{"id":1591,"date":"2010-11-28T13:55:40","date_gmt":"2010-11-28T12:55:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=1591"},"modified":"2020-04-10T10:44:15","modified_gmt":"2020-04-10T09:44:15","slug":"british-ghost-stories-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/british-ghost-stories-3\/","title":{"rendered":"British Ghost Stories 3"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #00ff00;\"><em><strong>Richard Skelton\u00a0 &#8211; Marking Time<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Es sind imagin\u00e4re Landschaften, die Richard Skelton mit seiner Musik heraufzubeschw\u00f6ren versucht, aber auch die realen <em>West Pennine Moors<\/em> in Lancashire, unweit seines Wohnhorts Standish gelegen, hinterlassen ihre Pr\u00e4gungen, die in die Kompositionen miteinflie\u00dfen. Der wilde, raue, zwischen ruin\u00f6sen \u00dcberbleibseln des Industriezeitalters und zerfurchten Heidelandschaften sich vermischende Nord-Westen Englands ist nicht wirklich mit der Leichtigkeit des Seins in Einklang zu bringen. Obwohl, wie \u00fcberall, die Zeichen der Zeit un\u00fcbersehbar sind und sich ausgedehnte Shopping- und Freizeitw\u00fcsten am Rande der St\u00e4dte weiterhin ausbreiten, wirkt diese Gegend zwischen den urbanen Zentren auf den ersten Blick merkw\u00fcrdig unverbaut. Bei genauerer Betrachtung allerdings l\u00e4sst sich auch erkennen, dass einen die eigene Wahrnehmung mitunter tr\u00fcgt und eine gewaltige R\u00fcckeroberung der ehemaligen Kan\u00e4le, Fabrikanlagen und Brachfl\u00e4chen durch die Natur stattfindet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1618\" title=\"moor04\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor04-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDie siebzig Minuten Musik auf <em>Landings<\/em> sind Skeltons pers\u00f6nliches Substrat, gewonnen aus seiner Beziehung mit dieser Natur. \u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum machte er Notizen \u00fcber seine pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke und erforschte die Landschaft w\u00e4hrend des Zyklus der Jahreszeiten. Er improvisierte mit verschiedenen Instrumenten in den Mooren, brachte Bl\u00e4tter, Samen oder \u00c4ste von drau\u00dfen in sein Studio, um Gitarre oder Geige damit zu bespielen und eine direkte Verbindung herzustellen. Die Aufnahmen f\u00fchrte er mittels Kassetten symbolisch wieder zur\u00fcck in die Natur. (Die aktionistische Kunstform des <em>Tape Droppings<\/em> hat in England Tradition: vom Post-Industrial-Umfeld \u00fcber den anarchistischen Radiomacher <em>Meadow House<\/em> bis hin zu Skelton selbst, der auch schon Aufnahmen in Bibliotheken als Versuch der direkten Kommunikation oder Provokation \u2018verlor\u2019.)<\/p>\n<p>Richard Skelton ist als K\u00fcnstler nicht wirklich einer Richtung zuzuordnen. Elemente der Konzeptkunst, Landart, der Improvisation-, Minimal- und Dronemusik findet man eng miteinander verwoben. Seine Arbeiten sind grundst\u00e4tzlich von einer Strenge und Konsequenz, dass man annehmen k\u00f6nnte, die Beliebigkeit der Post-Moderne h\u00e4tte nie stattgefunden. Dass seine Musik nichts mit Zeitgeistigem oder der atmosph\u00e4rischen Berieselung der Umwelt &#8211; das Ziel kommerzieller Instrumentalmuzak &#8211; gemein hat, sondern vielmehr Variationen des \u201cdeep listening\u201d auslotet, hat auch mit einer pers\u00f6nlichen Krise zu tun, verursacht durch den fr\u00fchen Tod seiner Lebensgef\u00e4hrtin. Louise Skelton &#8211; selbst auch K\u00fcnstlerin &#8211; werden die St\u00fccke gewidmet, und bei der graphischen Gestaltung der Albumh\u00fcllen verwendet Skelton auch teilweise ihre Fotografien oder Kunstwerke; W\u00fcrdigung und Trauerarbeit zugleich.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1613\" title=\"moor02\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor02.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor02.jpg 800w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor02-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/p>\n<p>In einem Interview mit dem Kunstmagazin <em>Frieze<\/em> spricht Skelton von einem Schl\u00fcsselerlebnis, das ihn aus seiner Trauer riss und wieder kreativ werden lie\u00df. Er nahm eines Tages die Gitarre, die ihm von seiner Frau geschenkt wurde, spielte einen Akkord auf dem verstimmten Instrument und sp\u00fcrte, wie die T\u00f6ne in seinem K\u00f6rper eine Resonanz erzeugten. &#8216;In diesem Moment entstand mit einem Mal ein neues Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Musik und weckte in mir die Neugier, mich mit der Physis von Kl\u00e4ngen und Schwingungen und objektbezogenen Kompositionen zu besch\u00e4ftigen.&#8217;<br \/>\n<em>Landings<\/em>, das bisher gr\u00f6\u00dftangelegte Projekt, erschien als Vinyl &#8211; und CD-Zweitauflage auf <a href=\"http:\/\/typerecords.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Type-Records<\/em><\/a>. Dazu gab es ein limitiertes Buch, das Skeltons oben erw\u00e4hnte Notizen und poetische Betrachtungen, die w\u00e4hrend des Reifens der Ideen f\u00fcr die Kompositionen in den Mooren entstanden sind, beinhalten.<br \/>\nRichard Skeltons <a href=\"http:\/\/www.sustain-release.co.uk\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Sustain-Release<\/em><\/a>, sein Label, ist konzeptuell bewusst das \u2018romantische\u2019 Gegenst\u00fcck zum derzeitigen Musikmarkt mit seinen Downloadarchiven und depersonifizierten Artfiles. Die Alben sind anfangs in extrem limitierten Auflagen angeboten worden, teilweise zehn Exemplare nicht \u00fcbersteigend. Das Artwork beinhaltete oft ein \u2018found object\u2019 aus der Natur, das die Musik inspiriert hatte, wie ein Blatt, Korn oder einen Samen. Auch wurde das Exemplar dem Besteller pers\u00f6nlich gewidmet. Die Kunst der Kommunkation und die Aura des Objekts in Zeiten der virtuellen Welt und Dematerialisierung zu pflegen; das sind wahrlich altruistische Themen, aber ist der Wunsch nach einem taktilen, sinnlichen Erleben von Kunst\/Musik, gar die Versuchung zur Dechiffrierung, tats\u00e4chlich au\u00df der Mode, oder wurde dies in virtuelle Bereiche verlagert und dort fortgef\u00fchrt?<br \/>\nDie Nachfrage am <em>Sustain Release<\/em>-Katalog ist aber gestiegen. Weiterhin kreiert Richard Skelton diese speziellen Einzelanfertigungen, die neben der Compact Disc spezielle Verpackungen und z.B. fragmentarische Texte beinhalten, die mit dem Ort und dem Datum der Aufnahme in Zusammenhang stehen. Von vergriffenen Alben gibt es teils Zweitauflagen, und <em>Marking Time<\/em>, <em>Crow Autumn<\/em> und &#8211; wie erw\u00e4hnt &#8211; <em>Landings<\/em> sind als Linzenzver\u00f6ffentlichungen auf ausgesuchten unabh\u00e4ngigen Labels erschienen.<br \/>\nF\u00fcr die mittlerweile f\u00fcnfzehn, k\u00fcrzeren bis zu Albuml\u00e4nge umfassenden, Ver\u00f6ffentlichungen erfand Richard Skelton verschiedene Namen: <em>A Broken Consort, Carousell, Harlassen, Clouwbeck, Heidika, Rift Music<\/em>. Die Musik unterscheidet sich nat\u00fcrlich, aber alle Ver\u00f6ffentlichungen teilen einen speziellen Ton und eine charakteristische F\u00e4rbung, die sie unschwer dem gleichen Komponisten zuordnen lassen. Skelton bringt die Kompositionen erst,mit den verschiedenen Projektnamen in Einklang, nachdem sie fertiggestellt sind, bzw., sollte sich die Musik grunds\u00e4tzlich unterscheiden, entscheidet er sich f\u00fcr einen neuen. Er spielt bevorzugt Piano, Gitarre und Streichinstrumente &#8211; mit den letzten beiden macht er auch Aufnahmen in der Natur. \u00dcber l\u00e4ngere Improvisationsprozesse entstehen konkretere St\u00fccke. Eine Vielzahl \u00fcbereinandergelagerter Layers, bei denen die oszillierenden Streicherparts dominieren, aber andere Schattierungen mitschwingen, machen normalerweise ein St\u00fcck aus.<br \/>\nSpielt bei einem Teil der naturwissenschaftlich-inspirierten musikalischen Feldforscher, von denen es momentan nicht wenige gibt, die klinisch-scharfe Trennung der Quellen bzw. der Dokumentationsaspekt eine dominierende (nat\u00fcrlich gleichfalls faszinierende) Rolle, sind bei Skelton die verschiedenen Schichten der Musik, bei denen auch Naturaufnahmen ihre Wichtigkeit haben, nicht ohne weiteres zu entschl\u00fcsseln. Es geht ganz traditionell um die magischen Aspekte der Musik und die Geheimnisse, die sie birgt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1616\" title=\"moor03\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor03.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor03.jpg 800w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor03-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/p>\n<p>Seine warme, introspektive, teilweise meditative, immer auch irgendwie halluzinatorische Musik m\u00e4andert nicht in Ambienten und sonstigen flachen Gew\u00e4ssern; daf\u00fcr sind die St\u00fccke zu unruhig und dramatisch, schwellen immer wieder an und ab, manifestieren sich in l\u00e4ngeren Phasen intensiver Obert\u00f6ne und sind letztlich zu intensiv und d\u00fcster. Inspiriert wurde Richard Skelton unter anderem durch (neo-sakrale-) Komponisten wie (den inzwischen verstorbenen) <em>Gorecki<\/em> oder <em>P\u00e4rt<\/em>, aber auch <em>Nick Drake<\/em> oder <em>Six Organs Of Admittance<\/em> werden genannt. Selbst kommen mir beim H\u00f6ren autodidaktische und die Kunst der Repetition beherrschende Post-Industrialisten wie <em>Zoviet France<\/em> (die nicht viel weiter n\u00f6rdlich, in Northumberland, Zivilisationsruinen und Natur erforschten und auch schon mit handgefertigten Verpackungen aus Jute, Sandpapier, Holz oder Aluminium experimentierten) oder <em>DDAA<\/em> in den Sinn. Verwandte im Geiste, im Sinne der Auseinandersetzung mit dem historischen und pers\u00f6nlichen Ged\u00e4chtnis, den Erinnerungsl\u00fccken und Wahrnehmungst\u00e4uschungen, sind sicherlich auch <em>Philip Jeck<\/em> und <em>Leyland Kirby<\/em>.<br \/>\nBei den extrem subjektiven Betrachungsweisen und Dialogen mit der Natur und elementaren Themen wie Formierung und Erosion, Zerfall und Erneuerung, Verlust und dem Vergehen der Zeit, begibt sich Richard Skelton nicht auf den metaphorisch-philosophischen Treibsand, in dem manch anderer schon versunken ist, daf\u00fcr ist seine Kunst in einer klassisch-britischen Weise zu exzentrisch und mit dem Mainstream inkompatibel.<br \/>\nSeine Musik und Kunst stie\u00df in letzter Zeit in Radiosendungen und Publikationen, die weiterhin an das Abseitige glauben, auf gesteigertes Interesse. Auch kamen zunehmend Kontakte mit anderen Musikern und K\u00fcnstlern zustande. Dieses Jahr resultierten aus diesen Kommunikationen beispielsweise eine CD mit <em>Maschinenfabriek<\/em> und diverse Liveauff\u00fchrungen in London von <em>The Clearing<\/em>, einer Bearbeitung eines Skelton-St\u00fcckes f\u00fcr eine Avantgarde-Tanzgruppe.<br \/>\nDie <a href=\"http:\/\/corbelstone.wordpress.com\/2010\/07\/04\/new-corbel-stone-press-editions\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>New Corbel Stone Press<\/em><\/a>, verantwortlich f\u00fcr aufwendig gedruckte Poetry-B\u00fcchlein, von denen schon einige B\u00e4nde erh\u00e4ltlich sind, unterh\u00e4lt er zusammen mit <em>A. Richardson<\/em>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1611\" title=\"moor01\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor01.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor01.jpg 800w, https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/moor01-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Skelton\u00a0 &#8211; Marking Time Es sind imagin\u00e4re Landschaften, die Richard Skelton mit seiner Musik heraufzubeschw\u00f6ren versucht, aber auch die realen West Pennine Moors in Lancashire, unweit seines Wohnhorts Standish gelegen, hinterlassen ihre Pr\u00e4gungen, die in die Kompositionen miteinflie\u00dfen. 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