{"id":2835,"date":"2016-09-27T19:02:52","date_gmt":"2016-09-27T18:02:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=2835"},"modified":"2020-05-30T08:41:38","modified_gmt":"2020-05-30T07:41:38","slug":"liverpool-the-pool-of-life-part-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/liverpool-the-pool-of-life-part-1\/","title":{"rendered":"Liverpool &#8211; The Pool of Life, Part 1"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em><strong>The Liverpool Biennial 2016<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Die Biennalen sind in der Stadt am Mersey die beste, meist gar einzige Gelegenheit, Zutritt zu den grandiosen Geb\u00e4uden aus einer anderen Zeit zu erhalten: Lagerh\u00e4user, Department Stores, Brauereien, Industriedenkm\u00e4ler &#8211; beinahe alle nicht denkmalgesch\u00fctzten, laufen Gefahr dem Abrissbagger, der Spekulation oder dem gnadenlosen Metamorphoseprozess der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen.<br \/>\nDiese architektonischen Zeugnisse einer gro\u00dfem Vergangenheit &#8211; auch einer dunkler Natur &#8211; Liverpool war &#8220;der&#8221; Umschlagplatz des Sklavenhandels &#8211; scheinen in einer Stadt des permanenten Umbruchs wie in der Zeit eingefroren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2836 size-medium\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/rita-mcBride-biennial-300x180.jpg\" alt=\"rita-mcbride-biennial\" width=\"300\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/rita-mcBride-biennial-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/rita-mcBride-biennial.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darumherum, dazwischen und mittendrin ist im Stadtbild einerseits der jahrzehntelange Niedergang, der mit Massenarbeitslosigkeit und Verwahrlosung &#8211; ganze Stadtteile bestehen immer noch beinahe ausschlie\u00dflich aus <em>boarded up-houses<\/em> &#8211; einherging, augenscheinlich, wie andererseits der fragile Aufschwung des letzten Jahrzehnts, der sich mit allen Nebeneffekten des Neoliberalismus &#8211; der Einkaufskomplex Liverpool One als neue Stadtmitte beispielsweise, sinnlosen Luxusapartments und B\u00fcroblocks, die sie niemand leisten kann, zeigt.<\/p>\n<p>Die 9. Biennale, kuratiert von einem mehrk\u00f6pfigen Team um <strong>Sally Tallant<\/strong>, greift das Thema des kontinuierlichen Wandels auf, der eine uneinheitliche, schwer zu erkl\u00e4rende Gef\u00fchlsmixtur aus Verlust\u00e4ngsten, Melancholie, Aufbruchsstimmung und Revitalisierung mit sich tr\u00e4gt. Eine gewisse Schicksalsergebenheit scheint in der Luft zu liegen, die mit der kreativen Schaffenskraft und dem robusten Widerstandsgen &#8211; Eigenschaften, die die Liverpudlians scheinbar mit der Muttermilch aufsaugen &#8211; die Atmosph\u00e4re am River Mersey bestimmen.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt beinahe schon zur Tradition der Biennale einen Bogen von der zeitgen\u00f6ssischen Kunst zu der Geschichte der Stadt zu spannen.<br \/>\nDas aus Austerit\u00e4tsgr\u00fcnden nicht mehr finanzierte CUC-Lagerhaus, jahrelang das Epizentrum der avantgardistischen K\u00fcnste der Stadt &#8211; noch kann man den Schriftzug an der Au\u00dfenfassade schon von weitem sehen &#8211; darumherum verdichtet sich im sogenannten Baltic Triangle, die allgegenw\u00e4rtige ber\u00fcchtigte Mischung aus hochsanierten Lofts, gesichtslosen Hotelketten und sogenannten Kreativhubs &#8211; war genauso Ausstellungsst\u00e4tte wie die Departmentstores in der Renshaw Street, die entlang der Innenstadt f\u00fchrt. Inzwischen reihen sich hier die Convenientshops aneinander. Die jahrelang verwahrloste Gegend der Everton Hights wurde begr\u00fcnt und ein Urban Gardening &#8211; Projekt bei einer vorherigen Biennale f\u00fchrte die Kunstinteressierten auch einmal aus der nun konsumentenfreundlichen Innenstadt hinaus. In fr\u00fcheren Musikclubs und \u00dcbungskellern oszillierten die Soundschnipsel von verkratzten Schallplatten, die Philipp Jeck zu einer psychedlisch anmutenden Collage aus \u00fcbereinanderlagernden Erinnerungen vermengte. Hundertausende H\u00e4user in der Stadt stehen leer, die T\u00fcren und Fenster zugeschwei\u00dft oder zugemauert, um sie zum Abriss freizugeben.<\/p>\n<p>2016?<br \/>\nUrban Gardening ist inzwischen schon l\u00e4ngst vom Kunstkontext in den Alltag \u00fcbergegangen. In den immer noch desolaten Stra\u00dfen von Toxteth wird von engagierten Enthusiasten unweit des lokalen TV-Studios das Toxteth Food Central betrieben, teils aus Selbsthilfegr\u00fcnden, teils um einen Nachbarschafttreff ohne Konsumzwang zu bieten. Langj\u00e4hrige Brachfl\u00e4chen verwandeln sich zu bl\u00fchenden G\u00e4rten oder zu Gem\u00fcsefeldern.<br \/>\nWenn die zeitlosen archtektonischen Juwelen als Ausstellungsort genutzt werden sollen, dann, so die Kunstkritikerin des Guardian <em>Rachel Cooke<\/em>, muss die Kunst wirklich au\u00dfergew\u00f6hnlich sein, um bestehen zu k\u00f6nnen oder so im Einklang mit der Architektur verbunden sein, dass sie praktisch untrennbar sind. Dass dieses Niveau bei so einer gro\u00dfangelegten Kunstschau nicht durchgehend hochgehalten werden kann, ist nicht verwunderlich.<br \/>\nDer rote Faden der Austellung, der die Werke miteinander verbinden soll, liest sich im Ausstellungskatalog auch etwas bem\u00fcht : \u201cThe Biennal explores fictions, stories and histories, taking voyages through time and space, drawing on Liverpool\u2019s past, present and future. These journeys take the form of six episodes\u201d.<br \/>\nDie ersten beiden beziehen sich dabei direkt auf die Stadtgeschichte.<br \/>\n<em>Ancient Greece<\/em> steht f\u00fcr die neoklassizistischen Geb\u00e4ude der Innenstadt, die von <em>John Foster<\/em> und <em>Harvey Lansdale Elmes<\/em> in den fr\u00fchen 1800 Jahren gebaut wurden. <em>Chinatown<\/em>: die Liverpooler &#8211; Chinese &#8211; Communty ist die \u00e4lteste in Europa.<br \/>\n<em>Children Episode<\/em>: Die K\u00fcnstler erhielten von den Kuratoren die Aufgabe, Kunst f\u00fcr Kinder als prim\u00e4res Publikum zu kreieren. <em>Monuments from the Future<\/em>: Die K\u00fcnstler sollten sich in die Rolle von Futurologen hineinversetzen. Wie sieht Liverpool in 20, 30 oder 40 Jahren aus? <em>Flashbacks<\/em>: Wenn sich Erinnerungen und die Gegenwart \u00fcbereinanderlagern, kann dies etwas ausl\u00f6sen, was die gel\u00e4ufige Geschichtsschreibung ersch\u00fcttert. <em>Software<\/em>: ziehlt auf ein breiteres Verst\u00e4ndnis von Software hin, dass \u00fcber ein rein technisches Verst\u00e4ndnis hinausgeht.<\/p>\n<p><strong>Mark Leckeys<\/strong> <em>Saw Mill<\/em> &#8211; Filmcollage \u00fcberlagert, verzerrt, manipuliert YouTube -Video- und Audiofootage, und zwar konkret eines<br \/>\nJoy Division-Auftritts im damals frisch er\u00f6ffneten Eric\u2019s und vermischt dieses mit anderem Material von TV-Shows, Werbeclips, tristen Monochrom-Filmmaterial von Br\u00fccken\u00fcberg\u00e4ngen zu einem Sprung in die Vergangenheit und seiner eigenen Jugend in Liverpool bzw. Birkenhead. Die vermeintliche Genauigkeit und Authentizit\u00e4t des eigenen Erinnerungsverm\u00f6gens wird dabei permanent in Frage stellt, da der Zahn der Zeit auch das Ged\u00e4chtnis auf Glatteis f\u00fchrt.<br \/>\n<strong>Koki Tanaka<\/strong> stie\u00df bei seinem ersten Besuch in Liverpool\u00a0 auf ein Buch des Fotographen <strong>Dave Sinclair<\/strong>, der in den 1980ern den Protest der Arbeiter und Studenten gegen den Thaterismus dokumentiert hat und selbst politisch aktiv war. Das Buch ist zudem auch ein faszinierendes Zeitzeugnis der Stadtarchitektur; Romantik und Desolation liegen immer ganz nahe beieinander. <strong>Tanaka<\/strong> lud einige der Demonstranten, die am 25.4.1985 bei einer gro\u00dfen Demonstration teilnahmen, dazu ein, ihre Erinnerungen zu schildern. Die Videos sind in der <em>Open Eye Gallery<\/em>, die seit einigen Jahren ja unweit des Pier Heads beheimatet ist, gezeigt.<br \/>\n<em>The Oratory<\/em>, bei der Anglikanischen Kathedrale , wurde von <em>John Foster<\/em> im neo-klassizistischen Stil gebaut; dort sind auch Skulpturen vorzufinden. <strong>Lawrence Abu Hamdans<\/strong> Rubber Coated Steel setzt sich mit der Frage von \u00c4sthetik und Politik anhand eines &#8211; fragw\u00fcrdigen &#8211; Audiodokuments aus der Westbank, angeblich wurden zwei Jungs bewusst von der Israelischen Armee erschossen &#8211; auseinander. Im Oratory begegnet einem auch die Arbeit von <strong>Jason Dodge<\/strong> &#8211; <em>What the Living Do<\/em> &#8211; und zwar in Form von scheinbar achtlos liegengelassenem Abfall &#8211; Kippen, Kaugummipapier, Plastikflaschen &#8211; auf dem Boden. Nach dem Besuch von anderen Ausstellungsorten wird einem klar, dass <strong>Dodge<\/strong> den Alltagsm\u00fcll, den die Bev\u00f6lkerung achtlos auf die Stra\u00dfe wirft, gesammelt hat und nun \u00fcberall wieder verteilt hat.<br \/>\nIn den beeindruckenden Geb\u00e4uden der <em>Cains Brewery<\/em> und dem ehemaligen <em>ABC-Cinema<\/em> werden Werke von mehreren K\u00fcnstlern ausgestellt und die Themen der Episoden treffen aufeinander. Letztlich kommt die ausgestellte Kunst hier tats\u00e4chlich nur schwer gegen die Sch\u00f6nheit und Widerspr\u00fcchlichkeit der Architektur an. <strong>Andreas Angelidakis<\/strong> wurde durch den Hadron Collider inspiriert, <strong>Samson Kambalu<\/strong> erforscht den psychogeographischen Gehalt von Liverpools Monumenten, <strong>Lara Favarettos<\/strong> Koffer stammen von Flohm\u00e4rkten, Schutthalden oder sind an den Stellen f\u00fcr verlorenes Gep\u00e4ck nie abgeholt worden. Sie kombiniert den Inhalt mit eigenen Gegenst\u00e4nden, verschliesst die Koffer und wirft die Schl\u00fcssel weg.<\/p>\n<p>Die Skulpturen-Austellung in der <em>Tate<\/em> im <em>Albert Dock<\/em> vertr\u00e4gt dagegen gut das Zusammenspiel mit zeitgen\u00f6ssischen Werken wie auch, die diesesmal an die Biennale angegliederte Austellung des <em>John Moores Painting Prize<\/em> in der altehrw\u00fcrdigen <em>Walker Art Gallery<\/em>, wo die zeitgen\u00f6ssichen Bilder von denen der Sammlung umgeben sind.<\/p>\n<p>In den weitl\u00e4ufigen, teilweise immer noch verwaisten Stra\u00dfen von Toxteth trifft man auf die spannenste Kunst der diesj\u00e4hrigen Ausstellung, vielleicht auch deshalb, weil sie direkt Stadtgeschichte und Kunst miteinander verbindet und gleichzeitig auch eine Form urbaner Landart ist. Die seit Jahren in Brachfl\u00e4chen stehenden gro\u00dfformatigen Schilder\u00a0 &#8211; Regeneration Zone: We\u2019re building the Future &#8211; manifestierte sich bislang konkret nur im Errichten einiger Supermarktsketten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2837 size-medium\" src=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/the-stone-biennial-300x180.jpg\" alt=\"the-stone-biennial\" width=\"300\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/the-stone-biennial-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/the-stone-biennial-768x461.jpg 768w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/the-stone-biennial-1024x614.jpg 1024w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/the-stone-biennial.jpg 1125w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\n<strong>Lara Favarettos<\/strong> <em>Momentary Monument &#8211; The Stone 2016<\/em> &#8211; steht mitten in der Rhiwlas Street, dessen Reihenh\u00e4user alle verlassen und \u201cboarded up\u201d sind; ein einsamer Baum gedeiht pr\u00e4chtig und k\u00fcndigt die R\u00fcckeroberung durch die Natur an. The Stone ist ein m\u00e4chtiger Granitbrocken mit einem Schlitz, in den Vorbeikommende M\u00fcnzen werfen k\u00f6nnen. Am Ende der Ausstellung wird der Stein zerst\u00f6rt werden und der Inhalt einer lokalen Hilfsorganisation &#8211; Asylum Link Merseyside &#8211; zu gute kommen.<br \/>\nIm ehemaligen Toxteth Reservoir, einem dunklen, feuchten Kellergew\u00f6lbe wird die d\u00fcstere Atmosph\u00e4re von einer langen Laserinstallation von <strong>Rita McBride<\/strong>, einem Wurmloch bzw. einer Einstein-Rosen-Br\u00fccke, die quer durch den ganzen Raum gespannt ist, in eine unwirkliche, sch\u00f6ne andere Welt verwandelt und in gr\u00fcnes Licht getaucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The Liverpool Biennial 2016 Die Biennalen sind in der Stadt am Mersey die beste, meist gar einzige Gelegenheit, Zutritt zu den grandiosen Geb\u00e4uden aus einer anderen Zeit zu erhalten: Lagerh\u00e4user, Department Stores, Brauereien, Industriedenkm\u00e4ler &#8211; beinahe alle nicht denkmalgesch\u00fctzten, laufen Gefahr dem Abrissbagger, der Spekulation oder dem gnadenlosen Metamorphoseprozess der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen. 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