{"id":3957,"date":"2021-02-21T16:46:31","date_gmt":"2021-02-21T15:46:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=3957"},"modified":"2021-02-21T17:01:08","modified_gmt":"2021-02-21T16:01:08","slug":"ripples-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/ripples-19\/","title":{"rendered":"Ripples"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em><strong>Weird Music For Weird People In Weird Times:<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em>Cloth &#8211; Cloth <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Still House Plants &#8211; Fast Edit <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Joanne Robertson &#8211; Painting Stupid Girls <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Andrew Wasylyk &#8211; Fugitive Light <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Jon Brooks &#8211; When it Comes To Spring <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>David Boulter &#8211; Yarmouth <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Gilroy Mere &#8211; Adlestrop<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Tara Clerkin Trio &#8211; Dito<\/em><\/span><\/p>\n<p>Es ist dunkel, es regnet und es ist garstig. Wir werden \u00e4lter und h\u00e4sslicher, dicker, grauer und vielleicht kahler. Alles stagniert und die digitalen Ersatzhandlungen machen uns auch nicht unbedingt gl\u00fccklicher. Bleibt die Musik, und beim H\u00f6ren von sehr unterschiedlichen Platten aus dem britischen Underground stellt sich die Frage: Bleiben die Engl\u00e4nder nach der absoluten Miserie, die sie sich eingebrockt haben, wenigstens ihrem Faible f\u00fcrs Exzentische treu?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/still-house-plants.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3964\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/still-house-plants-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/still-house-plants-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/still-house-plants.jpg 670w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Glasgower Trio <strong>Still House Plants<\/strong>, das sich an der dortigen Uni im Kurs f\u00fcr Fine Arts kennenlernte und das auch das letztj\u00e4hrige genre- und l\u00e4nder\u00fcbergreifende Counterflows-Festival kuratiert h\u00e4tte, wenn es denn stattfinden h\u00e4tte k\u00f6nnen, legt mit Fast Edit ein neues Album vor, das ihren ultraminimalistischen Stil zwischen Punk, Jazz und &#8211; als Kontrapunkt &#8211; melodischem Gesang wie schon auf diversen Tapes und dem Debut auf die Spitze treibt und hier perfektioniert. Die jeweiligen Anf\u00e4nge und Enden der Songs werden festgelegt, ansonsten wird die Musik, so S\u00e4ngerin <strong>Jessica Hickie Kallenbach<\/strong> in einem Interview, ganz im Sinne einer Assemblage, um einen Begriff aus der Kunst zu bem\u00fchen, durch spontanes Zusammenf\u00fcgen und Aufbauen von unterschiedlichen Ideen und Parts auf einer Grundlage entwickelt.<br \/>\nDie Reduziertheit ihres Equipments und Auftretens kann wie bei dem Konzert beim Br\u00fcsseler Kraak Festival soweit f\u00fchren, dass der spindeld\u00fcrre Gitarrist <strong>Finlay Clark<\/strong> im Wife Beater-Shirt gekleidet musiziert. Der Schlagzeuger <strong>David Kennedy<\/strong> setzt den einen oder anderen jazzigen Akzent, die Gitarre fr\u00e4st ganz im Sinne eines Mayo Thompson in seinen besten Red Crayola-Tagen, etwa auf Soldier Talk, repetiv bis zum Punkt der Frustration punkig-disharmonische Miniaturen, die S\u00e4ngerin f\u00fcllt die L\u00fccken mit einem gewissen Pop-Appeal. Melodi\u00f6s, aber nicht lautmalerisch, schr\u00e4g, aber nicht artifiziell ist sie, auch durch ihre Texte, das zusammenhaltende Element in der Musik der <strong>Still House Plants<\/strong>. <strong>Jessica Hickie-Kallenbachs<\/strong> schr\u00e4g-souliges Timbre ist aber nicht ausschlie\u00dflich daf\u00fcr verantwortlich, dass die Musik des Trios auf den 13 St\u00fccken von Fast Edit nicht zu einer reiner Kopfangelegenheit wird, nein, es ist auch die mit einer nicht zu kleinen Portion anarchischer Unbeherrschtheit ausgestattete Spiellust von <strong>Kennedy<\/strong> und <strong>Clark<\/strong>. Die gro\u00dfe Zeit der Art-School-Bands endete in Gro\u00dfbritannien vermeintlich mit Pulp und Jarvis Cocker, jetzt scheint es aber erste Anzeichen f\u00fcr eine Rennaissance zu geben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3961\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art-2-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art-2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art-2.jpg 474w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch eine direkte Verbindung nach Glasgow (und zwar zu dem Label Laura Lies In) und eine vage zum Jazz hat das Bristoler <strong>Tara Clerkin Trio<\/strong> aufzuweisen. Die inzwischen von einer Gro\u00dfformation tats\u00e4chlich zu einem Trio geschrumpfte Band um <strong>Tara Clerkin<\/strong> und die beiden Br\u00fcder <strong>Sunny-Joe Paradiso<\/strong> und <strong>Patrick Benjamin<\/strong> ist der kleinen, aber aktiven Szene der 2010er Jahre um das Howling Owl Veranstaltungskollektiv und den Plattenladen Stolen Recordings entsprungen. Die urspr\u00fcnglich bis zu achtk\u00f6pfige Formation setzte sich aus diversen anderen Bands zusammen und spielte eine Art Psych-Folk. Die Musik, mit der das <strong>Tara Clerkin Trio<\/strong> nun auf dem gleichnamigen Album lieb\u00e4ugelt, hat neben losen Jazzelementen und labyrinthisch angelegten Popsongs mehr mit den versponnenen, latent surrealen Songcollagen von wegweisenden Bristol-Bands wie Movietone, Crescent oder Third Eye Foundation gemein. Immer auf der br\u00fcchig-fragilen Seite und auch andere Einfl\u00fcsse, von Dub bis Arthur Russell und Steve Reich, nicht verleugnend, hat die Musik von <strong>Tara Clerkin<\/strong> neben aller Komplexit\u00e4t auch eine leichte, luftige und verf\u00fcherische Note mit Ohrwurmcharakter.<\/p>\n<p>Wie die <strong>Still House Plants<\/strong> studierte auch die aus dem f\u00fcr das Vergn\u00fcgen der Arbeiterklasse ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Seebad Blackpool stammende <strong>Joanne Robertson<\/strong> an der Glasgow School of Art. In Schottland malte sie nicht nur \u201cPortraits dummer M\u00e4dchen\u201d, sondern f\u00fchrte ihre in Noisebands wie I Love Lucy praktizierten ersten musikalischen Gehversuche in eine andere, individuellere Richtung. Das neue Album, auf Dean Blunts World Music &#8211; Label erschienen, ist nach Black Moon Days und The Lighter eine weitere Steigerng: Ihre ausschlie\u00dflich mit halluzunatorischem, intimen Gesang, der wie in ein Diktierger\u00e4t hineingesungen klingt, akustischer Gitarre und viel Reverb gesungene und gespielte Musik hat eine eigenartige, leicht befremdliche Sogwirkung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3962\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson-290x300.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson-290x300.jpg 290w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson-990x1024.jpg 990w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson-768x794.jpg 768w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson-1485x1536.jpg 1485w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/joanne-robertson.jpg 1934w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Man f\u00fchlt sich atmosph\u00e4risch an <strong>Sybille Baiers<\/strong> Colour Green-Album, das diese Anfang der 1970er Jahre nach einer pers\u00f6nlichen Krise, die sie zu einer Art Lenzscher Pilgerreise durch die Vogesen bis nach Genf aufbrechen lie\u00df, im intimen Rahmen aufnahm und das eine pure, endg\u00fcltige Traurigkeit und Einsamkeit ausstrahlte. Auch <strong>Adrianne Lenkers<\/strong> aktuelles \u201cConfinement-Album\u201d, ein einer abgelegenen H\u00fctte aufgenommen, geht in eine \u00e4hnliche Richtung.<br \/>\nAndererseits wohnt den Songs von Joanne Robertson stets eine abstrakte Note inne, eine, die vielleicht dem Kunststudium geschuldet ist und die eine faszinierende kristallene Klarheit, fernab von Folkwaisen und wohliger Melancholie verk\u00f6rpert. Painting Stupid Girls: vielleicht das introspektivistische Album seit <strong>Dan Treacys<\/strong> The Painted Word, zeitlose Songs voll dahintreibender Sch\u00f6nheit, die nicht ganz von dieser Welt ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3963\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art-300x231.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art-300x231.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/glasgow-school-of-art.jpg 474w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Cloth<\/strong> ist ein Glasgower Trio, das die Geschwister <strong>Rachael<\/strong> (Vocals, Guitar, Bass, Drums, Percussion) und <strong>Paul Swinton<\/strong> (Guitar, Bass) mit <strong>Clare Gallacher<\/strong> (Drums, Percussion) ins Leben riefen und das die Magie vom endlosen \u00dcben, Experimentieren und Aufnehmen mit einen 4-Track -Recorder im Schlafzimmer in ein Studio transferierten und eine traumwandlerisch perfekte Platte einspielten. Schwer zu beschreiben, diese verhangene, melancholische, trotzdem kristallklarene Stimmung, die Cloth mit sparsamsten, aber melodisch grandiosen Elementen hinbekommen. Die ruhigen, aber einnehmenden Vocals von Rachael Swinton werden von klaren Gitarrenlinien, melodischem Bass, zur\u00fcckhaltende Drums und feinen, unterk\u00fchlten elektronischen Synthieschlieren begleitet. Klingt nun nicht gerade bahnbrechend neu, aber das Album hat ein Flair, das vielleicht, so die Vermutung der Betreiber des dortigen wichtigsten Plattenladens Monorail, auch ein bi\u00dfchen dem schlechten Wetter und dem Vitamin D-Mangel der schottischen Metropole geschuldet ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cloth.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3958\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cloth-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cloth-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cloth-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cloth.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fugitive Light And Themes Of Consolation ist das dritte Album von Andrew Mitchell aka <strong>Andrew Wasylyk<\/strong>, der die Landschaft um seine Heimatstadt Dundee als Inspiration f\u00fcr seine manigfaltigen Ausfl\u00fcge in unbekanntes oder vertrautes Terrain, eben auch musikalischer Art, nimmt. Als thematischer \u00dcberbau dient diesesmal die M\u00fcndung des Tay und deren Ansiedlungen. <strong>Wasylyk<\/strong> interessiert sich f\u00fcr die Stimmung der suburbanen verlassenen Stra\u00dfen bei Sonnenaufgang, die noch erhaltenen oder schon von der Natur zur\u00fcckeroberten Fabrikgeb\u00e4ude der Textilindustrie, den Gezeitenwechsel, das sp\u00e4rliche Licht \u00fcber den weiten Feldern und der Lauf der Dinge im allgemeinen. Anders als die z.B. mit Symbolen und der Aura des Verlustes aufgeladene Musik eines Richard Skeltons oder den post-industrialistischen Klanggebilden von Zoviet France packt Mitchell all diese Eindr\u00fccke in einen Songzyklus, der mit einer Patia der Vergangenheit versehen, sich der Gegenwart stellt. Die Jazzeinfl\u00fcsse zeigen sich in den Arrangements und dem unter vielen Instrumenten pr\u00e4gnanten Fender Rhodes Piano: Musik, die stellenweise die beseelte Musik einer Alice Coltrane zu zitieren scheint, aber auch in der Traditon der intimeren Alben von Talk Talk und den esoterischeren, pastoralen Zweig der Ambient Music steht.<br \/>\nDas im weitestgehenden Sinn sich dem Jazz und Soul mit seinen vielen Nebenzweigen verschriebene Edinburger Label Athens Of The North ist der ideale Heimathafen f\u00fcr solch uneinsortiebare Musik mit starker individuelller Note.<\/p>\n<p><strong>Frances Castles<\/strong> Atelier und kleiner Laden befindet sich tief im Londoner East End, unmittelbar neben dem zur Olympiade errichteten London Stadium und nicht weit von den Hackney Marshes im Lower Lea Valley entfernt, wo sich vor der gro\u00dfen Gentrifizierungswelle psychogeographisch Interessierte und passionierte Leser von J.G. Ballard vorz\u00fcglich auf die Spurensuche nach den Hinterlassenschaften fr\u00fcherer Industriebauten, \u00fcberwachsenen Suburbs begeben oder auch dem Autobahnring London Orbital weiter folgen konnten. Ihr Label Clay Pipe Music feiert mit den Represses der ersten beiden Alben das zehnj\u00e4hrige Jubil\u00e4um: Die damals noch auf CD erschienen Platten &#8211; ihr eigenes <strong>Hardy Tree<\/strong> &#8211; Projekt und <strong>Michael Tanner &amp; Kerrie Robinson<\/strong> &#8211; entstanden noch bevor Vinyl, zuerst von Mikrolabels, dann von den dahinsiechenden Majors als Marktl\u00fccke, um alte Titel nochmals vermarkten zu k\u00f6nnen, wieder als cool galten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/clay-pipe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3965\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/clay-pipe-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/clay-pipe-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/clay-pipe-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/clay-pipe.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\nDie ausgesuchten, drei bis vier Platten pro Jahr, die die ansonsten als freie Illustratorin t\u00e4tige Frances Castle auf ihrem Label ver\u00f6ffentlicht, sind zum einen durch ihre unverwechselbare H\u00fcllengestaltung, aber auch durch eine \u00e4hnliche Auffassung von Musik der diversen K\u00fcnstler unschwer als Clay Pipe-Produktion zu erkennnen.<\/p>\n<p>Mit Ausnahme des Schweden <strong>Peter Olof Fransson<\/strong> eint die Musiker eine Sehnsucht, die verschwundende Geschichte und Kultur Gro\u00dfbritanniens, wenn schon nicht festzuhalten, doch zumindest zu hommagieren.<br \/>\nDabei geht es nicht um einen Bewahrungskonservatismus, sondern eher um die verlorenzugehende Diversit\u00e4t der urbanen Architektur und kulturellen Mikroszenen: Freiluftb\u00e4der, die eingestellte Londoner Busverbindung in die Vororte The Green Line, eine Spukgeschichte im Zusammenhang mit einem Leuchtturm, ein fr\u00fcheres Feriendomizil werden da schnell zu erstrebenswerten imagin\u00e4ren Reisezielen. Die fast ausschlie\u00dflich instrumentale Musik, oft mit pastoralen Untert\u00f6nen und von ruhiger Natur, dreht sich thematisch um Lost Places; Musik, die eher verschrobene Sonderlinge mit Minderheitsinteressen als Millenials auf der Suche nach hipper Hintergrundsmusik anzieht.<br \/>\nals Londonerin kennt <strong>Frances Castle<\/strong> viele dieser Lost Places. So berichtet sie in einem Interview f\u00fcr Ian Preeces Buch \u00fcber Untergrundlabels Listening To The Wind (Omnibus Press), dass von den Orten, wo ihre Ahnen wohnten oder arbeiteten in solch einer dynamischen Stadt wie London oft nur noch vergilbte Fotos und vage Erinnerungen \u00fcbrig geblieben sind. Wo Verwandte im East End oder Baltic Wharf in den Werften schufteten, stehen heute moderne Reihenh\u00e4use oder die Tate Gallery.<\/p>\n<p>Clay Pipe &#8211; Ver\u00f6ffentlichungen sind mittlerweile nach der Pre-Sale-Ank\u00fcndigung auf der Webseite meist innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Die Realtit\u00e4t ist aber auch, dass die Erstauflagen gerade mal 700 -1000 Exemplare betragen und mit der einen oder anderen nachgeschobenen Zweitauflage von 300-500 St\u00fcck die Nachfrage auch gedeckt ist. Trotzdem, so <strong>Frances Castle<\/strong>, scheint in dieser so anstrengend wie merkw\u00fcrdigen Zeit eine gr\u00f6\u00dfere Sehnsucht nach Innehalten, der M\u00f6glichkeit, sich komplexeren Dingen widmen zu k\u00f6nnen und auch die, bewusst unabh\u00e4ngige K\u00fcnstler und Institutionen zu unterst\u00fctzen, zu entstehen.<\/p>\n<p><strong>Gilroy Mere<\/strong> (aka Oliver Cherer) inszeniert auf seinem zweiten Clay Pipe- Album Adlestrop erneut gekonnt die leicht geisterhafte Stimmung, die man von The Green Line kennt. Diesesmal diente ihm eine stillgelegte Bahnlinie mit seinen verwaisten Bahnh\u00f6fen und Haltestellen als Inspiration, Ein Gedicht von Edward Thomas, singend vorgetragen, f\u00fchrt in das Thema ein:<\/p>\n<p>Yes. I remember Adlestrop<br \/>\nThe name, because one afternoon<br \/>\nOf heat, the express-train drew up there<br \/>\nUnwontedly. It was late June.<\/p>\n<p>The steam hissed. Someone cleared his throat.<br \/>\nNo one left and no one came<br \/>\nOn the bare platform. What I saw<br \/>\nWas Adlestrop\u2014only the name<\/p>\n<p>And willows, willow-herb, and grass,<br \/>\nAnd meadowsweet, and haycocks dry,<br \/>\nNo whit less still and lonely fair<br \/>\nThan the high cloudlets in the sky.<\/p>\n<p>And for that minute a blackbird sang<br \/>\nClose by, and round him, mistier,<br \/>\nFarther and farther, all the birds<br \/>\nOf Oxfordshire and Gloucestershire.<\/p>\n<p><strong>Cherer<\/strong> fand in Adlestrop nur noch ein altes Plattformschild vor, das nun in den Unterstand einer Bushaltestelle integriert war. \u201cAber, all die V\u00f6gel von Oxfordshire und Gloucestershire sangen immer noch, wie Geister aus dem Gedicht von Thomas.\u201d Mit einem digitalen Rekorder und einem Handbuch \u00fcber die Bahnlinie ausgestattet, begab sich Cherer auf weitere Spurensuche. Die nicht mehr existierende Bahnlinie fuhr einstmals \u00f6ffentliche Schulen, F\u00e4hren, Minen und sogar ein Asylium an. Ein Park, mit Hotel und Stra\u00dfen, der nie zuende gebaut wurden und die heute \u00fcberwachsen sind oder zu Parkpl\u00e4tzen umfunktioniert wurden; die Hinterlassenschaften einer lange vergangenen industriellen Vergangenheit finden sich im \u00dcberfluss. <strong>Cherer<\/strong> reagierte zuhause auf seine Eindr\u00fccke in bester Ghost-Box &#8211; Manier und komponierte mit den gesammelten Feldaufnahmen und seinen Instrumenten eine mit Folk- und Retroelektronikelementen durchsetzte Musik, die eine Verbindung von der Vergangenheit zur Gegenwart herzustellen vermag und wunderbar dem Eskapismus fr\u00f6nt.<\/p>\n<p>Das fr\u00fchere Mitglied der Tindersticks <strong>David Boulter<\/strong> war ma\u00dfgeblich f\u00fcr die unverwechselbaren Soundtracks der Band f\u00fcr Claire Denis verantwortlich. Nun, seit einigen Jahren in Prag lebend, spezialisierte sich Boulter intensiver auf diesem Gebiet, ohne scheinbar die subkulturellen Bewegungen au\u00dfer acht zu lassen. F\u00fcr sein Clay Pipe- und sein ersten Solo-Album begiebt er sich nochmals an den traditionellen Ferienort seiner Kindheit Yarmouth zur\u00fcck und beschw\u00f6rt die Zeit in den siebziger Jahren in einem britischen Seebad herauf. Obwohl auch dort der Zahn der Zeit vieles zum Verschwinden oder zumindest Verwittern brachte, hat sich <strong>Boulter<\/strong> zumindest seine gespeicherten, leicht wehm\u00fctigen Erinnungen an unbeschwerte Sommer, Fish &amp; Chips-Shops, die an diesen ebenfalls h\u00f6chst interessierten M\u00f6ven, die Amusement Arkaden und die Str\u00e4nde bewahrt.<br \/>\nNicht verwunderlich bei der Vorgeschichte von David Boulter, dass er das Album filmisch-erz\u00e4hlerisch komponierte. Mit \u00fcberwiegend akustischem Instrumentarium &#8211; Lowrey Organ, Gitarre, Fl\u00f6te, Violine, Kontrabass, Vibraphon &#8211; geht es vom Sandstrand zur Flower Clock, nachdem er bei Trudy vorbeigeschaut hat, spaziert man auf der Marine Parade zur Milk Bar, nur um dann im Tower Ballroom sich die Roller Skates anzuschnallen; auch der Roller Coaster Ride muss unbedingt sein.<br \/>\nTr\u00e4umerisch, in leicht vernebelter Stimmung ist das Seelenbalsam f\u00fcr den notgedrungen zum Armchair Traveller degradierten Zeitgenossen. Yarmouth passt damit geradezu perfekt in das Clay Pipe &#8211; Labelprofil \u00fcber reale, verschwundene oder imagin\u00e4re Orte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cafe-kaput.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3959\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cafe-kaput-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cafe-kaput-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cafe-kaput-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/cafe-kaput.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Jon Brooks<\/strong> ist ohne Zweifel der Tausendsassa der musikaffinen Hauntology- und Psychogeography- Gemeinde, sowohl als Musiker als auch als Prodzent. Mit dem Ghost Box-Label, das er gr\u00fcndete und mitbetreibt, wurde britische Nachkriegsfernsehkultur, von der Library Music zu den Public Information Films, ironisch gebrochen wiederbelebt und auch aktualisiert. Dies hatte selbstredend auch Einfluss auf andere Genres als die musikalische Subkultur. Mark Fisher fasste das unter dem Oberbegriff Hauntology zusammen. Mit <strong>Advisory Circle<\/strong> tritt <strong>Jon Brooks<\/strong> genau in diese Fu\u00dfstapfen von dieser spr\u00f6den, latent \u00fcberspitzten staatlichen Informationsvermittlung mittles Understatement, und zwar zu opulenter und verquerer Synthesizermusik. Auf dem Sub-Label <strong>Cafe Kaput<\/strong> (sic) ver\u00f6ffentlicht Brooks seine filmmusikalischen St\u00fccke. Auch hier geht es scheinbar geordnet und thematisch zu: Applied Music: Land &amp; Sea oder Applied Music: Science &amp; Nature zum Beispiel, Musik zwischen experimentellem Ambient und elektronicher Avantgarde.<br \/>\nDie inzwischen vier Ver\u00f6ffentlichungen f\u00fcr Frances Castle unter seinem eigenen Namen wirken dagegen introvertierter, verspielter, genre\u00fcbergreifender. Das aktuelle Album &#8211; How To Get To Spring &#8211; lotet die Stimmungen und Gef\u00fchlzust\u00e4nde aus, die der \u00dcbergang von einem harten Winter<br \/>\nzum Fr\u00fchling mit seinen leeren, dramatischen Himmeln und einem zarten Versprechen auf etwas W\u00e4rme und Licht mit sich bringt. Das klingt gerade wie eine Metapher f\u00fcr die Sehnsucht nach<br \/>\ndem Ende des Ausnahmezustandes.<br \/>\nMeisterlich konstruiert aus Aufnahmen von Wanderungen und einer Vielzahl von akustischen Instrumenten und sublimen elektronischen Meditationen, pulsiert die Musik zwischen warmen, melodischen und abstrakteren Parts mit dramatischen Wendungen und Zuspitzungen; von St\u00fccken mit einem leichten Folk-Touch zu kosmischen Ausfl\u00fcgen und wieder zur\u00fcck auf den Boden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.claypipemusic.co.uk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.claypipemusic.co.uk<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/lauraliesin.bandcamp.com\/album\/tara-clerkin-trio\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/lauraliesin.bandcamp.com\/album\/tara-clerkin-trio<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/doulikeworldmusic.bandcamp.com\/album\/joanne-robertson-painting-stupid-girls\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doulikeworldmusic.bandcamp.com\/album\/joanne-robertson-painting-stupid-girls<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lastnightfromglasgow.com\/artists\/cloth\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.lastnightfromglasgow.com\/artists\/cloth\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bison-records.bandcamp.com\/album\/fast-edit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/bison-records.bandcamp.com\/album\/fast-edit<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/andrewwasylyk.bandcamp.com\/album\/fugitive-light-and-themes-of-consolation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/andrewwasylyk.bandcamp.com\/album\/fugitive-light-and-themes-of-consolation<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weird Music For Weird People In Weird Times: Cloth &#8211; Cloth Still House Plants &#8211; Fast Edit Joanne Robertson &#8211; Painting Stupid Girls Andrew Wasylyk &#8211; Fugitive Light Jon Brooks &#8211; When it Comes To Spring David Boulter &#8211; Yarmouth Gilroy Mere &#8211; Adlestrop Tara Clerkin Trio &#8211; Dito Es ist dunkel, es regnet und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,120,633],"tags":[1313,1311,1306,1132,1307,1292,1299,481,1293,1308,193,1300,1295,484,1312,1036,284,1305,1304,1314,1296,480,1303,1297,1309,273,1294,1302,1310,1298,1301],"class_list":["post-3957","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-reviews","category-ripples","tag-adlestrop","tag-andrew-wasylyk","tag-art-school","tag-ballard","tag-blackpool","tag-brexit","tag-cafe-kaput","tag-clay-pipe-music","tag-cloth","tag-counterflows-festival","tag-dan-treacy","tag-david-boulter","tag-fast-edit","tag-frances-castle","tag-fugitive-light-and-thems-of-consolation","tag-gilroy-mere","tag-glasgow","tag-glasgow-school-of-art","tag-hackney","tag-how-to-get-to-spring","tag-joanne-robertson","tag-jon-brooks","tag-lost-places","tag-painting-stipid-girls","tag-painting-stupid-girls","tag-psychogeography","tag-still-hous-plants","tag-tara-clerkin-trio","tag-the-painted-word","tag-when-it-comes-to-spring","tag-yarmouth"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3957","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3957"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3957\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3968,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3957\/revisions\/3968"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}