{"id":276,"date":"2009-01-23T18:51:49","date_gmt":"2009-01-23T17:51:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=276"},"modified":"2011-07-16T22:42:19","modified_gmt":"2011-07-16T21:42:19","slug":"bruxelles-soundscapes-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/bruxelles-soundscapes-2\/","title":{"rendered":"Bruxelles Soundscapes 2"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\">Tangtype<\/span> &#8211; Data Is Taking Over<\/p>\n<p>Elektronische Musik hat viele Facetten, gerade auch die nicht-akademischen Hintergrundes. Und doch stellt sich beim soundsovielten Laptopk\u00fcnstler, beim x-ten Minimal Techno-Album oder dem letzten Ambientprojekt gewisse Ern\u00fcchterung ein. Da taucht auf einem Sampler des ambitionierten <em>Stilll-Labels<\/em> ein raffiniert- zerschreddertes Popst\u00fcck auf, und das Interesse ist wieder geweckt. Die Band: <em>Tangtype<\/em>, das St\u00fcck: \u2018<em>Unwinking Transmission\u2019<\/em>. Danach geschieht erst einmal gar nichts. 2008 erscheint schlie\u00dflich ihr bemerkenswertes Debutalbum <em>\u2018Flake Out\u2019<\/em> nach einem ebenfalls bemerkenswerten Schaffensprozess von f\u00fcnf Jahren. Und, die Platte ist eine der originellsten seit langer Zeit, stilsicher den starren Definitionen der Genres Experimentelle Elektronik und Pop sich entziehend.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?page_id=258&amp;album=all&amp;gallery=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-148\" title=\"img_2130\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/img_2130-150x150.jpg\" alt=\"img_2130\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nWeltzugewandtheit mag ein sch\u00f6ner Zug sein, aber bringt sie auch relevante Kunst hervor?<br \/>\n<em> Tangtype<\/em>, von den beiden Br\u00fcsselern <strong>Julie Cambier<\/strong> und <strong>Jean-Fran\u00e7ois Broh\u00e9e <\/strong>gegr\u00fcndet, haben viel Musik geh\u00f6rt, w\u00e4hlen aber f\u00fcr die Umsetzung der eigenen St\u00fccke eindeutig die Idee der Reklusen und verneinen obige Frage eindeutig. &#8216;Ist man in einem kreativen Prozess intensiv besch\u00e4ftigt, wie das bei <em>&#8216;Flake Out<\/em>&#8216; der Fall war, f\u00e4llt es enorm schwer, diesen pl\u00f6tzlich abzuschlie\u00dfen. Ein Grund vielleicht f\u00fcr die lange Zeit, bis das Album erschienen ist. Man tendiert dazu, sich in kleinen Details zu verlieren und hat immer das Gef\u00fchl, dass es noch etwas zu verbessern gibt. Daher war es f\u00fcr uns imens wichtig, die Platte letztlich von einem Au\u00dfenstehenden produzieren zu lassen&#8217;, so Julie und Jean-Fran\u00e7ois. Der Au\u00dfenstehende in diesem Fall war <strong>Christoph Kurzmann<\/strong>, und <em>&#8216;Flake Out<\/em>&#8216; h\u00e4tte stilistisch und qualitativ auch seinem (leider eingestellten) <em>CharRHIZma<\/em>-Labelkatalog gut angestanden. Kurzmann, die Wiener Elektronikszene in ihrer Bl\u00fctezeit w\u00e4hrend der Jahrtausendwende ist <em>e i n<\/em> wichtiger Bezugspunkt <em>Tangtypes<\/em>\u2019. Kurzmann lernte man bei einem gemeinsamen Auftritt kennen und sch\u00e4tzt sich seither gegenseitig. Trocken und der Filigranit\u00e4t der Kompositionen Rechnung getragen produziert, best\u00e4tigt &#8216;<em>Flake Out<\/em>&#8216; die Ambitionen von &#8216;<em>Unwinking Transmissions<\/em>&#8216;.<br \/>\nWie kam es zu <em>Tangtype<\/em>? <strong>Jean-Fran\u00e7ois Broh\u00e9e <\/strong>hatte das Gl\u00fcck in einer musikalischen Familie aufzuwachsen und diverse Instrumente spielen zu lernen, was sich sp\u00e4ter, nach ersten Gehversuchen in diversen Folkbands, in einem Studium am Royal Concervatoire in Mon fortsetzte, wo er sich unter anderem mit Elektroakustik befasste. Trotzdem war ihm der akademische Weg zu engstirnig. Nachdem er <strong>Julie Cambier <\/strong>kennenlernte, war schnell klar, dass man zusammen ein eigenes Projekt starten wollte. Julie wuchs, wie sie sagt, ohne musikalische Ber\u00fchrungspunkte auf, wurde daf\u00fcr aber sportiv gef\u00f6rdert &#8211; die belgischen Erfolge im Tennis waren der Ma\u00dfstab &#8211; und entsprechendes Talent war vorhanden. Trotzdem, die Leidenschaft f\u00fcr die Musik entflammte doch, und nach Experimenten mit Gitarre und Bass, konzentrierte sie sich auf den Gesang und das Textschreiben. Die belgisch-t\u00fcrkische S\u00e4ngerin <strong>Sibel <\/strong>sei dabei Lehrmeisterin und Einfluss gleicherma\u00dfen gewesen (und bekommt folgerichtig einen Credit auf der Platte).<br \/>\nGeplant war &#8216;<em>Flake Out&#8217;<\/em> auf <em>Stilll<\/em> zu ver\u00f6ffentlichen, das neu gegr\u00fcndete Elektronik-Pop\/Avantgarde &#8211; Label von J\u00e9r\u00f4me Deuson und Alain Levebvre (siehe unten) und eine freundschaftliche Verbindung bestand schon seit geraumer Zeit &#8211; Julie singt teilweise bei Livekonzerten von <em>Amute<\/em>, der Band von Deuson, und auch den besten Track auf deren letzten Platte (<em>&#8216;The Floating Boat&#8217;<\/em>). Letztlich kam der Deal aufgrund der langen Produktionszeit nicht zustande und <em>&#8216;Flake Out&#8217;<\/em> erschien auf <em>Humpty Dumpty Records<\/em>, ein weiteres, junges und \u00fcberaktives Br\u00fcsseler Label. Deren Boss <strong>Christophe Hars<\/strong> verf\u00fcgt \u00fcber eine rare Kombinatin von F\u00e4higkeiten. Einerseits hat er einen guten Riecher f\u00fcr talentierte Musiker, aber zudem auch noch Ideen f\u00fcr die angemessene Verbreitung der Platten. Vom allgemeinen Jammern und Frust der meisten Protagonisten des ehemaligen florierenden Netzwerkes der alternaitven Musikkultur l\u00e4sst er sich nicht anstecken. Die Labelmates <em>Tangtypes\u2019<\/em>; u.a. <em>Half Asleep<\/em>, das Nordfranz\u00f6siche Duo <em>Tazio &amp; Boy<\/em>, deren geheimnisvoll-sch\u00f6nen Psychedelicperlen ein echter Geheimtip sind (und deren S\u00e4ngerin bei mir leicht nostalgische Gef\u00fchle ausl\u00f6st, da ihr Timbre an die Konstanzer\/Berliner Punkchanteuse <em>Sandrrra Oxid<\/em> erinnert) zeugen von gutem Geschmack. Das spricht sich herum. Fran\u00e7oiz Breut, Wahl-Br\u00fcsslerin und vom Bekanntheitsgrad mindestens eine Stufe h\u00f6her anzusiedeln, ver\u00f6ffentlicht ihr viertes Album in den Benelux-L\u00e4ndern auf <em>Humpty Dumpty<\/em>.<br \/>\nDen k\u00fcnstlerischen Zwiespalt, einerseits in Zur\u00fcckgezogenheit etwas zu kreieren, aber auch mit der Au\u00dfenwelt zu kommunizieren h\u00f6rt man. Den Perfektionismus haben sie teilweise bis ins Extrem betrieben, und trotzdem entstand Musik mit einem speziellen Hauch eleganter Leichtigkeit und Sch\u00f6nheit. In den verhuschten Einsprengseln ihrer aus vielen einzelnen Partikeln zusammengesetzen St\u00fccken l\u00e4sst sich noch der Folkeinfluss, der in ihren Vorg\u00e4ngerbands im Vordergrund stand, heraush\u00f6ren; die akustischen Instrumente &#8211; Violine, Gitarre, Perkussion &#8211; kommen zum Einsatz, kontrastieren wundersch\u00f6n mit der knorztrockenen EA-Elektronik, spr\u00f6de Atonalit\u00e4t und melodische Aufl\u00f6sungen passen in diesem Fall gut zusammen.<br \/>\nDass man den Eindruck gewinnt, die Musik breche von ihrer Grundstruktur in verschiedene Richtungen aus, kommt nicht von ungef\u00e4hr. Sozusagen als philosophisches und auch technisches Konzept f\u00fcr <em>&#8216;Flake Out&#8217; <\/em>diente Julie und Jean-Fran\u00e7ois die Idee des Tangrams. Wie das siebenteilige chinesische Spiel besteht jedes St\u00fcck aus verschiedenen Parts, die kombiniert, und wenn man improvisatorisch arbeiten wollte, je nach Eingebung unterschiedlich zusammengesetzt werden k\u00f6nnten, eine andere musikalische Figur bilden und in alle Richtungen offen bleiben. Konzentrierte Verdichtung, aber auch das Zulassen eines Ma\u00dfes an Chaos sind die gro\u00dfen Themen.<br \/>\nVon Einfl\u00fcssen zu reden ist stets m\u00fc\u00dfig, denn genaugenommen beeinflusst einen alles, Freunde, Kultur, Umfeld, das Leben. Noch deutlicher als bei manch anderen, \u00e4hnlich veranlagten aktuellen K\u00fcnstlern scheint die Musik <em>Tangtypes<\/em> einen Filterungsprozess zu durchlaufen. Anstatt der schnellen, von Sinneseindr\u00fccken \u00fcberbordenden Musik der 1990er, bei der die Aufmerksamkeitsspanne h\u00f6chstens f\u00fcr einige Sekunden reichte, bevor zur n\u00e4chsten Idee weitergezappt wurde, gilt hier nun die Kunst der Reduktion und Auslassung. <strong>Julie Cambier <\/strong>singt auf Flake Out zudem bewu\u00dft in Englisch, um eine Distanz zu wahren (was sich bei manchen der neuen St\u00fccke allerdings \u00e4nderte) und ihre dekonstruierten &#8211; absurden Texte greifen die Tradition von Michaux bis Burroughs auf. Auch ihre Art des Singens spielt mit einer ironischen Ambivalenz zwischen Kunstgesang und Pop. <strong>Jean-Fran\u00e7ois Broh\u00e9es\u2019<\/strong> Musik folgt meist den Texten und mischt scharf-geschnittene elektroakustische Elemente mit (Mego-Style)- Knisterelektronik und Violine, Gitarre, Bass und konventionelle Perkussion zu einer stetig sich im Fluss befindenden Melange. Das gesagt, ist <em>&#8216;La Reine Du Sandwich&#8217; <\/em>eine Liveaufnahme aus dem Bistro, bevor alles in dem bizarren Fake-Ethno &#8211; Perkussionsst\u00fcck <em>&#8216;Connorie Sen Pagaille\u201d&#8217;<\/em>endet.<br \/>\nWie das Innencover, ein Potraitzeichnung von <strong>Astrid Yskout<\/strong> der Beiden, die direkt aus einem Phantom Orchid, einem phantasmagorischen Garten entsprungen scheint, bleibt eine Spur Befremden.<br \/>\nBei den neueren St\u00fccken experimentieren <em>Tangtype<\/em> mit anderen Instrumenten und Julie singt teilweise auch in ihrem Idiom. Es scheint auch, dass es nicht f\u00fcnf Jahre dauern wird, bis zur n\u00e4chsten Ver\u00f6ffentlichung. Abschlie\u00dfend bleibt zu bemerken, w\u00e4hrend uns Julie und Jean-Fran\u00e7ois in den beeindruckendsten Art Nouvau-Bars in die belgische Braukunst einf\u00fchren, dass die Verbindung von Frau und Gesang, Mann und Instrumente, nicht zwangsl\u00e4ufig in \u00f6de Rockposen und Revivalismus, noch in bem\u00fchter E-Haftigkeit m\u00fcnden muss. Das ist doch beruhigend.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tangtype.com\" target=\"_blank\">tangtype.com<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.humptydumptyrecords.be\" target=\"_blank\">www.humptydumptyrecords.be<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tangtype &#8211; Data Is Taking Over Elektronische Musik hat viele Facetten, gerade auch die nicht-akademischen Hintergrundes. Und doch stellt sich beim soundsovielten Laptopk\u00fcnstler, beim x-ten Minimal Techno-Album oder dem letzten Ambientprojekt gewisse Ern\u00fcchterung ein. 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