Kraak Festival 2020

April 11th, 2020

Kraak Festival 2020

Die zwanzigste Ausgabe des Kraak Festivals, die die umtriebige Genter Crew erneut in der geschichtsträchtigen Beurschouwburg in der belgischen Metropole veranstaltete, war, besonders natürlich jetzt im Rückblick gesehen, eine besondere.
Auf der Hinfahrt aus dem Süden konnte man an diesem vorletzten Tag im Feburar schon eine latente Anspannung und ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis in den Zügen ausmachen (wohl aber nicht der Beweggrund dafür, warum sich die Spur meiner Festivalbegleitung schon vorab irgendwo im Nirgendwo verlor); in Brüssel wiederum gab man sich noch locker und ausgehfreudig, was sich dann schon eine Woche später grundlegend ändern sollte.
Auch im Schaltjahr 2020 herrschte aber wie immer an einem gewöhnlichen Freitagabend in der Brüsseler Innenstadt Hochbetrieb. Der sich nach und nach von einer Rennstrecke zu einer lauschigen Fußgängerzone verwandelnde Boulevard Anspach verliert auf dem Weg zur Gare Du Midi nun auch einige seiner grandios verwittereten Lagerhallen und Herrschaftshäuser. Die dafür hochgezogenen trögen Funktionalbauten mit ihren Late Night Supermarktshops sind da kein wirklicher Trost. Vor zwei Jahren herrschte in der Stadt während des Festivals aufgrund der Antiterroraktionen noch eine gewisse Nervosität, die etwas andere Seuche dagegen bleibt – für den Moment wenigstens – eine noch diffusere Bedrohung.


Nach dem 24-Stunden – Marathon-Wahnsinn von 2019 vertraut man dieses Jahr wieder darauf, dass die gewünschte Bewußtseinserweiterung schon alleine aufgrund des hochkarätigen Programms auch ausgedehnt auf den Freitagabend und den Samstag zustande kommt. Der Freitag  ist diesesmal den Musikern vorbehalten, die 2020 Alben auf dem Label veröffentlichen.
McCloud Zicmuse von der Herberg Rustiek, einem schrägen Kollektiv, das in Brüssel einerseits ausgesuchte Gäste beherbergt, aber auch Konzerte veranstaltet, Ausstellungen organisiert, Fanzines produziert oder Kunstobjekte herstellt, führt ganz in der Tradition der vergangenen Moderationen und doch auf seine eigene eigenwillige Art und mit dem Anspruch, noch exzentrischer als die Musik sein zu wollen, souverän durch das Programm.

Von der lauschigen Bar der Beurschouwburg wird man zum Auftakt des Festivalls von Mr. McCloud Zicmuse also direkt auf die Straße in den Nieselregen gebeten, wo der eigentlich visuelle Künstler Stijn Wybouw, seine andere, musikalische Ader als Kramp in einer zehnminütigen Kakaphonie von Noise und Punk kanalisiert. Länger wäre das Eindreschen auf eine Schlagzeugtrommel und das gegen eine Krachkollage Anschreien auch wohl physisch nicht möglich gewesen.

Als erfahrener Kraak Festival-Besucher weiß man natürlich, dass die musikalische Schattierung sich schon beim folgenden Konzert wieder verschieben wird und die einzige Konstante ein Faible für die inzwischen rare Spezies der verqueren, freigeistigen Einzelgänger zu sein scheint. Eva Van Deuren ist da z.B. ein Prototyp: Unter dem Namen Orphan Fairytale wird sie ihrem Künstlernamen mehr als gerecht. Mit Harfe, low-fi-electronics, Keyboards und Tape Loops gestaltet, suggerieren ihre verspielten, langen Kompositionen die Illusion, alleine, der Welt entrissen, auf einem fliegenden Teppich über psychedelisch-verschwurbelte Klanglandschaften zu schweben.

Nachdem die Antwerperin auf unterschiedlichen Labels Kassetten veröffentlicht hat, war ihre Doppel-LP auf Aguirre – Records ein starkes Statement. Nun darf man gespannt sein, was sie für die Kraak-Veröffentlichung plant.
Vica Pacheco aus Oaxaca, Mexiko lässt mit ihrer akademisch geprägten elektronischen Musik unweigerlich Erinnerungen an die große Tradition von radiophonischen Hörspielkomponisten, elektroakustische und acousmatische Musik wach werden. Ihre dynamischen Kompositionen wirken (und sind wahrscheinlich) wie aus tausend Partikeln zusammengesetzt. Aus der jüngeren Generation kommt einem die unkonventionelle Bérangére Maximin in den Sinn, deren “Dangerous Orbits” auch mächtig Eindruck hinterlassen.

Jonna Karanka bewegt sich anschließend in einer ähnlichen musikalischen Welt, lässt aber gerne und immer wieder ihren Punk-Gen aufblitzen. Der hyperaktiven finnischen Undergroundszene um Fonal Records entsprungen, kennt man sie schon von der dronig-lärmigen Frauenband Olimpia Splendid, und wird nun von Kuupuu, ihrem Soloprojekt, ebenfalls angenehm überrascht. Sie spielt melodisch-krachig und mit trockenem Humor dann überraschend fein gesponnene Songs. Maria Rossi aka Cucina Povera, trotz des Namens ebenfalls Finnin und in Glasgow residierend, ist von ähnlich genialen Kaliber und könnte die Schwester von Jonna Karanka sein.

Crash Toto, zusammengesetzt aus Mitgliedern von Lemones, die vor zwei Jahren schon als Lokalmatatoren einen Auftritt beim Festival hatten, Carrageenan und Christophe Clébard, klingen dann wie …. die Lemones: die bewährten Mittel – auf das Grundgerüst reduzierter Rock, parolenschreiender Nichtgesang, tribalistisches Schlagzeug, und das alles inmitten des Publikums zelebrierend – sorgen dann neben dem Spaßfaktor auch für eine gewisse gemeinsame Entrückheit, manche würden es Magie nennen.

Nach dem beinahe schon traditionellen Spaziergang zum Wiels Museum für Moderne Kunst (die Ausstellungen -Thao Nguyen Phans – Monsoon Melody und Wolfgang Tillmans’ Today Is The First Day – haben es gewohnt schwer mit der Architekur der ehemaligen Brauerei und dem Ausblick von der Dachterrasse mitzuhalten) startet das Samstagsprogramm des Festivals am Nachmittag mit Fiesta en el Vacío.

Luna Cedron lebte, von ihrer umtriebigen Mutter ins Schlepptau genommen, schon in Frankreich, Mexiko, Kuba, Spanien und Argentinien; ein Überschwall von prägenden Einflüssen und Eindrücken, der sich auch in ihrer von Cold Wave -, Synthie-Pop -, Ambient – bis zu Flamenco -versatzstückelnden Musik ausdrückt. Die argentisch-jüdische Poetin Alejandra Pizarnik, die von ihren aus der UDSSR geflohenen Eltern und ihrer Geschichte auch die Schwermut vererbt bekommen hat, wird von Luna Cedron in der Festivalausgabe des Avant – Guardian auch als wichtiger Einfluss genannt. Eine schöne Verbindung zu ihren subtil melancholischen Songs, bei denen es im Gegensatz zu ätherischeren Vertretern ihrer Zunft durchaus auch hin und wieder gesanglich zur Sache geht. Eine Single von Fiesta En El Vacío ist auf dem für Synthie/Cold-Wave – Musik bekannten Brüsseler Label Lexi-Records, das uns auch schon solche Perlen wie Capelo oder ELG bescherte, erschienen.

Bei Siet Raeymaekers und Tomas Dittborn ist dann im Gouden Zaal Multidisziplinarität angesagt, bzw. unter dem Projektnamen Quanto Qualia die Live-Vertonung von Computeranimationen von Landschaften auf der Leinwand. Zusammen mit Lizzy Vandierendonk zeigte sich das Duo auch für die filigrane visuelle Gestaltung mit Objekten und Videos der Festivalräumlichkeiten verantwortlich.

Die Vergleiche mit Jandek und anderen verschrobenen, zurückgezogenen Außenseitern der Gitarrenmusik ehren ihn sicherlich, doch Gaute Granli, seines Zeichens Norweger, wirkt auf der Bühne überhaupt nicht von mangelndem Selbstbewusstsien geplagt und Geheimniskrämerei scheint auch nicht seine Sache zu sein. Souverän unprätentiös sorgt er mit seinen kompakten, dann plötzlich in bizarre Gefilde und ins Ungewisse ausscherenden Songs zwischen stoischer nordischer Unterkühltheit, exotischen oder irgendwie zusammengeleimten Samples der Sparte Fake-Ethno und knorzigem Gesang für inspirierende Verwirrtheit unter dem Publikum.

Christina Gusimano machte sich in Rom und auch teilweise in den ausländischen alternativen Szenen als Maria Violenza als genresprengende Multiinstrumentalistin mit herzerwärmenden Songs, die von nervöser Energie und außer von italienischen auch von nordafrikanischen Quellen inspiriert sind, einen Namen. Nach schon manch kopflastiger Performance bei diesem Festival trifft ihre Musik straight into the heart.
Man hätte vermutet, dass man gerade in Stuttgart duchaus des Zählens mächig ist, aber die Großformation, die da auf der Bühne der Bar als Yürgen Karle Trio stand, sprengt im wahrsten Sinne des Wortes den Rahmen.

Vor zwei Jahren bekam man an gleicher Stelle den krautisch-verspacten Freak Out von Transport, die auch als eine junge Großkommune anreisten, offeriert; die Szene um die Neue Schachtel am Nordbahnhof in der Baden Württembergischen Hauptstadt ist mehr mit der Free Form Impro-Szene liiert. Da passen Jazz, dissonante Jams, Rhythmusorgien mit selbstgebauten, so schönen wie obskuren Perkussionsinstrumenten und feiner Humor perfekt zusammen.

Mit Fuji wird nach der Pause die bewusstseinserweiternde Freakschraube noch um einige entscheidende Umdrehungen angezogen.
Die belgischen Urgesteine Ware Fungus, Gast Sloow und Louis Frerès treffen hier mit dem japanischen Gitarrenmeister Junzo Suzuki und Mik Quantius, der vom Metal kommend irgendwann bei Embryo landete und sich dann aber als Mann vom Outer Space offenbarte, zusammen.
Fuji heben die Erdenwelt mit einer nur schwer nachvollziehbaren musikalischen Könnerschaft und einer verqueren Mixtur aus pulsierendem Jazz-Kraut-Rock, einer Überholspurenergie und den kryptischen Intonationen des im Schneidersitz auf dem Boden sitzenden und kettenrauchenden Sängers im No-Smoking-Café aus den Angeln und katapultieren sie in ein anderes Universum.
So kann man sich täuschen; normalerweise hätte ich die Band wahrscheinlich ignoriert, aber das sind die unerwarteten Überraschungen, die man auf Festivals erlebt.

 

Zurück im Gouden Zaal wird mit der Aufführung von Mesias Maihuastacas Kompostition Holz arbeitet II die Tradition des Festivals fortgeführt, wichtige Pioniere der Avantgarde, deren Musik immer noch von Relevanz ist, in diesem Rahmen zu präsentieren. Der 1938 in Quito in Equädor geborene Musiker gehörte in den 1960er mit Mauricio Kagel, César Bolanos oder Beatriz Ferreyra (die 2018 beim Festival anwesend war) zu den wenigen Nicht-Europäern, die eigene Akzente in der Neuen Musik setzten. Im Gegensatz zu den oft sehr theoretischen Ansätzen der Avantgarde, ist Maiguashcas nach den wilden, mit Sound experimentiereden Jahren, daran gelegen, die Geschichte seines Landes und seiner eigenen Herkunft als Abkömmling von nativen Intellektuellen zu reflektieren. Das einerseits introspektive, andererseits mit folkloristischen Versatzstücken durchzogene Stück Holz Arbeitet II spiegelt dies wieder und stach auch choreographisch aus dem Festivalprogramm heraus.
Eine andere, junge, Südamerikanerin, Ailin Grad aus Buenos Aires offeriert dann unter dem Künstlernamen Aylu einen Einblick in ihre aktuelle Musik, die einerseits eine zeitgenössiche Version elektroakustischer Musik sein könnte, aber selbstredend genreübergreifend angelegt ist und mit melodischen Gitarrensamples und lupfigen Melodien angereichert, federleicht ist.

Mit Radioactive Sparrow, der legendären Untergrundband um den aus Wales stammenden, aber nun in  Newcastle residierenden und dort die Szene aufmischenden Will Edmondes aka Gwilly Edmondez, begibt sich dann nochmals eine Formation auf die Bühne, die sich die Spontaneität und Unberechenbarkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Die Sparrows können schon auf über neunzig Veröffentlichungen zurückblicken, mit einer Musik, die in der besten britischen DIY-Tradition steht. Alle Sparten der Musikgeschichte werden geplündert, um daraus exzentrische Songs zu basteln, die mit der Kompromisslosigkeit von Punk gespielt werden. Manche dauern nur einige Sekunden, andere ufern komplett und in ungeahnte Richtungen aus.
Vor einigen Jahren, 2016 genauer, spielte Edmondes aka Gustav Thomas mit seiner Tochter Freya aka Elvin Brandhi als Yeah You! eine ganz andere Musik….

Guilhelm All läutet dann mit seinen Plastic Turntabels die Schlussrunde im Gouden Zaal ein, bevor DJ Werner nochmals ins Café zum Kehraus bittet.
Da schon einige Tage später auch in Belgien der Shutdown auch aller kulturellen Aktivitäten in kraft tritt, wird das zwanzigste Kraak-Festival nicht nur wegen der wieder ausgesucht guten Konzerte in besonderer Erinnerung bleiben. Zum Glück ist der Mailorder-Versand weiterhin aktiv.

kraak.net

Kankyo Ongaku / Vanity Records

Die Olympiade in Tokio 1964 bringt Japan zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg und der Katastrophe des US-amerikanischen Atomschlags in positiver Weise zurück auf die Weltbühne. Diejenigen, die schon über ein Fernsehgerät verfügen, können sich neben den sportlichen Wettbewerben auch sprichwörtlich ein Bild davon machen wie sich der Moloch Tokio vom Trümmerhaufen beim Kriegsende zur modernen Metropole neu am erfinden ist.

Die Brachflächen und Lücken im Stadtbild schließen sich Stück für Stück und die Metropole verdichtet sich zu dieser gleichermassen hässlichen wie endlos faszinierenden Mischung aus gesichtslosen
Zweck- neben Prachtbauten, Autobahnausfahrten neben Gassengewirr, breiten Einkaufsstraßen neben schwer zugänglichen Spezialitätenläden in den Hinterhöfen, Tempelanlagen und traditionellen Häusern. Aber die Stadt und das Land sollen auch mit avantgardistischen und visionären Gebäuden bestückt werden. So jedenfalls, wenn es nach den Plänen einer Architekten- und Designergruppe um Kenzo Tange gehen soll. Zur Aufbruchsstimmung passen auch die ikonischen roten Trainingsanzüge mit weissem Nippon-Schriftzug der japanischen Sportler. In den ästhetisch minimalistischen und reduzierten Filmen der japanischen Neuen Welle von Nagisa Oshima und vor allem Kiju Yoshida sind auch die Architektur und avantgardistische Spielformen der Musik wichtige Stilelemente.

Arata Izozaki, Toshiko Kato, Noboru Kawazal oder Kisho Kurokawa fühlen sich beflügelt unter dem Namen Metabolism ihre Ideen von einer modernen Architektur, die sich nicht an statischen, dafür an ständig sich verändernden organischen Strukturen orientiern sollen, gegen die Bedenken einer konservativen Bevölkerung, zu realisieren. Obwohl dann letzten Endes nur wenige Projekte tatsächlich verwirklicht werden – Kurakawas Nakagin Capsule Tower, der Hiroshima Peace Memorial Park oder das Yoyogi National Gymnasium – und viel mehr über Marxismus, Science Fiction und die Veränderung der Welt philosophiert und diskutiert als gebaut wird, beeinflussen die avantgardistischen Pläne von Metabolism auch Stadtplaner und andere Architekten. Das modernistische Juwel namens Hotel Okura oder Tara Okamotos Tower of the Sun zur Weltausstellung 1970 in Osaka sind da nur die leuchtesten Beispiele.

Die wegweisenden Vertreter der Neuen Musik stoßen in dieser Zeit in Tokio und Osaka ebenfalls auf positive Resonanz mit ihren Vorstellungen von zeitgemäßen Kompositionen. Legendär sind die Aufnahmen von den John Cage Tagen – John Cage Shock! – 1961 und 1962, die außer Werken von Cage selbst, Stockhausen, Michael von Biel, Christain Wolff und den japanischen Pionieren Toshi Ichiyanagi und Toru Takemitsu präsentieren.
Die unakademische, aber nicht minder gebildete Underground-Szene zeigt sich außer von den Neutönern in den 1970ern von Brian Enos Ambientalben und dem schrägen Humor Erik Saties, der neben der Schönheit seiner Musik auch mit der Funktionalität der Kunst spielte, z.B. Music For Furniture, inspiriert.
Kuniharu Akiyama veranstaltet zusammen mit seiner Frau Aki Takahashi, beides aktive Künstler der Fluxus-Bewegung, 1975 in Shibuya eine Konzertserie mit Werken von Erik Satie, die in Insiderkreisen sehr angesagt sind und noch Jahre später junge Musiker beinflussen. So berufen sich die unterschiedlichsten Musiker auf Satie und abstrahieren dessen künstlerischen Ansatz – z.B. die legendäre Frauen – New Wave- Band Saboten: Floor et Satie ist eine brilliante, “tongue in cheek” – Hommage an den französischen Visionär des Skurrilen.

Akiyama selbst komponiert schon für die Olympiade 1964 ein Stück, das als Blueprint für die in den 1980ern in Japan populären werdenden Environmental Music gilt. Cage und Satie passen mit ihren Konzepten von Zen, Funktionalität und Innehalten durchaus gut in die japanische Edo- Tradition und zur kaiserlichen Hofmusik Gagaku.
In einer vom Wirtschaftswunder beflügelten Gesellschaft entdecken in den 1980ern selbst große Auto- und High Tech-Firmen ihre Ader für die (abseitige) Kunst und vergeben Auftragsarbeiten an Avantgardemusiker, Designer und Künstler, um Werbespots zu gestalten. Hintergrundsmusik, die in modernen Museen oder öffentlichen Bauten bis zu Departmentstores verwendet wird, hat Konjunktur und musikalisch futuristische Ideen sind nicht nur im Konzertsaal angesagt.

Das vom amerikanischen Light In The Attic-Label veröffentlichte Album Kankyo Ongaku – Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990 kompiliert nun Stücke aus dieser merkwürdigen Phase der scheinbar grenzenlosen Freiheit des musikalischen Ausdruck. Das Doppel-Album enthält Stücke von unter anderem so unterschiedlichen Musikern wie Satoshi Ashikawa, der an Kunst und Design und der Diskrepanz zwischen modernem Lebenstil und der japanischen traditionellen Verbindung zur Natur, interessiert war, dem der Minimal Music verbundenen und für Anime-Soundtracks bekannten Joe Hisaishi, dem aus der Prog-Rock-Szene entsprungenen Masashi Kitamura, der Pianistin Shiho Yabuki, die Tradition mit modernem Synthesizer-Equipment verbindet, dem Tausendsassa Yasuaki Shimizu, der auch eine legendäre LP für die Made To Measure – Serie von Crammed Discs veröffentlichte und nicht zuletzt vom Yellow Magic Orchestra. Heute befinden sich Musiker wie Midori Takada, Hiroshi Yoshimura oder Yasuaki Shimizu überraschenderweise wieder auf der Höhe der Zeit und tragen den Geist, Schönheit, Abstraktion und Vision im Sinne eines künstlerischen Außenseitertums zu vereinen, wunderbar weiter.

Gar nichts mit funktionaler Musik hatte Agi Yuzuru am Hut. Als Herausgeber der legendären japanischen Musikzeitschrift Rock Magazine und Betreiber des enorm einflussreichen, aber ganz im Geist des (Prä-) Punk, kurzlebigen Vanity Records Label (1978-81) kommt es einer kleinen Sensation gleich, dass die von Liebhabern der japanischen Außenseitermusik oft vergeblich gesuchten LPs, Singles und Kassetten nun als Boxen wieder verfügbar sind. Bitter nur, dass Agi Yuzuru vor der Veröffentlichung des mehrere Jahre erarbeiteten Projekts verstarb. In den 1960ern war Agi Yuzuro selbst ein leidlich erfolgreicher Popsänger in Japan, fand aber das Business widerwärtig und versuchte sich – wesentlich erfolgreicher – als Radiomoderator. Im höchst empfehlenswerten Buch von Kato David Hopkins über die japanische Indie-Musik von 1976 – 1989 Dokkiri (Public Bath Press) erzählt er im Interview, dass er seine Sendung sogar völlig selbständig zusammenstellen konnte – unvorstellbar heutzutage – und diese entsprechend mit abseitiger Musik füllte. Als Anhänger der britischen und deutschen Avantgarde-, Prog – und Elektronikbands war er selbstredent auch stark von Brian Enos Ambient-Alben beeindruckt.

Er war wohl der erste, der diese Musik dem aufgeschlossenen Teil des japanischen Publikums nahebrachte. Inspiriert von den britischen Weeklys startete er dann mit Rock Magazine 1976 auch eine Zeitschrift, die eine andere Form des üblichen PR-Musikjournalismus präsentieren sollte. Da er aufgrund seiner relativen Popularität und seines Musikbusiness – Know Hows auch die großen Firmen für Anzeigen gewinnen konnte, war ein Artikel über Lou Reed neben einem Inserat für die Bay City Rollers nicht unüblich. Japanische Musiker waren im Heft seltsamerweise kaum bis gar nicht präsent, erst das Aufkommen von Punk und New Wave und nach Besuchen in New York und London fand ein Umdenken statt.
Agi Yuzuru war weniger an der Attitüde und dem Stil von Punk und New Wave als an der Aufbruchstimmung und dem DIY-Gedanken interessiert. Die Gründung eines eigenen Labels und Idee von einer eigenständigen Szene in der Kansei Präfektur waren dann nur die logischen nächsten Schritte. Die ersten Veröffentlichungen auf dem Vanity-Label, Dada und SAB sind minimalistische, aber sphärische Ambient – Synth – Electronics – Platten, die ganz dem Geschmack des Labelschefs entsprachen und die damals, gerade weil sie sich nicht der aktuellen Mode unterwarfen, der Zeit voraus waren und heute immer noch frisch klingen. Und das sollte auch das erklärte Ziel für die noch kommenden Veröffentlichungen sein. Aunt Sally, die Band von Phew und Bikke, produzierte mit ihrem Debut im Grunde schon den Schwanengesang der noch kaum spürbaren Punks/New Wave-Bewegung in Japan. Immer schon einen Blick in die Zukunft werfend, war Phew nach der Auflösung der Sex Pistols, für die sie als Schülerin alleine nach London gereist war, klar, dass Punk schon Geschichte war. Die Band schlägt auf ihrem Album schon eine experimentellere, new wavigere Richtung ein – einige einschlägigen Coverversionenund gibt es als Zugabe.

Kurz danach löste Phew die Band auf, um sich der elektronischen Musik zu widmen. Agata Morio sprengt mit seiner Veröffentlichung auf Vanity Records ebenfalls das Label-Raster: Ein alternativer Folk-Sänger aus den Sechzigern, der sich aber nie von der Plattenindustrie hatte vereinnahmen lassen, zeigte sich auch auf diesem Album resistent gegenüber neuen Einflüssen. Phew und Morio waren auch die beiden einzigen Künstler, die neben der Großzahl der unbekannten oder anonymen Musiker der Platten so etwas wie Undergroundstars waren. Die anderen Veröffentlichungen: R.N.A. Organism aka Sato Kaoru und Sympathy Nervous dürfen sich auf die Fahnen schreiben, schon 1980 eine proto-elektronische-Tanzmusik kreiert und zuvor vielleicht schon mal von Cabaret Voltaire gehört zu haben; BGM und Sympathy Nervous experimentieren mit reduzierten Synthieschlaufen und Beats.
Yukio Fujimoto aka Normal Brains‘ Lady Maid ist eines der ungewöhnlichsten Alben des Labels. Beeinflusst von Stockhausen, Cage, Cluster bis zu Bowie entdeckte er wie manch anderer in Japan den Korg MS 20 – Synthesizer. Hier komponierte er für die erste Seite Cutting Edge Wave-Electronic – Songs, die durch eine billige Sprechcomputerstimme an Schrägheit gewinnen, nur um die zweite Seite mit einer zwanzigminütigen meditativen Ambient-Komposition zu bestücken.

Die beiden Alben von Tolerance aka Junko Tang sind zwei weitere herausstechende Alben, die gut in die Ambient – Serie von Brian Eno gepasst hätten, insbesondere Anonym offeriert einen brilliant eklektischen Mix und eine Stilvielfalt zwischen klassischer, elektronischer Musik und Versatzstücken des Populären, die auch für das offene Vanity-Raster eher ungewöhnlich ist und die Spannbreite der Musikerin unterstreichen.
Die Wiederveröffentlichung des Vanity Records – Outputs umfasst eine Box mit den 11 Alben und Singles, eine mit 6 CDs, die die obskureren, nicht minder interessanten und nicht von der Labellinie abweichenden Tapes umfasst und ein Sampler mit 2 CDs, der, obwohl wieder andere Musiker als auf den Alben präsentierend und bewusst Verwirrung stiftend, die experimentelle Ausrichtung nochmals auf den Punkt bringt.

Vanity Records Box Set

Light In The Attic

Best of 2019

January 6th, 2020

Music

Clothilde – Twitcher (Cassette)


 

Raw Forest – Post Scriptum (Cassette)


 

Carla Dal Forno – Look up Sharp


 

Σωτηρία Λεονάρδου – Δεν Έχω Χρόνο Μάτια Μου


 

Pere Ubu – The Long Goodbye


 

Laurie Spiegel – Unseen Worlds


 

Nilüfer Yanya – Miss Universe


 

Kali Malone – The Sacrificial Code


 

Labrinth – Imagination & the Misfit Kid


 

Sarathy Kowar – More Arriving


 

V.A. – Rembetika – Greek Music From The Underground – 1925-1947


 

Vanity Records – Box Set


 

Sunn o))) – Life Metal


 

The Specials – Encore


 

Kankyo Ongaku – Japanese Ambient Music 1980 – 1990


 

Little Simz – Grey Area


 

Θάνος Μικρούτσικος – Ο σταυρός του νότου


 

Film/TV

Andreas Goldstein – Der Funktionär


 

 Bong Joon Ho – Parasite


 

Bertrand Bonello – Zombi Child


 

Ori Elon, Yehonatan Indursky – Shtisel


 

Ladj Li – Les Misérables


 

Craig Mazin – Chernobyl


 

Pedro Costa – Vitalina Varela


 

Babis Makridis – Pity


 

Romain Laguna – Les Météorites


 

Alec Berg, Bill Hader – Barry, S.2


 

Mati Diop – Atlantics


 

Sam Levinson – Euphoria


 

Kazuya Shiraishi – Dare To Stop Us


 

Ronan Bennett – Top Boy, S.2


 

Kosai Sekine – Love At Least


 

Davey Holmes – Get Shorty


 

Christian Petzold – Transit


 

Hirobumi Watanabe – Life Finds A Way


 

Jordan Peele – Us


 

Books

Luc Boltanski – Bereicherung


 

Yuval Noah Harari – Homo Deus: A Brief History of Tomorrow


 

Martin Sonneborn – Herr Sonneborn geht nach Brüssel


 

 Yanis Varoufakis – Adults in the Room: My Battle with Europe’s Deep Establishment


 

Han Kang – Die Vegetariererin


 

Maria Judite De Carvalho – Obras Completas


 

Hermann L. Gremliza – Haupt- und Nebensätze


 

Νίκος Δήμου – Η Δυστυχία του να είσαι Έλληνας


 

Simon Hughes – There She Goes


 

Benjamin Piekut – Henry Cow, The World Is A Problem


 

Darren Ambrose – K-punk: The Collected and Unpublished Writings of Mark Fisher


 

Martha Wells – All systems red


 

Nicolas Mathieu – Leurs Enfants Après eux / Wie später ihre Kinder


 

Carolyn Burke – Lee Miller, A Life


 

Daniel Kahneman – Thinking, Fast and Slow


 

Titanic – Das Endgültige Titelbuch / 40 Jahre


 

 

 

Ripples

November 9th, 2019

Pere Ubu – The Long Goodbye

Beim Méteo Festival in Mulhouse im August 2017 kommt David Thomas unsicher und mit Stock auf die Bühne und bestreitet das ganze Konzert auf einem Stuhl sitzend. Im Publikum ist jedem klar, dass es um die Gesundheit des Meisters nicht gut bestellt ist. Der Auftritt ist trotzdem energetisch und von gewohnter Perfektion und Professionalität. 20 Years In A Montana Silo, das damals aktuelle Album, darf als wütend-beißende Reaktion auf die USA Today interpretiert werden und verfeinert nochmals die Affinitäten der späten Pere Ubu: schräger Garagenrock mit einem psychdelischen Einschlag, fragile Balladen und Soundexperimente.
Danach, auf der ausgedehnten US-Tournee, wird David Thomas dann tatsächlich mit einem lebensbedrohlichen Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert und die Genesungsprognosen sind äußerst vage.
Nichtsdestotrotz wird Thomas nach Hause entlassen und ist in der Lage, in seinem Studio an neuem Material zu arbeiten; seine Art der Rehabilation. Für die Komplettierung der Songs lädt er die Bandmitglieder und einige Gäste ein. The Long Goodbye, frei nach Chandler, einem der Säulenheiligen Thomas, wird ein lyrisch ausgefeiltes und kurzgeschichtenartig aufgebautes Album und soll ein würdigs Schlußzeichen zu der über vierzigjährigen Bandgeschichte setzen.
Dann aber verbessert sich der gesundheitliche Zustand Thomas’ soweit, dass an eine Präsentation vor Publikum gedacht werden kann.
The Long Goodbye ist nicht nur aufgrund der schwierigen Bedingungen, unter denen das Album entstanden ist, einer der Höhepunkte im langen Schaffen der Band.
Einerseits knüpft es an die sympathisch-verschrobenen, introspektiven Solo-Alben der 1980er an; Monster Walks The Winter Lake und Blame The Messenger kommen einem da in den Sinn. Bekanntlich legte Pere Ubu damals eine Schaffenspause ein und David Thomas umgab sich mit Musikern aus dem Jazz – und Recommended Records-Umfeld; eine seiner kreativsten Phasen. Marlowe, das von einem Akkordeon begleitete Lovely Day oder Skidrow-On-Sea fallen unter diese Kategorie.
Dann gibt es die schrägen Rock- und gar sinistren “Technonummern” (What I Heard On The Pop Radio, Flicking Cigarettes At The Sun), in der Art wie man sie von den letzten Alben kennt, in denen ein treibender Beat auf schrille Synthesizer und die noch schrillere Stimme trifft.
Songs wie Road Is A Preacher und The World (As We Can Know It) liegen dazwischen und lassen Thomas’ Gabe, Texte zwischen surrealen, magischen Momenten und trockenem Humor zu schreiben, zur Geltung kommen. Bei Who Stole the Signpost? spielt im Background eine schöne Klarinettenmelodie über einem dichten, zerfahrenen Klangteppich, fast schon eine futuristische Fusion von Elektronik, Rock und Ballade, und David Thomas erzählt dessen unbeeindruckt in Spoken Word-Manier von den persönlichen und globalen Katastrophen.

http://www.ubuprojex.com

 

Ripples

October 22nd, 2019

 

Outfest 2019: Festival Internacional De Música Exploratório Do Barreiro

1994 ist Lissabon Europäische Kulturhauptstadt. Kurz zuvor werden auch das Centro Cultural de Belem und das Culturgest eröffnet. Dort entstehen Laboratorien für die zeigenössichen Künste und die Stadt legt nach und nach das verstaubte Image ab, nur Anlaufpunkt für Nostalgiker zu sein, die sich an der aus der Zeit gefallenen Atmosphäre berauschen. Auch im Jahr 1994 gründet eine handvoll Enthusiasten aus der Alternativkultur im damaligen Ausgehviertel Nummer Eins – Bairro Alto – das Zé Dos Bois (ZDB). In einem Interview mit der Tageszeitung Público blickt Naxto Checa, seines Zeichens künstlerischer Leiter, auf das Vierteljahrhundert zurück und erklärt warum das ZDB mit seiner partizipativen Mitarbeiterstruktur den krassen Wandel des Quatiers, hin zu einer Dienstleistungs- und Vergnügungsgesellschaft, und die schroffen finanziellen Kürzungen im Kultursektor sogar gestärkt bewältigte.
In Portugal existieren nicht viele Plattformen wie das ZDB, das sowohl auf lokale wie globale Tendenzen in der Kultur reagiert und Raum bietet für die Avantgarde, sei es in der Musik, der Kunst, dem Film oder dem Theater. Checa unterstreicht, dass sich auch die Beziehung von Produktion und Künstler verändert habe und es zu fruchtbaren Zusammenarbeiten bei der Realisierung komme und Starallüren obsolet sind. Künstlern wie Dirty Beaches, Grouper und einigen anderen wurde eine Künstlerresidenz offeriert. Daneben wurden Platten von Loosers, Grouper oder Gabirel Fernandini produziert. Die sehr aktive Jazz- und Improvisationsszene von Portugals Hauptstadt gibt sich im Aquarium, dem Konzertraum des ZDB, praktisch die Klinke in die Hand. Schon vor dem großen Immobilienboom konnte die Equipe des ZDB, nachdem man bei der Gründung einen monatlichen Mitgliedsbeitrag festgelegt hatte und damit einen kleinen Raum gemietet hatte, schließlich das heruntergekommene Gebäude in der Nähe, in der Rua de São Paulo, dem ehemaligen Palácio Baronesa de Almeida, kaufen und nach und nach renovieren, so daß man nun trotz gekürzter städtischer Zuschüsse überleben kann.

Über dem Fluss in der sich gerade neu erfindenden Industrie- und Hafenstadt Barreiro sorgt ein anderes Veranstaltungskollektiv dafür, dass die mittelgroße Stadt mit seinen beeindruckenden Gebäuden und der Arbeiterstadtatmosphäre auch als Ort für Undergroundmusik wahrgenommen wird und damit auch kulturell wieder aus seinem Dornröschenschlaf erwacht: Die Assoçiação Cultural Out.Ra.
In verschiedenen Institutionen wie der städtischen Bibliothek oder der Musikschule finden während des Jahres immer wieder herausfordernde Veranstaltungen statt, die auch Zuhörer jenseits des Tejo anziehen. Der Höhepunkt bleibt selbstredend das jeweils im Oktober stattfindende Outfest.

Sechsundzwanzig Konzerte an drei Tagen von Künstlern aus Portugal, Brasilien, Spanien, den USA, Irland, England, Dänemark Schweden, Finnland, Ägypten und Tanzania in ungewöhnlichen Spielstädten, die auch einen wichtigen Teil der Stadtgeschichte repräsentatieren, standen auf dem Programm der sechszehnten Ausgabe: Genres wie Jazz, Rock, Hip Hop, Noise, Punk, Electronica oder Neue Musik vermischen sich und die Grenzen verblassen, so das erklärte Anliegen der Veranstalter.
Am Donnerstag Abend konnte man schon Gabriel Ferrandini mit der Camerata Musicial do Barreiro und Peter Evans in der Igreja Paroquial de Santo André bei intimen Konzerten beiwohnen. Der eigentliche Startschuss des Festivals erfolgte dann am Freitag in einer anderen Kirche, der barocken Igreja da nossa Senhora Rosário: Kali Maloni, die seit längerm in Schweden residierende junge Amerikanerin, die über einem Background von klassischem Gesang und Gitarre zum Orgelspiel fand, improvisierte im ersten Teil ihres außergewöhnlichen Konzertes auf dem Hausinstrument. Im zweiten Part beschallte Malone die Kirche mit ihren, auch hinsichtlich des Lautstärkepegels herausfordernden psychedelisch irrwandelnden Dronegebilden. Meditativ, ohne sich im Raster der Minimal-Music von ähnlich veranlagten Zeitgenossen zu verfangen, erlebte man schon einen der Höhepunkte des Festivals. Oszillierend, dunkel und in ungewöhnliche Richtungen ausbrechend, ist ihre Musik live noch intensiver als z.B. auf ihrem diesjährigen Album The Sacrified Code.

Anschließend fanden sich alle im ADAO, einem ehemaligen Feuerwehrhaus, unweit der Fährestation, das zu einer Künstlerenklava umgewandelt wurde, ein.
Calhau! fühlten sich in dieser Umgebung bestens aufgehoben, kommt doch das Duo aus Porto, das u.a. ein herausragendes Album auf Kraak veröffentlichte, ursprünglich aus der Kunst und ihr musikalischer Output spielt immer mit einer völlig eigenständigen Mixtur aus Sound, Sprache, Performance und Collage. Man fühlt sich angenehmerweise an DDAA erinnert, die eine vergleichbar freie Auffassung von Kunst vertreten. Thematisch arbeiten sich Marta und João aber immer wieder an der katholischen Kirche und anderen kultischen Riten ab. Mit diversen Alltagsgegenständen und tönenden Kunstwerken Marke Eigenbau war auch dieser Auftritt wieder völlig einzigartig. Intensiver Lärm, zerstückelte Wortfetzen, die durch einen akustisch verstärkten Abwasserschlauch gejagt werden und eine am Rande platzierte Pianistin, die die eine oder andere spärliche, aber prägnante, Einlage miteinstreute, lassen einen etwas ratlos, aber intellektuell beflügelt zurück.

Alpha Maid, aka Leisha Thomas & Band aus London, bringen dann das Tanzbein in Schwung, und das selbstverständlich auch mit einer eklektischen Dosis an eigentlich Unvereinbarem: Big Black, Mica Levi, Raster Notion, Mego oder gar Neue Deutsche Welle werden von Thomas als Referenzpunkte genannt und alles tönt zugleich groovig wie zerschreddert. Ilpo Väisänen, ohne seinen verstorbenen Panasonic-Kollegen, auf Solopfaden unterwegs, gab sich anschließend mit einem reduziert, knochig-trockenen Auftritt die Ehre.
Die nicht gerade subtil agierenden Brasilianer von Deaf Kids mit einer Fusion aus Punk, Metall und tribalistischen Elementen waren nicht meine Tasse Tee, dafür sorgte dann das schräge Duo von Tochter und Vater aus Newcastle Yeah You mit einer eigenwilligen Fusion von Home Made Throbbing Gristler und Hip Hop für bloßes Erstaunen.
MCZO und Duke, all the way from Tanzania, legten anschließend einen DJ-Set hin, während ich mich auf die Nachtfähre nach Lissabon begab.
Am Samstag galt es dann, da mehrere Veranstaltungen parallel liefen, die richtigen Entscheidungen zu treffen bzw. in sich zu gehen und den eigenen Affinitäten zu folgen. In der restaurierten Moinho Pequeno, mit Blick auf die Feuchtgebiete und das Meer der Stadt, gab es ein Stelldichein der jungen experimentellen portugiesischen Szene. Bezbog, David Machado (Klarinette, Elektronik etc. ) und Dora Vieira (Melodika, Elektronik etc.)
aus Porto und eng mit dem pulsierenden Kassetten – und CDR-Label Favela Discos verbandelt, machten den Auftakt. Zwischen Obertonmusik, Field Recordings, Free Jazz, Noise und punkigen Ausbrüchen erzeugten sie mit einer höchst eigenwilligen Auswahl an Klangerzeugern ein fesselnde Verbindung aus Stille und Krach, Reduktion und Überschwang. Erstaunlich wie abgeklärt und innovativ die Musik der beiden jungen Musiker schon ist.
Luar Domatrix ist das Projekt von Rodolfo Brito, der einen Hälfte von Yong Yong, einem Duo, das sich zwischenzeitlich in Glasgow niedergelassen hatte und zwei Platten auf dem dortigen Night School – Label veröffentlichte. Brito auf Solopfaden schloss sich mit dem Discrepant – Label kurz, ein weiteres Projekt eines Exil-Portugiesen: Gonçalo F. Cardoso. Er komponiert nun eine weitaus dunklere Musik, die an verschiedene Pioniere des verkopften Industrials – Zoviet France, Nocturnal Emissions etc. – anknüpft und eine subitle exotische Ethno-Note miteinfließen lässt. Die junge Flötistin Violeta Azevedo öffnete die großen verglasten Türen und ließ das Rauschen des Meeres und das Summen der Insekten und Vögel in den zum Konzertsaal umfunktionierten Raum der Mühle hinein. Ihre Musik passt da auch zu gut zum Ambiente. Federleicht ihre Musik, Eno, Delia Derbyshire oder die Kranky-Szene, bekundet die Musikerin, seien wichtige Einflüsse.

Im Teatro Municipal traten das dänische Duo Bryne und die angeblich etwas geheimnisumwobenen Candura aus der Hauptstadt auf, während in der Biblioteca Municipal gleichzeitig ein weiterer Höhepunkt des Festials vonstatten ging: Keith Fullerton-Whitman, sicherlich einer der geschultesten und hellsten Köpfe der elektronischen Avantgarde, tat sich für dieses Auftragsprojekt mit den einheimischen Musikern André Gonçalves, Clothilde und Simão Simões zusammen. Sie setzten den Saal der Bibliothek in eine sanfte Schwingung und führten die Zuhörer auf Abwege durch ihr musikalisch bezauberndes Labyrinth.
Als eine ähnlich veranlagte Künstlerin darf man Magarida Magalhães aka Raw Forest bezeichnen, die ihre gleichermaßen komplex und leicht wirkende Musik, die Ambient als Gegenteil von Minimal auffasst und den Geist Brian Enos mit Cutting Edge Electronica von heute in Verbindung bringt, im Foyer der Bibliothek, präsentierte. Ihre hervorragende Kassette “Post Scriptum” auf dem Labareda Label, einem weiteren wichtigen Mosaikstein der jungen portugiesischen Undergroundszene, gehört zu den Höhepunkten 2019.
Auf dem Marktplatz vermischten sich dann Festivalgänger zwanglos mit zufällig Vorbeikommenden und denjenigen, die den Samstagnachmittag auf dem zentralen Platz mit seinem anschließenden Park genießen. Chão Maior und Davy Kehoe beglügelten zwar nicht zum großen Tanzevent, aber das eine oder andere Wippen war doch zu verzeichnen.
Der große Veranstaltungssaal SIRB und die im Foyer beheimatete grandiose Bar Os Penicheiros war die angemessene Örtlichkeit für den Publikumsandrang am Samstagabend.
James Ferraro, der Konzeptkünstler des Hypnagogoc Pop, ist in letzter Zeit etwas aus dem Fokus verschwunden, während Zeitgenossen wie Daniel Lopatin oder Laurel Halo das Zepter übernommen haben. Die Gründe dafür, könnten sich, nähme man seinen Auftritt als Maßstab, leicht erklären lassen. In permanentem Kunstnebel gehüllt, wirkte seine aktuelle Musik in erster Linie gnadenlos bombastisch und, käme da nicht modernstes Computerequipment zum Einsatz, wie aus einer Zeit, in der ELP, Yes und Jean Michel Jarré uns den Spaß an der elektronischen Musik vergällten. Leider, so das subjektive Fazit, eine redundante Angelegenheit.

Ganz anders da die kettenrauchende und auch ansonsten äußerst agile Ägypterin Nadah El Shazly, die mit ihrer Band eine nahezu perfekte Show und einen Überblick ihrer vertrackten Musik bot. Eine Musik, die mühelos und ohne mit der Wimper zu zucken von der traditionellen Songform zum Free Jazz, vom brüchigen Avantgarde Rock zur kakafonischen Elektronik, vom meditativen Drone zum schroffen Aufschrei wechseln kann. Auch das Instrumentarium vereint verschiedene Welten. Flöten, Oud treffen da auf Kontrabass, Keyboard und Computer. Wichtigstes Element ist aber selbstredend Nadah El Shazlys variationsreiche Gesangskunst, die trotz den traditionellen Bezugspunkten eher von einem Punk-Spirit beseelt scheint und sich in keinster Weise in den World Music- oder Jazzgenres pressen lässt.

El Shazly ist eine wichtige Schlüsselfigur des musikalischen Undergrounds in Kairo, der trotz Einschüchterung scheinbar prächtig gedeiht. Sam Shalabi, der Gitarrist der Band, und Alan Bishop von den Sun City Girls sind ebenfalls in den vergangenen Jahren wichtige Botschafter gewesen, um auch auf eine moderne, freidenkende Seite der arabischen Kultur aufmerksam zu machen.
Die New Yorker Hip Hop-Veteranen Dälek und aka Still folgten dem Auftritt El Shazlys mit Dancefloor-tauglichem Stoff, bevor es dann für die immer noch Tanzwütigen ins Edifício A 4 an den Tejo ging, wo diverse DJ-Sets die Stunden, die von der Nacht übrigblieben, beschallten.