{"id":536,"date":"2009-04-12T16:30:17","date_gmt":"2009-04-12T15:30:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=536"},"modified":"2011-07-16T22:43:25","modified_gmt":"2011-07-16T21:43:25","slug":"frankreich-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/frankreich-2\/","title":{"rendered":"Bandes Sonores Fran\u00e7aises 2"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"color: #00ff00;\">Les Disques Du Soleil Et L&#8217;Acier<\/span><\/em><\/p>\n<p>Eines Tages, so die Anekdote, betraten zwei gestylte Jugendliche den sagenumwobenen <em>Wave<\/em> &#8211; Plattenladen in der Rue De Soeurs Macaron in Nancy, um vielleicht nach dem neuesten Hype zu suchen. Im Gesch\u00e4ft lief gerade die CD einer japanischen Noise-Band und die Disharmonien veranlasste einen der Beiden zu der Bemerkung, was das denn f\u00fcr eine Schei\u00dfe sei? Woraufhin der Ladeninhaber die Lautst\u00e4rke bis zur Unertr\u00e4glichkeit hochdrehte, bis die Beiden die Flucht ergriffen. Der Ladeninhaber war und ist <strong>G\u00e9rard Nyuyen<\/strong>, 1951 als Sohn eines vietnamesischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren und schon fr\u00fch vom Morbus Musica Experimentalis befallen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1137\" title=\"dsa\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/dsa-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/dsa-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/dsa-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/dsa.jpg 396w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit einer traditionell eigenwilligen Position gegen\u00fcber den stilpr\u00e4genden US-amerikanischen und britischen unabh\u00e4ngigen K\u00fcnstler und Labels, versuchten die frankophonen Vertreter der Free Music und der Punks Ende der 1970er Jahre auf aktuelle Tendenzen der Subkultur zu reagieren. <em>Illusion Prod., Nato, Ayaa <\/em>oder <em>Tago Mago <\/em>versprachen bez\u00fcglich Design und Grad an Exzentritit\u00e4t Verhei\u00dfungen und verkn\u00fcpften Musik ohne Scheuklappen mit Kunst &#8211; und Philosophiereferenzen. 1984 gegr\u00fcndet ist <strong>G\u00e9rard Nguyens&#8217;<\/strong> Label heute allerdings eine der wenigen noch existierenden Firmen aus dieser Zeit mit Avantgarde-Ausrichtung (und auch <strong>Les Disques Du Soleil Et L&#8217;Acier<\/strong> hat zu k\u00e4mpfen; die Ver\u00f6ffentlichungen sind in den letzten Jahren sp\u00e4rlicher geworden, der Laden in Paris musste geschlossen werden). Der Katalog liest sich heutzutage wie ein Kompedium der alternativen Avantgardestr\u00f6mungen der letzten 25 Jahre. <strong>DSA<\/strong> war eines der ersten Labels, das sich um japanische K\u00fcnstler bem\u00fchte und dies ist bis heute der Schwerpunkt in einem ansonsten hybriden Programm geblieben.<\/p>\n<p>&#8216;Die Gr\u00fcndung von <strong>DSA<\/strong> war irgendwie eine logische Konsequenz einer langen Vorgeschichte. Nachdem ich wie die meisten, die Anfang der 50er Jahre geboren wurden, zuerst die einheimische Popmusik &#8211; <em>Johnny Hallyday<\/em>, selbstverst\u00e4ndlilch! &#8211; und sp\u00e4ter f\u00fcr die britischen und US-amerikanischen Beatgruppen schw\u00e4rmte, interessierte ich mich im Laufe der Zeit immer mehr f\u00fcr experimentellere Musik: Soft Machine, fr\u00fche Pink Floyd, Velvet Underground, Eno usw. In Nancy konnte man zu Beginn der 70er Jahre allerdings keine dieser Gruppen live sehen, weil sie niemand veranstaltete, wie man auch die wichtigen Filme dieser Zeit nicht sehen konnte. So dachten einige Freunde und ich, dann m\u00fcssen wir das eben selbst in die Hand nehmen. 1973 gr\u00fcndeten wir die Non-Profit-Organisation <strong>ATEM<\/strong> und veranstalteten zuerst ein kleines Film-Festival, das eine gute Resonanz fand. Als erstes Konzert organisierten wir <em>CAN<\/em>. Es entwickelte sich dann das <em>Atem-Magazine<\/em>, das von 1975-79 existierte und sich mit den experimentellen Gruppen dieser Zeit auseinandersetzte. Das Magazin wurde dann eingestellt, aus Gr\u00fcnden, die jeder Herausgeber solcher Publikationen nicht ungekannt sind: fehlende Mitarbeiter, Distributionsprobleme, Erm\u00fcdungserscheinungen etc., zudem musste man sich damals noch mit der Steinzeittechnik (Schreibmaschine, Layout in Handarbeit etc.) herumschlagen. Aufgrund der vielen Kontakte mti Musikern, die sich aus der Fanzinearbeit ergaben, dr\u00e4ngte es sich irgendwann auf, ein Label zu gr\u00fcnden. <em>Univers Zero, Art Zoyd, Fall Of Saigon<\/em> erschienen beispielsweise auf <em>Atem Records<\/em>. Ich zog dann mit einigen Freunden nach Paris, von dort aus sich die Distanz zu London deutlich verringerte. Bei <em>Recommended Records<\/em> sprach ich mit Chris Cutler, der sich zwar als gestrenger Kommunist \u00fcber mein Throbbing Gristle &#8211; Badge mokierte, mir aber u.a. die erste This Heat &#8211; Platte vorspielte, die ich ganz au\u00dferordentlich fand. Im damaligen Recommended &#8211; Studio Cold Storage in Brixton bekam ich innerhalb von f\u00fcnf Minuten von Charles Hayward die Lizenzrechte f\u00fcr die Platte. Ungef\u00e4hr 1980 ging ich aus finanziellen Gr\u00fcnden zur\u00fcck nach Nancy, <em>Atem Records<\/em> existierte nicht mehr, und betreute u.a. das New Wave &#8211; Duo KAS-Product. 1984 gr\u00fcndete ich dann <strong>DSA<\/strong>.&#8217;<\/p>\n<p>&#8216;Was sich meiner Meinung nach in den zwanzig Jahren <strong>DSA<\/strong> am auff\u00e4lligsten ver\u00e4ndert hat, ist, dass die heutige junge Generation viel weniger neugierig ist als wir es zu unserer Zeit waren. Deswegen besteht heute auch keine Nachfrage mehr nach Informationen \u00fcber Musiker, die fr\u00fcher Fanzines und kleinere Magazine lieferten. Es wird auch keine Musik mehr gesammelt. Wenn fr\u00fcher die Fans von einem K\u00fcnstler, den sie sch\u00e4tzten auch die nicht so gelungenen Alben aus Verbundenheit kauften, wird heute vor allem, auch von den noch an experimentellen Sachen Interessierten, die gerade aktuelle Musik querbeet gekauft und das meist per Internet. Dazu kommt, dass die kleinen L\u00e4den nach und nach aussterben und es somit immer weniger Orte gibt, um Musik entdecken zu k\u00f6nnen bzw. scih beraten zu lassen. Die Auswahl in den gro\u00dfen Ketten wie FNAC wird einerseits immer kleiner, obwohl auf der anderen Seite immer mehr Musik ver\u00f6ffentlicht wird, die wiederum keinen Vertrieb findet. Auch sa\u00dfen fr\u00fcher selbst bei den Majors noch Leute, die sich f\u00fcr Musik interessierten und nicht nur f\u00fcr den Barcode. Diese Gr\u00fcnde haben dazu gef\u00fchrt, dass die Situation f\u00fcr ein Label nciht einfacher geworden ist, au\u00dfer vielleicht in Japan, wo die Lage erstaunlicherweise noch anders ist. Merkw\u00fcrdigerweise argumentieren die sogenannten Independent-Vertriebe mit den gleichen Meinungen wie die Majors und nehmen auch nur noch die g\u00e4ngigen Titel in ihr Sortiment. Trotzdem, finde ich, darf man sich nicht von diesem allgemeinen Gejammer anstecken lassen und muss sein Ding durchziehen.&#8217;<\/p>\n<p>&#8216;Ver\u00f6ffentlichungen von <strong>DSA<\/strong> m\u00fcssen billig in der Herstellung sein. Oft ist das ein Zwiespalt. Wenn ich z.B. ein Album von <em>Lee Ranaldo<\/em> ver\u00f6ffentlichen will, muss ich mir \u00fcberlegen, was ich ihm als Vorschuss offerieren kann, da ich doch genau weiss, dass ich trotz seines Bekanntheitgrades maximal 2000 Exemplare, und das \u00fcber einen langen Zeitraum gerechnet, verkaufen werde. Andererseits, macht sich eine Name wie<em> Lee Ranaldo<\/em> nat\u00fcrlich gut im Katalog. Das Independent-Business ist letztlich wie jedes andere. Achzig Prozent meiner Arbeit ist langweilige B\u00fcroroutine, aber immerhin gibt es zwanzig Prozent, f\u00fcr die sich das ganze Engagement lohnt. Letztlich bin ich immer noch Fan und meine Arbeit erm\u00f6glicht mir, mit den Musikern zu arbeiten, die ich sch\u00e4tze. Und das einzige Kriterium, ob ich ein Album ver\u00f6ffentliche oder nicht, ist f\u00fcr mich die Qualit\u00e4t der Musik. Die K\u00fcnstler, mit denen ich zusammenarbeite, sind alles erwachsene Menschen, d.h. ich w\u00fcrde mich nie in die Produktion einmischen, sie wiederum wissen, dass ich das m\u00f6glichste tun werde, um die CD zu verkaufen, und dass die Verkaufszahlen im Schnitt 2000 Exemplare nicht \u00fcberschreiten werden. Andererseits hat es sich oft gezeigt, dass Majors diese Art von Musik noch weniger verkaufen k\u00f6nnen, weil ihnen die Erfahrung mit <em>schwierigen Titeln<\/em> fehlt.&#8217;<\/p>\n<p>&#8216;<strong>Les Disques Du Soleil Et L&#8217;Acier<\/strong> ist die franz\u00f6sische \u00dcbersetzung von einem von <em>Yukio Mishimas<\/em> beiden autobiographischen B\u00fcchern &#8211; das andere ist <em>&#8216;Gest\u00e4ndnis einer Maske&#8217;<\/em>. Meine Beziehung zu <em>Mishima<\/em> und Japan ist eine ganz pers\u00f6nliche. Schon als ich sehr jung war, habe ich mich f\u00fcr Japan begeistert. Ich kann mich noch erinnern als ob es heute w\u00e4re, als 1964 die Olympischen Spiele in Tokyo stattfanden. Meine Eltern hatten gerade den ersten Fernseher, nat\u00fcrlich ein Schwarz-Weiss Ger\u00e4t, f\u00fcr diesen Anlass gekauft. In der Vorberichterstattung zu den Sportereignissen gab es eine Dokumentation \u00fcber japanische Popmusik. Dort gab es einige Gruppen, die die Hits westlicher Gruppen wie die der Beatles mehr schlecht als recht imitierten. Aber wie sie es machten, die Gestik und die Art der Interpretation war von einer ganz eigenen, faszinierenden Aura. Das war der Ursprung meiner Affinit\u00e4t f\u00fcr Japan. Dann kamen nat\u00fcrlich die Filme und die Musik in den 70ern, <em>Sakamoto<\/em> und vor allem die Literatur. Ich glaube, es gibt ein ziemliches Missverst\u00e4ndnis bez\u00fcglich <em>Mishima<\/em>. F\u00fcr mich ist er in erster Linie ein sehr guter Autor, und <em>&#8216;Taij\u00f4 To T<\/em>etsu&#8217; <em>(<\/em>Sonne und Stahl) im Speziellen, das sich mit dem Gegensatz von Geist und K\u00f6rper, dem Schreibwerkzeug und dem Schwert, letztlich der Kunst und der Aktion auseinandersetzt, ist ein wichtiges Buch f\u00fcr mich. Als ich 1984 einen passenden Namen f\u00fcr mein Label suchte, war dieser Kontext naheliegend. Wie kontrovers die Person <em>Mishima<\/em> in der japanischen \u00d6ffentlichkeit, speziell nat\u00fcrlich innerhalb Intelektuellen- und Musikerkreisen, gesehen wird,  wurde mir erst sp\u00e4ter bewusst &#8211; ich reise ja seit 1987 jedes Jahr nach Japan und habe mittlerweile auch die Sprache gelernt &#8211; als z.B. <em>A-Musik<\/em> mich darauf ansprachen und es nicht verstehen konnten, warum ich gerade diese Referenz als Name und Logo gew\u00e4hlt hatte. Mittlerweile w\u00fcrde ich meinen, wird die Person <em>Mishima<\/em> allerdings auch in Japan offener und weniger einseitig diskutiert. \u00dcbrigens, die Japaner, die ich kenne, verf\u00fcgen \u00fcber ein unglaubliches Wissen, auch \u00fcber die westliche Avantgarde, Film, Philosophie, Namen wie Jean-Marie Straub oder Deleuze, meist wissen sie mehr als ich oder meine einheimischen Freunde \u00fcber die franz\u00f6sische Avantgarde.&#8217;<\/p>\n<p>&#8216;Die meisten Projekte kommen aufgrund von Koinzidenzen zustande, wie das Mitwirken von P.J. Harvey auf dem letzten <em>Pascal Comelade<\/em> &#8211; Album auf <strong>DSA<\/strong>, wie der Kontakt zu <em>Nick Tosches<\/em> oder die Zusammenarbeit mit <em>Silvayn <\/em>Chauveau<em> <\/em>mit dem Schriftsteller Mark Z. Danielewski, die demn\u00e4chst ver\u00f6ffentlicht wird. Das erste Album von <em>Phew<\/em> gr\u00fcndet auf eine besonders kuriose Anekdote. Als wir 1980 ein Konzert von Art Zoyd in Nancy veranstalteten, kam ich per Zufall mit einem Japaner ins Gespr\u00e4ch, der die Veranstaltung besuchte und jede Menge gro\u00dfe Koffer mit sich herumtrug. Er sagte, dass er G\u00e9rard von Atem Records suche und ob ich ihm weiterhelfen k\u00f6nne. Als ich ihm sagte, dass ich G\u00e9rard w\u00e4re, meinte er, er m\u00f6chte Platten (damals war noch das Vinyl-Zeitalter) kaufen. Ich ging dann mit ihm noch Samstagnacht in den Laden und er kaufte gro\u00dfe Mengen von meinem Label, die er in den Koffern verstaute. Mit ein paar Freunden zusammen half ich ihm dann die Platten zum Bahnhof tragen und er fuh nach Paris zur\u00fcck, wo er w\u00e4hrend seines Aufenthaltes wohnte. Montags kam er \u00fcberraschenderweise nach Nancy zur\u00fcck und brachte mir einen ganzen Stapel japanischer Platten, alle von damals in Europa noch unbekannten K\u00fcnstlern, wie die erste Boredoms-Single, A-Musik und auch <em>Phew<\/em>. Von <em>Phew <\/em>war ich enorm fasziniert und ich faxte unmittelbar einen Brief an die angegebene Nummer, indem ich anbot, die Platte in Frankreich zu ver\u00f6ffentlichen. Es kam nie eine Reaktion. Jahre sp\u00e4ter sprach ich mit einem befreundeten Musiker in Japan, der meinte, die Platte sei wohl auch in Japan vergriffen und das Label &#8216;out of business&#8217;, also abgehakt!. 1991 war ich mit <em>Pascal Comelade<\/em> in Tokyo, um die Ver\u00f6ffentlilchung von <em>&#8216;Ragazzin The Blues&#8217;<\/em> in zu promoten. Nach einem Konzert, auf der Abschlussparty, bevor wir wieder zur\u00fcckfliegen wollten, kam ich ins Gespr\u00e4ch mit einem Mitarbeiter einer japanischen Musikfirma und erz\u00e4hlte ihm die Geschichte. Daraufhin meinte er, du hast Gl\u00fcck, ich habe gerade die Rechte des verblichenen Labels erstanden und du kannst das Master haben, kostenlos! So kam ich durch eine merkw\u00fcrdige Kette von Zuf\u00e4llen zum ersten <em>Phew<\/em> &#8211; Album.&#8217;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Les Disques Du Soleil Et L&#8217;Acier Eines Tages, so die Anekdote, betraten zwei gestylte Jugendliche den sagenumwobenen Wave &#8211; Plattenladen in der Rue De Soeurs Macaron in Nancy, um vielleicht nach dem neuesten Hype zu suchen. 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