Ripples Oktober 2012

October 16th, 2012

Go Kart Mozart – On The Hot Dog Streets

Malka Spigel – Every Day Is Like The First Day

Ob Pulp die letzte letzte klassische Art School – Band war, die der Arbeiterklasse entsprang und noch etwas Relevantes zu sagen hatte, wie der Architekturkritiker Owen Hatherley in seiner liebenswert unprätensiösen Hommage Uncommon  (Zero Books ) behauptet, ist vielleicht nur der Affinität des Autors geschuldet, aber unbezweifelbar schrieb Jarvis Cocker , insbesondere auf  His ‘N’ Hers und Different Class noch über  komplexe Themen (Klassensystem, Geschlechterkampf, Acrylhemden… ).

gokart

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Ripples August 2010

August 9th, 2010

Márcia – EP

Márcia ist eine sichere Anwärterin für eine weitere Folge unserer beliebten Serie ‘O Futuro da Saudade’, wenn sich ihr im Herbst erscheinendes Debut-Album in etwa so anhört wie diese EP mit fünf Stücken, die von Optimus Discos herausgegeben wurde (und heruntergeladen werden kann). Eine nicht atypische portugiesische Vita: mit dreizehn Jahren komponieren und eigene Stücke singen begonnen, danach Studium an der ‘Universität der Schönen Künste’ in Lissabon, längerer Paris – Aufenthalt und schließlich Konzentration auf die Musik. Gesang und Gitarre; das läßt an Luna Pena denken, doch Márcias Stücke sind nicht allzu sehr mit dem portugiesischen Liedgut verbandelt. Melancholie? Das dann doch. Ohne die geht es mit einem portugiesischen Pass nicht. Ihre Musik ist, obwohl sie nur mit der Akustikgitarre instrumentiert ist, nicht verhuscht wie die vieler Weird-Folk-Sängerinnen, sondern klingt wie ihr Gesang bestimmt und selbstbewusst. Mit kristallklarem, dunklen Timbre besingt sie in Portugiesisch, Französisch oder Englisch ihre Version über die Irrungen und Wirrungen der Liebe ff. Optimus Discos

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Television Personalities – A Memory Is Better Than Nothing

My Dark Places, das sogenannte Comeback-Album Dan Treacys nach Drogensucht, Obdachlosigkeit und Gefängnisaufenthalt war trotz der Unterstützung seines alten Weggefährten Edward Ball und einiger guter Ansätze eine kaum zu ertragende Freakshow, zerrissen und den Hörer in die Rolle des Voyeuristen drängend, nicht unähnlich den Platten eines Danies Johntsons, bei dessem Ouevre ich selbiges Unwohlsein empfinde. A Memory Is Better Than Nothing, vier Jahre später und nach einem weiteren Besetzungswechsel, ist wieder völlig anders ausgefallen. Treacy bekam scheinbar wieder Distanz zu seinen eigenen Abgründen und kann Biographie und Kunst trennen, wie wäre sonst die Rückkehr zu früherer Ironie zu erklären? A Memory… hat einige wirklich gute TVP-Stücke in klassischer Manier aufzuweisen: auf den Punkt gebrachte Jingle-Jangle Tunes wie das Titelstück oder She’s My Yoko, exentrisch Arrangiertes wie Funny He Never Married oder verquere Neo-Psychedelica wie wir es von den frühen Alben kennen : People Think That We’re Strange oder The Girl In The Hand Me Down Clothes. Die momentane Verehrung und die Hommagen von jüngeren Musikern für den kommerziell immer unter seinen Möglichkeiten gebliebenen Treacy ist nur angemessen. Selbst erinnern wir uns noch gerne an ein Interview Ende der 80er, als wir einen der unprätensiösesten und sympatischsten Vertreter seiner Zunft trafen. TVP

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Ignatz – Mort Aux Vaches

Während wir weiter auf Ignatz IV warten wird uns die Zeit mit einem Schmankerl aus dem Hause Staalplaat verkürzt. In der Mort Aux Vaches – Reihe spielte Bram Devens 2005 eine Radio-Session ein, also zu Zeit von Ignatz I (K-raa-k). Zur großen Verwunderung hören wir hier also teilweise Stücke und Variationen vom Debutalbum. Mit ultramorbiden Wüstenmeditationen und versponnener, diesmal fernöstlich anmutender Psychedelica – hier, nicht weit von Ben Chasnys’ überzeugenderen Six Organs Of Admittance – Alben entfernt – zieht  Devens uns ins gelobte Herriman – Land von Krazy Kat und Ignatz. Die Stücke zeigen welch faszinierender Improvisateur Devens ist, weniger hinsichtlich Virtuosität als als Meister der atmosphärischen Verdichtung. Staalplaat

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Marc Almond – Varieté

Ein Motorradunfall kostete ihm vor einigen Jahren fast das Leben; beim langen Rehaaufenthalt musste er selbst das Singen wieder erlernen. Einige Gastauftritte, z.B. bei Current 93 trugen zur Genesung bei, aber Varieté ist tatsächlich das erste Album mit eigenem Material seit 1999. Die in zahllosen Varianten bemühte Metapher vom tief im Herzen einsamen und traurigen Varietè – Künstler, in verschärfter Ausgabe gar des Clowns, ist zugegeben ein Graus ohnesgleichen. Man darf aber einem Marc Almond zutrauen, hier keine weitere klischierte Version dieses Themas zu bieten, sondern  ein over the top – Kitchen Sink Drama zu konstruieren, das mit Zitaten aus den cineastischen britischen New Wave – Klassikern der Fünfziger und Frühsechziger, einer großen Portion Camp und Verruchtheit aus dem samtenen bzw. ledernden Untergrund aufwartet. Varietè kann sich, was das Songwriting und die Emotionalität anbelang, gar mit seinem opus magnum mit Marc & The Mambas – Torrement and Torreros – messen – wenn auch die exzentrischen Arrangements, die die Handschrift Anni Hogans’ trugen, einzigartig bleiben. Seine wiedererlangte Sangeskunst kam jedenfalls seinen großen Vorbildern  – Jacques Brel, Scott Walker, Lou Reed’s Berlin – , alles Meister des desolaten Chansons und überkanditeltem Pathos –   – noch nie so nahe. Marc Almond

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Herzfeld Orchestra – Dito

Immer wieder traf man in den letzten Jahren bei Konzerten im Elsass im Vorprogramm auf die Projekte des Straßburger Labels, das sich nach dem deutschen Namen des Montagekünstler benannt hat: Original Folks, Buggy, Einkaufen, Little Red Lauter, A Second Of June, Marxer, Guisberg etc. Das Herzfeld Orchestra vereint zwanzig Musiker des Labels, die alle ihre Beiträge zu den zwölf Songs des Albums beitrugen. Livepremiere hatte das Projekt in der Stadt der “1000 Schornsteine”, Mulhouse; die Ausrichtung des Labels ist aber eher in den Weiten Amerikas und, als Gegenstück, im verregneten Teil Schottlands verortet. Alternative Folk im weitestens Sinn also, dazu lassen sich auch direkte Liebesbezeugungen an verdiente Größen, die auch schon auf der Suche nach dem perfekten Popsong waren wie Edwyn Collins, den Reid-Brüder oder gar noch älteren “Sunglasses After Dark”- Trägern heraushören. Hrzfld

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Reines D’Angleterre – Les Comores

Wenn auf den Inseln im Indischen Ozean die folkloristische Musik so klänge, wäre das durchaus besorgniserregend, denn solch intensive Teufelsaustreibung ist auf Dauer der Gesundheit wohl abkömmlich.  Aber die Protagonisten der Reines D’Inglaterre wandeln ja auf europäischem Grund, und hier ist man traditionellerweise schon an vergleichbare Zeremonienmeister und Exzentriker gewohnt.
él-g, mittlerweile in Brüssel residierender Pariser mit großem musikalischem Output, ist durch seine (Kraak)- LP Tout Ploie noch im Gedächnis. Eine halluzinatorische Chansonplatte, die ihren Vorbildern in Free Style- Manier auf den Pelz rückt. Opéra Mort, das post-industrial – Duo mit Jo, ist auch Bestandteil der RDA. Tazartès’ epochale Frühwerke, die mit dem damals noch nicht existenten Genre World Music ähnlich radikal verfuhren, suchen nach wie vor ihressgleichen. Seine Quellen entstammen sowohl aus elektronischem und konventionellem Fundus. Tazartès Markenzeichen – ein sämtliche Konventionen sprengender Gesangsstil, eine nicht einzuordnende Mèlange aus jiddischem, nordafrikanischem und der Phantasie entsprungemem babylonischem Sprachgewirr, die aus der Hörspieltechnik und der Filmvertonung entliehene Technik der rasanten Schnitte sind hier alle präsent.  Seit geraumer Zeit gab es von ihm keine dokumentierte Musik mehr. Les Comores wurde schon live an ausgesuchten Orten getestet; das Album ist genau so ausgefallen wie die Summe aus den einzelnen Komponenten: Collagenhafte, noisige, rituelle Klangkonstrukte, die manchmal an die frühen Zoviet France erinnern, aber durch die emotionalen Ausbrüche Chédalia Tazartès auf eine transzendente Ebene gehievt werden. Boweavil Recordings