{"id":705,"date":"2009-06-19T01:04:19","date_gmt":"2009-06-19T00:04:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=705"},"modified":"2009-09-18T19:48:01","modified_gmt":"2009-09-18T18:48:01","slug":"british-ghost-stories-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/british-ghost-stories-1\/","title":{"rendered":"British Ghost Stories 1"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"color: #00ff00;\">Mount Vernon Arts Lab &#8211; The S\u00e9ance At Hobs Lane<\/span><\/em><\/p>\n<p><em>\u2018&#8230;the forthcoming end of the world will be hastened by the construction of underground railways burrowing into infernal regions and thereby disturbing the Devil.\u2019<\/em><br \/>\nRev. Dr. John Cumming 1860 (Zitat \u2018<em>The S\u00e9ance at Hobs Lane\u2019 <\/em>(Ghost Box 09)<\/p>\n<p>Anfang des 19. Jahrhunderts erwarb der Tabakh\u00e4ndler <strong>Joseph Williamson<\/strong> ein gro\u00dfes St\u00fcck Land im  Edge Hill &#8211; Bezirk von Liverpool, auf dem er zahlreiche H\u00e4user in zum Teil exzentrischer Anordnung und Form, scheinbar ohne festen Plan errichten lie\u00df. Anschlie\u00dfend hie\u00df er eine Hundertschaft Arbeiter G\u00e4rten mit bogenf\u00f6rmigen Terrassen zu bauen. Bis 1840, dem Jahr seines Todes, konzentrierte er sich dann auf die Umsetzung seiner bizzarsten Idee: Unter seinem Grundst\u00fcck konstruierte er, einem albtraumhaften Labyrinth gleich, eine Vielzahl geheimer Tunnel, gro\u00dfer Hallen und G\u00e4nge, wiederum ohne offensichtlichen Zusammenhang. Das ganze System ist grotesk und spottet jeglicher Beschreibung.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?page_id=258&amp;album=all&amp;gallery=2\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-834\" title=\"estate\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/estate-150x150.jpg\" alt=\"estate\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n\u00dcber die Beweggr\u00fcnde <strong>Williamsons <\/strong>wurde sp\u00e4ter heftig spekuliert und die Mutma\u00dfungen sind ebenso zahlreich. Sollten die Tunnel als R\u00fcckzugsort f\u00fcr ihn und seine Freunde konstruiert worden sein, da er vielleicht einer obskuren Sekte angeh\u00f6rte und auf den Tag der Apokalypse wartete; diente er Schmugglerzwecken oder wollte er, in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, einfach seine Arbeiter weiter besch\u00e4ftigen und ihnen den Gang zur Wohlfahrt ersparen?<\/p>\n<p>Die Situationistische Internationale ver\u00f6ffentlichte 1953 einen Essay von I<strong>van Chtcheglov<\/strong>, in dem er \u00fcber die <em>\u2018Formel f\u00fcr einen Neuen Urbanismus\u2019 <\/em>schrieb und eine radikale Ann\u00e4herung an die Architektur propagierte. Die zeitgen\u00f6ssische Architektur sei phyisch und ideologisch restriktiv, es brauche eine Interaktion mit der Umwelt. Die Ideen blieben aber im Abstrakten h\u00e4ngen.<br \/>\nPsychogeographie wurde dann als Begriff von <strong>Guy Debord <\/strong>eingef\u00fchrt und als \u2018Studie \u00fcber die  Gesetze und spezifischen Auswirkung der geographischen Umgebung, bewu\u00dft oder unbewu\u00dft angeordnet, auf die Emotionen und die Verhaltensweisen der Individuen.\u2019 definiert. Es ging aber auch darum, voraussehbare und gewohnte Pfade zu verlassen und dadurch ein neues Bewu\u00dftsein zu erlangen. Als Mittel dazu schlug Debord <em>\u2018d\u00e9rive\u2019<\/em> vor. Alles was einen vom normalen Weg\u00a0 abbringt, ver\u00e4ndert den subjektiven Blick auf Stadtlandschaften, <em>\u2018d\u00e9rive\u2019<\/em> ist eine spielerische und forschende Strategie, um St\u00e4dte neu zu entdecken.<\/p>\n<p>Verschiedene Gruppen,  &#8211; aus K\u00fcnstler-, Akademie- und revolution\u00e4ren Kreisen, vor allem in Gro\u00dfbritannien, besch\u00e4ftigen sich seit den 1980er wieder intensiv mit Psychogeographie und den Situationisten, stellen Querverbindungen von den Urahnen wie <em>Baudelaire, William Blake, Thomas de Quincy <\/em>\u00fcber Kunstbewegungen wie DADA und Surrealismus zu anderen Schl\u00fcsselfiguren wie <em>Walter Benjamin, J.G. Ballard oder Iain Sinclair <\/em>her.<br \/>\n<strong> Iain Sinclair <\/strong>beispielsweise lieferte mit <em>\u2018London Orbital\u2019<\/em> ein zentrales Buch der aktuellen Psychogeographie ab, das die luzide Prosa eines Ballard mit dem Sprachton eines Reisef\u00fchrers verbindet. Sinclair umwanderte den Londoner Autobahnring und stie\u00df immer wieder auf eine bizarre, verdichtete suburbane Landschaft, in der sich Industrie- und Lagerhallen, umgewandelte Institutionen, stacheldrahtumz\u00e4unte Regierungsgeb\u00e4ude, versch\u00fcttete D\u00f6rfer, Shopping Malls, Golfpl\u00e4tze, mittelalterliche Kirchen oder freies Gel\u00e4nde, das als Einsatz von Spekulanten dient, mischt und eine neue, chaotische Struktur bildet. Seine <em>\u2018acoustic footprints\u2019<\/em> werden vom zeitgem\u00e4\u00df- meditativen Rauschen des nicht abrei\u00dfenden Verkehrs auf dem Autobahnring begleitet.<\/p>\n<p><strong>Drew Mulholland <\/strong>hat derzeit den Status eines <em>\u2018Composer in Residence\u2019 <\/em>im Department of Geographical and Earth Sciences an der University of Glasgow inne. Zu dieser Ehre kam er, laut einem Interview mit Plan B aber \u00fcber Umwege. Durch die paranoide und pessimistische BBC Sixties-Kultserie <em>\u2018Quatermass And The Pit\u2019<\/em> inspiriert, die in einer fiktiven Londoner Untergrundstation spielt, in der ein millionenjahrealtes Raumschiff mit toten Aliens entdeckt wird, stellte sich Mulholland vor wie es wohl w\u00e4re, wenn man an einem solchen Ort sich zu einer S\u00e9ance einfinden w\u00fcrde. Die Musik auf <em>\u2018The S\u00e9ance At Hobs Lane\u2019 <\/em>klingt dann auch einem Vordringen durch ein verschlungenes, mysteri\u00f6ses Labyrinth unter der Erde gleich, in dem an jeder Biegung oder Abzweigung neue \u00dcberraschungen oder Gefahren lauern und in dem sich mysteri\u00f6se, geheime Gesellschaften treffen k\u00f6nnten. Au\u00dfer Mulholland fanden sich zu dieser S\u00e9ance <em>Isobel Campell<\/em>, deren einsames Cello sich mit geheimnisvollem elektronischem Nebel mischt, <em>John Cavanagh, Norman Blake<\/em> (von Teenage Fanclub), Portisheads <em>Adrian Utley<\/em>, <em>Barry 7<\/em> von Add N to (X)  und <em>John Balance<\/em> (Coil) ein. Im Gegensatz zur \u2018hidden english reverse\u2019, wie manche den humorlosen Zweig des britischen Post-Industrials zusammenfassen, wimmelt es hier von Anspielungen und ironischen bis phantastischen Querverweisen.  <em>\u2018The album is all about unterground London. Victorian skullduggery, opium dens, underground shelters built during the war, secret societies&#8230;\u2019<\/em> hei\u00dft es in den Linernotes.<br \/>\nNach dem Erscheinen des Albums wurde Mulholland, wie er sagt, immer wieder darauf angesprochen, ob er sich mit Pychogeographie befassen w\u00fcrde. Er musste erst mal forschen, der Zusammenhang war ihm dann aber klar. Das Album wurde vom k\u00fcnstlerisch ambitionierten <strong>Ghost Box <\/strong>Label wiederver\u00f6ffentlicht, nachdem es f\u00fcnf Jahre nicht erh\u00e4ltlich war und Mulholland sich in dieser Zeit auch aus existentielllen Gr\u00fcnden von der Musik abwandte, was ihm den Weg zur\u00fcck zur Musik erst erm\u00f6glichte. Psychogeographie bleibt also Thema, ein Buchprojekt diesbez\u00fcglich ist im Entstehen, ein Nachfolger f\u00fcr <em>The Mount Arts Lab <\/em>und ein Projekt mit dem lange Zeit abgetauchen <strong>Paul Simpson <\/strong>\/ <em><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=760\" target=\"_self\">The Wild Swans<\/a> <\/em>aus der Liverpooler Post-Punk- Szene gleichfalls.<\/p>\n<p><strong>Julian House <\/strong>gestaltet u.a. die ikonischen, retro-futuristischen H\u00fcllen f\u00fcr die Birminghamer Band Broadcast, zu deren verf\u00fchrerischen Musik, gespeist aus vertr\u00e4umt-verhuschten Fernsehmelodien, elektronischen Kl\u00e4ngen, obskuren Samples und einer melancholisch-unterk\u00fchlten Stimme, sie perfekt passen.<br \/>\nMit <strong>Jim Jupp <\/strong>gr\u00fcndete er 2004 dann <em>Ghost Box<\/em>. <em>Ghost Box <\/em>ist als Metapher f\u00fcr den Fernseher zu verstehen, und nomen est omen. Optik und Musik der nun ein rundes Dutzend umfassenden Ver\u00f6ffentlichungen &#8211; hinter <em>The Advisory Circle, The Focus Group, Bellbury Poly, Eric Zann <\/em>und deren wahnwitzigen, minimalistischen H\u00f6rspielen verbergen sich House, Jupp und deren Freundeskreis &#8211; <em>The Mount Arts Lab <\/em>f\u00e4llt da aus dem Rahmen -. Alle Ver\u00f6ffentllichungen spielen mit den erzieherischen, schulbuchartig aufgemachten Telekollegserien und Radiophonic Workshops der BBC aus den 60ern und 70ern, bei deren musikalischen Gestaltung sich oftmals Genies wie <em>Basil Kirchin, Delia Derbyshire, Ron Geesin <\/em>u.a. hinter den Kulissen verbargen, die hier ungehindert ihrem Geschmack f\u00fcr seltsame, oftmals auch akademisch inspirierte Kl\u00e4nge ausleben durften und daf\u00fcr auch noch ordentlich bezahlt wurden. Weitere Vorlieben von <a href=\"http:\/\/www.ghostbox.co.uk\" target=\"_blank\"><em>Ghost Box<\/em><\/a> wie die Grusel und Geistergeschichten von <em>Lovecraft <\/em>(<em>Eric Zann<\/em> ist ein direkter Verweis) und <em>M.R. James<\/em> und mythenbesetzte Landschaften lassen sich gleichfalls wunderbar in einen \u00fcberbritischen, hochgebildeten und ironischen Kontext \u00fcbertragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mount Vernon Arts Lab &#8211; The S\u00e9ance At Hobs Lane \u2018&#8230;the forthcoming end of the world will be hastened by the construction of underground railways burrowing into infernal regions and thereby disturbing the Devil.\u2019 Rev. Dr. John Cumming 1860 (Zitat \u2018The S\u00e9ance at Hobs Lane\u2019 (Ghost Box 09) Anfang des 19. Jahrhunderts erwarb der Tabakh\u00e4ndler [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,60,61],"tags":[],"class_list":["post-705","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-british-ghost-stories","category-mount-vernon-arts-labghost-lab"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/705","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=705"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/705\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":839,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/705\/revisions\/839"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}