga Merino schildert im düsteren La Forastera das Leben einer mittelalten Frau in einem Dorf mit ihren zwei Hunden, die sich bewusst am Rande der Gesellschaft bewegt. Die wenigen Einwohner, die noch im Dorf leben, begegnen ihr mit Misstrauen oder stempeln sie als verrückt ab. Während sie ihre Hütte und den Garten pflegt, tauchen die Geister der Vergangenheit auf: Geheimnisse der Familie, eine verflosene Liebe und und ein gefundener Toter vermischen sich mit den Erzählungen von früheren Morden in der Gegend.
Layla Martínez erzählt in Caruncho die Rückkehr einer Nichte in ihr Heimatdorf und lässt einen tief in das Herz eines entvölkerten Spaniens blicken, wo die Franco-Zeit noch nicht aufgearbeit wurde. In einer sterilen Atmospähre werden Rachegedanken geschürt und unbewältigte Traumata blockieren die Gefühlswelten.
Irene Solà erzählt in Eu Canto E A Montanha Dança episodenhaft das Landleben in den Pyrenäen von heute und kontrastiert es mit überlieferten mündlichen Geschichten, die natürlich metaphysisch aufgeladen sind und von Gespenstern und zwischenweltlichen Gestalten bevölkert sind.
Die Hauptperson in Sara Mesas Eine Liebe, ist eine Frau, die die Stadt verlässt, um sich ähnlich wie die Protagonistin in La Forastera in einem kleinen Dorf auf dem Land einzurichten. Auch sie wird in der monotonen Landschaft der Olivenhaine bei den Einheimischen zum Eindringling und Fremdkörper und muss einen Weg finden, sich nicht in der Einsamkeitshölle zu verlieren

Die Kompositionen und vor allem der – überlieferte – Werdegang der Nonne, Herbalistin und Mystikerin Hildegard von Bingen hat schon manches Underground-Projekt, vor allem aus dem Post-Industrial-Umfeld, die brisante Würze für einen intellektuellen Überbau gegeben. Laura Cannell, die Musikerin aus Norfolk, hörte die Interpretationen Hildegard von Bingens Canticles Of Ecstasy in der Version von Sequentia, so die Linernotes, zuerst bei ihrem Onkel 1997.

Die Musik aus den dunklen Mittelalterzeiten vor tausend Jahren passt gut zum bisherigen musikalischen Werdegang von Laura Cannell. Ihr Interesse für Alte Musik, mystische Folk-Waisen aus dem ruralen England vergangener Tage und experimentellen Drones, entsprungen aus unseren Tagen zieht sich durch ihr Ouvre. Mittels Bass-Rekorder und Zwölfsaitiger Harfe hebt sie die raue Schönheit der ursprünglichen Melodien, zusätzlich inspiriert durch die Aufnahmen in der Dorfkirche eines verlassenen Dorfes beim Broads National Park in Nofolk, auf eine zusätzlich unweltliche, zeitlose und natürlich spirituelle Ebene, die einen durch das transportierte Gefühl von allumfänglicher Einsamkeit zwischenzeitlich erschauern und innehalten lässt.

Die junge Portugiesin Ana Lua Caiano,Tochter des Schriftstellers Gonçalo M. Tavares und der Illustratorin Rachel Caiano, sorgte mit einem Vertrag beim Label für die etwas andere Weltmusik Glitterbeat und ihrem Debut-Album Vou Ficar Neste Quadrado für Aufsehen in der einheimischen Presse. Vor allem bringt sie aber frischen Wind in das etwas zum Einfallslosen verkommenen Genre der traditionellen Musik.
Bei langen Autofahrten als Kind mit ihren Eltern mit einem Soundtrack der progressiven Liedermacher aus den 1970ern der portugiesischen Musik – Fausto und José Afonso unter anderem – geimpft, greift sie diese Einflüsse in ihrer eigenen Musik wieder auf. Schon früh setzte sie sich mit Musik auseinander, das Erlernen von Instrumenten schon als Kind prägte, aber natürlich kommt man in einer internationalen Stadt wie Lissabon und seinen außergewöhnlich vielseitigen Szenen mit allen musikalischen Trends hautnah in Kontakt.

Ihre erste EP Cheguei Tarde A Ontem bot 2022 schon einen Vorgeschmack, aber auf dem während der stillen und dunklen Pandemiezeit produziertem Debutalbum stimmt die Mélange aus den in der Tradition portugiesischen Folk-Musik stehenden Melodien, die manchmal an die folkloristischen obertonsingenden Vokalensembles erinnern und die nervösen elektronischen Beats und Synthesizerlinien perfekt. Ana Luas Caianos Gesang ist da auch mehr an die experimentellen artifiziellen der Popavantgarde als an Fado angelehnt.

 

Nach den zurecht hochgelobten und inhaltlich subversiven Filmmusik-Soundtracks Women Against The Bomb und Tramps erscheint nun auch das Debutalbum von The Memorials: Waterslides. Verity Susman (vormals bei Electrelane) und Matthew Simms (Gitarrist bei Wire) lassen noch viel mehr als bei ihren anderen Bandprojekten die unterschiedlichsten persönlichen Vorlieben in die Songs einfließen. Zugleich catchy und verschwurbelt, introspektiv und punkig wandeln sie zwar in erster Linie auf ihren ganz eigenen Spuren, führen aber auch die Tradition von geheimnisumrangten britischen Bands wie Pram oder Movietone fort, die ihre fantasievollen musikalischen Psychogeographien facettenreich und labyrinthisch gestalteten.
Versteckt in zehn Popsongs der ganz eigenen idiosynkratischen Art geht es vom Folktune zur Sun Ra-artigen Jazz-Improvisation, von der Sixties-Pop Hymne, die auch dem Hair-Soundtrack gut angestanden hätte zum keyboardigen, spacigen Freak Out.

Zwischen Brescia und Milano spüren Cesare Lopopolo und Anna Vezzosi vergessen gegangene historische Fakten auf und stellen sie in Kontext zu musikalischen Bewegungen. Auf nunmehr vier Alben – das letzte erschien auf dem legendären ADN aka Recommende Records Italia – Label – greifen sie die Linie der in letzter Zeit etwas abebnenden experimentellen Szene in Italien wieder auf.

Das aktuelle Album Campo Amaro, als Kassette auf dem kanandischen Students Of Decay Label erschienen – widmet sich den vernachlässigten oder schlicht sich selbst überlassenen Kanälen und Bächen, die viele italienischen Städte umrunden und heute ihre Wichtigkeit als Transportwege verloren haben und oftmals stark verschmutzt sind. Andererseits hat sich die Natur die Böschungen und die teilweise ausgetrockneten Flussbette zurückerobert und mit spröden und widerstandsfähigen Pflanzen und Kräutern bewachsen lassen. Eine Metapher für widerborstige Musik: Cesare Lopopolos und Anna Vezzosis Songs lassen elektroakustische Experimente, jazzige Exkursionen und Noise-Elemente auf im Hintergrund geisterhaft wahrnehmbare traditionelle Widerstandslieder treffen. Ähnlich wie bei der hervorragenden Antologia de Música Atípica Portuguesa – Reihe auf Discrepant-Records gelingt es Rosso Polare durch diese Verbindung die Folksongs nicht nostalgisch zu verklären, sondern in die Gegenwart zu transportieren.

 

Ripples

November 8th, 2024

BRDCST  Festival Bruxelles 2024

Überzeugender als viele größere und bekanntere Festivals gelingt es der Crew des BRDCST-Festivals in Brüssel seit Jahren die jeweils aktuell innovativsten Musiker aus unterschiedlichen Genres des internationalen experimentellen Spektrums für ein verlängertes Wochenende in Belgiens Hauptstadt zu gewinnen. Als Veranstaltungsorte kamen dieses Jahr neben dem gewohnten Ancienne Belgique auch die fußläufig entfernte Kirche Notre Dame Aux Riches und das Cinema Palace gegenüber dem dazu.
Die Pre- (Autechre) und After (Oneothrix Point Never) – Shows hatten es, was Hochkarätigkeit anbelangt, schon in sich; für den Freitagabend und den allgmeinen Auftakt des Festivals zeichnete sich dann aber Tirzah, die man schon einmal auf der Bühne des Festivals erleben durfte, als Kuratorin für ein congeniales Programm mit all den cutting-edge Musikern aus ihrem Umfeld und Freundeskreis verantwortlich – Coby Sey, Lorraine James, Mica Levi, Anja Ngozi und als Nicht-Londoner Meril Wubslin.

Hyperaktivität und eine aus Prinzip künstlerische Uneinsortierbarkeit verbindet die Londoner Musiker neben der langjährigen Freundschaft. Mica Levi kommt ja wie manch einer weiß aus einer Künstlerfamilie. Als Wunderkind spielte sie schon mit vier Jahren Violine und studierte dann später in London an der Guildhall School Of Music And Drama, nur, um dann vor dem Diplom abzubrechen und mit ihrer verqueren Pop/Punk-Band Micachu & The Shapes und einem Plattenvertrag von Rough Trade in der Tasche erst einmal ihre Vorstellung von Sophistication außerhalb den Hochkulturzirkeln zu verfolgen. Die Annäherung an klassisches Komponieren lebte sie dann mit den Soundtrackarbeiten für Arthousefilme und in engen Zusammenarbeiten mit unkonventionellen Regiesseuren wie Jonathan Glazer aus. Zurück auf die große Bühne des Ancienne Belquiques: Solo mit elektrischer Gitarre leitet Mica Levi den Abend von Tirzah auf ihre Art ein. Songs auf das absolut Grundsätzlichste reduziert, weder Folk, noch Rock, aber den Punkspirit insichtragend zeigt sie wieder eine andere unerwartete Facette ihres Könnens.
Coby Sey ist ein weiteres Universaltalent in Sachen zeitgemäßen musikalischen Outputs. Seine kulturellen und biographischen Hintergründe – er wuchs in den sich sehr schnell verändernden Südlondoner Stadtvierteln von Lewisham und Peckham auf – hört man in seiner, sich aus einflussreichen britischen Musikstilen, von Post-Punk, Grime, Spoken Word zu weirder Electronica speisenden komplexen Kompositionen deutlich heraus.

Dass seine eigene Musik sich bislang nur in einem Album – Conduit von 2022 – manifestierte, mag vor allem daran liegen, dass ihn die zahlreichen Produktionstätigkeiten und Filmmusik-Auftragsarbeiten in Trapp hielten. Zudem spielt er auch in der Band von Tirzah.

An diesem Abend konnte man die Beiden sogar als Duo erleben. Tirzah begeisterte das Publikum schon vor zwei Jahren beim BRDCST-Festival mit ihren süchtigmachenden Songs, eine so nicht kopierbare Mischung aus Pop, Post-Grime und R & B,  gesungen mit scheinbarem Understatement. Die Songs auf ihren mittlerweile drei Alben wirken zwar wie dahingehuscht und wie nebenbei zum Beispiel in der Küche oder beim Aufräumen gesungen, sind aber natrülich doch ausgeklügelte Perlen und ein alternatives, persönliches Statement zum Leben in der Metropole. Auf der Bühne steht heute ein Lounge-Sofa, als Dekoration und auch Ort, um von dort aus die Wohnzimmeratmosphäre, die ihre Musik ausstrahlt, zustätzlich zu unterstreichen. Die leichte Windschiefheit der Songs wird durch die noisigen elektronischen Sounds von Coby Sey noch zustätzlich auf eine parallele Ebene gehoben.

Die Ehre, jedes Jahr eines der wegweisenden Alben von Can durch eigene Interpreation in ein neues Licht zu rücken wurde dieses Jahr dem in Brüssel wohnenden Saxophonisten Shoko Igarashi zuteil, der dem luftig-spacigen Meisterwerk Future Days mit seinen Mitmusikern, unter anderem einer Harfistin, im Clubraum des AB auch eine nicht werkgetreue sympathische Note gab.
The Necks machten das, was sie schon seit 35 Jahren in sich immer wieder variierender und doch gleicher Weise tun: mit Piano, Bass und Schlagazeug Minimalismus, Introspektion, Jazz und Klassik das perfekte Zusammenspiel auf eine manchmal fast metaphsyische Ebene zu heben. Attila Csihar konfrontierte Brüssel mit der Interpretation seines Void ov Voices – Projekts, das heißt animalischem Kehlkopfsingen und Texten aus den Verliesen diverser Zwischenwelten. Das allles stilecht hinter einem von Kerzen beleuchtenden Altar stehend, seinem Ruf als Extrem-Matal-Vokalist nicht abhold zu werden. Die Japaner von Goat sind ausgemachte Perfektionisten. Ihre Musik, die gerne als minimal techno ohne elektronische Instrumente beschrieben wird, wird von exakten Perkussionsgewittern getragen, die, ganz japanisch, dem Rituellen nahestehen.

Amaro Freitas aus Recife spielte auf dem Piano einerseits Jazz in der Tradition der großen Meister aus den 1960ern Jahren, aber mit einem warmen, brasilianischen Einschlag und wurde ebenfalls vom Publikum mit warmen Applaus bedacht.

Alabaster DePlume, schwer angesagt und mit einer noch angesagteren Veröffentlichung auf International Anthem, stellte sich mit seinen Saxophon- und Hampelmann-Kapriolen als eher unangenehme Nervensäge heraus, die sich auch nicht zu schade war, das Publikum mit billigen politischen Kommentaren zum Weltgeschehen zu animieren.

Die Schlagzeugerin Valentina Magaletti war mit zwei Bands – den Post-Punker Moin und den ebenfalls zurecht hochgelobten Holy Tongue, die in Fußstapfen von Projekten aus dem Adrian Sherwood-Stall und modernem Dj-ing präsent.

Zwischen all den unterschiedlichen Musikern und Genres, die das Festival auch dieses Jahr wieder zu bieten hatte,
gab es nach dem Tirzah-Programm einen zweiten Schwerpunkt: Free Folk.

Mehr London als es das neunköpfige Shovel Dance Collective verkörpert, geht wohl nicht! Weit weg von jeglichem konservativen und kolonialem Denken oder gar strengen Bewahren der traditionellen Songs, interpretiert das bunte, queere Kollektiv mit alten und teilsweise selbstgebauten Instrumenten unbekanntere Protestsongs, Seefahrtslieder, Mystisches oder Thematisches wie auf ihrem Debutalbum, das sich thematisch um Wasser dreht. Eine Affinität zu Drones und abenteuerliche, freie Abzweigungen der Folktunes lässt das Kämpferherz des Publikums höher schlagen. In der Notre Dame Aux Riches Claires Kirche, wo sich die Musiker vor dem Altar im Halbkreis versammeln wird schnell noch vor Konzertbeginn Jesus verhüllt; keine United Bible Studies also, sondern sozialistisches Gedankengut heißt die heutige Botschaft.

Brighde Chaimbeul verbindet auf unwiderstehlich charmante Weise traditionelle rurale Songs ihrer Heimatinsel Isle Of Skye mit transzendenten Drones. Harmonie und Dissonanz gehen in ihren Songs Hand in Hand und ihr Instrument – der kleine Dudelsack oder eleganter ausgedrückt – Scottish Small Pipe – lässt in ihrer zur Könnerschaft gereiften Technik eine fesselnde Musik entstehen, die in sich wiederholenden Melodiefolgen eine trance-ähnliche Stimmung zwischen Außerweltlichem und Meditativem kreieren vermag, aber auch die rhythmusbetonten, Tänzen entlehnten, derrwischartigen Momente kommen zum Zuge. Auf ihrem aktuellen Album arbeitete sie mit dem kanandischen Saxophonisten und Freigeist Colin Stetson zusammen, was der Musik und vor allem den droneartigen Sequenzen eine zusätzliche faszinierende Schattierung gibt.
Youmna Saba, Musikologin, Out-Spielerin, verlegte vor einiger Zeit ihren Wohnort von Beirut nach Paris. Ihre Musik speist sich aus einem ätherischen Klangteppich, den sie sparsam mit ihrem Hauptinstrument als Grundlage aufbaut, um darauf durch elektronische Verfremdung und Sprache/Gesang eine phasenweise meditative, introspektivische Stimmung zu kreiieren. Ästetisch ist sie als ausgewiesene Klangkünstlerin allerdings beim Touch Laben von Jon Wozencroft sehr gut aufgehoben.

Clarissa Conelly, in Schottland geboren, aber seit langer Zeit in Dänemark wohnend, hat sich in ihren Acapella – oder mit Piano oder Gitarre interpretierten Songs als Künstlerin zur Aufgabe gemacht, “das Leben, den Tod und das Göttliche in meiner Musik zu vereinen.”
Intim, irgendwie vom Himmel gefallen wirkt ihre Musik, die auch Einflüsse aus der traditionellen schottischen und nordeuropäischen Folkmusik integrier, allemal, noch zusätzlich verstärkt in der atmosphärisch aufgeladenden Notre Dame Aux Riches Claires Kirche. Trotzdem wirkt die quirlige Künstlerin alles andere als streng bibeltreu.

Ihre Mischung aus Art Pop, liturgischen und naturreligiösen Einflüssen und der Idee von Extase und Apocalypse in ihren Songs in Einklang zu bringen, rief sogar die coole Warp Records Crew aus Sheffield auf den Plan, die ihr Debutalbum veröffentlichten.

Ripples

September 6th, 2024

Catherine Ribeiro – La Vie En Bref (R.I.P. 1941 – 2024)

 

 

Inmitten des Wiederveröffentlichung- Booms der letzten Jahre wurden vom New Yorker Hip Label Mexican Summer auch drei essentielle Alben aus den 1970ern Jahren von Catherine Ribeiro & Alpes wiederveröffentlicht, und das in opulenter Ausführung und Preis (die trotzdem in Windeseile vergriffen waren).
Um Catherine Ribeiro, die am 23.8.2024 in einem Pflegeheim in der nördlichen Provence starb, war es zuvor nach einem kurzen Revival in den 00er Jahren ruhig geworden. Der autobiographische Roman, an dem sie schrieb, wurde nicht mehr beendet, private (Tod des Ehemanns und der Tochter) und gesundheitliche Probleme zuvor trugen das Übrige bei.
Im Wikipedia-Eintrag steht neben dem Eintrag “aktive Zeit: 1963 – 2010” auch “Ideologie : anarchistisch” :
Für die Künstlerin stand “Freiheit” und vor allem auch die Verteidigung der eigenen inneren Freiheit über allem. Den Ruf, äußerst schwierig zu sein, erwirbt sie sich durch ihre leidenschaftliche Verteidigung der Rechte der Unterdrückten und Unterprivilegierten und dezidierten politischen Aussagen, und, ja, auch durch die sperrige Musik, die anarchistische Ideen mit avantgardistischer Musik in Gleichklang bringt. “Lasst der Kunst all ihre Schönheit und die Reinheit” ist zeitlebens ihr Motto.
Und so wird ihre Musik mit Alpes – im Gegensatz zu ihren späteren Alben mit Chansoninterpretationen – weiterhin von einer größeren Öffentlichkeit unentdeckt bleiben, dafür wird sie von einer jüngeren, nicht am Mainstream interessierten, Generation entdeckt.

Die Geschichte von Catherine Ribeiro beginnt 1941 inmitten des Zweiten Weltkriegs im Industriegürtel von Lyon, wo ihre Eltern, portugiesische Auswanderer, arbeiten und politisch der Kommunistischen Partei nahestehen. Ihre Mutter lehnt die früh erwachte künstlerische Neigung Catherines ab und reagiert mit Härte und Ablehnung. Die Traumata werden von Catherine in ihrem Buch über ihre Kindheit L’Enface (L’Archipel, 1999) zwar poetisch verschlüsselt, aber schonungslos beschrieben. Mehrere spätere Suizidversuche sind wohl auch in den Konflikten der Kindheit begründet.
Danach: Die Flucht nach Paris mit 19 Jahren, sie schreibt Gedichte und taucht ab in die Welt der großen Dichter, will Schriftstellerin werden. Sie muss aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen, Rollen in Theaterstücken, und auch in Jean-Luc Godards “Die Karabinieri” und einigen anderen Filmen führen aber zu nichts. Das heißt, das stimmt nicht ganz. Sie lernt Patrice Moullet kennen, mit dem sie eine lange amouröse und künstlerische Liason in der Musik beginnt.
Mit der “yé yé-“ Welle, der französischen Interpretation des neuen Pop-Phänomens der Früh-1960er, das durch die Beatles ausgelöst wurde, versucht man sich zuerst mit Adaptionen von Folkstücken und aufgepeppten Chansons, bevor Moullet psychedelische Musik und sein Talent für das Bauen von eigenen Instrumenten – das “Percuphone” beispielsweise – und Klangtechniken entdeckt.

Es entsteht Musik, die so noch keine Vorläufer in der französischen experimentellen Musik hat. Elektronische, halluzinierende und hypnotische Klangteppiche kombiniert mit Free Folk, die die Grundlage für Catherine Ribeiros Gesang bilden. Im Laufe der Alben entfernt man sich auch immer mehr von der klassischen Songform, obwohl die Texte die Essenz bleiben. Die komplexen Strukturen der Songs lassen Vergleiche mit der unkonventionellen Prog-Band Van der Graaf Generator und ihrem ähnlich stimmlich ausdrucksstarken und die Grenzen überschreitenden Mastermind Peter Hammill zu.
Themen wie Suizid, Einsamkeit, Unterdrückung, poilitische Konflikte; teils poetisch verschlüsselt, teils konfrontativ sind das eine, die Stimme Catherine Ribeiros aber das eigentlich Sensationelle:
“ Eine großartite Stimme: Stimme der Hoffnung, der Verzweiflung, der Geburt und der Agonie, des Hasses und der Liebe, eine Stimme des Herzens und des Sex, eine Stimme des Wimmerns und des Schreiens, eine magische Stimme mit den Wörtern, die sie ausspricht, eine Stimme, die aus den Eingeweiden kommt und direkt in die Eingeweide derjenigen trifft, die sie hören,”
so überschwänglich schwärmt der Musikjournalist Etienne Blondet 1975.

Die Platten von Catherine Ribeiro & Alpes aus den 1970ern Jahren stehen als einzigartiges Zeugnis für die heute undenkbare Verbindung von wegweisender experimenteller Musik, politischem Engagement und sehr persönlichen und introspektiven Lyrics.
Auch ebnen sie den Weg für einheimische Musiker, zum Beispiel aus dem Rock In Opposition – Umkreis wie Etron Fou Leloublan oder Albert Marcoeur, aber auch für von der “reinen Lehre” abkommende Chansonsängerinnen wie Brigitte Fontaine, die Songs oder den Chanson in eine freiere, experimentelle Richtung weiterentwickeln.

 

Siehe auch :

https://www.mikro-wellen.net/wordpress/frankreich/

Ripples

March 17th, 2024

Outfest 2023 – Festival Internacional de Música Exploratória do Barreiro

 

Zum neunzehnten Mal ist die nicht mehr ganz aber doch noch weitgehend ungentrifizierte ehemalige Industrie- und Arbeiterstadt Barreiro für vier Tage im Oktober Zentrum für ein unkonventionelles, in alle Richtungen offenes Musikprogramm, veranstaltet vom Out.Ra – Kollektiv.
Neue Musik (- Pioniere), experimentelle Elektronik, Afro-Jazz, alternativer Hip Hop, Dub und sogar Black Metal; vieles ist hier möglich. Traditionell liegt der Schwerpunkt auf dem einheimischen Musikschaffen, auch mit der Absicht, Kontakte untereinander herzustellen oder zu vertiefen.
Out.ra (“das Andere”) ist der Trägerverein, der unter dem Direktor Rui Pedro Damasio neben dem Outfest im Oktober auch das experimentelle Filmmusikfestival Sónica Ekrano und zahlreiche Einzelveranstaltungen an oft sehr aussergewöhnlichen Stätten der post-industriellen Überbleibseln in Barreiro veranstaltet. Den Weg über den Fluss zu den Konzerten finden natürlich auch die in der Metropolis lebenden, an ungewöhnlichen Klängen Interessierten Beim Festival trifft man aber auch sympathischerweise auf neugierige Einwohner, die ansonsten nicht soviel am Hut mit schrägen Klängen haben dürften.
Nach der Pandemie ist das Geld noch knapper als gewohnt und die Zahl der Sponsoren für Musik, die sich gewöhnlich unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit ansiedelt, ist überschaubar. Das tut dem Geist des Festivals allerdings keinen Abbruch und der charmnante und familiäre Charakter hebt sich von vielen anderen, schon kommerziell durchgetakteten Veranstaltungen wie Le Guess Who? oder Moers wohltuend ab.

Die Ateliers der Pada Studios sind inmitten des inzwischen teilweise unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Fabrikgeländes und der Arbeitersiedlung der Companhia União Fabril (CUF) situiert und bieten Künstlern eine inspirierende Umgebung, um Projekte entwickeln und realisieren zu können.
Unweit des Mausoleums des Gründervaters und industriellen Pioniers Alfredo Da Silva, der 1944 starb und mit seinen Unternehmungen Barreiro zum wichtigsten Indstriestandort Portugals machte, berfinden sich die besagten Wohnhäuser der Fabrikarbeiter, die heute unter dem Namen Baia Do Tejo weitere Ateliers, Musikräume und Kunstwerkstätten beherbergen. In einem Teil der Fabrikanlagen wird immer noch gearbeitet, aber die Zeit als hier Seifen, Kerzen, Pflanzenöle, Textilien, Tabak und anderes hergestellt und verarbeitet wurde sind definitiv vorbei. Die CUF existiert immer noch, allerdings als eine Kette für Privatkliniken.
Nach Sonnenuntergang verliere ich mich beinahe im riesigen Arreal, die dampfenden Schlote und die gespenstische Beleuchtung der noch fungierenden Textil-Fabrik weisen mir und anderen Herumirrenden aber dann doch den Weg.
Mit Mitgliedern aus den städtischen Musikschulen entwickelte der Neue Musik Pionier Alvin Curran für das abendliche Eröffnungskonzert in den Pada Studios eine neue Version eines seiner zentralen Stücke – Beams. Das anarchistische Gen des Freigeistes unter der Komponistenschar, die in den 1960er Jahren, die zeitgenössische klassische Musik auf den Kopf zu stellen versuchte, ist auch mit über achzig Jahren Lebensalter weiterhin intakt. Das Ensemble Musica Elettronica Viva sorgt in den 1960ern Jahren mit ihrer radikalen Auffassung, wie Musik zur Zeit klingen sollte, sogar für Tumulte. Später, als Curran sich in Rom niedergelassen hat, komponiert er stetig Stücke für Kammermusik bis zu grossen Ensembles, Stücke für das Radio wie für einzelne Instrumente. Curran experimentiert mit aussergewöhnlichen Tonquellen, Stimmen und neuen Technologien, und das oft mit einem in den elitären Kreisen verpönten Augenzwinkern.
Die in der Gallerie sich örtlich immer wieder neu verteilenden Musiker spielen neben tönenden Objekten wie z.B. Muscheln meist akustische- und Blasinstrumente und werden von Curran, der am Tisch stehend dem Midi-Keyboard und Computer Erstaunliches entlockt, bei dieser strukturierten Improvisation sachte dirigiert.

Ein gelungener Auftakt. Die Nachtstunden kann man dann im benachbarten A 4 verlängern; mit Rojin Sharafis strengen elektro-akustischen Exkursionen, die auch direkter Ausdruck der in Wien ansässigen Musikerin auf die Represalien sind, denen kritisch denkende Menschen in ihrem Heimatland Iran ausgesetzt sind, und dem in Lissabons Underground Musikszene nicht wegzudenkende Zé Moura und seinem luftigen Gebräu aus Dub, House und Noise.
Introspektiveres gibt es am darauffolgenden Nachmittag in der beeindruckenden Kirche Nossa Senhora do Rosário hören. Tiago Sousa präsentiert auf der Orgel und dem Piano die Premiere eines weiteren Stückes seiner Organic Music Tapes Serie. Zwischen Formen der Avantgarde und minimalistischen Anleihen angelegt, lässt es sich in diesem Ambiente tief in die Musik Sousas eintauchen. Die Schottin Brighde Chaimbeul ist derzeit auf vielen Festivals mit experimenteller Musik zu hören und ihr Stamminstrument – der Dudelsack – befreit sich durch ihre Kunst vom Image des Volkstümlichen. Chaimbeul bedient den scheinbar endlosen Kosmos des Obertönespektrums ganz vorbildlich.

Beim Outfest steht man permanent vor dem Luxusproblem, sich zwischen zeitlich parallel laufenden Konzerten zu entscheiden oder die Aufmerksamkeitsspanne drängt nach einer Pause. Ins Gasoline am Nachmittag, wo Leonor Arnaut & Ricardo Martins, XIII und NZE NZE ihr Repertoire zwischen Post-Punk und Improvisation offerieren, schaffe ich es nicht, aber die Veteranen abends im Klub Os Penicheiros – Sven – Ake Johansson & Jan Jelinek und dem Free Jazz Afro – Rock des Nok Cultural Ensembles aus dem Sons Of Kemet – Umfeld sind mehr als ein Ersatz, da sie die experimentelle Musik in selten oder noch gar nicht gehörte Richtungen weiterführten, Jazz – Drums gepaart mit elektronischen Drones bzw. Free Jazz Ethno-Dub.
Die finnisch-luxemburgerische Künstlerin mit italienscher Abstammung Maria Rossi veröffentlichte unter ihrem Künstlerprojekt Cucina Povera schon einige Alben auf unterschiedlichen Labels und bewegt sich mit ihren Einflüssen aus experimentellem Folk, verfremdetem Gesang und komprimierter Elektronik nah am Label-Raster von Fonal oder Kraak. In der Igreja de Santa Cruz verströmt sie mit ihren rituell wirkenden Acapella- Folksongs, über die nach und nach Schichten aus dem Echo ihrer Stimme und elekronisch – gerierte Drones legt pure Magie.

 


Die slovenische neo-folk Band Sirom und die Fusion-Band Horse Lords lassen am Abend den diesjährigen Hauptveranstaltungsort ADAO zur Tanzfläche metamorphosieren.
Am Samstag laufen dann wieder drei Konzertblocks zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten in Barreiro.
Die Biblioteca Municipal ist aber sicherlich eine sehr gute Wahl. Noa Kurzweil aka Voice Actor gibt eine Art Best- Of ihres unglaublichen Albums Sent From My Telephone. Hinter einem transparenten Vorhang, auf dem vage Bilder und Clips projeziert werden, steht sie am Tisch mit ihrem Computer und spricht und “singsangt” in einer beinahe unbeteiligt wirkenden Alltagsstimme. Aber, ihre Songs stellen eine geniale Spiegelung der hyperdigitalen Welt von heute mit ihren oft sinnlosen Voice Mails, Playlists und endlosen ins Leere laufenden Kommunikationsformen in verschieden Sprachen dar. Unglaublich ist ihr Album auch schon alleine aufgrund der Länge: viereinhalb Stunden und 109 Songs, die wie ein fiktives tönendes Tagebuch klingen, das man in ein Mixtape transferiert hat.
Die Musik zitiert scheinbar ähnlich eklektisch dezent im Hintergrund angelegte ambiente Klanglandschaften, Hip Hop, dubbige, narkotische Beats, Popelemente, die idiosynkratische Szene um Space Afrika, Mica Levi, Tirzah und vieles mehr.
Ravenna Escaleira spielt anschießend einen Solo – Saxophon-Set. Street Art, Poetry, bildende Künste, Aufenthalte in Brasilien, Spanien und Italien sowie das Musikmachen in den Straßen diverser Metropolen schliffen ihr künstlerisches Profil; die intensiven dreißig Minuten ihres Auftritts beinhalten alle Gefühlszustände, die man mit einem Instrument ausdrücken kann.
Joana de Sá hat zwei sehr gute Alben auf dem portuenser Sirr-Label veröffentlicht und zeigt in der Bibliothek live wie sie ihre Stücke mit Gitarre und Synthieloops, die meist sehr leise an der Hörschwelle beginnen und sich nach und nach aufbauen, verdichten und dramatisch entwickeln. Ihre Songs beziehen sich auf Orte oder Musik, die sie berührt und einen emotionalen Eindruck hinterlassen haben und die sie in ihre eigene Musikästhetik übersetzt.
Wieder im ADAO beginnt der Abend mit einem Konzert von Rita Silva, die seit einiger Zeit am Institute of Sonology in Den Haag studiert. Ursprünglich inspiriert von Pionierinnen wie Delia Derbyshire und Laurie Spiegel entwickelt sie – nachzuhören auf zwei empfehlenswerten Tapes – ihre eigene Handschrift. Mit modularen Synthesizern spielt sie eine sich stetig verändernde organische psychoakustische Musik, die auf geniale Weise Kopf und Körper miteinander vereint.

Holy TongueValentina Magaletti, Susumu Mukai, Al Wootton – amagalmisieren dann auf der großen Bühne (mit offenem Scheunentor im Rücken des Publikums) fünfzig Jahre britsche Undergroundmusik. Über das prägnante Rhythmusgerüst von Magaletti und Mukai, das man ansonsten so hypnotisch und aufeinander eingespielt vielleicht nur so in der Blütezeit von Can hören konnte, setzt Al Wootton die melodischen wie disharmonischen Spitzen: On-U-Sound, rituelle, oszillierende Beats aka 23 Skidoo, Rough Trade-Ästetik und vieles mehr meint man hier herauszuzhören und erneut fusionieren Intellekt und Körper bei der Musik von Holy Tongue zu einer Einheit.
Wie es noch eines Beweises bedurft hätte, was den eklektischen Geschmack des Veranstalterteams anbelangt, übernehmen danach die alternativen Black Metaller von Liturgy um die Gitarristin und Sängerin Haela Hunt-Hendrix die Bühnenhoheit. Ein wenig wie die Doom-Götter Sunn >>> experimentierte die Band in den letzten Jahren mit verschiedenen Einflüssen, die von der “reinen Lehre” des Black Metal-Kanons abweichten. Elektronische Elemente, chorale- und orchestrale Passagen zwischen die Noise-Gewitter eingeflochten und auch die NYC-Lower East Side – Historie von Bands und Musikern wie Sonic Youth, Glenn Branca oder Rhys Chatham zitierend, macht die die Band auch für ein avantgardistisch ausgerichtetes Publikum interessant.