{"id":2807,"date":"2016-05-14T12:47:18","date_gmt":"2016-05-14T11:47:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=2807"},"modified":"2016-05-14T12:49:23","modified_gmt":"2016-05-14T11:49:23","slug":"ripples-may-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/ripples-may-2016\/","title":{"rendered":"Ripples"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em>Tangtype &#8211; Trajet<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"> <em>Deux Filles &#8211; Space &amp; Time<\/em><\/span><\/p>\n<p>Zu Zeiten des New Waves konkurrierte das reklusive Duo <em>Katrin Achinger<\/em> und <em>Matthias Arfmann<\/em> (Kastrierte Philosophen) nach einem st\u00fcrmischen, psychedlischen Debutalbum mit dem Nachfolger <em>Insomnia<\/em> mit <em>The Painted Word<\/em> der <em>TV Personalities<\/em> um den Preis f\u00fcr das introspektivistischte Album der 1980er. Wenig sp\u00e4ter kam dann \u00fcberraschend Licht ins Banduniversum: <em>Souldier<\/em> folgte den Spuren der Beatniks, <em>W.S. Burroughs<\/em> und <em>Brion Gysins<\/em> und jagte die Songs durch das Dub-Echo-Dek.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/trajet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-2805\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/trajet-150x150.jpg\" alt=\"trajet\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Julie Cambier<\/em> und <em>Jean-Fran\u00e7ois Broh\u00e9\u00e9<\/em> gaben sich, trotz dass sie Bestandteil der hyperaktiven, experimentellen Musikszene Br\u00fcssels der Nach-2000er-Jahre waren, \u00e4hnlich zur\u00fcckgezogen und konzentrierten sich auf ihr eigenes Ding. Nach einigen verstreuten Samplerbeitr\u00e4gen &#8211; z.B. f\u00fcr <em>Stilllysm<\/em>, einer vorz\u00fcglichen Kompilation dieser Zeit des gleichnamigen Labels von <em>J\u00e9r\u00f4me Deuson<\/em> und <em>Alain Lefebvre<\/em> (Stilll) &#8211; und einem formidablen Album <em>Flake Out<\/em>, das einen sehr eigenen Weg zwischen abstrakten und melodischen elektronischen Songs einschlug, dauerte es \u00fcber sieben Jahre bis sich ein Nachfolger manifestierte.<br \/>\nTrajet nun &#8211; Weg, Strecke &#8211; ist auch im \u00fcbertragenen, metaphysischen Sinn zu verstehen: Reisen, Abschied, Tod sind die Themen in <em>Julie Cambiers<\/em> Texten. Obwohl die Musik unverkennbar an den Stil des Debuts ankn\u00fcpft, hat sich in der Zwischenzeit nat\u00fcrlich einiges getan, z.B. hat <em>Julie Cambier<\/em> ihren Wohnsitz nach Wien verlegt und die schon bestehende Verbindung zur dortigen Elektronikszene um <em>Stefan N\u00e9meth<\/em>, <em>Christoph Amann<\/em> und <em>Christof Kurzmann<\/em> vertieft (Trajet wurde teilweise auch dort produziert). Die St\u00fccke von <em>Trajet<\/em> geben sich als veschl\u00fcsselte Travelogues &#8211; die Lyrics von <em>Cambier<\/em> werden von <em>Broh\u00e9\u00e9<\/em>, streng wie bei einem H\u00f6rspiel, kongenial in Musik umgesetzt, die Musik folgt den Texten und umgekehrt. Die Musik zeigt aber auch eine Weiterentwicklung der urspr\u00fcnglichen Idee, tanggramartig nach allen Richtungen hin offen zu sein und mit diesem Konzept intelligente elektronische Songs zu komponieren. Die St\u00fccke leben von Gegens\u00e4tzen: <em>Julie Cambiers<\/em> Gesangsstil wechselt im Laufe eines St\u00fccks immer wieder die Gef\u00fchlslage, aber auch die Ausdrucksform. Erz\u00e4hlend, rezitierend, unterk\u00fchlt, dann einen kurzen Abstecher ins Melodische, bevor sie wieder in abstraktere Bereiche abgleitet; dieser Effekt wird zus\u00e4tzlich durch die Verwendung des Englischen verst\u00e4rkt. \u00c4hnlich die dichte, trotzdem nicht \u00fcberladen wirkende Musik: Das Ineinanderflie\u00dfen von trockener Eletroakustik, Neuer Musik, melodischen akustischen Gitarresequenzen und vor allem von perkusiven Elementen, die wie eine nerv\u00f6se Version von <em>Vox Populi<\/em> wirken, zeugt von K\u00f6nnerschaft.<br \/>\nDie Coverversionionen von <em>In my time of Dyin\u2019<\/em> und vor allem <em>Nicos All that is my own<\/em> sind die H\u00f6hepunkte der Platte: die Assoziationen im elektronischen Gewand bieten einen wunderbaren, verpixelten Kontrast zu den Bildern von <em>Philippe Garrels<\/em> Drogen-W\u00fcsten- Meditationen von <em>La Cicatrice Int\u00e9rieure<\/em> und strahlen eine \u00e4hnliche Verlorenheit aus.<br \/>\nDas atmosph\u00e4risch \u00e4hnlich dichte Another Side Of The Moon ist zum Ausklang eine psychedelisch-psychotische Achterbahnfahrt, die auf eine Fortf\u00fchrung des Bandprojekts hoffen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Deux Filles<\/em>? <em>Claudine Coule<\/em> und <em>Gemini Forque<\/em> bzw. <em>Simon Fisher Turner<\/em> und <em>Colin Lloyd Tucker<\/em>? Da l\u00e4sst es sich nicht vermeiden, dass man unweigerlich zur\u00fcck in die Achziger katapultiert wird. Die beiden Ambient-Elektronik-Alben <em>Silence &amp; Wisdom<\/em> und <em>Double Happiness<\/em> begr\u00fcndeten mit ihrer addidiktiven M\u00e9lange aus andersweltlicher Musik, Naturaufnahmen und Samples eine Art wacklige Vorkriegsballhausmusik mit spukhaftem ethnologischen Hintergrundsrauschen; ein Genre, das sp\u00e4ter den Weg f\u00fcr K\u00fcnstler wie <em>The Caretaker<\/em>, <em>Gordon Sharp<\/em> und einige andere, die auf <em>Touch<\/em> und <em>Mego<\/em> ver\u00f6ffentlichen und sich nicht zwischen Feldforschung und Musikmachen entscheiden konnten, ebnete. Nun, nach Jahrzehnten, genauer 33 Jahren (!), erscheint ein neues Album von <em>Deux Filles<\/em> und als G\u00e4ste tauchen unter anderem <em>Matt Johnson<\/em>, <em>The Elysian Quartet<\/em> und <em>Annie Hogan<\/em> auf; es ist also, als sei die Zeit tats\u00e4chlich stehen geblieben. Andererseits, die inflation\u00e4re Ver\u00f6ffentlichungswut von K\u00fcnstlern, die sich der Field Music verschrieben haben und oft rein Dokumentarisches ohne Suspense und letztlich Musik kreieren, macht aus der R\u00fcckkehr von SFT und CLT ein h\u00f6chst willkommenes Ereignis, wird hier doch das Ger\u00e4usch zur Kunst und das Arrangement zu einer zu entschl\u00fcsselnden Erz\u00e4hlung. SFT und CLT waren (und sind) beide mit einer Popader beseelt, w\u00e4hrend aber ersterer als Filmkomponist (f\u00fcr z.B. <em>Derek Jarman<\/em>) zur Avantgarde tendierte, erfuhr das Talent des Zweiten bei u.a. <em>Kate Bush<\/em> und <em>The The<\/em> gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit.<br \/>\n<em>Space &amp; Time<\/em> zieht einen mit seinen 24 komplexen Miniaturen unweigerlich in einen melancholischen Sog. Die St\u00fccke wirken freilich durch das Gegenschneiden von Gegens\u00e4tzlichem und unerwarteten Wendungen immer latent irritierend: Dem Aufschrecken durch eine Fahrradklingel folgt Satieeskes auf dem Piano, dem verhuschten Auftauchen einer folkloristischen Melodie Insektengesurre und japanisch Gehauchtes, eine Slidegitarre m\u00fcndet in eine Symphonie und wird zur Spacemusik. In der Bahnhofhalle wird wieder japanisch gesprochen, die Fortsetzung erfolgt im Wohnzimmer auf franzs\u00f6sisch, ein Blues wird von einem geisterhaften verloren hallenden Piano abgel\u00f6st; eine britische Lady berichtet mit schwacher Stimme aus ihrem Leben und wird von einem Cello begleitet. Happy Ending dagegen ist das Gegenteil von dem, was der Titel suggeriert: ein Drone baut sich zum dramatischen H\u00f6hepunkt auf, Piano, Gitarre, Fl\u00f6te, diverse Nebenger\u00e4usche lassen die Komposition ins Endlose auslaufen; streng und sch\u00f6n.<br \/>\nDas Spielen mit den Geschlechterrollen, tja, auch dazu ist noch nicht alles gesagt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tangtype.net\" target=\"_blank\">tangtype<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.lesdisquesducrepuscule.com\" target=\"_blank\">disques du crepuscule<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tangtype &#8211; Trajet Deux Filles &#8211; Space &amp; Time Zu Zeiten des New Waves konkurrierte das reklusive Duo Katrin Achinger und Matthias Arfmann (Kastrierte Philosophen) nach einem st\u00fcrmischen, psychedlischen Debutalbum mit dem Nachfolger Insomnia mit The Painted Word der TV Personalities um den Preis f\u00fcr das introspektivistischte Album der 1980er. 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