{"id":3426,"date":"2019-01-06T17:02:41","date_gmt":"2019-01-06T16:02:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=3426"},"modified":"2019-01-21T08:27:13","modified_gmt":"2019-01-21T07:27:13","slug":"ripples-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/ripples-5\/","title":{"rendered":"Ripples"},"content":{"rendered":"\r\n<p><span style=\"color: #00ff00;\"><strong><em>Yesterday\u2019s not here: Pete Shelley R.I.P.<\/em><\/strong><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Kurz nach dem Jahrtausendwechsel warfen <strong>Pete Shelley <\/strong>(geborener McNeish) und <strong>Howard Devoto<\/strong> (Trafford) f\u00fcr das Album <em>Buzzkunst<\/em>, nachdem sie \u00fcber zwanzig Jahre ihre eigenen Wege gingen, nochmals ihre Kreativit\u00e4t gemeinsam in die Waagschale. Es sah es so aus, als lie\u00dfe sich dieser \u00fcberschwengliche Aufbruchsgeist von 1976, als sie gemeinsam die <strong>Buzzcocks<\/strong> gr\u00fcndeten, und, durch Punk angestachelt, aber die g\u00e4ngigen Machoattit\u00fcden g\u00e4nzlich au\u00dfer acht lassend, Gro\u00dfes vorhatten, wiederbeleben k\u00f6nnten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3430\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/220px-Buzzkunst_cover-1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/220px-Buzzkunst_cover-1.jpg 220w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/220px-Buzzkunst_cover-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Buzzkunst <\/em>wie\u00df den Weg direkt in die Zukunft, und zwar in k\u00fchler Cutting Edge &#8211; Manier: <strong>Shelley <\/strong>und <strong>Devoto <\/strong>modellierten mit dem Handwerkszeug von fr\u00e4senden Gitarren, schwirrender Elektronik und Sequenzern melodische, treibende Songminiaturen, die, gepaart mit dem sperrigen Gesangsstil von <strong>Howard Devoto<\/strong>, perfekt funktionierten.<br \/><strong>Devoto<\/strong> trieb hier seine Vorlieben, idiosynkratische Geschichten und Portraits \u00fcber missliche Lebensl\u00e4ufe, die von einem Handbuch zur Symptombeschreibung von neurotischen St\u00f6rungen inspiriert zu sein schienen, poetisch verschwurbelt in Songtexte zu verpacken, auf die Spitze. <br \/><em>Buzzkunst<\/em> blieb aber das einzige gemeinsame Post-Buzzcocks- Zeugnis der beiden Ausnahmek\u00fcntler; history repeats itself: Schon nach der 1976 hei\u00df erwarteten Ver\u00f6ffentlichung der Buzzcocks Debut-EP <em>Spiral Scratch<\/em>, erkl\u00e4rte <strong>Howard Devoto<\/strong> Punk kurzerhand als Schnee von Gestern und suchte das Weite. Er produzierte mit <strong>Magazine<\/strong> zwei wegweisende Alben im Post-Roxy Music Stil und zwei weitere, musikalisch um kommerziellen Erfolg bem\u00fchte und heute leider in der Zeit verhaftete und redundant klingende ein. Seinem Soloalbum &#8211; <em>Jerky Versions of the Dream<\/em> &#8211; und dem Nachfolgeprojekt <strong>Luxuria<\/strong> sollte das gleiche Schicksal beschieden sein. Trotz der hohen Qualit\u00e4t der Texte und zeitgeistiger musikalischer Verpackung ist die Figur Howard Devoto wohl zu artifiziell, um \u00fcber einen Kultstatus hinaus Erfolg haben zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Pete Shelley<\/strong> hingegen \u00fcbernahm bei den <strong>Buzzcocks<\/strong> das Zepter der Leadfigur und schrieb f\u00fcr die Band (Steve Diggle komponierte auch den einen oder anderen wichtigen Song) mit bewundertswertem Leichtigkeit und Geschwindigkeit Power-Pop-Songs, und zwar f\u00fcr nichts weniger als die Ewigkeit. Das Herausfeuern von Singles im Zwei-Monate &#8211; Rhythmus und fast immer auf den vorderen Pl\u00e4tze der Charts zu landen, hatte man so seit Marc Bolan oder den Beatles nicht mehr erlebt. Anstatt \u00fcber die allt\u00e4gliche soziale Misere in Gro\u00dfbritannien zu referieren oder politische Slogans zusammenzuzimmern, ging es bei <strong>Shelley<\/strong> fast immer um libidin\u00f6se N\u00f6te und amour\u00f6se Begegnungen und Tr\u00e4ume. Und er hatte das Talent dazu, schwierige Gef\u00fchlszust\u00e4nde auf authentische und direkte Art auf den Punkt zu bringen: Griffige, elegante Gitarrenmusik mit intelligenten Lyrics und ohne aufgesetzte R\u00fcpelattit\u00fcde; so h\u00e4tte Punk auch sein k\u00f6nnen, wenn die Blaupause richtig verstanden worden w\u00e4re.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3427\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/220px-Buzzcocks_-_Another_Music_In_A_Different_Kitchen_album_cover.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"149\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/220px-Buzzcocks_-_Another_Music_In_A_Different_Kitchen_album_cover.jpg 220w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/220px-Buzzcocks_-_Another_Music_In_A_Different_Kitchen_album_cover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und nebenbei, obwohl die <strong>Buzzcocks<\/strong> naturgem\u00e4\u00df immer zuerst mit Punk in Zusammenhang gebracht werden, sollte man ihre Einfl\u00fcsse, sei es Glam Rock, Roxy Music, Can oder Velvet Underground, nicht au\u00dfer acht lassen. Vielleicht auch ein Grund daf\u00fcr, dass Jahrzehnte nach Erscheinen, ihre besten St\u00fccke immer noch ungemein frisch und, ja, nahezu zeitlos klingen. Ganz im Gegensatz zu den meisten klassischen Punk-Hits, die im Vergleich doch schon arg verstaubt wirken und eher zur Gestaltung von Nostalgieabenden Verwendung finden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Nach drei Alben l\u00f6ste Shelley <\/strong>die Band allerdings auf, um seine Musik in ein elektronisches Gewand zu kleiden und damit auf seine urspr\u00fcnglichen Affinit\u00e4ten zur\u00fcckzukommen. Schon parallel zur Stammband spielte Shelley u.a. mit Eric Random als Tiller Boys experimentellere Musik. Zur epochalen Can &#8211; Kompilation Cannibalism schrieb er die Linernotes und auch hier l\u00e4sst sich sein Talent, neben Fachwissen auch seine Begeisterung, zu Papier zu bringen, schwerlich \u00fcbersehen. Pete Shelley h\u00e4tte wohl auch einen kompetenten Musikjournalisten abgegeben, der Fantum- und distanzierte Professionalit\u00e4t vereinen h\u00e4tte k\u00f6nnen (im Gegensatz zu z.B. einem mit dem NME kokettierenden und sich als zuk\u00fcnftiger Journalist sehenden narzisitischen Zeitgenossen aus der gleichen Stadt). <br \/>\u201cIn 1972 I would spend a few evenings a week at a friend\u2019s house. He was interested in Hi-Fi and had a much better system than mine. We would talk and play records but only a few of the revords he played would do anything for me. One day he bought an album by a group called Can. The title &#8211; Tago Mago &#8211; . Since then I\u2019ve been a fan. Some things I\u2019ve loved to distraction. I used to play Hallelwah in the bath and You Doo Right in the dark at neighbour-hating levels. Listen to Father Cannot Yell on headphones and middle section twines itself around the brain. Other things at first hearing I\u2019ve hated, but later had to admit that first-hearings are always misleading.\u201d, so die Ann\u00e4herung an die damals f\u00fcr britische Ohren noch befremdlichen T\u00f6ne von Can.<br \/>Die erst 2016 erschienenen, aber schon 1976 in klassischer Bed-Room-Produktion aufgenommenen experimentellen St\u00fccke <em>Cinema Music <\/em>und <em>Wallpaper Sounds<\/em> zeugen von <strong>Pete Shelleys <\/strong>Experimentiergeist. Mit einer Rhythmusmaschine und billigen Keyboards produziert, passen die montierten instrumentalen St\u00fccke einerseits gut in eine Zeit, wo, etwas versteckt vom lauten Punk-Hype, musikalisch alles gleichzeitig m\u00f6glich und erlaubt zu sein schien und das Spielen und Vermischen von allen Einfl\u00fcssen und Vorlieben wie in einem Setzbaukasten selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3431\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/shelley.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"153\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/shelley.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/shelley-294x300.jpg 294w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bei den St\u00fccken, die Shelley nur per Tape an interessierte Bekannte weiterreichte, kann man die d\u00fcstere postindustrielle Atmosph\u00e4re eines desolaten Nord &#8211; Englands heraush\u00f6ren &#8211; Pyrolators Inland w\u00e4re das bundesdeutsche Pendant &#8211; aber auch die Einfl\u00fcsse von den weitgehend noch unbekannten, aber wegweisenden deutschen Formationen und andererseits schon die zuk\u00fcnftige Synthie- und Dronemusik.<br \/>Nach der Aufl\u00f6sung der <strong>Buzzcocks<\/strong> startete <strong>Pete Shelley<\/strong> also eine Solo-Karriere und versuchte die St\u00e4rken von beiden Welten &#8211; fortschrittliche elektronische Musik mit eing\u00e4ngigen, direkten Songs &#8211; zu verbinden. <br \/>Auf <em>Homosapien<\/em> und <em>XL1 <\/em>(mit einer zus\u00e4tzlichen Computer-Animation) funktioniert diese Symbiose von Stilen ziemlich gut. Die Singles <em>Homosapien<\/em> und <em>Telephone Operator<\/em> (erstere wurde aufgrund vermeintlicher Anst\u00f6\u00dfigkeit wie schon <em>Orgasm Addict <\/em>von einigen Radiostationen boykottiert ) stehen den Buzzcocks-Songs in nichts nach, wurden aber eher zu Insider- als zu Chartserfolgen. Zu Beginn der Achziger war <strong>Shelley<\/strong> mit seiner Version von Elektronik-Pop immer noch seiner Zeit voraus und sein Projekt verlief sich schlie\u00dflich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten im Sande.<br \/>Die sp\u00e4tere, mehrmalige Reformationen der <strong>Buzzcocks<\/strong>, die 1989 ihren Anfang nahm, und die von Zeit zu Zeit ver\u00f6ffentlichten Platten der Band, d\u00fcrfen wohl eher den Hintergrund des Lebensunterhaltserwerbs als der Weiterentwicklung der musikalischen Ideen geschuldet sein und lassen auch die gewohnte Fokussierung vermissen. <br \/>Nachem <strong>Mark E. Smith<\/strong> am Anfang dieses Jahr starb, verliert Manchester mit dem \u00fcberraschenden Tod von <strong>Pete Shelley <\/strong>am 6. Dezember einen weiteren, nicht zu ersetzenden Zeitgenossen. Keine gute Zeiten f\u00fcr die Rainy City.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yesterday\u2019s not here: Pete Shelley R.I.P. Kurz nach dem Jahrtausendwechsel warfen Pete Shelley (geborener McNeish) und Howard Devoto (Trafford) f\u00fcr das Album Buzzkunst, nachdem sie \u00fcber zwanzig Jahre ihre eigenen Wege gingen, nochmals ihre Kreativit\u00e4t gemeinsam in die Waagschale. 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