{"id":74,"date":"2009-01-08T20:56:51","date_gmt":"2009-01-08T19:56:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=74"},"modified":"2009-04-12T16:52:07","modified_gmt":"2009-04-12T15:52:07","slug":"bruxelles-soundscapes-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/bruxelles-soundscapes-4\/","title":{"rendered":"Bruxelles Soundscapes 4"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\">Ignatz<\/span> &#8211; The Gloom Of The Darkest Day<\/p>\n<p>Steigt man am Gare Du Nord aus dem Zug, bekommt man, sobald man der schmierigen Vorhalle entkommen ist und in den Himmel von Europas Hauptstadt blinzelt, einen ersten Eindruck von dem, was die Einheimischen Bruxellisation nennen. St\u00e4dtebauliche Verwahrlosung, mit dem Ziel, die eigene Vergangenheit zu zerst\u00f6ren, um mit der Zukunft zu experimentieren; Art Nouveau, High Tech-Coolness, gro\u00dfangelegte Parks aus Zeiten Kaiser Leopolds II, Ruinen, wild durcheinandergew\u00fcrfelt und an den Ringstra\u00dfen als gemeinsamer Nenner zur \u00fcberdimensionierten Tankstellen- und Shopping Mall-Landschaft verdichtet. Von perverser Faszination, und nat\u00fcrlich wurde das alles schon l\u00e4ngst von den ans\u00e4ssigen Comic-K\u00fcnstlern aufgearbeitet. Der Drang zur stetigen Erneuerung mit oft chaotischen Resultaten der Fragmentation \u00fcbertr\u00e4gt sich und l\u00e4\u00dft dem Geist Luft und Freiheit sich auszuleben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?page_id=258&amp;album=all&amp;gallery=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-147\" title=\"img_2106\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/img_2106-150x150.jpg\" alt=\"img_2106\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gut vorstellbar, dass sich hier eine Maus vom Schlage <em>Ignatz&#8217; <\/em>zurechtf\u00e4nde, die surreale Endlosigkeit der Kakteenlandschaft gegen die Stadtw\u00fcste eintauschend. <strong><a href=\"http:\/\/krazy.com\/herriman.htm\" target=\"_blank\">George Herrimans<\/a> <\/strong>minimalistisch-genialer Zeitungs(s)trip <em>Krazy Kat <\/em>aus den den 1910-40er Jahren, indem er mit bewundernswerter Sturheit in endlosen Variationen ein (Liebes-)Dreieckverh\u00e4ltnis ausleuchtet, ist in seiner untertrieben inszenierten Schlichtheit immer noch un\u00fcbertroffen. Die verschlagene, aber &#8216;very cute&#8217; Maus <em>Ignatz<\/em> wirft als Zeitvertreib vorwiegend Backsteine an den Hinterkopf von <em>Krazy Kat<\/em>, das diese (oder dieser?) als Liebesbeweis auffasst. Hund <em>Pupp<\/em>, der Polizist, sucht stets nach Gr\u00fcnden, die Maus einzulochen, damit er freie Bahn bei der Katze hat.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4hlt <strong><a href=\"http:\/\/ignatz.be\" target=\"_blank\">Bram Devens<\/a> <\/strong><em>Ignatz <\/em>als alter ego f\u00fcr sein musikalisches Projekt.<\/p>\n<p>Die neunte Kunst war urspr\u00fcnglich f\u00fcr ihn, der, wie er sagt, im beschaulich langweiligen Hasselt vorbildlich als Sohn linker Eltern aufwuchs, f\u00fcr lange Zeit die erste und weitaus faszinierender als die Musik. Trotzdem, als Independent zum Mainstream degenerierte, landete er auch als m\u00e4\u00dfig Interessierter zwangsl\u00e4ufig in einer Band und versuchte sich an entsprechenden Weisen. Nach bescheidenem Amusement auf diesem Gebiet zog es ihn schnell wieder in die Abgeschiedenheit der eigenen vier W\u00e4nde zur\u00fcck; allerdings nun angefixt von der Welt der T\u00f6ne. \u00dcber Experimente mit der Manipulation von Kassetten und exzessivem Improvisieren auf der Gitarre entwickelte sich nach und nach der Sound, der jetzt schon, nach drei Alben, als unverwechselbar bezeichnet werden darf. Eskapismus ist dabei als Grundhaltung zu verstehen; nur so klingt die Musik wie sie klingt: Willkommen zu den magischen Klangfahrten ins Ignatzland!<\/p>\n<p><strong>Bram Devens&#8217; <\/strong>Texte, sofern man sie aufgrund Verfremdung und Murmeln \u00fcberhaupt als solche wahrnehmen kann, spielen mit Phrasen und Nichtigkeiten der Popul\u00e4rmusik, also dem Resultat von jahrzehntelanger anglo-amerikanischer Beschallung und sind, so <strong>Devens<\/strong>, &#8220;auf dem intellektuellen Stand eines F\u00fcnfj\u00e4hrigen, da ich ja nicht wirklich gut Englisch spreche.&#8221;<\/p>\n<p>Dass die Musik aber keinesfalls Cartooncharakter hat, sondern in gar seltsame und versponnene Soundmisanthropien f\u00fchrt, ist nat\u00fcrlich seiner Kunst geschuldet. Obwohl nur mit Gitarre gespielt, sind die St\u00fccke mit Effekten und Bearbeitungen enorm verdichtet und mit Verfremdungen, minimalistischen Drones und irgendwo durch ferne Echokammern gejagten Melodien und bizarren Stimmen entstellt. Psychedelisch, wenn man will, aber wie alle Musik, insbesondere aber solche abstrakte, l\u00e4\u00dft sie sich nicht wirklich in Worte fassen. Es schimmert die Affinit\u00e4t f\u00fcr amerikanische Folk- und Rootsmusik &#8211; mehr aus der Faszination f\u00fcr deren sch\u00e4bigeen Low-Fi-Sound als aus Werkstreue heraus geboren &#8211; durch und gibt Struktur vor. <em>&#8216;Ignatz I&#8217;, &#8216;Ignatz II&#8217; <\/em>und <em>&#8216;Ignatz III&#8217; <\/em>sind so klaustrophobisch (und ironisch) wie nur irgend m\u00f6glich; w\u00e4hrend des Entstehens von <em>&#8216;Ignatz II&#8217; <\/em>scheint <strong>Devens<\/strong> doch hin und wieder von seinem Zimmer in den Vorgarten gesp\u00e4ht und einen Streifen Licht abbekommen zu haben; trotzdem bleibt die vage Stimmung erhalten: irgendwie dunkel, hypnotisch, endlich und auf \u00e4hnlich unerkl\u00e4rliche Weise unheimlich wie Lynchs&#8217; Hasen in <em>&#8216;Inland Empire&#8217; . <\/em>Ein Gef\u00fchl, das sich beim H\u00f6ren vom aktuellen Album <em>&#8216;Ignatz III&#8217; <\/em>noch verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den Platten, ver\u00f6ffentlicht <strong>Bram Devens <\/strong>in loser Folge Momentaufnahmen aus seinem Wohnzimmer in Form der guten alten Kassette. &#8220;Der kreative Prozess ist vergleichbar mit dem beim Zeichnen. Es entstehen Skizzierungen, an denen ich herumspiele, ausbessere, erg\u00e4nze usw. Intuition und innere und \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse tun das \u00dcbrige. Au\u00dfer Gesang und Gitarre verwende ich nur einige Effektger\u00e4te und einen Computer. Auch Samples, ohne die Auftritte nicht m\u00f6glich w\u00e4ren, speisen sich aus eigenen Quellen. Die M\u00f6glichkeiten dieser rudiment\u00e4ren Ausr\u00fcstung sind f\u00fcr mich bei weitem noch nicht ausgesch\u00f6pft und erst, wenn ich mich wiederholen oder langweilen w\u00fcrde, m\u00fc\u00dfte ich \u00fcber Alternativen nachdenken. Speziell bei Auftritten l\u00e4uft man allerdings Gefahr, bei den improvisierten Parts immer die gleiche L\u00f6sung zu w\u00e4hlen.&#8221;<\/p>\n<p>Nach dieser Schlussfolgerung ist Wiederholung also Stillstand und daher inakzeptabel. Die St\u00fccke f\u00fcr die drei (offiziellen) Alben wurden aus einem jeweils aktuellen Fundus von ihm und dem Plattenlabel nach einem Punktesystem ausgew\u00e4hlt. Was nicht Gnaden in den Ohren der &#8220;Jury&#8221; fand, wurde, da <strong>Devens <\/strong>zudem den Anspruch hat, stets Aktuelles zu ver\u00f6ffentlichen, erbarmungslos vom Computer gel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Die Verbindung mit dem Label <em><a href=\"http:\/\/kraak.net\" target=\"_blank\">(K-RAA-K)3<\/a> <\/em>darf als eine gl\u00fcckliche bezeichnet werden. Gerade hat man im Headquarter in Gent auf den zehnj\u00e4hrigen Geburtstag mit <em>Nurse With Wound, Jac Berrocal <\/em>und <em>Maher Shalal Bash Haz <\/em>ansto\u00dfen k\u00f6nnen. Was mit <em>Toothpick <\/em>als Kassettenlabel begann, m\u00fcndete 1997 in die Gr\u00fcndung von <em>(K-RAA-K)3 <\/em>und in den Versuch Label, Distribution und Promotion f\u00fcr andere Musiker und Konzertorganisation parallel nebeneinander laufen zu lassen. Seit 2002 konzentriert man sich auf Label und dem Organisieren von Konzerten und wird mittlerweile auch staatlich (fl\u00e4misch) bezuschusst, wodurch sich nun neben der von <strong>Dave Driesmans <\/strong>zwei weitere Teilstellen finanzieren lassen. Auf drei ausgewiesen anspruchsvolle Festivals &#8211; <em>Pauze <\/em>und <em>Courtisane <\/em>in Gent bzw. Br\u00fcssel und <em>(K-RAA-K)3 <\/em>in Hasselt, kleinere Veranstaltungen in den belgischen Metropolen, dem Herausgeben des monatlich erscheinenden <em>Ruis<\/em> &#8211; Magazin und ein habes Dutzend Ver\u00f6ffentlichungen pro Jahr auf dem Label hat man sich nun eingependelt. F\u00fcr belgische Musiker abseits des G\u00e4ngigen, aber auch f\u00fcr internationale K\u00fcnstler, ist <em>(K-RAA-K)3 <\/em>eine der momentan ersten Adressen.<\/p>\n<p>Schnell tief im musikalischen Niemandsland von Drones, Psych, Minimalismus und Free Folk findet sich derjenige, der sich in den Katalog hineinh\u00f6rt. Die drei Alben von <em>Ignatz<\/em> sind pers\u00f6nliche Favoriten, aber auch die sich grimmige Vertreter des Death Metal geb\u00e4rdenden, musikalisch aber merkw\u00fcrdigerweise dann doom-folkigen <em>Silvester Anfang<\/em>. das zwischen Impro- und Ger\u00e4uschmusik fungierende <em>R.O.T.<\/em> &#8211; Ensemble, die sch\u00f6n-seltsame Einsiedler Psychedelicelectronica von <strong>Sami S\u00e4np\u00e4kkil\u00e4 <\/strong>aka <em>ES <\/em>ziehen nicht minder in den Bann. <em>TUK<\/em>, das Projekt von <strong>Guillaume Graux <\/strong>geht live Verbindung mit visuellen K\u00fcnstlern ein; die St\u00fccke sind vorwiegend aus zerh\u00e4ckselten und manipulierten Bausteinen aus Bekanntem entstanden und es wird zur Ratestunde eingeladen. Der Instrumentenbauer und Expunk <strong>Stef Heeren<\/strong> wirkt wie ein Sohn von Free-Folk-\u00dcbervater <strong>David<\/strong> <strong>Tibet\/Current 93<\/strong>. <em>Kiss The Anus Of A Black Cat<\/em> l\u00e4sst ein permanentes Augenzwinkern vermuten, lotet aber einen \u00e4hnlich globalen Spiritismus aus. <strong>Greg Malcom <\/strong>geh\u00f6rt zur jungen Generation von Gitarristen, die Improvisation im intellektuellen, Bailey&#8217;schen Sinn mit Folk verbinden.<\/p>\n<p>Und das n\u00e4chste <em>Ignatz<\/em> &#8211; Album? <em>Keiji Haino <\/em>sei ein weiterer wichtiger Einfluss, mit <em>Jack Rose <\/em>oder <em>Sunburned <\/em>kollaborierte er schon &#8211; das <em>(K-RAA-K)3 <\/em>&#8211; Netz macht es m\u00f6glich &#8211; aber noch ist <strong>Bram Devens<\/strong> mit Vorliebe Musiker und gleichsam talentierter Improvisierer in eigener Sache. Welche Drehungen und Wendungen das nehmen wird, interessiert hoffentlich nicht nur mich?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ignatz.be\" target=\"_blank\">Ignatz.be<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ignatz &#8211; The Gloom Of The Darkest Day Steigt man am Gare Du Nord aus dem Zug, bekommt man, sobald man der schmierigen Vorhalle entkommen ist und in den Himmel von Europas Hauptstadt blinzelt, einen ersten Eindruck von dem, was die Einheimischen Bruxellisation nennen. 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