{"id":534,"date":"2009-04-04T16:29:45","date_gmt":"2009-04-04T15:29:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=534"},"modified":"2011-01-27T14:08:41","modified_gmt":"2011-01-27T13:08:41","slug":"frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/frankreich\/","title":{"rendered":"Bandes Sonores Fran\u00e7aises 1"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"color: #00ff00;\">Catherine Ribeiro &#8211; Libert\u00e9s?<\/span><\/em><\/p>\n<p>&#8216;<em>J&#8217;ai tant \u00e9crit sur la beaut\u00e9, l&#8217;amour, l&#8217;inexplicable, le jardin int\u00e9rieur, j&#8217;ai souvent et si longtemps ouvert mes bras \u00e0 l&#8217;ind\u00e9fendable qu&#8217;il ne me reste qu&#8217;un peu de chair sur les os&#8217; C.R.. 1999<\/em><\/p>\n<p>Als <strong>Catherine Ribeiro<\/strong> am 7. Oktober 2005 im altehrw\u00fcrdigen Theater ihres Wohnortes Charleville &#8211; Mezi\u00e8res nach mehreren Jahren B\u00fchnenabstinenz ein Programm mit Neuinterpretationen von St\u00fccken, die mit dem Kollektiv <em>Alpes<\/em> in den Siebzigern entstanden waren, pr\u00e4sentiert, mobilisiert sie nicht nur ihre Anh\u00e4nger in der Ardennenstadt, sondern auch viele Intellektuelle und politisch Motivierte aus ganz Frankreich und dem Ausland.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1135\" title=\"ribeiro_liberte\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/ribeiro_liberte-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/ribeiro_liberte-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/ribeiro_liberte-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/ribeiro_liberte.jpg 343w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Denn <em>C.R. chante Alpes<\/em> verspricht nicht weniger als die Erneuerung eines Mythos; den n\u00e4mlich, dass Experimentelle Musik, linksradikale Ideale und die Chance auf eine Wendung der Dinge zum Guten scheinbar miteinander zu tun haben k\u00f6nnten und nicht f\u00fcr elit\u00e4r oder schlicht naiv gehalten w\u00fcrden.  <strong>Ribeiro <\/strong>wird ihrem Ruf an diesem Abend gerecht, obwohl sie, von Lampenfieber geplagt, das Konzert mehrmals unterbrechen muss. Doch ist das Aufbruchdenken, wenn nicht Resignation doch einer gewissen Ern\u00fcchterung gewichen, das k\u00f6nnen auch die gestrafften Neuinterpretationen nicht verhindern.  Dokumentiert findet man das Programm auf dem selbstverlegten Album <em>&#8216;Alpes Live Int\u00e9gral&#8217;<\/em>, aufgenommen bei einem Konzert in Paris im Februar 2007.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerinnen wie <strong>Fran\u00e7oiz Breut<\/strong>, <strong>Camille<\/strong> oder <strong>Keren Ann<\/strong> begleiten die seit einiger Zeit stark florierende Szene des <em>Nouvelle Chanson.<\/em> Nouvelle auch deshalb, weil dabei au\u00dfer den traditionellen Einfl\u00fcssen der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen Elemente aus Folk, Elektronik und experimentellen Spielformen einflie\u00dfen. Eine Abkehr von der \u00c4sthetik der depersonifizierten Instrumentalmusik hin zur Liedform und introspektivischen, poetischen Inhalten ist ja auch z.B. in den USA (Paw Tracks &#8211; Label, Alternative Country, Anti-Folk), England (Fat Cat, Leaf oder gar Warp) oder, verwandter, Portugal (Novo Fado) quer durch alle Genres auszumachen. Diese Offenheit f\u00fcr etwaige Hybridformen k\u00f6nnte, um den Blick wieder auf Frankreich zu richten, auch den (ewigen) Au\u00dfenseitern des frankophonen Chanson-Universums, die in der Vergangenheit auch durch das Raster der Subkulturen fielen, zu sp\u00e4tem Kredit verhelfen. Immerhin, die in Paris residierende (und nur dort denkbare) Bretonin <strong>Brigitte Fontaine<\/strong> hat sich die hochartifizielle Figur der spleenigen und exzentrischen Diva erschaffen und zeigt sich stets am Puls der angesagten Avantgarde-Trends &#8211; die Zusammenarbeit mit dem <strong>Art Ensemble Of Chicago<\/strong> (1970) und mit <strong>Sonic Youth<\/strong> und <strong>Jim O&#8217;Rourke <\/strong>(2001) zeugen beispielsweise davon. <strong>Colette Magny<\/strong> bewegt sich im intellektuellen Zirkel der Pariser Jazz- und Improvisationsszene; <strong>Albert Marcoeur <\/strong>hat \u00fcber die Jahrzehnte das Eigenbr\u00f6tlerdasein schlechthin kultiviert und unterh\u00e4lt ein eigenes Sounduniversum (Studio, Label).<\/p>\n<p><strong>Catherine Ribeiro<\/strong> wiederum ist auch im \u00fcberschaubaren Kreis der <em>&#8216;anderen Musik&#8217;<\/em> eine Randfigur geblieben. Ihre (raren) Auftritte und (regelm\u00e4\u00dfige) Platten werden zwar zur Kenntnis genommen, aber meist nur, wenn sie ihr eigenes Repertoire um klassisches Liedgut erweitert und in irgendeinem franz\u00f6sischen Kulturinstitut auftritt. In den 1980er Jahren, als ich Dank einer Restposten-Doppel-LP auf ihre Musik aufmerksam wurde und nach weiterem Material forschte, waren ihre Platten selbst in Frankreich praktisch unauffindbar. \u00c4hnlich unw\u00e4gbar schienen die M\u00f6glichkeiten Informationen \u00fcber ihr Schaffen zu erhalten oder mit ihr Kontakt aufzunehmen. Selbst das allwissende Netz scheiterte \u00fcbrigens sp\u00e4ter kl\u00e4glich. Nun aber lassen sich mit der vier CDs umfassenden Kompilation der Jahre 1965-83 <em>&#8216;Libert\u00e9s?&#8217; <\/em>(Mercury France) einige (meine) Wissensl\u00fccken schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Fotographie auf der H\u00fclle dieser buchformatigen, mit dickem Beiheft und einem aufschlussreichen Text von Pau Guerrero versehenen Edition zeigt <strong>Catherine Ribeiro<\/strong> bei einem Auftritt und k\u00f6nnte, bewu\u00dft klischeebehaftet gesehen, das Standbild eines Nouvelle Vague &#8211; Klassikers sein. Die Augen geschlossen, die geballte linke Faust gereckt, suggeriert die Aufnahme eher poetische Entr\u00fccktheit als politische Manifestation. Beide Eindr\u00fccke sind nicht falsch. Die engagierte (wir schreiben die 1970er Jahre), in ihren Kommentaren stets dezidiert politische S\u00e4ngerin, verlor sich in ihren Texten nie in zeitgebundenen Slogans, sondern w\u00e4hlte den Weg der Abstraktion, w\u00e4hrend wiederum ihre Vortragsweise meisterlich mit krass gegens\u00e4tzlichen emotionalen Zust\u00e4nden spielte.<\/p>\n<p>In der Peripherie von Lyon, <em>&#8216;zwischen der Route Nationale 7 und der Rhone im Dunst der Petrochemie&#8217;<\/em> als Tochter portugiesischer Immigranten geboren und aufgewachsen, verbrachte sie ihre Kindheit in teils extremer Armut. Der Vater, unterbezahlter Arbeiter in einer Fabrik, brachte die Familie nur m\u00fchsam durch und zeigte sich zunehmend verzweifelt. Sie nutzte die Bildung als einzig m\u00f6glichen Ausweg aus der Misere und fand sich durch Aragon, Baudelaire, Rimbaud, Apollinaire und Lorca in ihrem politisch-\u00e4sthetischen (Ge-) Wissen best\u00e4rkt. Auch ihr k\u00fcnstlerisches Talent erwachte, bei einem Wettbewerb f\u00fcr Gedichte gewann sie einen Preis (der Begleitbrief war von Jean Cocteau unterzeichnet!). 1959 besuchte sie die Schauspielschule in Lyon und zog dann nach Paris. 1962 spielte sie eine Partisanin in Godards <em>&#8216;Les Carabiniers&#8217;<\/em> und 1963 in einem <em>europ\u00e4ischen Western, &#8216;L&#8217;attaque de Fort Adams&#8217;<\/em> von J.W. Fordson, eine Hauptrolle. Das Schauspielen war, wie sich zeigte, ihre Berufung nicht und da sie im Ensemble von Godard den am Musikkonservatorium ausgebildeten <strong>Patrice Moullet<\/strong> kennenlernte, dem vorschwebte, eine Avantgardeband zu gr\u00fcnden, passte pl\u00f6tzlich alles zusammen. Zuerst konzentrierte man sich noch auf Adaptionen von US-amerikanischen Folkgr\u00f6\u00dfen und auf portugiesiches und spanisches Liedgut &#8211; die Aufnahmen erinnern an den leicht unbeholfenen Charme von Nicos <em>&#8216;Chelsea Girl&#8217;<\/em> &#8211; , bis das Duo 1968 schlie\u00dflich <strong>Denis Cohen<\/strong> (Perkussion) kennenlernte und die Gruppe <strong>Catherine Ribeiro &amp; 2 Bis<\/strong> ins Leben rief. Moullet spielte das selbstentwickelte Percuphone &#8211; auf ein Brett gespannte Saiten, die mit einem elektrischen Motor kombiniert sind &#8211; das wie eine Mischung aus Harmonium und klassischer Gitarre klingt und oszillierende Obert\u00f6ne erzeugen kann.<\/p>\n<p><strong>Catherine Ribeiros<\/strong> Gesang gewinnt zunehmend an Selbstvertrauen und Unverwechselbarkeit. Mit ihrer mehrere Oktaven umfassenden Stimme kann sie die Rollen m\u00fchelos und flie\u00dfend wechseln; z.B. zwischen introvertierter Chanteuse mit weicher, warmer Stimme; intellektueller, unterk\u00fchlter Rezitatorin und Avantgardistin, deren emotionalen Ausbr\u00fcche in eine v\u00f6llige Freeform m\u00fcnden. Die Gruppe (minus Cohen, der ausstieg), um <strong>Patrice Lemoine<\/strong>, Keyboards und <strong>Claude Thiebaut<\/strong>, Perkussion, erweitert und <strong>Catherine Ribeiro &amp; Alpes<\/strong> (ein Link zur Herkunft der Mitglieder) getauft, forcierte diese Ans\u00e4tze. Die Kompositionen auf den Alben <em>&#8216;CR &amp; Alpes&#8217;, &#8216;La Solitude&#8217;, &#8216;\u00c2me Debout&#8217;, &#8216;Paix&#8217;, &#8216;Le Rat D\u00e9bile et L&#8217;homme des Champs&#8217;,<\/em>&#8216;<em>Libert\u00e9s&#8217;<\/em> und <em>&#8216;Le Temps De L&#8217;autre&#8217;<\/em>, zwischen 1970 und 77 entstanden, heben die Trennung von Gesang und Musik teils v\u00f6llig auf. Es gibt St\u00fccke, bei denen <strong>Ribeiros<\/strong> Stimme, im durchwegs d\u00fcsteren Klangkosmos eingebettet, als weiteres Instrument fungiert, bei anderen verstecken sich kleine, melodische Einsprengsel zwischen langen, instrumentalen Passagen; oder aber, ein Chanson kippt nach konventionellem Beginn in improvisatorische Verzweigungen. Zusammen mit <em>Magma<\/em> und <em>Ange<\/em> steht <em>Alpes<\/em> im Ruf, Wegbereiter f\u00fcr die franz\u00f6sischen (Rock\/Folk-) Avantgarde zu sein. Die Themenfelder in <strong>Ribeiros<\/strong> Texten sind klar abgesteckt und durchziehen ihr Gesamtwerk. In <em>&#8216;Po\u00e8me Non Equipe&#8217;<\/em> rezitiert sie das qu\u00e4lerische Zerw\u00fcrfnis einer Beziehung; in <em>&#8216;Paix&#8217;<\/em> (das in <em>&#8216;Paix 77&#8217;<\/em> und <em>&#8216;Paix 86&#8217;<\/em> weitergef\u00fchrt wird) setzt sie sich expliziter als gewohnt mit allen Formen des Krieges auseinander &#8211; was ihr den Ruf einer Linksradikalen eintr\u00e4gt. Auftritte beim L&#8217;Huma Fest (kurioserweise war beim ersten auch Mireille Mathieu programmiert) und <em>&#8216;Les Partisans&#8217;<\/em>, mit dem sowjetischen Armeechor eingespielt und als Single ver\u00f6ffentlicht, unterminieren diesen Ruf nicht unbedingt. Ein weiteres, wiederkehrender Schwerpunkt ist Einsamkeit und Suizid, <em>&#8217;15 Aout 1970&#8242;<\/em> oder <em>&#8216;Le Silence De La Mort&#8217;<\/em> klingen dem Thema geschuldet noch d\u00fcsterer &#8211; im Vergleich dazu singt oben genannte Keren Ann, im Verve der Borderlinegeneration loungig-kokett, <em>&#8216;Suicide Is Painless&#8217;. <\/em>Andere Texte bleiben durch Abstraktion vage und experimentell.<\/p>\n<p>Zwischen und nach <em>&#8216;Le Temps De L&#8217;autre&#8217;<\/em> entstanden zwei Platten mit Interpretationen von Piaf ( <em>&#8216;Le Blues De Piaf&#8217; ) <\/em>und Texten von Jaques Pr\u00e8vert <em>(&#8216;Jaqueries<\/em>&#8216;), die hier nicht dokumentiert sind. Durch das Arbeiten mit Fremdtexten und der gestrafften Umsetzung, die diese erforderten, lie\u00df sich schlie\u00dflich auch <em>Alpes<\/em> inspierieren. <em>&#8216;Passions&#8217; <\/em>(1979) und <em>&#8216;La D\u00e8boussole&#8217;<\/em> (1980) klingen, auch durch zwei neue Mitglieder, die von <em>Gong<\/em> dazustie\u00dfen und das Gespann Ribeiro und Moullet erg\u00e4nzten, reduzierter und melodischer und verspr\u00fchen einen leicht krautig-elektronischen Touch. Die danach unter der Regie von Thierry Matioszek produzierte (und ohne <em>Alpes<\/em> eingespielte) Platte <em>&#8216;Soleil Dans L&#8217;ombre&#8217;<\/em>, die diese Kompilation beschlie\u00dft, versucht sich dann ganz auf modischem Terrain. An der redundant-bem\u00fchten Peppigkeit der Musik reibt sich Ribeiros Stimme allerdings in gewohnter Manier.<\/p>\n<p>Nachdem es dann zwischenzeitlich ruhig um sie geworden war, l\u00e4utete <em>&#8216;Percuphonante&#8217;<\/em> (1986) \u00fcberraschenderweise eine neue Phase ein, die wohl als ihr Sp\u00e4twerk bezeichnet werden darf. Zu alter Souver\u00e4nit\u00e4t zur\u00fcckfindend, sind seitdem neun weitere Platten, teils mit Moullet, teils mit differierenden Besetzungen wie dem Pianisten Michel Pr\u00e9castelli und einem Streichquartet, auf Kleinstfirmen erschienen (herausragend <em>&#8216;Vive Libre&#8217;<\/em> (1995), <em>&#8216;Live au Th\u00e9\u00e2tre Toursky&#8217;<\/em> (2002) und ober erw\u00e4hnte <em>&#8216;Ribeiro Alpes Live Int\u00e9gral&#8217;<\/em> (2007). Nebst eigenen St\u00fccken offenbart sie hier ihre Einfl\u00fcsse mit kotemporativen Bearbeitungen aus den Oeuvres von Aragon, Barbara, Brel, Ferrat, Ferr\u00e9, Lluis Llach, Manset, Colette Magny, Dani\u00e8le Messla oder Anne Sylvestre. Auf ihrer Website findet ihr politisches Engagement, mit der chronologischen Auflistung der unterzeichneten Petitionen, \u00fcbrigens gleichberechtigten Raum neben dem Leben als K\u00fcnstlerin. Es ist anzunehmen, dass auch zuk\u00fcnfigen Projekte inhaltlich nicht der Nostalgie fr\u00f6nen. Die Musik <strong>Catherine Ribeiros<\/strong> jedenfalls klingt auch heute bemerkenswert zeitlos.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.catherine-ribeiro.com\" target=\"_blank\">catherine-ribeiro.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Catherine Ribeiro &#8211; Libert\u00e9s? &#8216;J&#8217;ai tant \u00e9crit sur la beaut\u00e9, l&#8217;amour, l&#8217;inexplicable, le jardin int\u00e9rieur, j&#8217;ai souvent et si longtemps ouvert mes bras \u00e0 l&#8217;ind\u00e9fendable qu&#8217;il ne me reste qu&#8217;un peu de chair sur les os&#8217; C.R.. 1999 Als Catherine Ribeiro am 7. 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