{"id":728,"date":"2009-06-10T09:28:12","date_gmt":"2009-06-10T08:28:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=728"},"modified":"2014-04-26T09:07:09","modified_gmt":"2014-04-26T08:07:09","slug":"the-drowned-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/the-drowned-world\/","title":{"rendered":"The Drowned World &#8211; ein Nachruf"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em>J. G. Ballard<\/em><\/span><\/p>\n<p>&#8216;I sometimes think that in a sense we&#8217;re entering a New Dark Age. The lights are full on, but there&#8217;s an inner darkness&#8230;because we&#8217;re retreating into a sort of mind-set of our pre-rational forebears who lived in a kind of animist world where everything had a spirit &#8211; every twig, every stone in a stream&#8230; where questions of guilt and anxiety and fear and aggression ruled our reflexes.<\/p>\n<p>It&#8217;s an extraordinary development that someone working on the forefront of advanced science and technology should on Sunday put on a different hat, go off and listen to fables spun about a Palestinian resurrection cult 2000 years ago. It&#8217;s bizarre, in a way.&#8217; (JGB, conversation with V. Vale, Graeme Revell)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-742 alignleft\" title=\"drowned_world\" alt=\"drowned_world\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/drowned_world.jpg\" width=\"94\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/drowned_world.jpg 200w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/drowned_world-179x300.jpg 179w\" sizes=\"auto, (max-width: 94px) 100vw, 94px\" \/><\/p>\n<p><!--more-->Mit der Verfilmung des halb autobigraphischen, halb fiktiven (und sehr untypischen) Buches <em>&#8216;Empire Of The Sun&#8217;<\/em> durch Steven Spielberg verdiente sich <strong>James Graham Ballard<\/strong> seinen sp\u00e4teren Lebensunterhalt; sein Name schien f\u00fcr einmal zumindest den nachspannlesenden Kinog\u00e4ngern im deutschsprachigen Raum aufzufallen. Ansonsten ist sein Werk, das immerhin rund f\u00fcnfundzwanzig Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und eine Autobiographie umfasst, hier wohl nur Sammlernaturen der violetten SF-Suhrkamp-Reihe ein Begriff; Mitte der 1980er stellte man die \u00dcbersetzungen dann ganz ein. Merkw\u00fcrdig, denn in England, den U.S.A. oder in Frankreich war <strong>Ballard <\/strong>nicht nur f\u00fcr die Anh\u00e4nger von Science Fiction ein Vision\u00e4r; man sagte ihm generell nach, in seinem Werk immer wieder gesellschaftliche und naturwissenschaftlich-technische Ver\u00e4nderungen vorausgeahnt zu haben. Wie kein anderer zeitgen\u00f6ssicher Schriftsteller in den letzten f\u00fcnfzig Jahren inspirierte er auch immer wieder unterschiedlichste K\u00fcnstler der Avantgarde.<\/p>\n<p>Die biographischen Eckdaten &#8211; 1937 als \u00e4ltester Sohn eines britischen Ehepaares, das nach Schanghai emigrierte, geboren, nach dem Angriff auf Pearl Harbour in einem japanischen Gefangenenlager interniert, R\u00fcckkehr nach England, abgebrochenes Medizinstudium, ein Jahr Volont\u00e4r bei der RAF im tiefsten Kanada &#8211; halfen sicherlich, sein Talent und seine Imagination weiter zu schulen. Schlie\u00dflich verzichtete er auf s\u00e4mtliche konventionellen Karrierem\u00f6glichkeiten und beschloss, Schriftsteller zu werden (und ganz nebenbei, nach dem pl\u00f6tzlichen, unvorhergesehenen Tod seiner Frau Mary Mathews, seine drei Kinder alleine gro\u00dfzuziehen). <strong>Ballard<\/strong> ver\u00e4nderte Form und Themen seiner Kurzgeschichten und Romane in verschiedenen Phasen immer wieder, doch blieb seine Art des Schreibens immer unverkennbar.<\/p>\n<p>Ende der 5oer Jahre machte er sich durch seine ersten Kurzgeschichten in SF-Magazinen einen Namen, nur um einige Jahre sp\u00e4ter, vom Surrealismus inspieriert, den Ruf eines Provokateurs angeh\u00e4ngt zu bekommen. <em>Crash<\/em> und <em>The Atrocity Exihibtion<\/em> (mit dem sch\u00f6nen Kapitel &#8216;Why I want to fuck Ronald Reagan?&#8217;) waren wie sp\u00e4ter <em>High Rise<\/em> und <em>The Unlimited Dream Conspiracy<\/em> Bezugspunkte f\u00fcr die Avantgarde, sp\u00e4ter auch f\u00fcr Punk. Cabaret Voltaire, Ultravox, Joy Division, Daniel Miller nahmen, wie schon zuvor Bowie oder danach Klaxons, direkt bezug auf Ballard in ihren Titeln; dem NME dienten die Texte gut als Begleitung zu eigenen Idiosynkrasien. Inhaltlich passten seine Endzeitstudien und die unterk\u00fchlte, durch seltsame Metaphern eine befremdende und zefallende, hoch technisierte, aber degenerierte Zivilisation beschreibende Sprache zur Weltenlage. Die Aufarbeitung seiner Jugend und des Zweiten Weltkrieges brachte ihm, wie erw\u00e4hnt, die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit ein; in seinem Sp\u00e4twerk beschrieb er in weniger experimenteller Sprache, aber wie stets akurat und eben ballardistisch, unterschiedliche \u2018gated communities\u2019 , scheinbar h\u00f6heren Idealen nacheifernde Gruppen &#8211; Tiersch\u00fctzer, Naturfreaks in Feriendomizilen, Selbstverwirklichungszirkel, die sich innerhalb kurzer Zeit in faschistoide Sekten verwandeln sollten.<br \/>\nSeine wieder einmal luzide Prognose von der Entstehung scheinbarer Parallelwelten , die sich um die gro\u00dfen Metropolen zwischen Autobahnring und Shoppingmalls entwickeln und ihre eigenen Gesetze festlegen, inspirierte andere K\u00fcnstler, z.B. den psychogeographischen Schreiber Iain Sinclair, der in <em>&#8216;London Orbital<\/em>&#8216; nach aktuellen und verschollenen Spuren zwischen den Ausl\u00e4ufern der Stadt und dem Schnellverkehr suchte. Verfilmungen von Ballards Texten wurden einige versucht, doch \u00e4hnlich dicht lie\u00dfen sie sich visuell kaum umsetzen. Cronenbergs <em>&#8216;Crash&#8217;<\/em> und vor allem <em>&#8216;The Atrocity Exhibition&#8217;<\/em> von Jonathan Weiss (in der DVD-Edition gibt es als Extra ein Gespr\u00e4ch zwischen Weiss und Ballard zu den einzelnen Szenen) kommen ihnen jedoch am n\u00e4chsten und sind vor allem gute Filme.<\/p>\n<p>In den Achzigern kam es zwischen dem der San Franciscoer Punk- und Kunstszene entwachsenen Re\/Search &#8211; Verlag von V. Vale und Ballard zu einem intensiven Austausch, der seinen Namen in den Staaten wieder publik machte. Vale stellte durch die Re\/Search-Publikationen Verbindungen von Ballard zu Burroughs, von Industrial zu anderen von der breiten \u00d6ffentlichkeit als abseitig denunzierten Vertretern her, die \u00fcber Themen der Kunst, der Philosophie oder der Moden und deren Verh\u00e4ltnis zur Macht nachdachten. Ballards Werk durchziehende Themen &#8211; Technologie, Surrealismus, Langeweile, Kontrollzwang, grundlose Gewalt, entfremdete Naturbeobachtungen und neurotischer Sex passten zu den paranoid-wirkenden \u00dcberwachungsideen der Zeit, &#8211; die aber schneller Realit\u00e4t wurden als sie geschrieben waren. Ballard war zweifelslos der talentierteste Schriftsteller aus diesem Kreis, seine ungemein dichten Beschreibungen von tats\u00e4chlichen und imagin\u00e4ren Landschaften und Kontexten bleiben zeitlos beunruhigend und seine Sprache ist von bizarrer Sch\u00f6nheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J. G. Ballard &#8216;I sometimes think that in a sense we&#8217;re entering a New Dark Age. 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