{"id":4523,"date":"2024-11-08T12:00:10","date_gmt":"2024-11-08T11:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=4523"},"modified":"2024-11-08T12:00:10","modified_gmt":"2024-11-08T11:00:10","slug":"ripples-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/ripples-37\/","title":{"rendered":"Ripples"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #00ff00;\">BRDCST\u00a0 Festival Bruxelles<\/span> <span style=\"color: #00ff00;\">2024<\/span><\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberzeugender als viele gr\u00f6\u00dfere und bekanntere Festivals gelingt es der Crew des <strong>BRDCST-Festivals<\/strong> in Br\u00fcssel seit Jahren die jeweils aktuell innovativsten Musiker aus unterschiedlichen Genres des internationalen experimentellen Spektrums f\u00fcr ein verl\u00e4ngertes Wochenende in Belgiens Hauptstadt zu gewinnen. Als Veranstaltungsorte kamen dieses Jahr neben dem gewohnten Ancienne Belgique auch die fu\u00dfl\u00e4ufig entfernte Kirche Notre Dame Aux Riches und das Cinema Palace gegen\u00fcber dem dazu.<br \/>\nDie Pre- (Autechre) und After (Oneothrix Point Never) &#8211; Shows hatten es, was Hochkar\u00e4tigkeit anbelangt, schon in sich; f\u00fcr den Freitagabend und den allgmeinen Auftakt des Festivals zeichnete sich dann aber <strong>Tirzah,<\/strong> die man schon einmal auf der B\u00fchne des Festivals erleben durfte, als Kuratorin f\u00fcr ein congeniales Programm mit all den cutting-edge Musikern aus ihrem Umfeld und Freundeskreis verantwortlich &#8211; <strong>Coby Sey<\/strong>, <strong>Lorraine James<\/strong>, <strong>Mica Levi<\/strong>, <strong>Anja Ngozi <\/strong>und als Nicht-Londoner <strong>Meril Wubslin<\/strong>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4529\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3394-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3394-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3394-rotated.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Hyperaktivit\u00e4t und eine aus Prinzip k\u00fcnstlerische Uneinsortierbarkeit verbindet die Londoner Musiker neben der langj\u00e4hrigen Freundschaft. <strong>Mica Levi<\/strong> kommt ja wie manch einer wei\u00df aus einer K\u00fcnstlerfamilie. Als Wunderkind spielte sie schon mit vier Jahren Violine und studierte dann sp\u00e4ter in London an der Guildhall School Of Music And Drama, nur, um dann vor dem Diplom abzubrechen und mit ihrer verqueren Pop\/Punk-Band <strong>Micachu &amp; The Shapes<\/strong> und einem Plattenvertrag von Rough Trade in der Tasche erst einmal ihre Vorstellung von Sophistication au\u00dferhalb den Hochkulturzirkeln zu verfolgen. Die Ann\u00e4herung an klassisches Komponieren lebte sie dann mit den Soundtrackarbeiten f\u00fcr Arthousefilme und in engen Zusammenarbeiten mit unkonventionellen Regiesseuren wie Jonathan Glazer aus. Zur\u00fcck auf die gro\u00dfe B\u00fchne des Ancienne Belquiques: Solo mit elektrischer Gitarre leitet <strong>Mica Levi<\/strong> den Abend von <strong>Tirzah<\/strong> auf ihre Art ein. Songs auf das absolut Grunds\u00e4tzlichste reduziert, weder Folk, noch Rock, aber den Punkspirit insichtragend zeigt sie wieder eine andere unerwartete Facette ihres K\u00f6nnens.<br \/>\n<strong>Coby Sey<\/strong> ist ein weiteres Universaltalent in Sachen zeitgem\u00e4\u00dfen musikalischen Outputs. Seine kulturellen und biographischen Hintergr\u00fcnde &#8211; er wuchs in den sich sehr schnell ver\u00e4ndernden S\u00fcdlondoner Stadtvierteln von Lewisham und Peckham auf &#8211; h\u00f6rt man in seiner, sich aus einflussreichen britischen Musikstilen, von Post-Punk, Grime, Spoken Word zu weirder Electronica speisenden komplexen Kompositionen deutlich heraus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4531\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3407-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3407-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3407-rotated.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Dass seine eigene Musik sich bislang nur in einem Album &#8211; Conduit von 2022 &#8211; manifestierte, mag vor allem daran liegen, dass ihn die zahlreichen Produktionst\u00e4tigkeiten und Filmmusik-Auftragsarbeiten in Trapp hielten. Zudem spielt er auch in der Band von <strong>Tirzah<\/strong>.<\/p>\n<p>An diesem Abend konnte man die Beiden sogar als Duo erleben. <strong>Tirzah<\/strong> begeisterte das Publikum schon vor zwei Jahren beim <strong>BRDCST-Festival<\/strong> mit ihren s\u00fcchtigmachenden Songs, eine so nicht kopierbare Mischung aus Pop, Post-Grime und R &amp; B,\u00a0 gesungen mit scheinbarem Understatement. Die Songs auf ihren mittlerweile drei Alben wirken zwar wie dahingehuscht und wie nebenbei zum Beispiel in der K\u00fcche oder beim Aufr\u00e4umen gesungen, sind aber natr\u00fclich doch ausgekl\u00fcgelte Perlen und ein alternatives, pers\u00f6nliches Statement zum Leben in der Metropole. Auf der B\u00fchne steht heute ein Lounge-Sofa, als Dekoration und auch Ort, um von dort aus die Wohnzimmeratmosph\u00e4re, die ihre Musik ausstrahlt, zust\u00e4tzlich zu unterstreichen. Die leichte Windschiefheit der Songs wird durch die noisigen elektronischen Sounds von <strong>Coby Sey<\/strong> noch zust\u00e4tzlich auf eine parallele Ebene gehoben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4533\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3415-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3415-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3415-rotated.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Die Ehre, jedes Jahr eines der wegweisenden Alben von <strong>Can<\/strong> durch eigene Interpreation in ein neues Licht zu r\u00fccken wurde dieses Jahr dem in Br\u00fcssel wohnenden Saxophonisten <strong>Shoko Igarashi<\/strong> zuteil, der dem luftig-spacigen Meisterwerk Future Days mit seinen Mitmusikern, unter anderem einer Harfistin, im Clubraum des AB auch eine nicht werkgetreue sympathische Note gab.<br \/>\n<strong>The Necks<\/strong> machten das, was sie schon seit 35 Jahren in sich immer wieder variierender und doch gleicher Weise tun: mit Piano, Bass und Schlagazeug Minimalismus, Introspektion, Jazz und Klassik das perfekte Zusammenspiel auf eine manchmal fast metaphsyische Ebene zu heben. <strong>Attila Csihar<\/strong> konfrontierte Br\u00fcssel mit der Interpretation seines Void ov Voices &#8211; Projekts, das hei\u00dft animalischem Kehlkopfsingen und Texten aus den Verliesen diverser Zwischenwelten. Das allles stilecht hinter einem von Kerzen beleuchtenden Altar stehend, seinem Ruf als Extrem-Matal-Vokalist nicht abhold zu werden. Die Japaner von <strong>Goat<\/strong> sind ausgemachte Perfektionisten. Ihre Musik, die gerne als minimal techno ohne elektronische Instrumente beschrieben wird, wird von exakten Perkussionsgewittern getragen, die, ganz japanisch, dem Rituellen nahestehen.<\/p>\n<p><strong>Amaro Freitas<\/strong> aus Recife spielte auf dem Piano einerseits Jazz in der Tradition der gro\u00dfen Meister aus den 1960ern Jahren, aber mit einem warmen, brasilianischen Einschlag und wurde ebenfalls vom Publikum mit warmen Applaus bedacht.<\/p>\n<p><strong>Alabaster DePlume<\/strong>, schwer angesagt und mit einer noch angesagteren Ver\u00f6ffentlichung auf International Anthem, stellte sich mit seinen Saxophon- und Hampelmann-Kapriolen als eher unangenehme Nervens\u00e4ge heraus, die sich auch nicht zu schade war, das Publikum mit billigen politischen Kommentaren zum Weltgeschehen zu animieren.<\/p>\n<p>Die Schlagzeugerin <strong>Valentina Magaletti<\/strong> war mit zwei Bands &#8211; den Post-Punker <strong>Moin<\/strong> und den ebenfalls zurecht hochgelobten <strong>Holy Tongue<\/strong>, die in Fu\u00dfstapfen von Projekten aus dem Adrian Sherwood-Stall und modernem Dj-ing pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Zwischen all den unterschiedlichen Musikern und Genres, die das Festival auch dieses Jahr wieder zu bieten hatte,<br \/>\ngab es nach dem Tirzah-Programm einen zweiten Schwerpunkt: Free Folk.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4537\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3437-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3437-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3437.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Mehr London als es das neunk\u00f6pfige <strong>Shovel Dance Collective<\/strong> verk\u00f6rpert, geht wohl nicht! Weit weg von jeglichem konservativen und kolonialem Denken oder gar strengen Bewahren der traditionellen Songs, interpretiert das bunte, queere Kollektiv mit alten und teilsweise selbstgebauten Instrumenten unbekanntere Protestsongs, Seefahrtslieder, Mystisches oder Thematisches wie auf ihrem Debutalbum, das sich thematisch um Wasser dreht. Eine Affinit\u00e4t zu Drones und abenteuerliche, freie Abzweigungen der Folktunes l\u00e4sst das K\u00e4mpferherz des Publikums h\u00f6her schlagen. In der Notre Dame Aux Riches Claires Kirche, wo sich die Musiker vor dem Altar im Halbkreis versammeln wird schnell noch vor Konzertbeginn Jesus verh\u00fcllt; keine United Bible Studies also, sondern sozialistisches Gedankengut hei\u00dft die heutige Botschaft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4532\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3409-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3409-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3409-rotated.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p><strong>Brighde Chaimbeul<\/strong> verbindet auf unwiderstehlich charmante Weise traditionelle rurale Songs ihrer Heimatinsel Isle Of Skye mit transzendenten Drones. Harmonie und Dissonanz gehen in ihren Songs Hand in Hand und ihr Instrument &#8211; der kleine Dudelsack oder eleganter ausgedr\u00fcckt &#8211; Scottish Small Pipe &#8211; l\u00e4sst in ihrer zur K\u00f6nnerschaft gereiften Technik eine fesselnde Musik entstehen, die in sich wiederholenden Melodiefolgen eine trance-\u00e4hnliche Stimmung zwischen Au\u00dferweltlichem und Meditativem kreieren vermag, aber auch die rhythmusbetonten, T\u00e4nzen entlehnten, derrwischartigen Momente kommen zum Zuge. Auf ihrem aktuellen Album arbeitete sie mit dem kanandischen Saxophonisten und Freigeist <strong>Colin Stetson<\/strong> zusammen, was der Musik und vor allem den droneartigen Sequenzen eine zus\u00e4tzliche faszinierende Schattierung gibt.<br \/>\n<strong>Youmna Saba<\/strong>, Musikologin, Out-Spielerin, verlegte vor einiger Zeit ihren Wohnort von Beirut nach Paris. Ihre Musik speist sich aus einem \u00e4therischen Klangteppich, den sie sparsam mit ihrem Hauptinstrument als Grundlage aufbaut, um darauf durch elektronische Verfremdung und Sprache\/Gesang eine phasenweise meditative, introspektivische Stimmung zu kreiieren. \u00c4stetisch ist sie als ausgewiesene Klangk\u00fcnstlerin allerdings beim Touch Laben von <strong>Jon Wozencrof<\/strong>t sehr gut aufgehoben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4534\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3434-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3434-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3434-rotated.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p><strong>Clarissa Conelly<\/strong>, in Schottland geboren, aber seit langer Zeit in D\u00e4nemark wohnend, hat sich in ihren Acapella &#8211; oder mit Piano oder Gitarre interpretierten Songs als K\u00fcnstlerin zur Aufgabe gemacht, \u201cdas Leben, den Tod und das G\u00f6ttliche in meiner Musik zu vereinen.\u201d<br \/>\nIntim, irgendwie vom Himmel gefallen wirkt ihre Musik, die auch Einfl\u00fcsse aus der traditionellen schottischen und nordeurop\u00e4ischen Folkmusik integrier, allemal, noch zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt in der atmosph\u00e4risch aufgeladenden Notre Dame Aux Riches Claires Kirche. Trotzdem wirkt die quirlige K\u00fcnstlerin alles andere als streng bibeltreu.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4538\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3469-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3469-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/IMG_3469-rotated.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Ihre Mischung aus Art Pop, liturgischen und naturreligi\u00f6sen Einfl\u00fcssen und der Idee von Extase und Apocalypse in ihren Songs in Einklang zu bringen, rief sogar die coole Warp Records Crew aus Sheffield auf den Plan, die ihr Debutalbum ver\u00f6ffentlichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BRDCST\u00a0 Festival Bruxelles 2024 \u00dcberzeugender als viele gr\u00f6\u00dfere und bekanntere Festivals gelingt es der Crew des BRDCST-Festivals in Br\u00fcssel seit Jahren die jeweils aktuell innovativsten Musiker aus unterschiedlichen Genres des internationalen experimentellen Spektrums f\u00fcr ein verl\u00e4ngertes Wochenende in Belgiens Hauptstadt zu gewinnen. 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