Ripples

February 21st, 2021

Weird Music For Weird People In Weird Times:

Cloth – Cloth
Still House Plants – Fast Edit
Joanne Robertson – Painting Stupid Girls
Andrew Wasylyk – Fugitive Light
Jon Brooks – When it Comes To Spring
David Boulter – Yarmouth
Gilroy Mere – Adlestrop
Tara Clerkin Trio – Dito

Es ist dunkel, es regnet und es ist garstig. Wir werden älter und hässlicher, dicker, grauer und vielleicht kahler. Alles stagniert und die digitalen Ersatzhandlungen machen uns auch nicht unbedingt glücklicher. Bleibt die Musik, und beim Hören von sehr unterschiedlichen Platten aus dem britischen Underground stellt sich die Frage: Bleiben die Engländer nach der absoluten Miserie, die sie sich eingebrockt haben, wenigstens ihrem Faible fürs Exzentische treu?

Das Glasgower Trio Still House Plants, das sich an der dortigen Uni im Kurs für Fine Arts kennenlernte und das auch das letztjährige genre- und länderübergreifende Counterflows-Festival kuratiert hätte, wenn es denn stattfinden hätte können, legt mit Fast Edit ein neues Album vor, das ihren ultraminimalistischen Stil zwischen Punk, Jazz und – als Kontrapunkt – melodischem Gesang wie schon auf diversen Tapes und dem Debut auf die Spitze treibt und hier perfektioniert. Die jeweiligen Anfänge und Enden der Songs werden festgelegt, ansonsten wird die Musik, so Sängerin Jessica Hickie Kallenbach in einem Interview, ganz im Sinne einer Assemblage, um einen Begriff aus der Kunst zu bemühen, durch spontanes Zusammenfügen und Aufbauen von unterschiedlichen Ideen und Parts auf einer Grundlage entwickelt.
Die Reduziertheit ihres Equipments und Auftretens kann wie bei dem Konzert beim Brüsseler Kraak Festival soweit führen, dass der spindeldürre Gitarrist Finlay Clark im Wife Beater-Shirt gekleidet musiziert. Der Schlagzeuger David Kennedy setzt den einen oder anderen jazzigen Akzent, die Gitarre fräst ganz im Sinne eines Mayo Thompson in seinen besten Red Crayola-Tagen, etwa auf Soldier Talk, repetiv bis zum Punkt der Frustration punkig-disharmonische Miniaturen, die Sängerin füllt die Lücken mit einem gewissen Pop-Appeal. Melodiös, aber nicht lautmalerisch, schräg, aber nicht artifiziell ist sie, auch durch ihre Texte, das zusammenhaltende Element in der Musik der Still House Plants. Jessica Hickie-Kallenbachs schräg-souliges Timbre ist aber nicht ausschließlich dafür verantwortlich, dass die Musik des Trios auf den 13 Stücken von Fast Edit nicht zu einer reiner Kopfangelegenheit wird, nein, es ist auch die mit einer nicht zu kleinen Portion anarchischer Unbeherrschtheit ausgestattete Spiellust von Kennedy und Clark. Die große Zeit der Art-School-Bands endete in Großbritannien vermeintlich mit Pulp und Jarvis Cocker, jetzt scheint es aber erste Anzeichen für eine Rennaissance zu geben.

Auch eine direkte Verbindung nach Glasgow (und zwar zu dem Label Laura Lies In) und eine vage zum Jazz hat das Bristoler Tara Clerkin Trio aufzuweisen. Die inzwischen von einer Großformation tatsächlich zu einem Trio geschrumpfte Band um Tara Clerkin und die beiden Brüder Sunny-Joe Paradiso und Patrick Benjamin ist der kleinen, aber aktiven Szene der 2010er Jahre um das Howling Owl Veranstaltungskollektiv und den Plattenladen Stolen Recordings entsprungen. Die ursprünglich bis zu achtköpfige Formation setzte sich aus diversen anderen Bands zusammen und spielte eine Art Psych-Folk. Die Musik, mit der das Tara Clerkin Trio nun auf dem gleichnamigen Album liebäugelt, hat neben losen Jazzelementen und labyrinthisch angelegten Popsongs mehr mit den versponnenen, latent surrealen Songcollagen von wegweisenden Bristol-Bands wie Movietone, Crescent oder Third Eye Foundation gemein. Immer auf der brüchig-fragilen Seite und auch andere Einflüsse, von Dub bis Arthur Russell und Steve Reich, nicht verleugnend, hat die Musik von Tara Clerkin neben aller Komplexität auch eine leichte, luftige und verfüherische Note mit Ohrwurmcharakter.

Wie die Still House Plants studierte auch die aus dem für das Vergnügen der Arbeiterklasse berühmt-berüchtigten Seebad Blackpool stammende Joanne Robertson an der Glasgow School of Art. In Schottland malte sie nicht nur “Portraits dummer Mädchen”, sondern führte ihre in Noisebands wie I Love Lucy praktizierten ersten musikalischen Gehversuche in eine andere, individuellere Richtung. Das neue Album, auf Dean Blunts World Music – Label erschienen, ist nach Black Moon Days und The Lighter eine weitere Steigerng: Ihre ausschließlich mit halluzunatorischem, intimen Gesang, der wie in ein Diktiergerät hineingesungen klingt, akustischer Gitarre und viel Reverb gesungene und gespielte Musik hat eine eigenartige, leicht befremdliche Sogwirkung.

Man fühlt sich atmosphärisch an Sybille Baiers Colour Green-Album, das diese Anfang der 1970er Jahre nach einer persönlichen Krise, die sie zu einer Art Lenzscher Pilgerreise durch die Vogesen bis nach Genf aufbrechen ließ, im intimen Rahmen aufnahm und das eine pure, endgültige Traurigkeit und Einsamkeit ausstrahlte. Auch Adrianne Lenkers aktuelles “Confinement-Album”, ein einer abgelegenen Hütte aufgenommen, geht in eine ähnliche Richtung.
Andererseits wohnt den Songs von Joanne Robertson stets eine abstrakte Note inne, eine, die vielleicht dem Kunststudium geschuldet ist und die eine faszinierende kristallene Klarheit, fernab von Folkwaisen und wohliger Melancholie verkörpert. Painting Stupid Girls: vielleicht das introspektivistische Album seit Dan Treacys The Painted Word, zeitlose Songs voll dahintreibender Schönheit, die nicht ganz von dieser Welt ist.

 

Cloth ist ein Glasgower Trio, das die Geschwister Rachael (Vocals, Guitar, Bass, Drums, Percussion) und Paul Swinton (Guitar, Bass) mit Clare Gallacher (Drums, Percussion) ins Leben riefen und das die Magie vom endlosen Üben, Experimentieren und Aufnehmen mit einen 4-Track -Recorder im Schlafzimmer in ein Studio transferierten und eine traumwandlerisch perfekte Platte einspielten. Schwer zu beschreiben, diese verhangene, melancholische, trotzdem kristallklarene Stimmung, die Cloth mit sparsamsten, aber melodisch grandiosen Elementen hinbekommen. Die ruhigen, aber einnehmenden Vocals von Rachael Swinton werden von klaren Gitarrenlinien, melodischem Bass, zurückhaltende Drums und feinen, unterkühlten elektronischen Synthieschlieren begleitet. Klingt nun nicht gerade bahnbrechend neu, aber das Album hat ein Flair, das vielleicht, so die Vermutung der Betreiber des dortigen wichtigsten Plattenladens Monorail, auch ein bißchen dem schlechten Wetter und dem Vitamin D-Mangel der schottischen Metropole geschuldet ist.

 

Fugitive Light And Themes Of Consolation ist das dritte Album von Andrew Mitchell aka Andrew Wasylyk, der die Landschaft um seine Heimatstadt Dundee als Inspiration für seine manigfaltigen Ausflüge in unbekanntes oder vertrautes Terrain, eben auch musikalischer Art, nimmt. Als thematischer Überbau dient diesesmal die Mündung des Tay und deren Ansiedlungen. Wasylyk interessiert sich für die Stimmung der suburbanen verlassenen Straßen bei Sonnenaufgang, die noch erhaltenen oder schon von der Natur zurückeroberten Fabrikgebäude der Textilindustrie, den Gezeitenwechsel, das spärliche Licht über den weiten Feldern und der Lauf der Dinge im allgemeinen. Anders als die z.B. mit Symbolen und der Aura des Verlustes aufgeladene Musik eines Richard Skeltons oder den post-industrialistischen Klanggebilden von Zoviet France packt Mitchell all diese Eindrücke in einen Songzyklus, der mit einer Patia der Vergangenheit versehen, sich der Gegenwart stellt. Die Jazzeinflüsse zeigen sich in den Arrangements und dem unter vielen Instrumenten prägnanten Fender Rhodes Piano: Musik, die stellenweise die beseelte Musik einer Alice Coltrane zu zitieren scheint, aber auch in der Traditon der intimeren Alben von Talk Talk und den esoterischeren, pastoralen Zweig der Ambient Music steht.
Das im weitestgehenden Sinn sich dem Jazz und Soul mit seinen vielen Nebenzweigen verschriebene Edinburger Label Athens Of The North ist der ideale Heimathafen für solch uneinsortiebare Musik mit starker individuelller Note.

Frances Castles Atelier und kleiner Laden befindet sich tief im Londoner East End, unmittelbar neben dem zur Olympiade errichteten London Stadium und nicht weit von den Hackney Marshes im Lower Lea Valley entfernt, wo sich vor der großen Gentrifizierungswelle psychogeographisch Interessierte und passionierte Leser von J.G. Ballard vorzüglich auf die Spurensuche nach den Hinterlassenschaften früherer Industriebauten, überwachsenen Suburbs begeben oder auch dem Autobahnring London Orbital weiter folgen konnten. Ihr Label Clay Pipe Music feiert mit den Represses der ersten beiden Alben das zehnjährige Jubiläum: Die damals noch auf CD erschienen Platten – ihr eigenes Hardy Tree – Projekt und Michael Tanner & Kerrie Robinson – entstanden noch bevor Vinyl, zuerst von Mikrolabels, dann von den dahinsiechenden Majors als Marktlücke, um alte Titel nochmals vermarkten zu können, wieder als cool galten.


Die ausgesuchten, drei bis vier Platten pro Jahr, die die ansonsten als freie Illustratorin tätige Frances Castle auf ihrem Label veröffentlicht, sind zum einen durch ihre unverwechselbare Hüllengestaltung, aber auch durch eine ähnliche Auffassung von Musik der diversen Künstler unschwer als Clay Pipe-Produktion zu erkennnen.

Mit Ausnahme des Schweden Peter Olof Fransson eint die Musiker eine Sehnsucht, die verschwundende Geschichte und Kultur Großbritanniens, wenn schon nicht festzuhalten, doch zumindest zu hommagieren.
Dabei geht es nicht um einen Bewahrungskonservatismus, sondern eher um die verlorenzugehende Diversität der urbanen Architektur und kulturellen Mikroszenen: Freiluftbäder, die eingestellte Londoner Busverbindung in die Vororte The Green Line, eine Spukgeschichte im Zusammenhang mit einem Leuchtturm, ein früheres Feriendomizil werden da schnell zu erstrebenswerten imaginären Reisezielen. Die fast ausschließlich instrumentale Musik, oft mit pastoralen Untertönen und von ruhiger Natur, dreht sich thematisch um Lost Places; Musik, die eher verschrobene Sonderlinge mit Minderheitsinteressen als Millenials auf der Suche nach hipper Hintergrundsmusik anzieht.
als Londonerin kennt Frances Castle viele dieser Lost Places. So berichtet sie in einem Interview für Ian Preeces Buch über Untergrundlabels Listening To The Wind (Omnibus Press), dass von den Orten, wo ihre Ahnen wohnten oder arbeiteten in solch einer dynamischen Stadt wie London oft nur noch vergilbte Fotos und vage Erinnerungen übrig geblieben sind. Wo Verwandte im East End oder Baltic Wharf in den Werften schufteten, stehen heute moderne Reihenhäuse oder die Tate Gallery.

Clay Pipe – Veröffentlichungen sind mittlerweile nach der Pre-Sale-Ankündigung auf der Webseite meist innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Die Realtität ist aber auch, dass die Erstauflagen gerade mal 700 -1000 Exemplare betragen und mit der einen oder anderen nachgeschobenen Zweitauflage von 300-500 Stück die Nachfrage auch gedeckt ist. Trotzdem, so Frances Castle, scheint in dieser so anstrengend wie merkwürdigen Zeit eine größere Sehnsucht nach Innehalten, der Möglichkeit, sich komplexeren Dingen widmen zu können und auch die, bewusst unabhängige Künstler und Institutionen zu unterstützen, zu entstehen.

Gilroy Mere (aka Oliver Cherer) inszeniert auf seinem zweiten Clay Pipe- Album Adlestrop erneut gekonnt die leicht geisterhafte Stimmung, die man von The Green Line kennt. Diesesmal diente ihm eine stillgelegte Bahnlinie mit seinen verwaisten Bahnhöfen und Haltestellen als Inspiration, Ein Gedicht von Edward Thomas, singend vorgetragen, führt in das Thema ein:

Yes. I remember Adlestrop
The name, because one afternoon
Of heat, the express-train drew up there
Unwontedly. It was late June.

The steam hissed. Someone cleared his throat.
No one left and no one came
On the bare platform. What I saw
Was Adlestrop—only the name

And willows, willow-herb, and grass,
And meadowsweet, and haycocks dry,
No whit less still and lonely fair
Than the high cloudlets in the sky.

And for that minute a blackbird sang
Close by, and round him, mistier,
Farther and farther, all the birds
Of Oxfordshire and Gloucestershire.

Cherer fand in Adlestrop nur noch ein altes Plattformschild vor, das nun in den Unterstand einer Bushaltestelle integriert war. “Aber, all die Vögel von Oxfordshire und Gloucestershire sangen immer noch, wie Geister aus dem Gedicht von Thomas.” Mit einem digitalen Rekorder und einem Handbuch über die Bahnlinie ausgestattet, begab sich Cherer auf weitere Spurensuche. Die nicht mehr existierende Bahnlinie fuhr einstmals öffentliche Schulen, Fähren, Minen und sogar ein Asylium an. Ein Park, mit Hotel und Straßen, der nie zuende gebaut wurden und die heute überwachsen sind oder zu Parkplätzen umfunktioniert wurden; die Hinterlassenschaften einer lange vergangenen industriellen Vergangenheit finden sich im Überfluss. Cherer reagierte zuhause auf seine Eindrücke in bester Ghost-Box – Manier und komponierte mit den gesammelten Feldaufnahmen und seinen Instrumenten eine mit Folk- und Retroelektronikelementen durchsetzte Musik, die eine Verbindung von der Vergangenheit zur Gegenwart herzustellen vermag und wunderbar dem Eskapismus frönt.

Das frühere Mitglied der Tindersticks David Boulter war maßgeblich für die unverwechselbaren Soundtracks der Band für Claire Denis verantwortlich. Nun, seit einigen Jahren in Prag lebend, spezialisierte sich Boulter intensiver auf diesem Gebiet, ohne scheinbar die subkulturellen Bewegungen außer acht zu lassen. Für sein Clay Pipe- und sein ersten Solo-Album begiebt er sich nochmals an den traditionellen Ferienort seiner Kindheit Yarmouth zurück und beschwört die Zeit in den siebziger Jahren in einem britischen Seebad herauf. Obwohl auch dort der Zahn der Zeit vieles zum Verschwinden oder zumindest Verwittern brachte, hat sich Boulter zumindest seine gespeicherten, leicht wehmütigen Erinnungen an unbeschwerte Sommer, Fish & Chips-Shops, die an diesen ebenfalls höchst interessierten Möven, die Amusement Arkaden und die Strände bewahrt.
Nicht verwunderlich bei der Vorgeschichte von David Boulter, dass er das Album filmisch-erzählerisch komponierte. Mit überwiegend akustischem Instrumentarium – Lowrey Organ, Gitarre, Flöte, Violine, Kontrabass, Vibraphon – geht es vom Sandstrand zur Flower Clock, nachdem er bei Trudy vorbeigeschaut hat, spaziert man auf der Marine Parade zur Milk Bar, nur um dann im Tower Ballroom sich die Roller Skates anzuschnallen; auch der Roller Coaster Ride muss unbedingt sein.
Träumerisch, in leicht vernebelter Stimmung ist das Seelenbalsam für den notgedrungen zum Armchair Traveller degradierten Zeitgenossen. Yarmouth passt damit geradezu perfekt in das Clay Pipe – Labelprofil über reale, verschwundene oder imaginäre Orte.

 

Jon Brooks ist ohne Zweifel der Tausendsassa der musikaffinen Hauntology- und Psychogeography- Gemeinde, sowohl als Musiker als auch als Prodzent. Mit dem Ghost Box-Label, das er gründete und mitbetreibt, wurde britische Nachkriegsfernsehkultur, von der Library Music zu den Public Information Films, ironisch gebrochen wiederbelebt und auch aktualisiert. Dies hatte selbstredend auch Einfluss auf andere Genres als die musikalische Subkultur. Mark Fisher fasste das unter dem Oberbegriff Hauntology zusammen. Mit Advisory Circle tritt Jon Brooks genau in diese Fußstapfen von dieser spröden, latent überspitzten staatlichen Informationsvermittlung mittles Understatement, und zwar zu opulenter und verquerer Synthesizermusik. Auf dem Sub-Label Cafe Kaput (sic) veröffentlicht Brooks seine filmmusikalischen Stücke. Auch hier geht es scheinbar geordnet und thematisch zu: Applied Music: Land & Sea oder Applied Music: Science & Nature zum Beispiel, Musik zwischen experimentellem Ambient und elektronicher Avantgarde.
Die inzwischen vier Veröffentlichungen für Frances Castle unter seinem eigenen Namen wirken dagegen introvertierter, verspielter, genreübergreifender. Das aktuelle Album – How To Get To Spring – lotet die Stimmungen und Gefühlzustände aus, die der Übergang von einem harten Winter
zum Frühling mit seinen leeren, dramatischen Himmeln und einem zarten Versprechen auf etwas Wärme und Licht mit sich bringt. Das klingt gerade wie eine Metapher für die Sehnsucht nach
dem Ende des Ausnahmezustandes.
Meisterlich konstruiert aus Aufnahmen von Wanderungen und einer Vielzahl von akustischen Instrumenten und sublimen elektronischen Meditationen, pulsiert die Musik zwischen warmen, melodischen und abstrakteren Parts mit dramatischen Wendungen und Zuspitzungen; von Stücken mit einem leichten Folk-Touch zu kosmischen Ausflügen und wieder zurück auf den Boden.

http://www.claypipemusic.co.uk

https://lauraliesin.bandcamp.com/album/tara-clerkin-trio

https://doulikeworldmusic.bandcamp.com/album/joanne-robertson-painting-stupid-girls

https://www.lastnightfromglasgow.com/artists/cloth/

https://bison-records.bandcamp.com/album/fast-edit

https://andrewwasylyk.bandcamp.com/album/fugitive-light-and-themes-of-consolation

Millenium People

December 25th, 2018

Marianna Simnett : Blood In My Milk &
Claire Denis : High Life

Die Filmarbeiten und die stark von den Aktionisten und der Konzeptkunst beeinflussten Performances von COUM Transmissions waren in den 1970er auf eine permanente Grenzüberschreitung und Provokation hin ausgerichtet. Anzeigen und Auftrittsverbote waren einkalkuliert. Mit der Gründung von Throbbing Gristle und deren Gewichtung auf Musik und Medien führten die Hauptprotagonisten von COUM ihr Konzept, dessen Inhalt auch zu einem nicht zu unterschätzendem Teil dem Aufkommen von Punk geschuldet war, in eine subtilere, verfeinerte, aber inhaltlich nicht minder perfide Richtung.

Die Auftritte von Throbbing Gristle waren für das Publikum immer ein Erlebnis am Rande des Zumutbaren bzw. gingen darüber hinaus. Ein Film wie zum Beispiel Cease To Exist, der die scheinbar wehrlos über sich ergehen lassende Kastration eines Mannes (Chris Carter) durch eine Frau (Cosey Fanni Tutti) in klinisch-nüchternen Bildern zeigt und mit einer Art Snuff-Movie-Ästhetik spielt, sorgte in der Kombination mit den pochenden, psychoakustischen Soundgebilden der Gruppe dafür, dass es Zu-/Hörern/Schauern zum Teil übel wurde oder sie fluchtartig den Saal verließen. Dabei ging es der Gruppe nicht alleine um den Schockeffekt, sondern vor allem auch darum, die Manipulation und Vertuschung von unangenehmen Warhheiten ans Licht zu bringen. Und dazu gehörten eben auch vor allem die dunklen Seiten des menschlichen Zusammenlebens (Krieg, KZ, (Macht-) Missbrauch) zu thematisieren. Heutzutage kaum mehr vorstellbar, war es damals nur über die mysteriösen Wege der Counterculture möglich, ensprechende Information zu bekommen. (dafür ist es mittlerweile die große Kunst wahre und unwahre Informationen einordnen zu können). Theoretisch gefüttert und inspiriert von Burroughs, Baudrillard und Ballard, die, ihrer Zeit voraus, schon Anfang der 1970er die verwaltete, überwachte und manipulative Welt vorwegnahmen und analysierten.

 

All das kann einem in den Sinn kommen, wenn man Marianna Simnetts Film/Videoarbeiten sieht, die in einer Kompilation von 75 Minuten im MMK Zollamt Frankfurt zu sehen sind und die die Grenze zwischen Realtität und Fiktion vage erscheinen lassen, mit manigfachen Urängsten spielen und immer wieder verdeckte und offensichtliche Machtstrukturen aufzeigen. Nicht zuletzt stellt sich auch hier wieder die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Informationen. Laut Reviews führte das Betrachten ihrer Filme bei einigen Zuschauern/Museumsbesuchern in den USA – ähnlich wie bei denen von COUM Transmissions – teilweise zu körperlichen wie psychischen Reaktionen. Simnett, die eigentlich von der Musik herkommt, lässt diese Affininität in der Art wie sie ihre Filme komponiert deutlich werden: Ihre (Laien-) Darsteller trällern plötzlich, inmitten ihrer, teils surrealen, teils kruden Tätigkeiten, an Kinderreime angelehnte Liedern mit kommentierenden und irritierenden Refrains, die abstrakt – poetisch, eine latent beunruhigende Stimmung heraufbeschwören.

Mit dem gleichen Effekt setzt Simnett auch Hintergrundsmusik ein. Die Künstlerin ist bekannt dafür, dass sie für ihre Arbeiten ausgiebige Recherchen betreibt. Die Protagonisten – Bauern, Ärzte, Wissenschaftler, Schüler usw. – berichten von ihren Tätigkeiten in einem knorztrockenen Fachjargon, ähnlich wie in einem Manual. Dabei vermischen sich Fakten und Erfindung. Wer weiss schon ohne Nachforschung zu betreiben ob das Nervensystem einer Kakerlake tatsächlich so wie berichtet mittels futuristisch anmutenden Gerätschaften, die dem Tier auf den Rücken montiert werden, manipuliert werden kann, so dass es zu einem Roboter mutiert und dem Menschen bei Notfallsituationen wie dem Einsturz eines Gebäudes dienlich sei kann. Und wer weiss schon, ob eine Kakerlake keinen Schmerz verspürt.

Die Ärzte, die einer Schar verwahrloster Schüler oder Patienten, in einem Hospital eine fragwürdige Substanz in den Hals spritzen, um sie mental wieder in die Spur zu bringen, lassen die Probanden Reime nachsprechen, um sie zu entspannen und verhalten sich bei ihrer nüchtern-kalten Tätigkeit ausgesprochen empathisch, was noch befremdlicher wirkt. Der Hintergrund zu dieser Episode: Marianna Simnett hat sich, um eine tiefere Stimme für ihre vorherige Musikkarriere zu bekommen vor Jahren überzeugen lassen, sich Botox spritzen zu lassen. Einem Kind auf dem Lande wird vermittelt, dass es aufgrund seiner Schönheit nicht mehr alleine draußen spielen darf. Darauf unterzieht sie sich einer Nasenoperation, um diesen “Makel” zu beheben. Wieder wird sie von einer Ärztin freundlich und aufklärerisch bei dem Eingriff begleitet, ohne dass Sinn und Zweck in Frage gestellt werden. Auch bei dem sogenannten minimalen invasivem Eingriff – Minimal invasive, he says / The regret of crossing my legs – , um eine Krampfader zu entfernen, bei deren Prozedur sich die Protagonistin immer wieder selbst vorwirft, hätte ich nur nicht meine Beine übereingeschlagen, spürt man dieses Ausgeliefertsein in der scheinbar freundlichen Atmosphäre eines Krankenhauses – And they keep returning / The veins that I complain about hurting.
Der Farmer – mit Sprachfehler – berichtet zu den ungesund aufgeladenen Bildern von Kuheutern über Entzündungen und über die komplexen Produktionsprozesse von Milch, während in einem Gegenschnitt immer wieder der Konsum des Produkts als Lebensmittel angesprochen wird. Und das Mädchen insistiert operiert zu werden – Mastitus mastitis /My mammary gland is in pain/ Chastity, chastity/ Give me the strength to abstain/ Mastitis mastitis/I’m swollen, so sore and inflamed/Chastity, chastity/Chastity is my refrain –.
In einer verlassenen wirkenden Fabriklandschaft trifft eine Besucherin/die Künstlerin selbst in einer Laborlandschaft wieder auf Wissenschaftler.


Claire Denis’ aufgrund der Finanzierbarkeit lange nicht realisierte Science Fiction – Parabel High Life transportiert all ihre obsessiven Themen ins Weltall und in die Zukunft. (Männer-) Bünde beschäftigen sich mit ihren Ritualen in künstlichen oder konstruierten Extremsituationen, Konflikt- und Kommunikationsunfähigkeit sind der Normalfall, eine entfremdete Sexualität und Gewalt als Ausdrucksmittel sind gescheiterte Lösungsversuche um auf diesen Mangel zu reagieren; gestörte Persönlichkeiten, die sich letztenendlich in ihrer Einsamkeit verlieren, weil sie bindungsunfähig bleiben.

Die Außenseitergruppe, in diesem Fall eine Strafkolonie, die das Angebot einer angeblichen Hafterleichterung akzeptiert, unter der Bedingung, sich für ein Experiment im Weltall zu Verfügung zu stellen, scheitert nicht nur aufgrund dessen, dass das Raumschiff ohne ihr Wissen einem Schwarzen Loch entgegenfliegt, sondern auch deswegen, weil die Egos größer sind als die Bereitschaft das Überleben durch Empathie und ein Zusammenwirken zu sichern. In einem an sowjetische Sci-Fi – Klassiker wie Tarkovski erinnerndes Design ist die zwischenmenschliche Kälte förmlich spürbar, die trotzdem allgegenwärtige Sexualität mechanisch, in einer merkwürdigen Kapsel gibt man sich mit Hilfe seltsamer Gerätschaften der Selbstbefriedigung hin, ein geplanter Vergewaltigungsversuch endet mit dem Tod des Angreifers. In dem nicht linear, mit vielen Lücken konstruierten Erzählstrang bleibt letzlich vieles offen, die Weiten des Alls sind tiefschwarz, die Verlorenheit ist grenzenlos und die Hoffnung inexistent.
Juliette Binoche gibt die zwanghafte Wissenschaftlerin, die nicht nur den Sträflingen Medikamente verpasst, die sie scheinbar ohne Widerstand täglich einnehmen, sondern auch von der Idee getrieben ist, auf dem Raumschiff Nachwuchs zu zeugen, wofür sie auch bereit ist, den sich dem Sexuellen aufgrund neurotischen Ängsten entziehenden Monte (Robert Pattinson)in einer surreal anmutenden Szene sozusagen seines Samens zu berauben und mit diesem die spröde Boyse (Mia Goth) zu befruchten.
Letzlich bleiben nur Monte und dessen im Weltall geborenen Tochter Williow (Jessie Ross) am Leben und es ist klar, dass sie weder die Erde noch jemals andere Menschen sehen werden. Zum Schluss des Filmes ist Willow zum Teenager herangewachsen und mit der Frage an seine Tochter “Shall we?’ , bevor sie nach dem Öffnen der Raumschifftüre in das gleißenden gelbe Licht von Olafur Eliassons Installation abtauchen, endet High Life. Suizid oder Inzest? Oder eine Parallele zu Olivier Assayas Personal Shopper, der die Frage nach einem Leben nach dem Tod oder des Verschwindens in einer weißen Überblendung enden lässt?
Stuart Staples schrieb wieder die Musik und wie schon auf seiner letzten Soloplatte sind seine beklemmend-entrückten Soundscapes von minimalistischer Strenge und Schönheit.