{"id":1977,"date":"2012-08-08T09:34:01","date_gmt":"2012-08-08T08:34:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=1977"},"modified":"2014-04-26T09:05:31","modified_gmt":"2014-04-26T08:05:31","slug":"soundtracks-zur-tauschung-philip-jeck-the-caretaker-richard-skelton-ela-orleans-u-s-girls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/soundtracks-zur-tauschung-philip-jeck-the-caretaker-richard-skelton-ela-orleans-u-s-girls\/","title":{"rendered":"Soundtracks mit spukhafter Fernwirkung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em>Philip Jeck &#8211; Live in Liverpool<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"> <em> The Caretaker- Patience (After Sebald)<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"> <em> Richard Skelton &#8211; Verse Of Birds<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"> <em> Ela Orleans &#8211; Mars Is Heaven\/Live<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #00ff00;\"> <em> U.S. Girls &#8211; On Kraak\/Live<\/em><\/span><\/p>\n<p>Literarisch ist die Technik der \u00dcberlagerung von Fiktion und Realit\u00e4t g\u00e4ngiges Stilmittel, in die auch die naturwissenschaftlichen und metaphysischen Aspekte des Zusammenhangs von Erinnerung, Ged\u00e4chtnis und Amnesie &#8211; wie z.B. von W.G. Sebald zur Meisterschaft gebracht &#8211; relevantes Gewicht haben k\u00f6nnen.<br \/>\nWohl bedingt durch die mittlerweile unfassbar gro\u00dfen Tonarchive, die durch die neuen Speichermedien in den letzten Jahrzehnten entstanden und den scheinbar uneingeschr\u00e4nkten Zugang zu diesen Datenmengen, ist in der abstrakten Musik ein Subgenre gesprossen, dass sich an die schriftstellerischen Techniken anlehnt und biographisches und erfundenes Material\/Quellen mischt und etwas Drittes generiert.<br \/>\n<strong>Philip Jeck<\/strong> war einer der Ersten, der das Thema (<em>kulturelles<\/em>) Ged\u00e4chtnis in den Mittelpunkt seines musikalischen Oeuvres stellte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-2010\" title=\"jeck2\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/jeck2-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/jeck2-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/jeck2.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich war sein Zugang zur Musik in den 1960ern der des Gitarre- und Keyboardspielens, das er aufgrund fehlender Virtuosit\u00e4t und Originalit\u00e4t bald aufgab. Fasziniert vom New Yorker Rap und der aufkommenden DJ-Szene mixte er Ende der 1970er stattdessen auf Warehouse-Parties in London oder Manchester. Der Penny fiel dann aber, als er angefragt wurde die Musik zu einer Choreographie zu gestalten. Mit reduziertem technischem Equipment &#8211; Plattenspieler, Casio, Delay-Pedal &#8211; entwickelte er seine mittlerweile zur absoluten Reife gelangten Collagen, die Vergangenheit und Zukunft zu vereinen scheinen. Seine Musik versucht der &#8211; unerreichbaren &#8211; Wahrheit der genauen Erinnerungen nahezukommen. So wie manche Menschen einem zu einem alten Familienphoto jedesmal eine andere Geschichte erz\u00e4hlen, verwischen sich mit der Zeit subjektive Eindr\u00fccke mit fremden. Seine Quellen sind vergessen gegangene Schellacks und Schallplatten aus dem 50-Cent-Fach des Tr\u00f6dlerladens um die Ecke, die mit einer Patina von Zeit und Vefall umgeben sind. Mittels Manipulation und Interpretation entsteht bei Jeck ein, nat\u00fcrlich h\u00f6chst melancholisches, Abbild seiner Umgebung (die Stadt Liverpool). Biografisches (der Tod seiner Mutter beispielsweise) oder Abstraktes sind in dieser Musik auszumachen. Die zerrissenen und verschwommenen Partikel dieser suggestiven Klangbilder setzen sich im Kopf des H\u00f6rers wieder zu einer subjektiven, ungenauen Geschichte zusammen.<br \/>\nMehrschichtig geht es auch im Werk von <strong>Leyland Kirby<\/strong> zu. Schon im Kamikaze-Collagen-Projekt <em>V\/Vm<\/em> deutete sich Kirby&#8217;s Affinit\u00e4t zur Neuschreibung der Geschichte bzw. deren Manipulation an. Bei den Projekten unter dem Namen <em>The Caretaker<\/em> oder als Leyland Kirby befasst er sich aber direkt mit dem Auffassungsverm\u00f6gen des Ged\u00e4chtnisses bzw. dessen Beeintr\u00e4chtigungen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-2003\" title=\"caretaker\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/caretaker-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/caretaker-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/caretaker.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p>Wie authentisch sind die Erinnerungen an l\u00e4ngst vergangene Ereignisse in Wirklichkeit? Wo spielt das Ged\u00e4chtnis einem einen Streich? Wie wirken sich Traumata, Verletzungen, Krankheiten aus? Was ist Vergesslichkeit, wo beginnt die Amnesie? Die Musik auf <em>Persistent Repetition Of Phrases<\/em>, <em>Sadly, The Future Is No Longer What It Was<\/em> oder, aktuell, der Filmmusik f\u00fcr Grant Gees&#8217; psychogeographischen Ann\u00e4herung an Sebalds <em>Die Ringe Des Saturn<\/em> ist aber trotz aller Abstraktion und Theorie von einer hypnotischen Sinnlichkeit. Kirby zeigt sich als wahrer Meister der Schichtung und Mischung von Tonquellen und dem eigenen Pianospiel. Verschwommene Fetzen abgenudelter Schlager aus der Ballroom-\u00c4ra mischen sich mit einem Grundrauschen. Ist es der Wind, der schlechte Radioempfang oder das Abschweifen der Gedanken? Eingefrorene Melodien verlieren sich in der Endlosigkeit, es knistert geisterhaft aus einer Ecke, irgendwo regnet es aufs Fensterbrett&#8230;<br \/>\n<a title=\"Richard Skelton - Marking Time\" href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=1591\" target=\"_blank\"><strong>Richard Skeltons<\/strong>&#8216; <\/a>Doppel-CD <em>Verse Of Birds<\/em> ist in West &#8211; Irland konzipiert und aufgenommen worden. Als Einfl\u00fcsse schon immer sp\u00fcrbar und von ihm auch bezeugt, klingt das neue Werk wie schon <em>Wolf Notes<\/em>, das mit der S\u00e4ngerin und K\u00fcnstlerin <strong>Autumn Grieve<\/strong> komponiert wurde, angelehnt an klassische Komponisten wie <em>G\u00f3recky<\/em> oder <em>P\u00e4rt<\/em>, aber auch ein junger Zeitgenosse wie <em>James Blackshaw<\/em> darf genannt werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-2005\" title=\"skleton\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/skleton-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Die St\u00fccke wirken wie Bewegungen eines Ganzen. Die Melancholie der Musik klingt gegen\u00fcber den Ver\u00f6ffentlichungen, die in den Mooren unweit von Wigan entstanden bzw. von dieser herben Landschaft inspiriert wurden, in sich ruhender. Der (reale) Schmerz scheint einer universalen Meditation \u00fcber die Natur gewichen sein. Einsamkeit, Askese, das Ged\u00e4chtnis der Landschaft sind die Themen, die man aus der Musik herauszuh\u00f6ren meint. Bei den intensiveren Phasen, in denen die gestrichenen Instrumente Obert\u00f6ne spielen und sich das Klangspektrum nach allen Seiten hin ausfranzt, wird die suggestive Kraft der Musik Richard Skeltons zur Transzendenz, zu Momenten reiner Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>Einen eindeutig ironischeren Zugang zur Theorie des Verschwindens und dem Ged\u00e4chtnis (-verlust) haben, wie man bei Auftritten in Stra\u00dfburg bzw. Basel unschwer sehen konnte, <strong>Meghan Remy<\/strong> aka <em>U.S. Girls<\/em> und <strong>Ela Orleans<\/strong>, die jeweils hinter einem Tisch mit Ger\u00e4tschaften ihre Version einer Aufhebung der Genres pr\u00e4sentierten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-2007\" title=\"orleans\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/orleans-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/orleans-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/orleans.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p><a title=\"Ela Orleans - Time Machine?\" href=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=1716\" target=\"_blank\"><strong>Ela Orleans<\/strong> <\/a>sch\u00f6pft f\u00fcr ihre bitters\u00fc\u00dfe M\u00e9lange aus aus der Zeit gefallenen Schlagern und abenteuerlichen instrumentalen Klangbildern ihrer Plattensammlung, aber in gleichem Ma\u00dfe auch aus selbst eingespielten Quellen (Gitarre, Piano, Geige etc.), die sie wie schon auf ihren Platten abenteuerlich arrangiert. Dazu singt sie mit polnischem Akzent in Englisch, was die leicht entr\u00fcckte Be\/Verfremdung, die ihrer Kunst innewohnt, noch zus\u00e4tzlich f\u00f6rdert. Ihr <em>Movies For Ears<\/em> &#8211; Motto auf ihrer Website trifft es exakt, ist ihre Musik schon so gewollt cinematographisch angelegt, dass es einer visuellen Unterst\u00fctzung nicht bedarf. Bernard Hermann gilt ihr als wichtiger Einfluss, und wie in dessen Filmscores ist alles m\u00f6glich und eine Gradwanderung zwischen Schlager, Avantgarde, H\u00f6rspiel und Punk nur selbstverst\u00e4ndlich. Die Ver(w)mischung von Grenzen ist auch Ela Orleans Motto, ihr Auftreten zwischen ungelenk-sch\u00fcchtern und selbstbewusst &#8211; abgekl\u00e4rt passt da gut. Die fiktiven oder realen Familienphotos, die ihre Plattencover schm\u00fccken, die weltgewandten literarischen Zitate, die mit Strophen aus polnischen Schlagern und Eigenem gekreuzt werden, kommen in ihrer Gesamtheit der realen Person Ela Orlean wahrscheinlich sehr nahe. Auf dem Smashhit ihrer letzten Platte <em>Mars Is Heaven<\/em>, der gleichzeitig eine Anlehnung an <em>Ray Bradbury&#8217;s<\/em> Kurzgeschichte wie eine Abrechnung ihrer Jahre in den USA und den dortigen Gepflogenheiten ist, singt sie unwiderstehlich<br \/>\n<em>go and stand under the stars tonight, look up and think of me<\/em><br \/>\n<em>look up and think how i feel, while my rocket grows louder<\/em><br \/>\n<em>higher, stranger, wilder and higher <\/em><br \/>\n<em>oder<\/em><br \/>\n<em>your silent motions, spin webs of delight<\/em><br \/>\n<em>in the frozen moment, we become the night<\/em><br \/>\n<em>and I am wonderful, and you are wonderful<\/em><br \/>\n<em>and we are wonderful, and they are not<\/em><\/p>\n<p><strong>Meghan Remy&#8217;s<\/strong> Background ist selbstredend ein anderer, n\u00e4mlich der der Girlgroups und der amerikanischen Kultur an sich, die sie weniger als Entt\u00e4uschte als als kritische Beobachterin sieht.<br \/>\nHinter dem trashigen Wall Of Noise der vorproduzierten Kassetten, den die arg strapazierten Verst\u00e4rker herausbl\u00e4rrten, meinte man bei ihrem kurzen Auftritt die melodischten Sixties-Pop-Songs heraush\u00f6ren zu k\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-2008\" title=\"usgirls\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/usgirls-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/usgirls-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/usgirls.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philip Jeck &#8211; Live in Liverpool The Caretaker- Patience (After Sebald) Richard Skelton &#8211; Verse Of Birds Ela Orleans &#8211; Mars Is Heaven\/Live U.S. Girls &#8211; On Kraak\/Live Literarisch ist die Technik der \u00dcberlagerung von Fiktion und Realit\u00e4t g\u00e4ngiges Stilmittel, in die auch die naturwissenschaftlichen und metaphysischen Aspekte des Zusammenhangs von Erinnerung, Ged\u00e4chtnis und Amnesie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,60,119,160,120],"tags":[397,277,396,395,406,404,400,783,401,403,402,291,398,399,405],"class_list":["post-1977","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-british-ghost-stories","category-features","category-langwellen","category-reviews","tag-amnesie","tag-ela-orleans","tag-gedachtnis","tag-ghost-stories","tag-live-in-liverpool","tag-mars-is-heaven","tag-meghan-remy","tag-philip-jeck","tag-richard-sekelton","tag-ringe-des-saturn","tag-sebald","tag-sustain","tag-the-cretaker","tag-u-s-girls","tag-verse-of-birds"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1977","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1977"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1977\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2389,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1977\/revisions\/2389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1977"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1977"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1977"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}