{"id":1048,"date":"2010-01-09T18:50:31","date_gmt":"2010-01-09T17:50:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/?p=1048"},"modified":"2010-01-10T21:05:44","modified_gmt":"2010-01-10T20:05:44","slug":"1048","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/1048\/","title":{"rendered":"O Futuro da Saudade 2"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"color: #00ff00;\">Gustavo Costa &#8211; no noise<\/span><br \/>\n<\/em><br \/>\nAls <em>Anarcosatanic Jazz<\/em> bezeichnen die <em>Lost Gorbachews<\/em> &#8211; <strong>Gustavo Costa<\/strong>, Drums, <strong>Jo\u00e3o Martins<\/strong>, Saxophones und <strong>Henrique Fernandes<\/strong>, Doublebass &#8211;\u00a0 ihre Musik ,\u201d&#8230;weil es eine subversive und anarchistische Weise ist, Jazz zu spielen\u201d. Dies im Hinterkopf, wird man beim Beiwohnen eines Liveauftritts trotzdem heftig von einer scheinbar aus Partikeln von <em>Naked City<\/em>, <em>Ruins<\/em>, <em>Ground Zero, God, Keiji Haino <\/em>und <em>Napalm Death<\/em> zuammengesetzten, verdichteten Energie getroffen, die immer wieder explosionsartig die klaustrophobischen Kellergew\u00f6lbe zu bek\u00e4mpfen scheint.\n<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1122\" title=\"MVC-855F\" src=\"http:\/\/www.mikro-wellen.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/MVC-855F-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/>\n<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\nPorto scheint in diesen Tagen mit \u00e4hnlich kreativem, energetischem Esprit aufgeladen zu sein und die Rivalit\u00e4t mit der Hauptstadt, die man nur zu gerne kultiviert, ist da noch zus\u00e4tzlicher Ansporn. Wenn das <em>Museu De Arte Contempor\u00e2nia Serralves<\/em> mit avantgardistischer Electronica oder Minimal Music aufwartet und der neue, die Kohlhaassche Handschrift tragende, Architektur &#8211; und Musiktempel <em>Casa Da Musica<\/em> am gleichen Abend das <em>Remix Ensemble<\/em> (mit zeitgen\u00f6ssischen Werken von Pintscher, Saariaho und Nono) und die Doom-G\u00f6tter <em>Sunn O &gt;&gt;&gt;<\/em> programmiert, und das Publikum sich munter zu vermischen scheint, dann darf sich der unsubventionierte Bereich nicht lumpen lassen. Und das hat nicht wenig mit Gustavo Costa zu tun. Lost Gorbachevs ist nur eines seiner Projekte (\u201cIch w\u00fcrde gerne selbst wissen wieviele es sind\u201d), f\u00fcr die er verantwortlich oder bei denen er sonstwie involviert ist. Und wie so oft, wenn man von Bewegungen spricht, sind es solch hyperaktive Einzelt\u00e4ter, die die Dinge in Gang bringen und das Feuer lodern lassen.<br \/>\n\u201c Porto hat sich in den letzten f\u00fcnf bis zehn Jahren wirklich ver\u00e4ndert. Zuvor war es z.B. unerschwinglich, sich Instrumente und Musikstunden zu leisten, Platten zu kaufen usw. ; f\u00fcnfzig Jahre faschistische Diktatur hatten das Land bis 1974 im Griff. Erst in den letzten zehn Jahren ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, etwas Konstantes aufzubauen. Heute gibt es vielleicht rund ein Dutzend Orte, an denen es Platz hat f\u00fcr nichtkommerzielle Musik, was wiederum schon ein \u00dcberangebot f\u00fcr die Zahl Interessierter ist. Gab es fr\u00fcher ein Konzert pro Monat, sind es jetzt drei pro Tag. Es ist aber in jedem Fall eine gute Phase und niemand scheint sich darum zu k\u00fcmmern, ob drei oder dreihundert Zuh\u00f6rer anwesend sind. Ich denke deshalb, dass dieser Geist Bestand haben wird.\u201d<br \/>\nDas Motto seines CD-R-Labels <em>LET\u2019S GO TO WAR<\/em> -\u201cIt is not only a label and a website to promote underground artists but it is mainly a way to be in the music scene. We have nothing, so we have nothing to lose\u201d- mag Martialisches vermuten lassen, aber schlie\u00dflich wurde <strong>Costa<\/strong> auch mit Thrash Metal gespeist. \u201cDies gab mir auch diese Art von Freiheit, die mich sp\u00e4ter viele Dinge, die an den Institutionen gelehrt wurden, in Frage stellen lie\u00df. Den Au\u00dfenseiterblick habe ich mir in jedem Fall bewahrt. Ich war w\u00e4hrend meiner musikalischen Ausbildung nie wirklich gl\u00fccklich, weil es keine definitive Wahrheit und Lehre in der Musik gibt. Ich studierte zuerst klassische Perkussion, dann Jazz, dann Musiktechnologie und dann Sonologie in Holland. Jetzt, mit meiner eigenen Musik, verbinde ich all dieses Wissen. Obwohl es sicher wert gewesen w\u00e4re, sich mit dem einen oder anderen Bereich intensiver zu befassen, h\u00e4tte ich andererseits nicht die Kenntnisse und die Zeit f\u00fcr die Dinge, die ich jetzt tue.\u201d Auch war das Zusammenspielen bei verschiedenen Gelegenheiten in Portugal mit u.a. John Zorn, Damo Suzuki oder Zu f\u00fcr den musikalischen Werdegang wichtig. M\u00f6glichkeiten, die sich wiederum auch nur auftun, wenn man diese akademische Vorbildung aufweisen kann. \u201cIch denke, es ist mehr denn je wichtig politische \u00dcberzeugungen kundzutun; man muss sich ja nur den Zustand der Welt vor Augen f\u00fchren. Insbesondere in Europa scheint aber mittlerweile eine ziemliche Erm\u00fcdung eingetreten zu sein, was Politik anbelangt, wahrschleinlich weil jeder reich geworden ist. Das Hauptproblem ist, dass der Kapitalismus sehr subtile Wege geht, um die Leute zu manipulieren und blind zu machen. Jeder hat den Eindruck, alles sei in Ordnung, dass z.B. die Leute in den armen L\u00e4ndern zwar eine Menge Probleme haben, haupts\u00e4chlich mit Geld, aber trotzdem gl\u00fccklich sind. Ich finde, man muss auch die linken Klischees ironisch beleuchten, denn Slogans wie \u201cNo Nazis\u201d oder \u201cDestroy Capitalism\u201d reichen ja nicht aus und werden zudem in erster Linie als eitler Modegag benutzt.\u201d<br \/>\nDer Wunsch sich gleichfalls diese Ambivalenz als Motor kreativen Schaffens zu bewahren, meint man in der Musik Gustavo Costas\u2019 und im Auftritt des Labels st\u00e4ndig zu sp\u00fcren. Derzeit sind im kleinen Zirkel der internationalen Avantgarde auch Namen von portugiesischen Musiker wie <em>Rafael Toral<\/em>, <em>Nuno Rebelo<\/em> oder C<em>arlos Z\u00edngaro<\/em> gel\u00e4ufiger geworden. Und das d\u00fcrfte letztlich der Ma\u00dfstab sein.<br \/>\nDas Label wird von <strong>Costa<\/strong> praktisch in Eigenregie (\u201cMit der Unterst\u00fctzung von ein paar Freunden\u201d) und als M\u00f6glichkeit zur Kommunikation betrieben. Anfragen aufgrund des Web-Auftritts gibt es naturgem\u00e4\u00dfwenige bis keine, aber bei Auftritten sind die mittlerweile sechs Alben ein Aush\u00e4ngeschild und eine essentielle Quelle des Informationsflusses. Das Album der <em>Lost Gorbachevs &#8211; From Neoliberalism to Totalitarian Capitalism<\/em> wird demn\u00e4chst in einer um l\u00e4ngere Improvisationen erweiterten Form auf einem \u201cregul\u00e4ren\u201d Label erscheinen. Die vorliegende Version mit nur zwanzig Minuten Spiell\u00e4nge ist ein Destillat in Form zehn komponierter \u201cSongs\u201d (\u201cIch hasse die pr\u00e4tensi\u00f6se Angewohnheit von vielen, die immer gleich von St\u00fccken oder Werken reden\u201d). Der kruden Mixtur aus Splatter-Punk-Fake-Jazz tut diese Straffheit gut. Des weiteren ist <strong>Gustavo Costa<\/strong> beim <em>Stealing Orchestra<\/em> (\u201cKlingt etwas nach Residents und Negativland, wobei das gute daran ist, dass der Songschreiber diese Bands nicht kennt) zu h\u00f6ren, bei <em>Children For Breakfast<\/em> (Solo Computermusik), bei <em>Motornoise<\/em> (Punk, Hardcore) und auch in verschiedenen improvisatorisch spielenden Formationen, die schon auf <em>Let\u2019s Go To War <\/em>dokumentiert sind: <em>Stabs<\/em> (3\u201d CD, Costa, Albrecht Loops), <em>Red Albinos<\/em> (Table of Mutations and Polymorphisms, Pinto, Martins, Costa) sind beinahe klassische Impro-Alben, die auch den Labelkatalog von z.B. <em>Creative Sources<\/em> bereichern k\u00f6nnten. Das <em>Klank Ensemble<\/em> ( Jos\u00e9 Miguel Pinto, Albrecht Loops, Jo\u00e3o Tiago, Gustavo Costa, Ana Costa, Jo\u00e3o Martins und Alexandre Gamelas) sorgt auf dem Album Minorities &amp; Oddities mit einer filigranen Mischung aus St\u00f6rger\u00e4uschelektronik, Minimal Music und Post-DDAA-Ethno\/Industrial, gespielt mit unkonventionellem Instrumentarium &#8211; Zeremin, Triviolin, Mutated Sixxen, Tisch, Ocasio, Gritarra, Plastic Flutes, Junk Percussion (sic) &#8211; f\u00fcr subtile Irritationen.<br \/>\nDie beiden Kompilationen <em>No Noise in Porto Vol. 1<\/em> und\u00a0 <em>No Noise in Porto Vol. 2 <\/em>sind schlie\u00dflich besonders gelungene, unn\u00f6tig zu sagen, eklektische, Porto-Klangf\u00fchrer, wobei aufgrund kargster Angaben flei\u00dfig geraten werden darf, wie gross die Szene denn nun wirklich ist. Nebst Ausschnitten obengenannter Ver\u00f6ffentlichungen von der \u201cjazzigeren\u201d Seite finden sich hier im gleichen Masse elektronische Beitr\u00e4ge (Nuno Peixoto, Bruno Ribeiro, F\u00e1tima Vieira beispielsweise) oder Musique Concr\u00e8te- und EA &#8211; Beeinflusstes (Carla Oliveira, Jos\u00e9 Alberto Gomes). Auch die Dekonstruktionisten von M\u00e9canosp\u00e8re (siehe BA # 45) und die Fado\/Jazz\/Drum &amp; Bass-bastardisierenden HHY sind vertreten.<br \/>\n<strong>Gustavo Costas<\/strong> Solo-Projekt <em>Most People Have Been Trained To Be Bored<\/em> ist die erste Produktion, die auf konventionelle Weise vertrieben wird. <em>Success In Cheap Prices<\/em> und eine EP erschienen auf dem Indie-Label <em>Bor Land<\/em>.\u00a0 \u201cDiese Platte hat mich eine Menge M\u00fche gekostet. Ich begann mit den Aufnahmen, als ich in Den Haag Sonologie studierte und war dementsprechend sehr von der akademischen elektronischen Musik beeinflusst. Meine Herangehensweise ist aber eine etwas andere, da ich finde, dass eine Menge klassischer elektronischer Musik sehr langweilig ist.\u201d Das Album besticht durch seine enorm konzentrierte Vielfalt an Stilen, die wie Bausteine kombiniert und stellenweise wild durcheinandergew\u00fcrfelt werden. Diese Soundpatterns, unorthodoxe Auslegungen von EA, Musique Concr\u00e8te, Noise, Drone, Minimal, zeitgen\u00f6ssicher Klassik, Free-Jazz bis&#8230; you name it, \u00fcberlagern sich manchmal an den R\u00e4ndern, sind aber meist harsch von-einander abgegrenzt. Success In Cheap Prices wirkt wie neun komplexe, zu schnell gelesene Kurzgeschichten; man hat immer den Eindruck etwas Entscheidendes verpasst zu haben und beginnt von Neuem. Trocken, pr\u00e4zise und doch geheimnisvoll gelingt Gustavo Costa f\u00fcr den Bereich der elektronischen Musik eine \u00e4hnlich radikale Interpretation wie ihn zuvor beispielsweise Zorn\/Naked City f\u00fcr Jazz oder Univers Zero f\u00fcr Kammermusik folgenreich versucht haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gustavo Costa &#8211; no noise Als Anarcosatanic Jazz bezeichnen die Lost Gorbachews &#8211; Gustavo Costa, Drums, Jo\u00e3o Martins, Saxophones und Henrique Fernandes, Doublebass &#8211;\u00a0 ihre Musik ,\u201d&#8230;weil es eine subversive und anarchistische Weise ist, Jazz zu spielen\u201d. 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