Alésia Cosmos

July 22nd, 2018

So Far Again

“Mitte der 1970er Jahre war Strasbourg ein seltsamer Ort. Eine politisch sehr aktive Szene, insbesondere an der Fakultät für Architektur, und als starker Konstrast dazu, eine Stadt, die sich stark auf ihre elsässische Tradition berief und eine Gesellschaft, zu der man als den Dialekt nicht Beherrschender keinen Zugang fand”, erzählt Bruno de Chénerilles, den ich anlässlich der Wiederveröffentlichung des ersten Albums von Alésia Cosmos in seinem Studio Audiorama unweit des Rheinhafens treffe.

Die Kultur- und Politikinteressierten organisierten sich in den Siebzigern ihre eigenen Treffpunkte. Unter anderem entstand in Strasbourg eine kleine, aber sehr lebendige Free Jazz/Improvisationsszene. Bruno de Chénerilles, Marie-Berthe Servier und Pascal Holtzer – der spätere Kern von Alesia Cosmos – lernten sich in den Bars der elsässischen Metropole kennen und kanalisierten ihre verschieden Projekte – Musik, Theater, Fotographie – in ein gemeinsames: Alésia Cosmos.
Zu einer Zeit, in der sich nach Jahren der musikalischen Stagnation, die ihren dumpfen Ausdruck im Bombastrock und Disco fand, die Grenzen, angestoßen durch Punk, aufhoben und Avantgarde, Free Jazz, Experimenteller Rock usw. viele Musiker beeinflussten, war die Szene in Strasbourg, verglichen mit französischen Städten vergleichbarer Größe wie Nancy, Reims oder Amiens durchaus überschaubar. Letztlich kulminiert die Hinterlassenschaft der experimentellen, genreübergreifenden Musik in Strasbourg in den beiden Alben der Band, die einen ähnlichen Stellenwert im musikalischen Underground Frankreichs haben sollten wie die eines Albert Marcoeurs, eines Thierry Müllers oder die Gesamtkunstwerke DDAAs.

exclusivo!

Auf exclusivo!, dem ersten Album von Alésia Cosmos, das 1983 auf dem eigenen Planétarium-Label (das im Grunde noch viel mehr als ein Label war, nämlich Vertrieb, Konzertorganisation und Teil eines Netzwerkes) erschien, ist unschwer zu überhören, dass Bruno de Chénerilles und Pascal Holtzer aus der freien, improvisierten Musik kommen. Man spürt aber genauso ihre Affinität für Rock, Blues und – ja – Funk! exclusivo! ist geprägt vom Aufbruchsgeist des Postpunk und gleichzeitig hört man die Offenheit für unterschiedlichste Quellen, die auch andere französische Bands vom ansonsten weitgehend angloamerikanischen und britischen Geschmacksdiktat abhoben. Bruno beschäftigte sich zu jener Zeit schon mit Tapecollagen, wobei ihm seine Arbeit am Theater zugute kam. Der mit der Musik abwechselnd kontrastierende und im Einklang variierende Gesang von Marie-Berthe und die der Zeit voraus gewesenen World Musik-Einflüsse von Lofti Ben Ayed – die man ansonsten höchstens bei der für ihre Grenzenlosigkeit bekannten Band Aksak Maboul hörte – vereinten sich zu einer pulsiernden Musik, die auch heute noch kontemporär klingt. Komponierte Grundstrukturen, meist von Bruno und Pascal, treffen auf wilde, freie Improvisationen und heben die Trennung mit Leichtigkeit auf.
Trotz der Blütezeit der DIY-Labels und Vertriebe merkten die Mitglieder von Alésia Cosmos allerdings schnell, dass die Promotion und der Verkauf nicht so einfach nebenbei zu bewerkstelligen waren. So suchte man für das zweite Album gezielt nach einem Label. Tapes wurden an die damals üblichen Verdächtigen gesandt und einer dieser war der Betreiber des hat Art– Labels. Bruno, der in der Zeit zwischen 1975 und 1978 auch einen Plattenladen im Zentrum von Strasbourg betrieb – “Es gab in der Stadt rein gar keine Möglichkeit zeitgenössische, nicht-konventionelle Musik zu kaufen” – war ein großer Fan der Free Jazz – Veröffentlichungen des Labels, die er neben anderen Avantgarde-Labels selbstvertändlich auch im Laden anbot. Hat Art hatte gerade eine Platte mit Jac Berrocals Catalogue (Pénétration) veröffentlicht und das war Motivation genug, sich an das Label zu wenden. Die Zusage kam innerhalb einer Woche.

Aéroproducts

Aéroproducts, das zweite Alésia Cosmos – Album, erschien 1985 in der für das Label charakteristischen Kartonbox, die eine LP und ein zweite, einseitig bespielte, enthielt. Das Album darf als direkte Fortsetzung des Debuts gesehen werden, allerdings klingen die Stücke, da sie, bis auf die “dritte Seite”, ohne Zeitdruck in der Wohnung von Bruno, mitten in der Stadt, aufgenommen und produziert wurden, ausgereifter. Auch kommt Marie-Berthe Servier in ihrer Rolle als Sängerin stärker zum Zuge, da, im Gegensatz zum Debut, wo nur für ein Stück Lyrics geschrieben wurden, die Band verstärkt mit Text arbeitete. Neben dem harten Kern – Bruno de Chénerilles, Pascal Holtzer, Marie-Berthe Servier – spielten im erweiterten Kreis von Alesia Cosmos wie schon auf dem Erstling Pierre Clavreux und Lofti Ben Ayed mit.


Die Erstauflage war aufgrund des professionelleren Vertriebs schnell vergriffen. “Wir spielten einige Konzerte als Trio und es erschien eine Zweitauflage. Ende 1986 löste sich die Band auf. Ich weiß nicht mehr genau warum. Marie-Berthe ging nach Paris, Pascal und ich spielten in anderen Bands usw. 1989 wurde das Album, wie auch das von Catalogue aus dem Programm von hat Art genommen. Das war das, aber wir waren stolz darauf, auf dem gleichen Label wie Cecil Taylor oder John Cage eine Platte veröffentlich zu haben.”
Die Wiederveröffentlichung von exclusivo! erschien Ende 2017 auf dem US-amerikanischen Dark Entries – Label. Nun wird auch Aéroproducts dies Ehre zuteil. Bruno hat das Masterband aufbereitet und es werden auch diverse unveröffentlichte Stücke zu hören sein. Das Album soll Ende des Jahres auf einem Label aus Rennes erscheinen.
Die damalige Fotosession für die Hülle von Aéroproducts wurde im Zoomuseum von Strasbourg geschossen. Pascal Holtzer hatte zur damaligen Zeit einen Freund mit Kontakten und so konnten er, Bruno und Marie-Berthe die exzentrischen Fotos in den Vitrinen des Museum, inmitten der ausgestropften Tierpräparate inzenieren; eine Idee, die sich vorzustellen, heutzutage wohl allen Security Guards das Blut in den Adern gefrieren ließe. Im geöffneten Maul des Krokodils platzierten die Drei übrigens heimlich einen kleinen Stoffvogel, der dort einige Jahre unbemerkt überlebte, so Bruno.

Alesia Cosmos 2018

Das wiedererwachte Interesse an der Musik Alésia Cosmos hat trotz der vielen aktuellen Projekte, die die beiden Leitfiguren der Band – Bruno de Chénerilles und Pascal Holtzer – verfolgen, natürlich auch zur Folge, dass man über ein zeitgenössisches Statement nachdenkt. “Wir haben genug neue Stücke und hätten auch Lust wieder etwas zusammen als Alésia Cosmos zu machen. Unser eklektischer Stil, der sich auch unter anderem durch die Verwendung der zahlreichen und unterschiedlichen Instrumente erklärte, ist mit der heutigen Technik viel besser zu realisieren. Kommendes Frühjahr planen wir einige Konzerte, hier im Studio, aufzuführen. Wir können auch die Garage gegenüber, dort, wo tagsüber Autos repariert werden, die wesentlich geräumiger ist und wo wir auch schon Konzerte veranstalteten, nutzen. Die Studios hier im Zone d’Art – Bereich des Areals laden dann zu einem “Tag der Offenen Türe” ein. Diese kleinen Events haben wir schon seit einiger Zeit kultiviert. Zu den Auftritten kommen zwar immer nur zwischen 20 und 30 Leuten, aber die Stimmung ist entspannt und die Leute genießen den guten Sound. Anschließend bleibt dann immer Zeit, etwas zu trinken und sich zu unterhalten.

Ein Traum von uns wäre es, ein Mini-Festival mit Jac Berrocal und Nurse With Wound zu veranstalten. Es fehlt das Geld dafür, aber wer weiß…Vielleicht wird es im kommenden Jahr auch ein neues Album von Alésia Cosmos geben.”

 

Die Anfänge & die Vorläufer von Alesia Cosmos

Bruno de Chénerilles begann in den 1960er Jahren – zusammen mit seinem Bruder – Gitarre zu spielen. “Mit ihm spielte ich in verschiedenen Bands, die sich meist auf Cover-Versionen bekannter Beat-Bands spezialisierten. Ich war dann aber sehr vom Britischen Blues und Free Jazz beeinflusst, Archie Shepp und Coltrane waren sehr wichtig für mich. Richtig Musik zu spielen begann ich aber Mitte der Siebziger als die Freie Musikszene in Strasbourg auf ihrem Zenit war und gut zu den politischen Zirkeln, die sich aus Kommunisten, Anarchisten und Freaks zusammensetze, passte. Ich studierte zu dieser Zeit, obwohl nicht wirklich ernsthaft, denn es war so viel anderes zu tun. Später begann ich Journalismusstudium, nur um bald festzustellen, dass ich kein Journalist werden sondern Musik machen wollte. Mein Plattenladen war eine Anlaufstelle für gleichgesinnte Musiker. Die Szene bestand aus vielleicht zwölf Leuten und da kein Ort existierte, auch live zu spielen, versuchten wir das zu machen. Ich träumte davon all diese Leute zusammen zu bringen, deren Musik ich in meinem Laden anbot. Ich organisierte ca. zehn Konzerte in dieser Zeit und für das letzte versammelten sich alle zu einer Art Big Band. Trotz, dass ich durch die ganzen Egos etwas in meinem Enthusiasmus gebremst wurde, will ich die Zeit nicht missen. Ungefähr zu dieser Zeit begann ich mit einem anderen Gitarristen – Michel Froehly – als Corbo Combo zu spielen. Michel kam vom Noise und unsere Musik war dementsprechend laut und chaotisch. Ich spielte auch Schlagzeug, Marie-Berthe schloss sich uns an und begann zu singen. Dann kam noch ein junger Saxophonist und manchmal ein Cellist dazu und plötzlich waren wir ein Quartet. “

Freies Theater

“Zu dieser Zeit trat auch ein Schauspieler (Bernard Bloch) mit uns in Kontakt. Er wollte eine radikale Version von Goethes Faust inszenieren und suchte dafür eine experimentelle Band. Ohne Proben traten wir in Mulhouse in einem Keller auf. Der Schauspieler hatte kein Geld, aber immerhin einen Raum. So begannen wir mit ihm zusammen zu arbeiten und das war großartig. Er war der einzige Schauspieler auf der Bühne und wir grupierten uns um ihn und spielten eine Mischung aus Punk, Rock und Freie Musik. Und das Publikum mochte es. Wir traten in Strasbourg für drei Wochen auf, dann an einem anderen Ort in der Stadt nochmals für zwei. Ohne jegliche Promotion waren alle Aufführungen ausverkauft. Mulhouse (das damals viel ambitionierter und offener für experimentelle Strömungen als Strasbourg war), Lyon und Stuttgart waren die anderen Auftrittsorte, wo das Stück einen ähnlichen Erfolg hatte. Danach wollte ich eigentlich in diese Richtung weiterarbeiten, aber die anderen Musiker wollten lieber wieder zurück zur Musik und fanden das Projekt zu sehr im Theatergenre verhaftet. Für mich öffnete diese Erfahrung aber meinen Horizont etwas mit Text zu machen und ich begann mich mit dem Gedanken, für das Radio zu arbeiten, auseinanderzusetzen. “

“Mit Pascal Holtzer spielte ich dann unter dem Namen Hamburger Blues Band, wo wir unsere Roots ausleben konnten und zu uns gesellten sich noch andere Musiker. Mit Michel Froehly realisierte ich ein kurzes, für drei Auftritte dauerndes, Gitarren-noise-projekt: Danger.”

Interdiziplinarität & Radio France Culture

“Obwohl ich in erster Linie Gitarrist war, spielte ich immer viele unterschiedliche Instrumente und es wurde mir klar, dass ich in erster Linie vom Klang der Instrumente fasziniert war und das Beherrschen der Instrumente zweitrangig war. Ich experimentierte mit Tapes. Bei den Auftritten “scratchte” ich unterschiedliches musikalisches Material und arbeitete immer mehr mit Text. Einen Beitrag schickte ich über eine Freund, der bei Radio France arbeitete, an den Sender. Mein erstes Projekt, eine Art Sci-Fi-Hörspiel, wurde gleich akzeptiert und ich bekam dafür Geld!. Danach machte ich eine ganze Menge anderer Projekte für das Radio in Paris, blieb aber in Strasbourg wohnen, um mit meinen Freunden Musik zu spielen. Ich begann auch damit im Studio zu arbeiten. Obwohl ich nie eine reguläre Ausbildung genossen habe, lernte “by doing” und von den großen Toningenieuren im Radiostudio unglaublich viel. Ich schaffte mir einen Revox Tape Recorder an, baute mir mein Studio und begann Tape Musik zu komponieren. Ich war an ganz unterschiedlichem interessiert und immer neugierig auf Neues. So kam ich auch in Kontakt mit Filmemachern und arbeitete mit Film.

 


Man muss die Dinge immer selbst machen, man kann sich nicht auf die anderen verlassen. Ich arbeitete z.B. für knapp zehn Jahre als Tontechniker an den Theatern in Strasbourg und dann kam ich in Kontakt mit Tänzern. Mit Dance Theatres zusammen zu arbeiten ist sehr spannend. Ich war mit dem Ensemble zusammen auf der Bühne und improvisierte. Hier gab es zur damaligen Zeit ca. 4-5 Komponisten, die ähnlich arbeiteten und anstatt, dass wir in Konkurrenz traten, blieben wir immer Freunde.
Nach dem Auflösen von Alésia Cosmos hatte ich im Vergleich zu anderen Musikern meines Alters den Vorteil, dass ich durch mein autodidaktisches Erlernen von allem was mit Sound zu hatte, begehrt war und mich nie über fehlende Aufträge beklagen konnte.”

Die schwierige Beziehung zum Elsass

“Ich arbeitete weiter und vor allem in Paris für verschiedene Radioprojekte und fragte mich irgendwann, warum ich immer noch in Strasbourg wohnte, wo ich doch nach wie vor keinen wirklichen Zugang oder eine Verbindung zur elsässischen Kultur hatte. Als Künstler verband ich diese Frage mit einem Projekt, das ich über mehrere Jahre verfolgte. Ich begann mit Tonportraits im Norden von Strasbourg. Ich machte Feldaufnahmen, interviewte Einwohner und arbeitete mit Schulen zusammen – Workshops, wo die Kinder mit Sounds herumspielen konnten – und lud einen Fotographen ein. Danach war es schwierig an dieser Stelle aufzuhören. In Strasbourg was das Thema der Fluss, also der Rhein. Ich lud Künstler aus Kehl ein und umgekehrt. Merkwürdigerweise war es nicht üblich über die Grenze zu gehen. Die Idee war also, den Fluss als etwas Verbindendes zu sehen. In Sélestat führten wir ein Konzert im Kraftwerk auf, danach widmete ich mich der Geschichte der elsässischen Minenarbeiter. Das Projekt endete mit einem großen “Drei – Länder – Anlass”  Opéra des Trois Pays in Basel, Weil am Rhein und St. Louis/Hunigue. Wir spielten auf einem Rheinschiff, im Theater in St. Louis und auf der Fahradbrücke, die Weil am Rhein und Hunigue verbindet. Die Konzerte waren aus künstlerischer Sicht erfolgreich; das Problem blieb allerdings die Koordination zwischen den Ländern und Gemeinden. So gabe es für die Anlässe z.B. keine Absprache beim Ticketverkauf.


Ich begann auch zu Unterrichten. Und zwar zuerst zukünftige Musiklehrer. Um das seriös machen zu können, dachte ich, dass ich zuerst mit Kindern zusammen arbeiten müsste. Inzwischen bekomme ich Geld von der Gemeinde, z.B. hier im Stadtteil Meinau, wo ich jedes Jahr Workshops mit Ipads und Smartphones mache und mit den Kindern die manigfaltigen Möglichkeiten Sound und Musik zu kreieren, ausprobiere. Als Komponist ist es für mich nicht möglich zu überleben, aber noch wird in Frankreich die Vermittlung von Wissen, auch abseits des Maintreams, gefördert und unterstützt.
Für mich ist mein Werdegang, wenn ich darüber nachdenke, immer noch seltsam. Ich habe nie konventionell Musik gelernt und jetzt unterrichte ich genau das. Es ist nicht wirklich das technische Ding, obwohl das natürlich wichtig ist, das ich vermittle, sondern was man mit seiner Kreativität mit den Tools anstellen kann. Ich war immer in alle Richtungen offen und das kommt mir immer noch zugute. Ich kann mich nach wie vor vor Aufträgen kaum retten.”

Podcasts

Auf der Website von von Audiorama finden sich auch wunderbare Aufnahmen aus der Zeit von Planétarium – Liveauftritte von Joseph Racaille, Trio de Batteurs, Ptôse oder Un Drame Musical Instantané, Interviews und mehr, die nun als Podcasts zur Verfügung stehen. Dort werden, um wieder den Sprung in das Jahr 2018 zu machen, auch die aktuellen Mini-Konzerte und Projekte angekündigt.

Alésia Cosmos

Dark Entries Records

 

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