{"id":3404,"date":"2018-12-25T13:09:54","date_gmt":"2018-12-25T12:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=3404"},"modified":"2018-12-25T13:27:04","modified_gmt":"2018-12-25T12:27:04","slug":"millenium-people","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/millenium-people\/","title":{"rendered":"Millenium People"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em>Marianna Simnett : Blood In My Milk &amp; <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"><em>Claire Denis : High Life<\/em><\/span><\/p>\n<p>Die Filmarbeiten und die stark von den Aktionisten und der Konzeptkunst beeinflussten Performances von <strong>COUM<\/strong> <strong>Transmissions<\/strong> waren in den 1970er auf eine permanente Grenz\u00fcberschreitung und Provokation hin ausgerichtet. Anzeigen und Auftrittsverbote waren einkalkuliert. Mit der Gr\u00fcndung von <strong>Throbbing Gristle<\/strong> und deren Gewichtung auf Musik und Medien f\u00fchrten die Hauptprotagonisten von <strong>COUM<\/strong> ihr Konzept, dessen Inhalt auch zu einem nicht zu untersch\u00e4tzendem Teil dem Aufkommen von Punk geschuldet war, in eine subtilere, verfeinerte, aber inhaltlich nicht minder perfide Richtung.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/COUM_1484771763_crop_550x551.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-3405\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/COUM_1484771763_crop_550x551-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/COUM_1484771763_crop_550x551-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/COUM_1484771763_crop_550x551-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/COUM_1484771763_crop_550x551.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Auftritte von <strong>Throbbing Gristle<\/strong> waren f\u00fcr das Publikum immer ein Erlebnis am Rande des Zumutbaren bzw. gingen dar\u00fcber hinaus. Ein Film wie zum Beispiel <em>Cease To Exist<\/em>, der die scheinbar wehrlos \u00fcber sich ergehen lassende Kastration eines Mannes (<strong>Chris Carter<\/strong>) durch eine Frau (<strong>Cosey Fanni Tutti<\/strong>) in klinisch-n\u00fcchternen Bildern zeigt und mit einer Art Snuff-Movie-\u00c4sthetik spielt, sorgte in der Kombination mit den pochenden, psychoakustischen Soundgebilden der Gruppe daf\u00fcr, dass es Zu-\/H\u00f6rern\/Schauern zum Teil \u00fcbel wurde oder sie fluchtartig den Saal verlie\u00dfen. Dabei ging es der Gruppe nicht alleine um den Schockeffekt, sondern vor allem auch darum, die Manipulation und Vertuschung von unangenehmen Warhheiten ans Licht zu bringen. Und dazu geh\u00f6rten eben auch vor allem die dunklen Seiten des menschlichen Zusammenlebens (Krieg, KZ, (Macht-) Missbrauch) zu thematisieren. Heutzutage kaum mehr vorstellbar, war es damals nur \u00fcber die mysteri\u00f6sen Wege der Counterculture m\u00f6glich, ensprechende Information zu bekommen. (daf\u00fcr ist es mittlerweile die gro\u00dfe Kunst wahre und unwahre Informationen einordnen zu k\u00f6nnen). Theoretisch gef\u00fcttert und inspiriert von <strong>Burroughs,<\/strong> <strong>Baudrillard<\/strong> und <strong>Ballard<\/strong>, die, ihrer Zeit voraus, schon Anfang der 1970er die verwaltete, \u00fcberwachte und manipulative Welt vorwegnahmen und analysierten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_0154.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-3409\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_0154-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All das kann einem in den Sinn kommen, wenn man <strong>Marianna Simnetts<\/strong> Film\/Videoarbeiten sieht, die in einer Kompilation von 75 Minuten im MMK Zollamt Frankfurt zu sehen sind und die die Grenze zwischen Realtit\u00e4t und Fiktion vage erscheinen lassen, mit manigfachen Ur\u00e4ngsten spielen und immer wieder verdeckte und offensichtliche Machtstrukturen aufzeigen. Nicht zuletzt stellt sich auch hier wieder die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Informationen. Laut Reviews f\u00fchrte das Betrachten ihrer Filme bei einigen Zuschauern\/Museumsbesuchern in den USA &#8211; \u00e4hnlich wie bei denen von <strong>COUM Transmissions<\/strong> &#8211; teilweise zu k\u00f6rperlichen wie psychischen Reaktionen. <strong>Simnett<\/strong>, die eigentlich von der Musik herkommt, l\u00e4sst diese Affininit\u00e4t in der Art wie sie ihre Filme komponiert deutlich werden: Ihre (Laien-) Darsteller tr\u00e4llern pl\u00f6tzlich, inmitten ihrer, teils surrealen, teils kruden T\u00e4tigkeiten, an Kinderreime angelehnte Liedern mit kommentierenden und irritierenden Refrains, die abstrakt &#8211; poetisch, eine latent beunruhigende Stimmung heraufbeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_0156.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-3411\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_0156-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit dem gleichen Effekt setzt <strong>Simnett<\/strong> auch Hintergrundsmusik ein. Die K\u00fcnstlerin ist bekannt daf\u00fcr, dass sie f\u00fcr ihre Arbeiten ausgiebige Recherchen betreibt. Die Protagonisten &#8211; Bauern, \u00c4rzte, Wissenschaftler, Sch\u00fcler usw. &#8211; berichten von ihren T\u00e4tigkeiten in einem knorztrockenen Fachjargon, \u00e4hnlich wie in einem Manual. Dabei vermischen sich Fakten und Erfindung. Wer weiss schon ohne Nachforschung zu betreiben ob das Nervensystem einer Kakerlake tats\u00e4chlich so wie berichtet mittels futuristisch anmutenden Ger\u00e4tschaften, die dem Tier auf den R\u00fccken montiert werden, manipuliert werden kann, so dass es zu einem Roboter mutiert und dem Menschen bei Notfallsituationen wie dem Einsturz eines Geb\u00e4udes dienlich sei kann. Und wer weiss schon, ob eine Kakerlake keinen Schmerz versp\u00fcrt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_0155.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-3410\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_0155-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die \u00c4rzte, die einer Schar verwahrloster Sch\u00fcler oder Patienten, in einem Hospital eine fragw\u00fcrdige Substanz in den Hals spritzen, um sie mental wieder in die Spur zu bringen, lassen die Probanden Reime nachsprechen, um sie zu entspannen und verhalten sich bei ihrer n\u00fcchtern-kalten T\u00e4tigkeit ausgesprochen empathisch, was noch befremdlicher wirkt. Der Hintergrund zu dieser Episode: <strong>Marianna Simnett<\/strong> hat sich, um eine tiefere Stimme f\u00fcr ihre vorherige Musikkarriere zu bekommen vor Jahren \u00fcberzeugen lassen, sich Botox spritzen zu lassen. Einem Kind auf dem Lande wird vermittelt, dass es aufgrund seiner Sch\u00f6nheit nicht mehr alleine drau\u00dfen spielen darf. Darauf unterzieht sie sich einer Nasenoperation, um diesen &#8220;Makel&#8221; zu beheben. Wieder wird sie von einer \u00c4rztin freundlich und aufkl\u00e4rerisch bei dem Eingriff begleitet, ohne dass Sinn und Zweck in Frage gestellt werden. Auch bei dem sogenannten minimalen invasivem Eingriff &#8211; <em>Minimal invasive, he says \/ The regret of crossing my legs <\/em>&#8211; , um eine Krampfader zu entfernen, bei deren Prozedur sich die Protagonistin immer wieder selbst vorwirft, h\u00e4tte ich nur nicht meine Beine \u00fcbereingeschlagen, sp\u00fcrt man dieses Ausgeliefertsein in der scheinbar freundlichen Atmosph\u00e4re eines Krankenhauses &#8211; <em>And they keep returning \/ The veins that I complain about hurting<\/em>.<br \/>\nDer Farmer &#8211; mit Sprachfehler &#8211; berichtet zu den ungesund aufgeladenen Bildern von Kuheutern \u00fcber Entz\u00fcndungen und \u00fcber die komplexen Produktionsprozesse von Milch, w\u00e4hrend in einem Gegenschnitt immer wieder der Konsum des Produkts als Lebensmittel angesprochen wird. Und das M\u00e4dchen insistiert operiert zu werden &#8211; <em>Mastitus mastitis \/My mammary gland is in pain\/ Chastity, chastity\/ Give me the strength to abstain\/ Mastitis mastitis\/I&#8217;m swollen, so sore and inflamed\/Chastity, chastity\/Chastity is my refrain &#8211;<\/em>.<br \/>\nIn einer verlassenen wirkenden Fabriklandschaft trifft eine Besucherin\/die K\u00fcnstlerin selbst in einer Laborlandschaft wieder auf Wissenschaftler.<\/p>\n<p><strong>\u2028Claire Denis&#8217;<\/strong> aufgrund der Finanzierbarkeit lange nicht realisierte Science Fiction &#8211; Parabel <em>High Life<\/em> transportiert all ihre obsessiven Themen ins Weltall und in die Zukunft. (M\u00e4nner-) B\u00fcnde besch\u00e4ftigen sich mit ihren Ritualen in k\u00fcnstlichen oder konstruierten Extremsituationen, Konflikt- und Kommunikationsunf\u00e4higkeit sind der Normalfall, eine entfremdete Sexualit\u00e4t und Gewalt als Ausdrucksmittel sind gescheiterte L\u00f6sungsversuche um auf diesen Mangel zu reagieren; gest\u00f6rte Pers\u00f6nlichkeiten, die sich letztenendlich in ihrer Einsamkeit verlieren, weil sie bindungsunf\u00e4hig bleiben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/high-life-filmplakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-3406\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/high-life-filmplakat-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Au\u00dfenseitergruppe, in diesem Fall eine Strafkolonie, die das Angebot einer angeblichen Hafterleichterung akzeptiert, unter der Bedingung, sich f\u00fcr ein Experiment im Weltall zu Verf\u00fcgung zu stellen, scheitert nicht nur aufgrund dessen, dass das Raumschiff ohne ihr Wissen einem Schwarzen Loch entgegenfliegt, sondern auch deswegen, weil die Egos gr\u00f6\u00dfer sind als die Bereitschaft das \u00dcberleben durch Empathie und ein Zusammenwirken zu sichern. In einem an sowjetische Sci-Fi &#8211; Klassiker wie <strong>Tarkovski<\/strong> erinnerndes Design ist die zwischenmenschliche K\u00e4lte f\u00f6rmlich sp\u00fcrbar, die trotzdem allgegenw\u00e4rtige Sexualit\u00e4t mechanisch, in einer merkw\u00fcrdigen Kapsel gibt man sich mit Hilfe seltsamer Ger\u00e4tschaften der Selbstbefriedigung hin, ein geplanter Vergewaltigungsversuch endet mit dem Tod des Angreifers. In dem nicht linear, mit vielen L\u00fccken konstruierten Erz\u00e4hlstrang bleibt letzlich vieles offen, die Weiten des Alls sind tiefschwarz, die Verlorenheit ist grenzenlos und die Hoffnung inexistent.<br \/>\n<strong>Juliette Binoche<\/strong> gibt die zwanghafte Wissenschaftlerin, die nicht nur den Str\u00e4flingen Medikamente verpasst, die sie scheinbar ohne Widerstand t\u00e4glich einnehmen, sondern auch von der Idee getrieben ist, auf dem Raumschiff Nachwuchs zu zeugen, wof\u00fcr sie auch bereit ist, den sich dem Sexuellen aufgrund neurotischen \u00c4ngsten entziehenden Monte (<strong>Robert Pattinson<\/strong>)in einer surreal anmutenden Szene sozusagen seines Samens zu berauben und mit diesem die spr\u00f6de Boyse (<strong>Mia Goth<\/strong>) zu befruchten.<br \/>\nLetzlich bleiben nur Monte und dessen im Weltall geborenen Tochter Williow (<strong>Jessie Ross<\/strong>) am Leben und es ist klar, dass sie weder die Erde noch jemals andere Menschen sehen werden. Zum Schluss des Filmes ist Willow zum Teenager herangewachsen und mit der Frage an seine Tochter &#8220;Shall we?&#8217; , bevor sie nach dem \u00d6ffnen der Raumschifft\u00fcre in das glei\u00dfenden gelbe Licht von Olafur Eliassons Installation abtauchen, endet High Life. Suizid oder Inzest? Oder eine Parallele zu Olivier Assayas Personal Shopper, der die Frage nach einem Leben nach dem Tod oder des Verschwindens in einer wei\u00dfen \u00dcberblendung enden l\u00e4sst?<br \/>\n<strong>Stuart Staples<\/strong> schrieb wieder die Musik und wie schon auf seiner letzten Soloplatte sind seine beklemmend-entr\u00fcckten Soundscapes von minimalistischer Strenge und Sch\u00f6nheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianna Simnett : Blood In My Milk &amp; Claire Denis : High Life Die Filmarbeiten und die stark von den Aktionisten und der Konzeptkunst beeinflussten Performances von COUM Transmissions waren in den 1970er auf eine permanente Grenz\u00fcberschreitung und Provokation hin ausgerichtet. Anzeigen und Auftrittsverbote waren einkalkuliert. 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